Bayreuth, Haus Wahnfried, Siegfried Wagner Gesellschaft – 50 Jahre, IOCO Aktuell, 11.08.2022

Haus Wahnfried, Bayreuth © Christian Biskup
Haus Wahnfried, Bayreuth © Christian Biskup
Haus Wahnfried, Bayreuth © Christian Biskup
Haus Wahnfried, Bayreuth © Christian Biskup

50 Jahre „Internationale Siegfried Wagner Gesellschaft e.V.”

Festkonzert – 4. August 2022 – Haus Wahnfried, Bayreuth

von Christian Biskup

Grabstätte der Familie Wagner auf dem Stadtfriedhof Bayreuth © Wikimedia Commons
Grabstätte der Familie Wagner auf dem Stadtfriedhof Bayreuth © Wikimedia Commons

„Es ist schlimm genug, dass es Beethoven und Mozart gibt, für die Geld ausgegeben wird, das Geld sollte alles für Richard Wagner ausgegeben werden. Wir können uns doch in der eigenen Familie keine Konkurrenz machen!“, soll einst Wolfgang Wagner gegenüber dem Regisseur  Peter Paul Pachl geäußert haben. Ja – die Anfänge waren äußerst schwierig, aber als man am 4. August im Haus Wahnfried zusammenkam und im vollbesetzten Saal den Klängen des „Meistersohnes“ lauschte, musste wohl jeder konstatieren, dass die Geschichte von Siegfried Wagner, 1869 – 1930, eine positive Wendung genommen hat. Und diese Wendung verdankt man allein der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft und ihrem Gründer Peter P. Pachl.

Vor 50 Jahren, im August 1972, wurde die kurz ISWG genannte Gesellschaft zur Förderung und Erforschung des Werkes Siegfried Wagners von sieben Personen gegründet. Es waren Enthusiasten, vor allem Studenten, aber auch ein paar ältere Herren, denen Siegfried Wagner als Komponist noch ein Begriff war. Solch ein Zusammenschluss war allerdings mitnichten eine Selbstverständlichkeit. Siegfried Wagners Werk war seit vielen Jahren fast totgeschwiegen und wurde abgesehen von wenigen Tonaufnahmen (mit Wagner’s Neffen Gilbert Graf Gravina) erst 1969 anlässlich seines 100. Geburtstages wieder mal ans Licht geholt.

Bayreuth, Haus Wahnfried / Siegfried Wagner Gesellschaft hier David Robert Coleman (Klavier), Hélène Freyburger (Flöte), Nadja Korovina (Sopran), Roman Trekel (Bariton).© Christian Biskup© Christian Biskup
Bayreuth, Haus Wahnfried / Siegfried Wagner Gesellschaft hier David Robert Coleman (Klavier), Hélène Freyburger (Flöte), Nadja Korovina (Sopran), Roman Trekel (Bariton).© Christian Biskup

Einer dieser wenigen Aufführungen wohnte auch Pachl bei, der den Konzertabend als Weckruf empfand. Der Anfang war für die Gründungsmitglieder alles andere als leicht. Ausgerechnet Siegfried Wagners Witwe Winifred war der Verein ein Dorn im Auge, was sie auch brieflich sämtlichen Richard-Wagner-Verbänden eindrücklich mitteilte. Ihre Gegenarbeit hatte – abgesehen vom geringen Mitgliederzulauf von Seiten der Verbände – damals den weiteren Nachteil, dass sie die Rechteinhaberin von Siegfried Wagners Kompositionen war. Und in dieser Stellung war sie nicht uneinfallsreich, wenn es galt, Interessenten für das Werk ihres Mannes abzuwimmeln. Denn diese gab es durchaus. Sobald jemand anklopfte hieß es „Sie tun sich damit keinen Gefallen“, „Das Notenmaterial ist verloren“ oder andere hanebüchene Geschichten. Ob sie dies aus Rache für die homosexuellen Eskapaden ihres Mannes, wie es Peter P. Pachl formulierte, oder aus Liebe gegenüber den Werken, wie es Friedelind formulierte, tat, sei dahingestellt. Letztendlich war unter den Umständen die ISWG nicht in der Lage, Aufführungen in die Wege zu leiten. Über einen Tipp des Siegfried Wagner – Freundes Otto Daube hat man sich an Friedelind Wagner (1918-1991), die Tochter des Komponisten gewandt. Begeistert von der Idee wurde sie nicht nur im April 1973 Mitglied der Gesellschaft, sondern fungierte ab August 1973 auch als deren Präsidentin. Anfangs war Friedelind gar nicht so erpicht darauf, dem Verein in solch einer repräsentativen Position vorzustehen, allerdings gelang es schließlich sie umzustimmen, da man große Hoffnungen auf die Außenwirkung einer solchen Persönlichkeit aus dem Wagnerkreis legte.

