Beaune, HÔTEL-DIEU, FESTIVAL INTERNATIONAL D’OPÉRA – King Arthur, IOCO Kritik, 21.07.2022

Hostel-Dieu in Beaune © Wikimedia Commons
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FESTIVAL INTERNATIONAL D’OPÉRA BAROQUE & ROMANTIQUE

FESTIVAL INTERNATIONAL D’OPÉRA BAROQUE & ROMANTIQUE – Beaune

– KING ARTHUR, or The British Worthy – Henry Purcell, 1691 –

von Peter Michael Peters

  • Mhairi Lawson, Sopran
  • Lauren Lodge Campbell, Sopran
  • Anna Dennis, Sopran
  • Matthew Long, Tenor
  • Marcus Farnsworth, Bass
  • Ashley Riches, Bass
  • Jeremy Budd, Tenor
  • Christopher Fitzgerald Lombard, Tenor
  • Tom Castle, Tenor
  • Gabrieli Choir, Consort & Players
  • Paul McCreesh, Musikalische Leitung

KING ARTHUR – von Henry Purcell – Erfinder der populären Oper

  • Great Love, I know thee now:
  • Eldest of the gods art thou.
  • Heav’n and earth by thee were made.
  • Human nature is thy creature,
  • Ev’rywhere thou art obey’d.
  • John Dryden: Cold Genius (Auszug)

Die Kunst des Kontrasts und der Emotion

Henry Purcell © Wikimedia Commons
Henry Purcell © Wikimedia Commons

Die Geburt von Henry Purcell (1659-1695) im Londoner Stadtteil Westminster, in dem er sein ganzes Leben verbringen sollte, fällt mit einem entscheidenden Moment in der Geschichte Englands zusammen: Dem Fall des Commonwealth in 1649, einem Regime, das Olivier Cromwell (1599-1658) nach dem ganz England erschütternden Bürgerkrieg vom Jahre 1642 instauriert hatte. Die Monarchie wurde 1660 wiederhergestellt. Die Musik fand wieder ihren Platz in den Kirchen. Die Theater öffneten wieder ihre Türen, die achtzehn Jahre lang geschlossen waren. Purcells Vater und sein Onkel, beide Musiker des Königs und Mitglieder der gerade restaurierten königlichen Kapelle, sangen bei der Krönung King Charles II (1630-1685). Die grandiosen Feierlichkeiten, die zu diesem Anlass organisiert wurden, eröffneten nach Jahren der Gewalt, der politischen und religiösen Unruhen die Herrschaft eines kunstliebenden Königs, der bestrebt war den Glanz der englischen Kunst wiederherzustellen.

Das Ende des 17. Jahrhunderts war jedoch von einer gewissen politischen und religiösen Instabilität geprägt. Seit fast zwanzig Jahren im ständigen Konflikt mit dem Parlament, Charles II muss sich auch auf mehrere Attentate gegen seine Person stellen. Sein Bruder King James II (1633-1701), ein frommer Katholik an der Spitze eines anglikanischen Landes, wurde 1685 gestürzt und durch die sogenannte Glorious Revolution von 1688 ins Exil gezwungen. Dies begründete die Geburt der parlamentarischen Monarchie, angeführt von dem protestantischen Herrscher King William III (1650-1702) und Queen Mary II (1662-1684), für die Purcell einige seiner schönsten Oden komponieren sollte.

