Berlin, Staatsoper Unter den Linden, Jahrespressekonferenz 2009, IOCO Aktuell, 24.04.2009


Aktuell

Berlin / Lindenoper verschalt © IOCO
Berlin / Lindenoper verschalt © IOCO

Staatsoper unter den Linden

 Staatsoper Unter  den Linden  vor  Umzug ins Schiller Theater 

Ronald H. Adler, Kommissarischer Intendant und Operndirektor sowie Generalmusikdirektor Daniel Barenboim  luden zur Präsentation der kommenden Spielzeit 2009/2010.

Die Einladung  der  Medien war zeitgerecht  und  kompetent.   Als  Schmankerl  wurden  den  Medienvertreter  eine  Tour  der  Staatsoper Unter den Linden  geboten;  in  die   tiefsten  Katakomben  des  Hauses  wie  hinauf  auf den  25 Meter hohen  Schnürboden.

Eine  sinnvolle  Tour.  Verdeutlicht  sie dem  blutigsten  Laien   die  Notwendigkeit  der  anstehenden  €  239  Millionen  kostenden  Totaloperation: Fehlende  Verbindungen von Zuschauerraum zum Bühnenraum,  schadhafte  Abdichtungen der  Kelleraußenwände,  schlechte  Sicht auf vielen Besucherplätzen,  antiquierte  Technik sind  nur  einige der  nach  Schließung  oder Sanierung  schreienden  Mängel des Hauses.   Auffällig,  daß   sich  die vorangegangene öffentliche  Debatte  zur  Sanierung  fast ausschließlich  um  den  Erhalt  oder  eine  radikale  Modernisierung  des  historischen,  1955   von  Dr.  Paulick in Anlehnung an die Formensprache  des friderizianischen Rokoko,  restaurierten  Zuschauerraumes  drehte.  Befürworter  des  Totalumbaus  sahen  in  dem Paulick – Raum  nur  ein schlechtes  Rokoko – Imitat  in  DDR – Anmutung.   Der  Entwurf des im Juli 2008 bereits zum Ausschreibungsgewinner gekürten  Architekten Klaus Roth (Ziel:  Komplettsanierung des Zuschauerraumes) wurde nach Proteststürmen der  Öffentlichkeit  kassiert.

Der  Stuttgarter  Architekt Merz, Gewinner der zweiten  Ausschreibung,   beabsichtigt  nicht  nur  eine  Sanierung  bei  Erhalt  des  Zuschauerraumes  aber  mit  u.a.  besseren  Sichtverhältnissen, sondern  auch  des  benachbarten Intendanzgebäudes,  des  Magazins  und  vieles mehr.  Zum  Abschluß  des  fröhlichen  Kulturkampfes  um  den  Zuschauerraum  begrüßten Berlins Regierender Bürgermeister Wowereit,  Chef  der Opernstiftung  Stefan Rosinski,  GMD  Daniel  Barenboim mit  großen,  schweren  Worten.  Vor  sechs Monaten,  bei  der  Kürung  des  Gewinners  der  ersten  Ausschreibung,  wurde  das  absolut  gegenteilige  Ergebnis   mit  ähnlichen Worten  begrüßt.

Zur  eigentlichen  Jahrespressekonferenz:  Es  präsentierten  Ronald H Adler,  amtierender  Intendant  und  Daniel Barenboim,  Generalmusikdirektor.  Sie    präsentierten  hoheitlich  von  barocken  `Chefsesseln´,  welche  sie sich  in  den  Zuschauerraum  hatten  stellen lassen. Keine  anderen  Führungskräfte  anwesend.           Zwangsläufig  entstand  der  Eindruck  einer  etwas  aufwendigen  Kaffeerunde.  Man  parlierte  sodann  freundlich.

