Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere JAKOB LENZ von WOLFGANG RIHM, 09.06.2018

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld
Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

JAKOB LENZ
WOLFGANG RIHM

PREMIERE 09.06.18, 19:30 Uhr, Stadttheater

Kammeroper // Text von Michael Fröhling frei nach Georg Büchners
Lenz

Die nächsten Vorstellungen
14.06., 22.06., 24.06., 03.07., 07.07.18

Musikalische Leitung : Gregor Rot
Inszenierung : Nadja Loschky
Bühne : Ulrich Leitner
Kostüme : Irina Spreckelmeyer
Dramaturgie : Anne Christine Oppermann
Mit Evgueniy Alexiev // Yun-Geun Choi // Christin Enke-Mollnar // Orsolya Ercsenyi //
Franziska Hösli // Sophia Klemisch // Hanne Lingnau // Sofio Masxarashvili // Moon Soo
Park // Gieorgij Puchalski // Enrico Wenzel // Lorin Wey //
Bielefelder Philharmoniker

Jakob Michael Reinhold Lenz – Pfarrerssohn, Student Kants, Autor sozialkritischer Werke wie Der Hofmeister und Die Soldaten, Verehrer und Freund Goethes, als Genie bewundert und umschwärmt. Jakob Lenz war der aufgehende Poetenstern am Himmel des Sturm und Drang. Doch dann folgte der jähe Absturz: mit Goethe entzweit, vom Weimarer Hof verbannt, verarmt, von Sinn- und Schreibkrisen gequält, unter Schüben paranoider Schizophrenie leidend, mit 41 Jahren verstorben, vergessen.

Im Frühjahr 1778, während seines ersten schizophrenen Anfalls, hatte der 27-jährige Lenz versucht, im Elsass bei dem Sozialreformer Pfarrer Oberlin Ruhe und Heilung zu finden. Trotz zur Hoffnung verleitender Zwischenphasen letztendlich erfolglos. Wie hätte einer, der keine poetischen und gesellschaftlichen Grenzen akzeptierte und der die Augen vor den erbärmlichen Lebensumständen der unteren Klassen nicht verschloss, an den Zwängen des 18. Jahrhunderts auch nicht wahnsinnig werden sollen? Doch weder seine Freunde wie der Genieapostel und Philosoph Christoph Kaufmann noch der Pietist Oberlin vermochten Lenz darin zu folgen. Nach mehreren Selbstmordversuchen seines Gastes gestand sich Oberlin seine Überforderung wie auch sein Unverständnis ein und ließ ihn fortschaffen.

Ein tiefergehendes Verständnis für Lenz’ Leiden an der Welt entwickelte erst ein anderer junger, politisch kritischer Autor, dem über ein halbes Jahrhundert später Oberlins Rechtfertigungsbericht über Lenz’ Aufenthalt in die Hände fiel. Georg Büchners daraus entstandene Erzählung Lenz reicht weit über eine pathologisch interessierte Fallstudie hinaus: Sie erschöpft sich nicht in der Schilderung von Lenz’ panischer Furcht vor dem Gefühl aufkommenden Wahnsinns und der Überwältigung durch die auf ihn einstürzenden Halluzinationen, sondern zeigt auch seine tief empfundene Machtlosigkeit angesichts der Zerrissenheit der Welt und des Leids der Menschen sowie sein daraus resultierendes Ringen mit Gott und seinen Kampf für eine
Kunst, die sich mehr an der oft auch abstoßenden Realität als an einem verbrämenden Ideal der Schönheit orientieren sollte. Büchner verlieh seinem Bruder im Geiste auf diese Weise eine Stimme, in der das Aufbegehren gegen die normative Gesellschaftsform und das Kunstverständnis der jeweiligen Vätergeneration beider Autoren verschmolz.