Das Ergebnis zeigte sich dann auch schnell: Aus den Anfangs sieben Mitgliedern sind im August 1973 bereits 21, Ende 1975 schon 58 geworden. Friedelind selbst liebte ihren Vater abgöttisch und warf sich mit Leidenschaft in die Förderung und Verbreitung seiner Werke. Schließlich plante man für 1975 eine Aufführung des „Friedensengels“ in London, wofür der Dirigent Leslie Head mit seiner Opernkompanie „Pro Opera“ gewonnen werden konnte. Auch er wandte sich an Winifred und erhielt die gleichen ablehnenden Briefe, wie auch sämtliche Bittsteller zuvor. Peter P. Pachl erinnert sich: „Dann folgte ein Trick, wie er wohl nur Friedelind Wagner einfallen konnte: Head schrieb: „Das macht nichts, wir haben eine Partitur, wir stellen das Material eben selbst neu her.“ Darüber hat Winifred Wagner einen solchen Schreck bekommen, denn sie dachte: „Um Gottes Willen, wenn die das tatsächlich drucken, dann verbreiten sie es, und dann haben sie die Rechte, und so weiter.“ Deshalb antwortete sie, sie hätte das Aufführungsmaterial doch gefunden und sie wäre bereit, es für eine einmalige Aufführung – aber nur konzertant – bereitzustellen. So kam es immerhin zu dieser Aufführung, und damit war das Eis ein allererstes Mal gebrochen. Und wenn man das Eis einmal bricht, dann kann man es auch ein anderes Mal brechen.“

So begann die Erfolgsgeschichte der Gesellschaft. Heute sind sämtliche Werke Siegfried Wagners aufgeführt, größtenteils aufgenommen, sein Leben erforscht, Neueditionen der Partituren in Arbeit und Enthusiasten aus aller Welt unter den Mitgliedern der ISWG.

Umso tragischer ist es, dass der erst im November 2021 verstorbene Gründer und spiritus rector der Gesellschaft – Peter P. Pachl – diesen Festakt nicht mehr erleben durfte. Das Konzert, dass ihm „in memoriam“ gewidmet ist, zeigte nochmal das Interesse an Siegfried Wagner – sowohl von Seiten der Zuhörer als auch der Künstler. Der Abend selber war mit Nadja Korovina (Sopran), Roman Trekel (Bariton), Hélène Freyburger (Flöte) und David Robert Coleman (Klavier) hochkarätig besetzt. Die erfahrene Siegfried-Wagner-Sängerin Rebecca Broberg ließ sich aufgrund einer Stimmbandentzündung entschuldigen und fand sich daher unter den Zuhörenden wieder.

