Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere ORLANDO PALADINO, 27.04.2018

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld
Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

ORLANDO PALADINO –  JOSEPH HAYDN

PREMIERE : 27.04.2018 – 20:00 Uhr,  weitere Vorstellungen 04.05., 15.05., 27.05., 13.06., 21.06., 29.06., 05.07.2018

“Ja, hat denn die ganze Welt den Verstand verloren?!”

Das wird sich Alcina wohl fragen, als in ihrem Zauberreich mehr und mehr abgehetzte Menschen eintreffen, die vor jemandem weg- oder jemandem hinterherlaufen. Zum Beispiel Angelica, die eigentlich nur romantische Zweisamkeit mit ihrem Medoro genießen will. Aber da auch Orlando sie – im wahrsten Sinne des Wortes – bis zum Wahnsinn liebt, lebt sie immer fluchtbereit in Angst um ihren zarten Liebsten. Daran kann auch das Schutzversprechen des cholerischen Rodomonte nichts ändern, dessen größter Lebenstraum durch ein Duell mit dem rasenden Orlando in Erfüllung ginge. Wenn der nicht bloß immer schon weg wäre, wenn Rodomonte glaubt, ihn endlich gestellt zu haben! Das findet auch Orlandos Diener Pasquale nervig, der lieber einem gebratenen Hühnchen oder der schönen Eurilla hinterherlaufen würde statt seinem liebestollen Herrn. In diesem Emotionschaos muss Alcina zu drastischen Mitteln greifen, damit endlich wieder Ruhe in ihr Reich einkehrt. Mehrmals unterzieht sie Orlando einer Schocktherapie, doch erst das totale Auslöschen seiner Erinnerung durch das Wasser des Letheflusses bringen seine tiefen Gefühle zum Verstummen.

Theater Bielefeld / Orlando Paladino hier Cornelie Isenbuerger, welche Angelica darstellen wird © Philipp Ottendoerfer
Theater Bielefeld / Orlando Paladino hier Cornelie Isenbuerger, welche Angelica sein wird © Philipp Ottendoerfer

Für Haydns Publikum 1782 war die Oper ein Wiedersehen mit alten Bekannten, basiert Orlando Paladino doch auf der Mutter aller Fantasy- Romane, dem vielrezipierten Ritterepos Orlando Furioso des Renaissance-Dichters Ludovico Ariost. Sämtliche Einheiten von Raum, Zeit und Handlung sprengend, erzählte Ariost hier von äußerlich zwar unverletzlichen, innerlich aber zerrissenen Superhelden, liebenden, aber durchaus gleichberechtigt kampfbereiten Frauen, Monstern, Fabelwesen und Außerirdischen, Zauberern mit den neuesten technischen Errungenschaften, Überschallgeschwindigkeit erreichenden Fortbewegungsmitteln und sogar von einer Reise zum Mond. Nichts ist unvorstellbar in diesem gleichermaßen ernsten wie komischen Epos, das damit eine ideale Fundgrube bildete für Haydns auf Schloss Esterházy entwickelter Vision einer Oper, die heitere und ernste, heroische und pastorale Elemente in sich vereinen sollte. Immer wieder drängen sich – in Hinblick auf die Figuren wie auch die Musiksprache – Vergleiche mit Mozarts Zauberflöte oder Don Giovanni auf, die wohlgemerkt beide nach Haydns Orlando Paladino entstanden. Mehrere Figuren in emotionalen Extremzuständen entnahm der Librettist Nunziato Porta dem Epos, versetzte sie aber in eine neue Grundkonstellation und alle gemeinsam in das Reich der Zauberin Alcina. Der von allen als wahnsinnig geschmähte und in seiner verzweifelten Raserei gefürchtete Orlando wirkt hier lediglich wie ein Primus inter Pares. Während Orlandos verlorener Verstand bei Ariost auf dem Mond wiedergefunden und somit wiederhergestellt wird, müssen seine tiefen Gefühle in der Oper vollständig ausgelöscht
werden, da sie – im Gegensatz zu denen der anderen – unstillbar und damit nicht mit irdischen Mitteln »heilbar« sind. Wie diese ihren Empfindungen unmittelbar ausgelieferten Menschen durch Alcinas Eingreifen nach und nach zu einem kontrollierten und damit gesellschaftskonformen Gefühlshaushalt gebracht werden, stellt das Team um Regisseurin Felicitas Brucker in den Mittelpunkt ihrer Deutung, bei der gleichermaßen die komischen wie auch die ernsthaften Seiten von Haydns Dramma eroicomico beleuchtet werden.

