Baden-Baden, Festspielhaus Baden-Baden, Alonzo King LINES Ballet, 27./28.06.2014

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Festspielhaus Baden – Baden

Brief aus San Francisco

Am 27. und 28. Juni gibt eine der besten amerikanischen Tanzkompanien ihr Debüt im Festspielhaus. Bevor das Alonzo King LINES Ballet auf der Festspielhausbühne seine namensgebenden Linien zeichnet – Konturen eines neuen Klassizismus – haben wir die Journalistin Rita Felciano aus San Francisco gebeten, die Kompanie vorzustellen.

Text: Rita Feliciano
Mit seiner soliden Architektur und altmodischen Eleganz will das Gebäude, in dem einst der altehrwürdige Independent Order of Odd Fellows seinen Sitz hatte, nicht so recht in die heruntergekommene Umgebung der Market Street in San Francisco passen. Die Studierenden freilich, die mit ihren Wasserflaschen und Rucksäcken das mit Marmor verkleidete und mit Messingbeschlägen veredelte Foyer belagern, lassen sich von dem Elend draußen vor der Tür ganz offensichtlich nicht beirren. Mit fröhlichem Geplauder vertreiben sie sich die Zeit, bis der wohl älteste Aufzug der ganzen Stadt sich ächzend bequemt, sie an ihren Arbeitsplatz im Obergeschoss zu befördern.

Sie sind jung, sie sind tanzwütig, und sie werden alles geben in einer der bemerkenswertesten Kultureinrichtungen, die diese Stadt, wenn nicht gar dieses Land, jemals hervorgebracht hat: dem Alonzo King Lines Ballet, das am 27. und 28. Juni 2014 sein Debüt im Festspielhaus Baden-Baden geben wird.

In den dreißig Jahren, seit King die kühle, graue Stadt an der Bay zu seiner Wahlheimat erkor, hat er unsere Vorstellungen der 1661 von der Académie Royale de Danse, einer Gründung Ludwigs XIV., kodifizierten Kunstform revolutioniert. Was er als Ballett versteht, hat wenig mit dem zu tun, was dem Publikum etwa im San Francisco Opera House nur drei Straßen weiter geboten wird – dort hatte 1944 das San Francisco Ballet als ältestes Ballettensemble der USA seinerseits mit der ersten „Nussknacker“-Vorführung in voller Länge auf amerikanischem Boden eine Revolution vom Zaun gebrochen.

Die Linien des Balletts sind in einer King-Choreographie klar erkennbar, wenn auch oft gebrochen und verknäuelt, die Balancés wirken immer wieder so exzentrisch und prekär wie das Bemühen, der Schwerkraft zu trotzen und doch nachzugeben. Kings Ballett kommt ohne Prinzen und Prinzessinnen aus, und doch zählt jeder und jede einzelne seiner Tänzer und Tänzerinnen zum Hochadel.

Ihre Kunstfertigkeit und Bravour liegt weniger in der brillanten Ausführung vorgegebener Bewegungsabläufe als vielmehr in der stürmischen Intensität jedes Augenblicks, den sie auf der Bühne sind.

Während im klassischen Ballett strenge Hierarchien bestehen, innerhalb deren man sich mühselig hocharbeitet, begegnen Kings Tänzer und Tänzerinnen einander auf Augenhöhe. Sie werden alle zur Verwirklichung ihres künstlerischen Potentials angehalten, um nicht zu sagen angetrieben. Für King ist Tanzen immer auch Kopfarbeit.

Im Laufe der vergangenen dreißig Jahre hat King fast einhundert Werke für seine eigene Truppe und zwei Dutzend weitere für anderen Kompanien wie das Königliche Schwedische Ballett, das Hong Kong Ballet, das Frankfurter Ballett und das Alvin Ailey Dance Theater choreographiert. Im letzten Jahr entstand „Azimuth“, eine Kollaboration zwischen Kings Lines-Ensemble und dem konzeptionell eher auf Modern Dance ausgerichteten Hubbard Street Dance Chicago.

Dust and Light
Alonzo King LINES Ballet
Fr | 27. Juni 2014, 19:00 Uhr
Sa | 28. Juni 2014, 19:00 Uhr

Asien ist der westliche Nachbar und Europa liegt weit weg – die geographische Lage San Franciscos erklärt die Weltoffenheit seiner Bewohner; diese ist ein Hauptgrund dafür, dass der Choreograph Alonzo King seine Ballettkompanie hier ansiedelte. Doch so gerne sich dieser Künstler von asiatischen Traditionen des Tanzes inspirieren lässt, Basis seiner Arbeit bleibt die klassische Technik eines George Balanchine. Eine Choreographie soll wie ein Kristall sein: Der Name LINES, Linien, steht für den Anspruch, die Klarheit geometrischer Formen auf den Tanz zu übertragen. Das Ergebnis strahlt in einer überpersönlichen, das Objektive suchenden Schönheit, die alles Harte, Kantige meidet: Mit diesem Ansatz stieg das Alonzo King LINES Ballet zu einer der erfolgreichsten Kompanien Amerikas auf.

Alonzo King LINES Ballet San Francisco
Alonzo King Choreographie
Axel Morgenthaler Lichtdesign
Robert Rosenwasser und Colleen Quen Kostüme

Dust and LightMusik von Francis Poulenc und Arcangelo CorelliWriting Ground – final quintetMusik von The Tsok Offering***ScheherazadeMusik von Zakir Hussain nach der Komposition von Nicolai Rimski-Korsakow

—| Pressemeldung Festspielhaus Baden-Baden |—

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