Ronald H.  Adler  beschrieb das  etwas reduzierte  Programm  der  kommenden  Spielzeit  ein.  Eröffnet  wird  die  Saison  am  29. Augusst  2009  mit  einer  live  auf  dem  Bebelplatz  übertragenen  Vorstellung  von  Wagners  `Tristan und Isolde´.   Die  erste  Opernpremiere  fällt  auf  den  24.  Oktober  mit  Verdi´s  `Simone  Boccanegra´.  Placido  Domingo  singt  erstmals  die  Titelrolle   des  Simone,   auffälligerweise  eine  Helden- / Charakterbariton – Partie.  Drei  weitere  Premieren  sind  geplant  für  2009 / 2010:  `Die Fledermaus ´  von  Johann  Strauß,  `Agrippina ´  von  Georg  Friedrich  Händel  sowie  `L´Etoile´ von  Emmanuel  Chabrier.  Am  Pult  stehen Daniel  Barenboim,  Zubin  Mehta,  René  Jacobs  und  Simon  Rattle.  Schwerpunkte  der  Staatskapelle  sind  ein  sechsteiliger  Beethoven-Bruckner-Zyklus  sowie  Werke  von  Schönberg  und  Schostakowitsch.  Spannend  werden  wohl  auch  die  Cadenza  Barocktage  Anfang  Februar  2010  mit  dem  Ensemble  `Akademie für Alte Musik Berlin´.   Sodann  übernahm  der  Stardirigent / Starpianist,  Herr  Barenboim,   die  Gesprächsführung.  Locker  im  Barocksessel  sitzend,  leicht  gelangweilt  wirkend,   wie  einer  lästigen,  überflüssigen  Pflichtübung  nachkommend,   erzählte  er  –  man  konnte  nur  schwer folgen –  von  sehr  aufwendigen  Reisen  durch  viele  ferne  Länder.   Das  Werk  von  Pierre  Boulez, anläßlich dessen 85. Geburtstages  soll mit  mit  einem besonderen Programm  im  Rahmen der Festtage  gewürdigt  werden.  Auch in Zukunft soll,  so  Weltgeist  Barenboim,   die Staatsopern-Spielzeit  stets  mit einer Premiere  am Tag der deutschen Einheit  beginnen.  So  wird,  verriet  Barenboim,   2011  die  zweite  Saison im  Schiller-Theater  mit  Janaceks  `Totenhaus´  eröffnet.  2012   folgt  Richard  Wagners  `Siegfried´.  2013  hofft  Barenboim  wieder  in  die  Staatsoper   zurückkehren zu können.

Den  Umzug  ins  Schiller Theater  kommentierte  Barenboim  mit ausführlichen   Ost – West Diskurs:  Wir ziehen nicht in den Westen  sondern  ins  Schiller Theater,  befand  er.  Zwanzig Jahre nach der Mauerfall  sei  es  endlich an der Zeit, den Ost-West  Gegensatz  aufzugeben,  erkannte  der  Maestro  weltmännisch.  Überhaupt  seien  die Ost West / Nord Süd  Vergleiche  überflüssig,  entdeckte  er.  Neben  Placido  Domingo,  Rolando  Villazon  und  Magdalena Kozená  werden  auch  Waltraud  Meier,  Anja  Harteros,  Peter  Seiffert,  Robert  Gambill  und  andere  herausrande Sänger  2009 / 2010  an  der  Staatsoper  gastieren.   Die  kürzliche   Episode  mit  Stefan  Herheim  oder  andere  öffentlich diskutierte  Managementmängel   an  der  Staatsoper  kommentierte  Barenboim  leider  nicht.   Barenboim  endete  die  Audienz  mit    knappem,  emotionslosem  Hinweis auf den  neuen,  für  Ende  2010  erwarteten  Intendanten  Jürgen Flimm.  Erwartungshaltung war  nicht zu  erkennen.

Grundsätzliche,  detaillierte   Ausführungen  zu  Zielen  der  Lindenoper   fehlten auf  der  JPK.  Barenboim,  faktisch  verantwortlicher  Leiter  der  Lindenoper,   konzentrierte  sich  auschließlich  auf  künstlerische  Themen. Diese  hatten  zumeist ihn  und  politische Allgemeinplätze  im  Mittelpunkt.  Keine  Aussagen  zur  Entwicklung der  Besucherzahlen  der  Lindenoper.  Vorstellungen  zu  Kinderoper,  Auslastungszahlen,  Anzahl  verkaufter  Karten,  Erträge  aus  Koproduktionen,  Sponsoring  (außer einem deutlichen  Hinweis auf BMW)  und  anderen  brennenden  Themen   hat  Barenboim  nicht  vermittelt.

Insgesamt  vermittelte  die  JPK den  Eindruck  einer  Kaffeerunde,  welche  sich  um  Daniel  Barenboims künstlerische  Ambitionen  und  allgemein  den  Spielplan  2009 / 2010  der  Staatsoper  drehte.  Nach  einer Stunde war  die  JPK  beendet.  Die  Bezeichnung  Jahrespressekonferenz  wirkte  für  die  Veranstaltung  verfehlt.    IOCO / Viktor Jarosch / 24.04.2009

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