Die prägenden Jahre

Äußerst vielfältig und kontrastreich spiegelt Purcells Werk die starken Spannungen seiner Zeit wieder. Sehr früh wird das Kind in diesem gequälten Jahrhundert mit den verschiedenen Gesichtern des Todes konfrontiert. Die Jahre nach dem Tod seines Vaters im Jahre 1664 brachten dem Waisenkind das Spektakel der verheerenden Verwüstungen der Großen Pest und dann die ungeheuerliche Großen Feuer von London. Sehr früh beginnt auch die musikalische Ausbildung. Als Chorknabe der königlichen Kapelle, auf Kosten des Königs untergebracht, ernährt und gekleidet, erwarb Purcell dort eine solide Grundausbildung bei dem Lehrer des Kinderchores, Henry Cooke (1616-1672), einem ehemaligen Militär, der strenge Disziplin unter seinen Schülern durch setzte. Dann nach dessen Tod mit seinen Nachfolgern Pelham Humfrey (1647-1674) und John Blow (1649-1708). Letztere, etwa zehn Jahre älter als Purcell, förderten die frühreife Neigung ihres Schülers zum Komponieren. An der Schule der königlichen Kapelle lernte Purcell die Kunst des traditionellen Kontrapunkts, aber auch die neuen Techniken des Vokal- und Konzertsatzes, die Humfrey und Blow in ihren von französischen und italienischen Vorbildern beeinflussten Hymnen mit Orchester (große Motetten, Oratorien). Bereits 1675 erschien eine seiner ersten Arien: „When Thyrsis did the splendid eye“, in der Sammlung Choice Ayres (1663), herausgegeben von John Playford (1623-1686). Seine ersten kleinen Anstellungen ermöglichten ihm, sich weiterzubilden. Mit vierzehn Jahren, kurz vor dem Stimmbruch, wurde er am Königshof als Assistent seines Patenonkels John Hingston (1612-1683), der für die Instrumente des Königshofs verantwortliche Organist, angestellt. Purcell wurde so sehr in die materiellen Aspekte der Musik eingeführt, dass er im folgenden Jahr die Position des Einstimmens an der Orgel der Westminster Abbey erhielt. Indem er auch als Kopist tätig war, konnte er die geistliche Musik der englischen Renaissance intensiv studieren: Die Werke der großen Meister der Polyphonie, Thomas Tallis (1505-1585), William Byrd (1543-1623) et Orlando Gibbons (1583-1625). In diesen Jahren fungierte der Komponist Matthew Locke (1621-1677), ein alter Freund der Familie Purcell, als Mentor für den jungen Mann, der dann unter seiner Leitung seine ersten Anthems (Hymnen) schrieb. Als Autor der ersten englischsprachigen Abhandlung über die Technik des Generalbass, Melothesia (1673), gab Locke ihm einerseits seine tiefe Kenntnis des alten kontrapunktischen Stils und andererseits der italienischen Erneuerungen (Recitativo, Basso continuo) weiter und auch gleichzeitig die Möglichkeit, wie er sie in seiner Schauspielmusik für The Tempest (1674) und Psyche (1675) verwenden konnte. Seit dieser Zeit und sein ganzes Leben lang zeigte Purcell selbst eine unersättliche Neugier für vom Kontinent importierte Werke. Auf der Rückseite eines Autographs einer seiner Kompositionen geistlicher Musik ist beispielsweise eine Bearbeitung des Madrigals von Claudio Monteverdi (1567-1643) Cruda Amarilli (1605) für Gamben-Konsortien zu lesen. Der Einfluss von Giacomo Carissimi (1605-1674) und Luigi Rossi (1597-1653), von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) und Marc-Antoine Charpentier (1643-1704) ist auf vielen Seiten seiner Musik spürbar. So mischt er die kontinentalen Beiträge zum perfekt gemeisterten englischen Erbe in eine sehr persönlichen Synthese, die seine Musik immer sehr originell macht.

King Arthur von Henry Purcell – Gabrieli Consort & Players
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Mehrere ungewöhnliche Talente

Die Kompositionen des jungen Purcell vom Ende der 1670er Jahre lassen die Vielfalt erahnen, die sein Schaffen bis an sein Lebensende prägen wird. Schon die Catches (Kanons), Arien in Versen oder im Lamentation-Stil, Hymnen, Instrumentalstücke verleihen seiner Musik einen mal verspielten humorvollen, mal gelehrten strenges Ansehen. Diese Inspirationsvielfalt findet sich in den großen dramatischen Werken wie King Arthur wieder. Die Talente des jungen Mannes werden schnell am Hofe bekannt. Als Locke Ende 1677 starb, ersetzte ihn Purcell als Komponist der Violinen des Königs. Zwei Jahre später wurde er anstelle von Blow zum Organisten der Westminster Abbey ernannt, der sich somit voll als Lehrer für den Kinderchor der königlichen Kapelle widmen konnte. Aus dieser Zeit bis zum Tode von King Charles II im Jahre 1685 datieren die meisten Hymnen von Purcell: Grabhymnen, Wehklagen oder feierliche Gebete und auch Jubelhymnen, Lob- oder Dankgesänge. Er offenbart seine Beherrschung sowohl des traditionellen polyphonen Stils, insbesondere in den berühmten Funeral Sentences, als auch in der neueren Form mit Solisten und manchmal auch mit Orchester à la manière française, die vom König bevorzugt wurde.