Nach Begrüßungsworten städtischer Repräsentanten denen sich Worte des Präsidenten Frank Strobel Strobel, der als Präsident des Gesellschaft durch den Abend führte, anschlossen, begann der musikalische Teil mit der ehemals sehr beliebten Szene „Von Reinharts junger Liebe“ aus Siegfried Wagners zweiter Oper Herzog Wildfang. Roman Trekel, der bereits mehrere Siegfried-Wagner-Partien für CD-Produktionen übernommen hatte, gestaltet mit perfekter Diktion die Arie in großen Bögen und weiß die Bedeutung des Textes expressiv zu unterstreichen. Ihm folgt die junge russische Sopranistin Nadja Korovina, die den Schlussgesang der Agnes aus der 1906 komponierten Oper Sternengebot darbot. Die Szene  beinhaltet einige der schönsten Momente Siegfried Wagnerscher Kunst und offenbart, welch großes melodisches Talent doch oft verkannt wird. Nadja Korovina gelingt es, die lyrischen Momente der Partitur zu erfassen und zu gestalten. Stimmlich verfügt sie über eine glühende Höhe, die auch den dramatischen Moment zu bedienen weiß und besonders bei der raffiniert komponierten Schlusssteigerung zur Geltung kommt.

Sonnenflammen zur Uraufführung 1920 © Hasenstein
Sonnenflammen zur Uraufführung 1920 © Hasenstein

Neben der Szene des Kaisers Alexios aus Siegfried Wagners Oper Sonnenflammen, wurde auch weiterhin die Szene des Antenor aus der 1927 komponierten Oper Die heilige Linde von Roman Trekel dargeboten. Rein musikalisch lässt sich dabei in Siegfried-Wagners Musik eine deutliche Verwandlung hören. Impressionistische Farbmalerien, irrisierende-Schreker-Klänge zeigen dabei einen deutlich moderneren Wagner, der sich merklich von der deutsch-romantischen Klangsprache seines Lehrers Humperdinck gelöst hat. Pianistisch am anspruchsvollsten zeigt sich der musikalische Leiter und Begleiter – der Dirigent und Komponist David Robert Coleman – als idealer Interpret. Er weiß Richard Wagners Steinway-Flügel orchestrale Farben zu entlocken, die erahnen lassen, wie effektvoll die Szene mit einem vollen Orchester wirken muss. Auch bei den anderen Programmpunkten erweißt er sich als ein versierter Interpret, der genau weiß, wo die Musik nach vorne gehen muss und zieht so auch die Singenden – in dem Fall den dramatisch auftrumpfende Roman Trekel – hinein in Wagners faszinierende Klangwelt, die doch sehr selbstständig ist und eine gewisse Abkehr der väterlichen Klangsprache versucht.

Für das Highlight des Konzertabends sorgten jedoch nicht die Opernszenen, sondern das Concertstück für Flöte und Orchester (hier Klavier), dargeboten von Hélène Freyburger, Soloflötistin der Bremer Philharmoniker. Das Werk selbst begeisterte das Publikum. Es offenbart Siegfried Wagners legendären Humor, ist rhythmisch äußerst raffiniert und teils gegenläufig komponiert und changiert zwischen lyrischen und komischen Momenten. Kurz – es hat alles, was ein mitreißendes Instrumentalstück braucht – außer plakative Virtuosität. Mit hörbarer (und sichtbarer) Spielfreude widmen sich Freyburger und Coleman dem Werk. Die Solistin interpretiert den Solopart mit französisch anmutendem Charme, äußerst warm im Ton, in schönster lyrischer Manier. Coleman unterstreicht die Stimmung pianistisch mit Anmut, doch schon im nächsten Augenblick leiten keck-humorvolle Klaviereinwürfe in die reizvolle Walzerepisode ein. Die Interpretation gelang äußerst mitreißend und sorgte für viel Applaus und Verwunderung, dass ein solches Stück nicht größere Popularität genießt. Den Abschluss des Konzerts bildete das anrührende Zwischenspiel „Glaube“ aus dem Heidenkönig, das Coleman – deutlich in lisztscher Manier bearbeitet – wohl als Verneigung vor dem verstorben Vereinsgründer Pachl als Zugabe spielte.

In Anschluss an das Konzert lud die ISWG die Konzertbesucher zu einem Umtrunk in das Café Wahnfried ein, wo noch bis spät in die Nacht über Siegfried Wagner diskutiert und der hohe künstlerische Erfolg des Konzerts gelobt wurde.

 

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