Auch wenn eine friedliche Koexistenz zwischen gleichgeschalteten und gleichmütigen Wesen sicherlich leichter zu erreichen ist als zwischen radikal subjektiven und unbeherrschten Individuen – würde der Welt nicht etwas fehlen? Unter der musikalischen Leitung von Merijn van Driesten steht Daniel Pataky als liebeskranker Orlando auf der Bühne. Cornelie Isenbürger leiht seinem Objekt der Begierde, Angelica, ihren koloratursicheren Sopran. Aufopferungsbereit und doch ein wenig hasenfüßig steht Medoro, gesungen von Lianghua Gong, Angelica zur Seite. Voll baritonalem Testosteron sucht Rodomonte, alias Caio Monteiro, den Kampf mit dem rasenden Orlando. Lieber als den Befehlen seines Herrn folgt Lorin Wey als Orlandos Diener Pasquale den Verlockungen der süßen Eurilla, dargestellt von Nienke Otten. Gemeinsam mit Yoshiaki Kimura als Licone/Charon versucht Alcina, gesungen von Hasti Molavian, die Emotionen der Beteiligten unter Kontrolle zu bringen. Es spielen die Bielefelder Philharmoniker.

Musikalische Leitung :  Merijn van Driesten, Inszenierung : Felicitas Brucker, Bühne : Marlene Lockemann, Dramaturgie : Anne Christine Oppermann
Mit Lianghua Gong // Cornelie Isenbürger // Yoshiaki Kimura // Hasti Molavian // Caio Monteiro // Nienke Otten // Daniel Pataky // Lorin Wey // Bielefelder Philharmoniker


INSZENIERUNG
Felicitas Brucker wurde 1974 in Stuttgart geboren und absolvierte von 1995 bis 2001 ein Studium der Theaterwissenschaften, Kommunikationswissenschaften und der Neueren Deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Anschluss studierte sie Regie am Goldsmith College der University of London via DAAD Postgraduiertenstipendium.

Während des Aufenthaltes in London bis 2003 entstanden erste eigene Projekte. Bisher inszenierte sie u. a. an den Münchner Kammerspielen, am Theater Freiburg, am Schauspiel Hannover, am Maxim Gorki Theater Berlin und am Thalia Theater Hamburg. Von 2009 bis 2014 war sie Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien, wo sie u. a. für die Uraufführungen von Ewald Palmetshofers hamlet ist tot. keine schwerkraft (2007), faust hat hunger und verschluckt sich an einer grete (2009) sowie die österreichischen Erstaufführungen von tier. man wird doch bitte unterschicht (2011) und Körpergewicht. 17% (2011) verantwortlich war. Am Schauspielhaus Wien inszenierte sie zudem Kassandra oder die Welt als Ende der Vorstellung von Kevin Rittberger (UA 2010), Karaoke-Box von Iwan Wyrypajew (UA 2010 im Rahmen der Serie Die X Gebote), Der Garten von Anja Hilling (UA 2011), Gier von Sarah Kane und Illusionen von Iwan Wyrypajew (ÖEA 2013) sowie Aller Tage Abend nach dem Roman von Jenny Erpenbeck (UA 2014, Dramatisierung für das Schauspielhaus Wien von Andreas Jungwirth in Zusammenarbeit mit Felicitas Brucker). Gemeinsam mit Anne Habermehl war sie als Projektleiterin für die Theaterserie Die Welt von gestern nach Stefan Zweig verantwortlich.