Wolfgang Rihm und sein Librettist Michael Fröhling verstärkten diese Tendenz in ihrer 1979 uraufgeführten Kammeroper, indem sie die zugrundeliegende Büchner’sche Erzählung mit weiteren Zitaten und biografischen Anspielungen anreicherten. Auch Wolfgang Rihm – damals ein unbekannter Mittzwanziger, heute einer der erfolgreichsten lebenden deutschen Komponisten – wagte mit Jakob Lenz ein Aufbegehren und setzte sich mit expressiver und dezidiert subjektiver Musiksprache von den avantgardistischen Dogmen seiner musikalischen Vorväter ab. Der unaufhaltsame Sog der seelisch-geistigen Verstörung und der musikalischen Ausdruckswucht zieht den Zuhörer direkt in die zerrüttete Psyche des Dichters.

Zu den realen Figuren, Lenz, Oberlin und Kaufmann, gesellen sich sechs Stimmen und zwei Kinder – Projektionen des inneren Zustands von Lenz, seiner Ängste und Träume, aber auch Stimmen der Umwelt. Lenz’ psychisches Erleben verschmilzt mit dem ihn umgebenden Klang; ununterscheidbar überlagern sich Wirklichkeit und Halluzination wie auch musikalische Stile und Reminiszenzen. Erinnerungen an die Kindheit in Livland, die religiöse väterliche Prägung, die erste Liebe und schriftstellerische Pläne haben für Lenz dieselbe Realistik wie die Begegnungen mit Oberlin und Kaufmann aber auch wie die quälenden Wahnbilder. Allmachtsfantasien in der totalen Identifikation mit dem Heiland – dem Einzigen, der den tiefempfundenen Riss in der Welt heilen könnte – schlagen um in ohnmächtige Verzweiflung und Zweifel an der eigenen Wahrnehmung, in die Wut des stets Unverstandenen, in der Welt überall Unbehausten.

Nicht einen analytischen oder bemitleidenden Blick auf einen psychisch Kranken, sondern ein Eintauchen in seine vielschichtige Wahrnehmung will auch die Inszenierung von Nadja Loschky und ihrem Team ermöglichen. Das Bühnenbild von Ulrich Leitner und die Kostüme von Irina Spreckelmeyer spiegeln eine Weltsicht wieder, die im wahrsten Sinne des Wortes »ver-rückt« erscheint. Die Realität sprengt sich zunehmend auf und will sich nicht wieder zu einem kongruenten Bild fügen. Ganz im Sinne Rihms, der bemerkte, Kammeroper heiße nicht: Operchen, zeigt das Theater Bielefeld diesen Klassiker des deutschsprachigen zeitgenössischen Musiktheaters auf der großen Bühne des Stadttheaters.

Unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Gregor Rot spielen Mitglieder der Bielefelder Philharmoniker. 11 Instrumentalisten spiegeln die 11 singenden Darsteller. Die von äußeren Zwängen wie innerer Ambivalenz zerrissene Titelrolle wird Evgueniy Alexiev verkörpern. Vergeblich bemühen sich Moon Soo Park als Oberlin und Lorin Wey als Kaufmann um Verständnis und guten Rat. Die sechs Stimmen werden gesungen von Christin Enke-Mollnar, Franziska Hösli, Orsolya Ercsenyi, Sofio Maskharashvili, Yun-Geun Choi, Enrico Wenzel, die zwei Kinder alternierend von Sophia Klemisch, Hanne Lingnau und Catherine Taylor. Gieorgij Puchalski, Cornelius Schäfer, Irene Schmidt, Ida Haubrock und Marieke Zimmermann suchen Lenz als Erinnerungen und Visionen heim.

MUSIKALISCHE LEITUNG
Der österreichische Dirigent Gregor Rot wurde in Wien geboren und studierte dort Gesang, Cembalo sowie Dirigieren bei Georg Mark. Noch während des Studiums übernahm er die musikalische Leitung der Sommerfestspiele Röttingen (Taubertal, Franken). 2008/09 fuhr er als Cembalist und Assistent für Così fan tutte und Le nozze di Figaro nach Venezuela zum Simón Bolivar Youth Orchestra. Es folgte eine Einladung als Gastdozent für Gesang und Deutsches Lied nach  Caracas.