Das Jahr 1680 markierte einen Wendepunkt in der Karriere des Komponisten und auch in seinem Leben. Er heiratete und lässt sich in der Nähe der Westminster Abbey nieder. Im September schreibt er seine erste königliche Ode, um die Rückkehr von Charles II aus seiner Sommerresidenz zu feiern. Damit eröffnet er die lange Reihe majestätischer Oden, die er bis zu seinem Lebensende als Hommage an drei aufeinander folgende Herrscher komponiert hatte. Im selben Sommer luden zum ersten Mal eine der beiden großen Londoner Theatergruppen, die Duke’s Company, diesen talentierten jungen Komponisten ein, um eine Musik mit gesungenen Arien für eines ihre Theaterstücke zu komponieren. Diese neue Theaterform mit spektakulären Bühnenbildern und Verzauberungs-Maschinen und attraktive musikalische Spektakel verbreitete sich sehr schnell in diesen Jahren und das Publikum verlangte mehr und mehr davon. Purcell komponiert eine Ouvertüre, Zwischenspiele und einige Arien für eine Tragödie von Nathaniel Lee (1653-1692), Theodosius (1681). Die gesungene Rolle des Priesters Atticus wird von dem Bariton John Bowman (1643-1706) interpretiert, der einer von Purcells Lieblingsinterpreten wird. Es ist zweifellos für seine Stimme, dass der Komponist die Arie des Eole im 5. Akt von King Arthur konzipiert hatte. Schließlich schrieb Purcell noch 1680 neben dieser Musik, die für ein großes Publikum, bei Hofe oder im Theater bestimmt war, intimere Instrumental- und Vokalstücke: Die Fantasien für Violen, die meisten seiner Sonaten für Violinen und Generalbass und geistliche Arien mit einigen Stimmen für private religiöse Hingaben. Geschrieben in einem kunstvoll gelehrten Stil und für Amateur-Musiker bestimmt, zeigen diese Werke bereits eine harmonische Kühnheit und einen Reichtum an Texturen, die seine bemerkenswertesten Werke charakterisieren werden.

1682 wurde Purcell zum Organisten der Königlichen Kapelle ernannt, eine wahre Weihe für den jungen 23-jährigen Komponisten. Er drückt seine Dankbarkeit gegenüber Charles II aus, indem er diesem musikbegeisterten König die Sammlung seiner zwölf Sonata’s of III parts, Z. 790-801 (1680) widmete, die er im folgenden Jahr herausgibt. Die Freude über diese Ernennung wird jedoch schnell überschattet vom Tode seines Onkels, der praktisch sein Adoptiv-Vater geworden ist, dann von dem seines zweiten Sohnes, der im Alter von nur wenigen Monaten stirbt wie das erste Kind von Purcell zwei Jahre davor. Wie ein widerspenstiger Schatten scheint der Tod das Leben des Komponisten begleitet zu haben, um die geliebten Menschen um ihn herum unerbittlich wegzureißen. Ende 1683 verlor Purcell seinen Patenonkel und Lehrer Hingston. Er folgte ihm als Leiter der Orgeln und königlichen Instrumente und fügte seinen ohnehin schon vielfältigen Tätigkeiten eine zusätzliche Aufgabe hinzu. Aber zwei Jahre später, mit der Thronbesteigung von King James II, wurden seine offiziellen Ämter bei Hofe nicht erneuert. Der neue Herrscher vernachlässigte die königliche Kapelle zugunsten seiner privaten katholischen Kapelle, die er 1686 gründete. Als frommer Katholik begünstigte er meist ausländische Musiker aus Frankreich und Italien, die er vom Kontinent mitbrachte. Da er sich jedoch der Qualitäten der von Purcell zum Ruhm von Charles II komponierten Musik bewusst war, gab er ihm jedes Jahr eine königliche Ode in Auftrag. Während der Jahre in Ungnade am Hofe, erfüllte Purcell seine Pflichten als Organist in der Westminster Abbey und schrieb, weit davon entfernt seine kreative Tätigkeit einzuschränken, weiterhin Hymnen, sowie kurze Kompositionen, die zur Veröffentlichung bestimmt waren: Catches, Arien und Dialogen, sowie Stücke für Cembalo. Der dramatische Charakter seiner sowohl profanen als auch geistlichen Vokalwerke wird mehr und mehr betont. Purcell schildert die unterschiedlichsten und intensivsten Emotionen: Vom Jubel in den sehr aufwändigen Bass-Solos (echte Bravour-Arien à l’Italienne) in den Hymnen Sing untot the Lord, Z. 44 (1693) und The Lord is King, the earth may be glad, Z. 54 (1688) bis hin zur dunklen Verzweiflung in der Klage für Sopran „With sick and famished eyes“, Z. 200 (1688) auf ein Gedicht von Georg Herbert (1593-1633). Die Ausdruckskraft seiner Musik basiert auf dem ständigen Bemühen, die eindrucksvollsten Worte durch ein Ornament, eine rhythmische Wendung oder einen harmonischen Effekt zu unterstreichen, sowie auf dem Reichtum der Zwischenstimmen und der Originalität der Basslinien. Insbesondere zeigt er eine außergewöhnliche Beherrschung der Technik des basso ostinato, den er mit immer neuer Freudigkeit und Einfallsreichtum handhabt.

King Arthur von Henry Purcell – Gabrieli Consort & Players
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Ein dramatisches Genie

Diese Qualitäten zeigen sich in seinem ersten großen Bühnenwerk Dido and Aeneas, Z. 626 (1689) einer tragischen Pastorale von großer dramatischer und emotionaler Intensität, die wahrscheinlich früher komponiert wurde als man bis vor kurzem angenommen hatte. Inspiriert von den Kammeropern von Marc Antoine Charpentier (1643-1704) Actéon (1683) und Orphée descendant aux Enfers H. 488 (1686), hat Purcell möglicherweise seine einzige richtige Oper zur Unterhaltung für Charles II und seinem Hofe geschrieben und dass kurz vor dem Tod des Königs im Jahre 1685. Er muss jedoch bis Ende der 1680er Jahre und der Regierungszeit von King William III warten, seinem dramatischen Genie seine volle Entfaltung geben zu können. 1689 nimmt Purcell seine offiziellen Pflichten am Hofe wieder auf, aber der König war an Musik nicht sehr interessiert und außerdem war er sehr viel abwesend, so wird er seine Dienste nur selten in Anspruch nehmen. Bis 1694 waren nur die sechs Geburtstagsoden für die sehr musikbegeisterte Queen Mary II, die einzigen großen Werke, die Purcell für den Hof konzipierte.

Er widmete sich nun fast ausschließlich dem Theater und stieß beim Londoner Publikum auf wachsenden Erfolg. Zwischen 1690 und 1695 schrieb Purcell Musik für mehr als vierzig dramatische Werke, darunter die vier Stücke, in denen sein Beitrag ebenso wichtig war wie der des Dramatikers: Dioclesian, Z. 627 (1690), King Arthur (1691), The Fairy Queen, Z. 629 (1692) und The Indian Queen, Z. 630 (1695). In diesen dramatischen Opern, so die Worte von John Dryden (1631-1700) über King Arthur, bringt Purcell die Form der englischen Oper zu ihrer vollkommensten Verwirklichung, die Dramatiker und Komponisten unter dem Anstoß von King Charles II seit den 1670er Jahren zu schaffen versucht hatten. Am Ende 17. Jahrhunderts fest verbunden mit ihrer glänzenden Theatertradition und den berühmten Schauspielern, die diese für das englische Publikum verteidigten, „schätzten nicht diesen ununterbrochenen Gesang“ der auf dem Kontinent praktiziert wurde. „Sie wünschten, dass das Werk ihren Geist ebenso erfreute wie ihre Ohren bezauberte und dass die Musik und die Tänze abwechselnd mit den komischen und tragischen Szenen geschickt eingeführt werden“. Die englische Oper ist also ein halb gesprochenes und halb gesungenes Werk (semi-opera). Selten bringt eine musikalische Szene die Handlung voran. Die erste Szene im 2. Akt von King Arthur ist eine bemerkenswerte Ausnahme. Meistens sind musikalische Episoden eine Pausen-Unterbrechung im dramatischen Verlauf. Purcell verwandelt es in eine Reihe von Spiegeln, die die Handlung widerspiegeln, aber auch ihre Mehrdeutigkeiten auf subtile Weise offenbaren. Die außerdem das Stück mit strukturierenden Spannungen unterstreichen oder bestimmte Themen ironisch beleuchten und so den ursprünglichen Rahmen des Werkes erheblich bereichern. Die extreme Vielfalt seiner Talente zeigt sich in jeder seiner Opern. Immer im Sinne der Worte, die ihn inspirieren, wird die Musik feierlich, sinnlich, tragisch, grotesk, verstörend oder sogar sehr grob und brutal. Purcell ist ein Meister, den Zuschauer zu überraschen, ihn in seinen Emotionen zu fangen, ohne ihm jemals Zeit zu geben, sich zu langweilen.000000000000000000000000