In der Spielzeit 2015/16 inszenierte sie am Theater Freiburg ihre Antiken-Bearbeitung Ödipus (nach Sophokles, Euripides und Aischylos) und stellte sich mit Wolfgang Amadeus Mozarts Così fan tutte erstmals als Opernregisseurin vor. Zuletzt inszenierte sie am Theater Basel die Uraufführung von Darja Stockers Stück Nirgends in Friede. Antigone, (eingeladen zu den Autorentheatertagen 2016) sowie die Schweizer Erstaufführung von Ewald Palmetshofer die unverheiratete (2017) und die Uraufführung von Dominik Buschs Das Recht des Stärkeren (2018).


MUSIKALISCHE LEITUNG
Merijn van Driesten ist Kapellmeister und Studienleiter am Theater Bielefeld. Der gebürtige Niederländer studierte zunächst Klavier in Utrecht und Amsterdam sowie bei E. Koroliov in Hamburg. Nach einer freischaffenden Tätigkeit als Kammermusiker, Liedbegleiter und Dozent am Musikseminar Hamburg studierte er Dirigieren bei Prof. Christoph Prick an der Hamburger Musikhochschule. Seit 2007 arbeitet Merijn van Driesten an verschiedenen Theatern als Kapellmeister und Repetitor, wo er ein großes Repertoire an Bühnenwerken und Konzertliteratur spielte und dirigierte. Sein besonderes Interesse gilt dabei der Aufführungspraxis barocker und klassischer Musik, die er oft am Cembalo begleitet. Am Theater Bielefeld leitete er neben vielen Vorstellungen (z. B. Così fan tutte, Die Fledermaus, Tosca, Madama Butterfly und Die Zauberflöte) viele Kinderkonzerte und Opernproduktionen, darunter Händels Xerxes, die Wiederaufnahme von Tannhäuser, Monteverdis Die Krönung der Poppea und 2016 die erfolgreiche europäische Erstaufführung von Dog Days des amerikanischen Komponisten David T. Little. Außerdem leitet er seit 2011 das Sinfonieorchester Paderborn.


BÜHNE
Marlene Lockemann wurde 1989 in Berlin geboren. Von 2012 – 2017 studierte sie Bühnenraum und freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg bei Professor Raimund Bauer. Vor und während ihres Studiums assistierte sie bei Bühnen- und Kostümbildarbeiten u. a. am Ballhaus Naunynstraße in Berlin und am Thalia Theater in Hamburg. Marlene Lockemann entwickelte Bühnenräume u. a. für Inszenierungen im Deutschen Schauspielhaus, in der Staatsoper und auf Kampnagel inHamburg. Für ihren Bühnenraum für Katzelmacher, 2016 im Münchner Volkstheater in der Regie von Abdullah Kenan Karaca, wurde sie im Rahmen der Kritikerumfrage des Magazins Theater heute als beste Nachwuchsbühnenbildnerin des Jahres 2016 nominiert. Weiterhin verwirklichte sie Rauminstallationen und Performances wie den OXO Inkubator in Zusammenarbeit mit Lea Burkhalter auf dem internationalen Sommerfestival auf Kampnagel 2014 oder die Perfor mance round150 auf dem Brutkastenfestival 2015 der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Sie beteiligte sich an Ausstellungen wie Der hellste Tag 2015 im Elektrohaus Hamburg oder B1 im Rahmen der Lessingtage 2016 im Thalia Theater in Hamburg. Für die performative Installation IM FALL, in Zusammenarbeit mit Lea Burkhalter wurde sie 2017 mit dem Karl H. Ditze-Preis für die beste Abschlussarbeit der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ausgezeichnet.


KOSTÜME
Viva Schudt, geboren in Konstanz, studierte von 1994 bis 2000 Freie Kunst, Fachbereich Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf. Seit 1999 arbeitet sie als Bühnen- und Kostümbildnerin in den Sparten Schauspiel, Oper und Tanz und an Projekten mit Laien und Experten im öffentlichen Raum, im Gefängnis, in Hörsälen oder im Altersheim. Sie arbeitete u. a. am Luzerner Theater, Schauspielhaus Zürich, