Berlin, Staatsoper Berlin, Saison 2012/13: Großes Theater in kleinem Provisorium, IOCO Aktuell, 23.04.2012


Aktuell

Staatsoper im Schiller Theater

Jahrespressekonferenz zum Spielplan 2012/13 der Berliner Staatsoper
Provisorium Staatsoper im  Schiller Theater  wird teure Berliner Normalität

Intendant Jürgen Flimm (70) leitete im April 2012 seine zweite Jahrespressekonferenz (JPK) der Staatsoper Berlin zum Spielplan 2012/13: Im kleinen Schiller Theater an der Bismarckstraße (974 Plätze), für mindestens vier Jahre Ersatzspielstätte der Berliner Staatsoper. Das Stammhaus der Staatsoper Berlin, das Opernhaus Unter den Linden wird bis Ende 2015 saniert. Offiziell genannte Kosten der Sanierung: € 239 Mio, geflüsterte Kosten € 500 Mio. Teures deutsches Theater-Unikum: Die doppelt so große Deutsche Oper Berlin (1.954 Plätze) produziert, 300 Meter neben dem Schillertheater, ebenfalls auf der Bismarckstrasse, ebenfalls großartiges Musiktheater.

Berliner Dom, Unter den Linden © IOCO
Berliner Dom, Unter den Linden © IOCO
Schiller Theater - Spielstätte der Staatsoper © IOCO
Schiller Theater – Spielstätte der Staatsoper © IOCO
Staatsoper Unter den Linden eingeschält 4 2012 © IOCO
Staatsoper Unter den Linden eingeschält 4 2012 © IOCO

Die JPK wurde allein von Jürgen Flimm und Generalmusikdirektor Daniel Barenboim (69) getragen. Andere Mitstreiter an der Staatsoper fehlten erneut auf der JPK. Geschäftsführer Ronny Unganz ebenso wie andere Führungskräfte. Flimm und Barenboim, nur der Kunst verbunden, stellten irdisches nur beiläufig in den JPK-Fokus. Flimm streifte eine – angeblich – um 8% auf 89% gestiegene Auslastung, 155.000 Besucher und 264 Veranstaltungen der laufenden Saison. Beiträge zu Einnahmen, Zuschüssen, Rücklagen zur vergangenen oder kommenden Saison: Fehlanzeige. Finanzthemen an der Staatsoper: Nicht aktuell. Auch nicht, warum die Staatsoper während der vierjährigen  Sanierungsphase nicht geschlossen wurde. Die Wiedereröffnung der sanierten Staatsoper Unter den Linden soll im Herbst 2014 erfolgen. Jürgen Flimm freute sich 2012 über den Erfolg der zeitgenössischen Stücke. So waren alle Aus einem Totenhaus-Vorstellungen ausverkauft, die meisten anderen (Lulu, Candide uam) sehr gut besucht. Flimm kokettierte sich zum dienstältesten Intendant der Berliner Opern, welcher mit seinen gerade angekommenen Kollegen Barrie Kosky (Komische Oper) und Dietmar Schwarz (Deutsche Oper) gut könne. Öffentliche Kritik an hohen Staatsopern-Zuschüssen wies Flimm langatmig larmoyant zurück. Das laut Flimm so erfolgreiche Junge Theater bietet die Staatsoper nur auf der kleinen Werkstattbühne an. Daniel Barenboim, auf dem Staatsopern Spielplanheft noch lässig maskulin mit Schlapphut und Zigarre als Mafioso abgebildet, feiert sich im Heft als “überragenden Wagner-Dirigent unserer Tage“.