Am 21. November 1695 starb der Komponist auf dem Höhepunkt seines Ruhms. In der nachgelassenen Sammlung seiner berühmtesten Arien und Oden Orpheus Britannicus (1698), würdigte ihn der Verleger Henry Playford (1657-1707) ein letztes Mal: Purcell hatte ein außergewöhnliches Talent zum Komponieren der unterschiedlichsten Musik, aber seine Vokalmusik wurde am meisten geschätzt, weil er ein besonderes Genie hatte, die Kraft englischer Wörter auszudrücken und gleichzeitig Leidenschaften zu erwecken und große Bewunderung zu erregen bei seinen vielen Zuhörern.“

KING ARTHUR Konzert – 8. Juli 2022 – Cour des Hospices (Hôtel-Dieu)

Purcells King Arthur hat für Klassikhörer jeden Alters etwas zu bieten. Es hat triumphale Trompeten-Melodien, die die jüngsten Ohren ansprechen, romantische und naive Arien für verliebte Teenager, Reflexionen über Liebe und Ehe für Menschen in der Mitte des Lebens und genug ernsthafte Musik dazwischen, damit selbst die verwittertesten Zuhörer etwas Neues und Ansprechendes finden werden. Niemals zuvor wurden diese Qualitäten der Oper deutlicher gemacht als mit der Interpretation von Paul McCreesh und seinem Gabrieli Consort & Players an diesem Sommerabend in Beaune. Der erste Abend des ersten Wochenendes begann mit einem großen Triumph im Hofe des ehrwürdigen Hôtel- Dieu, um das Geburtstagkind FESTIVAL INTERNATIONAL D’OPÉRA BAROQUE & ROMANTIQUE / BEAUNE für die ersten vierzig Jahre gebührlich zu feiern. Aber auch das überwältigende Musik-Ensemble von McCreesh feierte sein 35jähriges Bestehen.

Die Sänger vom Gabrieli Consort haben einen bezaubernden Einfluss auf den Text, besonders im ersten Akt, der die denkwürdigsten Chornummern der Oper enthält, wenn King Arthur und seine Briten gegen die Sachsen antreten. Das Ensemble führt King Arthur bereits seit mehr als 20 Jahren auf und hat die Partitur mittlerweile auswendig gelernt. Hören wir die ansteckende Verzückung in „I Call You All…“, die freche Freude in „Come If You Dare…“, die Zeremonie in „We Have Sacrificed…“ Die Interpretationen der Solisten sind reich und voller Illustrationen. „Hither This Way…“ ist sehr effektiv, fast beängstigend – hier hören wir gewissermaßen die natürlichen Stereo-Effekte: Wenn die Tenöre in eine Richtung rufen und die Soprane in die andere.

Die Akte 2 und 4 der Oper wenden sich den reiferen Themen Liebe und Verführung zu, während verschiedene Feinde versuchen, Arthur und seine Verlobte Emmeline (Sprechrolle) auseinander zu reißen. Die Reihe der Hirtensongs („How Blest Are Shepherds…“), „Shepherds, Leave Decoying…” und “Come, Shepherds…” sind voller Wortspiele und Implikationen und McCreesh fing diesen spirituellen Geist äußerst gut ein. Die Wahl der Musiker, in den Solo-Momenten ein abgespecktes Kontinuum (ohne Streichersaiten) zu verwenden, ist hier besonders treffend. Nur von Zupfinstrumenten begleitet, steht es den Sängern frei, einen helleren Ton zu verwenden und Stimmungen im Handumdrehen zu ändern. Hören wir uns genau die letzten Zeilen von „How Blest Are Shepherds…“ an und wir werden hören, wie sich der Tenor Matthew Long anmutig von erwartungsvoll zu mahnend und wehmütig bewegt. Die Sopranistinnen Mhairi Lawson und Anna Dennis erklingen klar, angemessen satt und bestimmt in „Shepherds, Leave Decoying…“. Die Sopranistin Lauren Lodge Campbell ist ein überzeugender Cupido, glückselig und leicht naiv („Thou Doting Fool…“). Der Bariton Ashley Riches ist ein wahres Objekt, ein zitternder Cold Genius, der mit seinen bibbernden Stimmseiten erbärmlich schön singt („What Power Art Thou…“).

Angesichts der Exzellenz der musikalischen Interpretationen an diesem Abend, fallen die wenigen stimmlichen Mängel natürlich auf. Longs Gesang und der des hohen Tenors Jeremy Budd werden wahrscheinlich die Meinungen spalten! Longs Timbre leidet manchmal unter seinem großen Enthusiasmus, wie in „Come If You Dare“, aber seine Stimme ist trotzdem voller Emotionen. Die Tenöre Tom Castle oder Christopher Fitzgerald Lombard finden eine relativ stabilere Balance. Castle überanstrengt sich gelegentlich in den Höhen und klingt in „How Happy The Lover“ etwas gleichgültig, aber das mag die Absicht sein. Die hohen Tenöre Castle und Budd scheinen der Herausforderung eher gewachsen zu sein. Auch Marcus Farnsworth mit seinem satten Bass als Pan war auch dazu noch ein hinreißender Schauspieler und das besonders in dem berühmten Song „Fairest isle…“ Tatsächlich ist der Ensemblegesang vom Gabrieli Consort durchweg nicht so poliert wie gewöhnlich und gerade das macht den ganzen Charme dieser Interpretation: Ganz im Sinne von Purcell wird natürlich, kraftvoll, volkstümlich und mit viel britischen Humor gesungen. McCreesh und sein King Arthur ist eine Liebeserklärung an seine „Fairest isle“ und auch gleichzeitig eine Hommage an unseren Kontinent Europa. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er ein überzeugter Europäer ist und gerne seine Insel verlässt, um bei uns zu musizieren. In Beaune ist er fast jedes Jahr dabei! Somit ist King Arthur ein Symbol für eine politische Manifestation gegen den Brexit: Für das Londoner Publikum haben seine Sänger und Musiker am Ende des Konzerts kleine Europäische Flaggen beschwingt! Viva United Europe!

40e FESTIVAL INTERNATIONAL D‘OPÉRA BAROQUE & ROMANTIQUE 2022

Also feiern wir mit einem Glas süffigen Burgunder-Wein die vierzig Jahre dieses musikalischen Festivals: Ein barockes und romantisches Feuerwerk in der mittelalterlichen Stadt Beaune. Wir beglückwünschen Anne Blanchard und ihre Mitarbeiter für diesen großen vierzigjährigen Erfolg. Die musikalischen Manifestationen werden jedes Jahr im Juli mit vier Wochenenden (Freitag bis Sonntag)  produziert. In diesem Jahr vom 8. Bis 31. Juli.

Folgende Künstler werden u.a. in Beaune zu erleben sein: Paul McCreesh, Gabrieli Consort & Players / Christophe Rousset, Les Talens Lyriques / Lawrence Zazzo, Ensemble les Épopées, Stéphane Fuget / William Christie, Les Arts Florissants / Jérémie Rhorer, Le Cercle de l’Harmonie / Rinaldo Alessandrini, Concerto Italiano / Jean-Christophe Spinosi, Ensemble Matheus / Ottavio Dantone, Accademia Bizantina / Andreas Scholl, u.a.

Reservation: Festival-Büro – Touristen-Office IC – Place de la Halle BP  60071 Beaune Cedex. Tel. : +33 3 80 22 97 20. E-mail: contact@festivalbeaune.fr. Website: www.festivalbeaune.com    (PMP/13.07.22)

 

—| IOCO Kritik Festival de Beaune |—

 

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