Erste Engagements führten Gregor Rot zum Schönbrunner Schlossorchester, dem Leipziger Sinfonieorchester sowie als Assistent an die Opéra national du Rhin in Straßburg. Seine Theaterlaufbahn begann er am Südthüringischen Staatstheater Meiningen als Repetitor mit Dirigierverpflichtung und leitete bereits in seiner ersten Spielzeit fast 50 Vorstellungen (darunter Richard Wagners Rienzi). Nach zwei Jahren stieg er in Meiningen zum 2. Kapellmeister auf und dirigierte ein umfangreiches Repertoire in Musiktheater und Ballett. Für die überregional beachtete deutsche Erstaufführung der kasachischen Nationaloper Abai übernahm er die Einstudierung und die Umarbeitung des musikalischen und textlichen Materials für die Meininger Aufführung. 2013 bis 2017 war Gregor Rot 1. Kapellmeister des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin und dirigierte dort u. a. die Premieren von Aida, The Rake’s Progress, Die Verkaufte Braut, Die Zauberflöte, Jake Heggies Dead Man Walking und zahlreiche Konzerte. Gastdirigate führten ihn u. a. an die Theater Duisburg, Würzburg, Regensburg und Eisenach.
2016 gab Gregor Rot sein Debüt beim Bruckner Orchester im Brucknerhaus Linz und dem Wuppertaler Sinfonieorchester in der Historischen Stadthalle Wuppertal. Seit 2017 ist er 1. Kapellmeister des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Nadja Loschky, Jahrgang 1983, studierte Musiktheaterregie an der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« in Berlin. Bereits während ihres Studiums assistierte sie Hans Neuenfels und arbeitete als freie Regisseurin an den Städtischen Bühnen Osnabrück. An diesem Theater entstanden in den folgenden Jahren unter ihrer Regie auch erste Inszenierungen im Bereich Kinder- und Jugendtheater. 2006 wurde ihre Interpretation von Frieds Monooper Das Tagebuch der Anne Frank zum Theatertreffen der Jugend nach Berlin eingeladen. Es folgten weitere Engagements, unter anderem am Staatstheater Kassel.

Im Anschluss an ihre praktische Diplomprüfung 2009 inszenierte Nadja Loschky Verdis La Traviata und Rossinis Der Barbier von Sevilla an den Städtischen Bühnen Osnabrück sowie Faust von Charles Gounod am Staatstheater Kassel. 2011 debütierte sie mit der Uraufführung der Familienoper Mikropolis von Christian Jost an der Komischen Oper Berlin. Im Jahr 2012 entstanden Inszenierungen von Brittens A Midsummer Night’s Dream am Staatstheater Kassel, Mozarts Entführung aus dem Serail am Theater Heidelberg sowie der Familienoper Die Schatzinsel (Frank Schwemmer) am Opernhaus Zürich, denen Verdis Simon Boccanegra am Theater Aachen und Händels Alcina am Luzerner Theater folgten. 2014 führte sie Mozarts Così fan tutte erneut ans Theater Heidelberg und mit Madama Butterfly inszenierte sie am Theater Bielefeld ihre erste Puccini-Oper. Für diese Produktion wurde sie 2015 mit dem Götz-Friedrich-Preis ausgezeichnet. Im selben Jahr erarbeitete sie eine weitere Uraufführung, Christian Josts Rote Laterne am Opernhaus Zürich, sowie eine Inszenierung von Boieldieus selten gespielter Oper La dame blanche am Oldenburgischen Staatstheater und Mozarts Le nozze di Figaro am Theater Heidelberg. 2016 inszenierte die Regisseurin erneut am Luzerner Theater, diesmal Bellinis Oper Norma. Für ihre im gleichen Jahr entstandene Produktion Death in Venice von Benjamin Britten am Theater Bielefeld erhielt sie im Jahresheft der Fachzeitschrift
Opernwelt eine Nominierung in der Kategorie »Beste Regisseurin«.

Zu Beginn der Spielzeit 2016/17 inszenierte sie Verdis Macbeth am Oldenburgischen Staatstheater, dem Zingarellis Giulietta e Romeo am Barocktheater Schwetzingen folgte. Mit Monteverdi L’incoronazione di Poppea kam es im Frühjahr 2017 zu einer weiteren Arbeit am Theater Bielefeld, 2018 gab sie ihr Regiedebüt an der Oper Graz mit Ariane et Barbe-Bleue von Paul Dukas.

Seit der Spielzeit 2017/18 ist Nadja Loschky Hausregisseurin am Theater Bielefeld, wo sie in der kommenden Spielzeit Verdis La Traviata und Offenbachs Orpheus in der Unterwelt inszenieren wird. Weitere Engagements führen die junge Regisseurin an die Oper Köln und erneut an die Oper Graz. Nadja Loschky ist neben ihrer Regietätigkeit projektbezogen auch als Dozentin an der HfM »Hanns Eisler« sowie der UDK Berlin tätig.

BÜHNE
Ulrich Leitner wurde 1976 in Linz (Österreich) geboren. Nach dem Abitur und einer Tischlerlehre studierte er Bühnenbild bei Erich Wonder an der Akademie der Bildenden Künste in Wien und Szenenbild bei Lothar Holler an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam Babelsberg. Seit 2001 ist er als freischaffender Bühnen- und Kostümbildner unterwegs, u. a. am Theater Bremen, Schauspiel Essen, Staatstheater Braunschweig, Theater Münster, Theater St. Gallen, Vereinigte Bühnen Krefeld und Mönchengladbach, Hebbel am Ufer Berlin, Theater Heidelberg und dem Saarländischen Staatstheater mit RegisseurInnen wie Martin Schulze, Thomas Ladwig, Johannes von Matuschka, Nora Somaini, Johanna Weißert und Kathrin Mädler. Mit Nadja Loschky arbeitet er seit 2014/15 regelmäßig zusammen. Am Theater Bielefeld realisierten sie in der Saison 2015/16 bereits Brittens Death in Venice.

KOSTÜME
Irina Spreckelmeyer wurde 1991 in Osnabrück geboren. Nach Abschluss ihres Kostümbildstudiums bei Maren Christensen an der Hochschule Hannover begann sie 2016 ihr Masterstudium bei Florence von Gerkan an der Universität der Künste Berlin. Schon vor und während ihres Studiums arbeitete sie als Kostümassistentin und Kostümbildnerin für verschiedene Schauspiel-, Tanz- und Opernproduktionen. Erste eigene Arbeiten entstanden mit Regisseurin Laura Jakschas am Theater Osnabrück und auf Kampnagel in Hamburg sowie mit Stephan Hintze auf der Studiobühne der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Seit 2013 verbindet sie eine enge Zusammenarbeit mit Regisseur Andreas Kriegenburg und Kostümbildnerin Andrea Schraad. Mit ihnen erarbeitete Irina Spreckelmeyer gemeinsame Produktionen wie Sklaven am Deutschen Theater Berlin, Così fan tutte an der Semperoper Dresden, Don Juan kommt aus dem Krieg bei den Salzburger Festspielen, Maria de Buenos Aires am Theater Bremen und Die Frau ohne Schatten an der Hamburgischen Staatsoper.

2017 zeichnete sie für das Kostümbild von Drei Tage auf dem Land in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg am Schauspiel Frankfurt verantwortlich.

BESETZUNG
Lenz Evgueniy Alexiev
Oberlin Moon Soo Park
Kaufmann Lorin Wey
Vision junger Lenz (Tänzer) Gieorgij Puchalski
Vision Lenz als Kind Cornelius Schäfer
6 Stimmen Christin Enke-Mollnar, Franziska Hösli,
Orsolya Ercsényi, Sofio Maskharashvili,
Yun Geun Choi, Enrico Wenzel
2 Kinder Sophia Klemisch, Hanne Lingnau,
Catherine Taylor (alternierend)
Vision junge Friederike Ida Haubrock, Marieke Zimmermann

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