Staatsoper Berlin, Intendant Flimm, Regisseur Oehring © IOCO
Staatsoper Berlin, Intendant Flimm, Regisseur Oehring © IOCO
Staatsoper Berlin, Hans Neuenfels © IOCO
Staatsoper Berlin, Hans Neuenfels © IOCO
Staatsoper Berlin, JPK 4.2012, GMD Daniel Barenboim links, Intendant Flimm rechts © IOCO
Staatsoper Berlin, JPK 4.2012, GMD Daniel Barenboim links, Intendant Flimm rechts © IOCO

Weltstars machen das kleine Theaterprovisorium 2012/13 zur Kulturmetropole

Annette Dasch, Maria Bengtsson, Magadalena Kozena, Waltraud Meier, Anna Prohaska, Dorothea Röschmann, Plácido Domingo, Jonas Kaufmann, Juha Uusitalo, René Pape, Rolando Villazón, Lance Ryan werden im Schillertheater singen. Daniel Barenboim wird im März den kompletten Ring dirigieren, Alan Gilbert, Chef des New York Philharmonic Orchestra gibt sein Debut, Gidon Kremer tritt in einem Kammerkonzert auf, Daniel Barenboim als Pianist in einem vier Konzerte umfassenden Lieder-und-Kammermusik-Zyklus……

Flimm, wie viele andere Intendanten, erklärte die kommende Spielzeit zum Wagner-Jahr. Anders Dominique Meyer, Chef der Wiener Staatsoper, Anfang April 2012 in Wien: “2013 wird kein Wagner-Jahr in Wien: Die anderen Komponisten könnten sich beschweren”. Eckpunkte des Berliner Staatsopern Spielplan 2012/13 werden sieben Musiktheater-Premieren im Schillertheater (davon drei Wagner Opern) und 17 Repertoire-Opern. Dazu 74 Konzerte der Staatskapelle, die FESTTAGE zu Ostern, in der Werkstatt experimentelles und junges Theater dazu eine Theaterakademie für Kinder. Die Stärke eines Opernhauses misst sich an seinem Repertoirebetrieb. Das Repertoire von 17 Opernwerken ist überregional Mittelmaß, im kulturell reichen Berliner Umfeld jedoch völlig ausreichend. Insgesamt bietet die Staatsoper 2012/13  379 Veranstaltungen:

  Saisoneröffnung am 8.9.2012: Großer Arienabend mit Sopranistin Anja Harteros und, in der Werkstatt, Erik Satie´s: Wissen Sie, wie man Töne reinigt? Satisfactionen.

–  Sieben Premieren:

3. Oktober 2012:   Siegfried, von Richard Wagner, Dirigent: Daniel Barenboim, Inszenierung Guy Cassiers, Siegfried Lance Ryan, Wanderer Juha Uusitalo,   Brünnhilde Iréne Theorin uam

3. März 2013:   Götterdämmerung von Richard Wagner, Dirigent Daniel Barenboim, Inszenierung Guy Cassiers,  Siegfried Ian Storey, Alberich Martin Kränzle, Gunther Gerd Grochowski, Brünnhilde Iréne Theorin, Gutrune Marina Poplavskaja uam

28. April 2013:   Der fliegende Holländer von Richard Wagner, Dirigent: Daniel Harding, Inszenierung Philipp Stölzl, Holländer Michael Volle, Erik Frank van Aken, Senta Emma Vetter,

25. Mai 2013:   Le vin herbé (Der Zaubertrank) weltliches Oratorium von Frank Martin, Dirigent: Franck Ollu, Inszenierung Katie Mitchell, Tristan Matthias Klink, Iseut La Blonde Anna Prohaska uam

24. November 2012:   La Finta Giardiniera von Wolfgang Amadeus Mozart, Dirigent: Christopher Moulds, Inszenierung Hans Neuenfels, Don Anchise Podestà Stephan Rügamer, Marchesa Violante Anette Dasch, Contino Belfiore Joel Prieto uam

16. Juni 2013:   The Fairy Queen von Henry Purcell, Dirigent: Michael Boder, Inszenierung Claus Guth, mit Marlis Petersen, Tanja Baumgartner, Bejun Mehta, Topi Lehtipuu, Roman Trekel, Christina Schönfeld

22. Juni 2013:   Hanjo von Toshio Hosokawa, Dirigent: Günther Albers, Inszenierung Calixto Bieito, Hanako Ingela Bohlin, Jitsuko Honda Ursula Hesse von den Steinen, Yoshito Georg Nigl uam

–  FESTTAGE 2013

Richard Wagners Der Ring des Nibelungen (Das Rheingold 23.3.2013, Die Walküre 24.3.2013, Siegfried 27.3.2013, Götterdämmerung 31.3.2013) im Schiller Theater mit internationaler Starbesetzung steht im Zentrum der FESTTAGE 2013. Daneben bieten die FESTTAGE vom 25.3. bis 1.4.2013  Konzerte in der Philharmonie.

–  Konzertante Wagner – Gala

Plácido Domingo (75) wird am 13. Februar 2013 in einer konzertanten Wagner – Gala (Parsifal) erneut als Tenor zu hören sein. Neben Kwangchul Youn und Wolfgang Koch.

–  17 Repertoirestücke

Die Saison 2012/13 wird am 9. September 2012 mit Tosca von Giacomo Puccini eröffnet: Cavaradossi Neil Shicoff, Scarpia Thomas J. Mayer, Tosca Daniela Dessi. Die weiteren Repertoirestücke der Saison enthalten Die Walküre, La Traviata, Barbier von Sevilla, Die Zauberflöte, La Bohème, Don Carlo, Madame Butterly, Der Rosenkavalier, Der Freischütz, Orpheus in der Unterwelt, Maria Stuarda, Matsukaze, Aida, The Rake´s Progress, L´Elisir d´amore, Agrippina.

–  Werkstatt

Junges Theater bietet die Staatsoper leider nur in der Werkstatt: Der gestiefelte Kater von César Cui (ensuite Oktober – November 2012),  Das tapfere Schneiderlein von Wolfgang Mitterer nach den Brüdern Grimm (ensuite im Dezember 2012), Der Jasager und der Neinsager nach Bertolt Brecht (Mai 2013). Daneben bringt die Werkstatt eine Opernfantasie R. Hot bzw. Die Hitze von Friedrich Goldmann, die existentielle Kammeroper Der Kaiser von Atlantis des in Auschwitz ermordeten Viktor Ullmann und Vanitas von Salvatore Sciarrino über die Vergänglichkeit eines Musiktheaterwerks.

  Musiktheaterakademie für Kinder

Die Musikakademie für Kinder in der Staatsoper ist auch 2012/13 mit einem reichhaltigen Angebot neuen Theaterberufen auf der Spur: Eine Souffleuse erklärt Kindern die Wissenschaft des laut Flüsterns und vieles mehr…  Kinder tauchen in die Welt der Musik und ihre Geschichten ein. Interessierte Kinder sollten sich früh schriftlich mit Geschichten und Bildern, welche die Neugierde in Musik und Theater zeigen, melden. Achtung, wegen hoher Nachfrage: Es entscheidet der Eingang der Bewerbung (Junge Staatsoper, Musiktheater für Kinder, Bismarckstrasse 110, 10625 Berlin).

Fazit: Der Spielplan 2012/13 stellt mit seinem vielfältigen Angebot die Staatsoper Berlin erneut künstlerisch in die erste Reihe bedeutender Musiktheater Europas. Teure Spitzenkultur wirkt allerdings auf 974 Plätze des Schiller Theaters in Zeiten knapper Kassen unangebracht. Unzeitgemäß auch, daß die Staatsoper mit “Theater für Große” klotzt, während “Theater für Kinder” nur im Hinterzimmer, der kleinen Werkstatt, stattfindet. Nebensache an der Staatsoper: Kindertheater.  Populär:  Netrebko und Co.

IOCO / Viktor Jarosch / April 2012

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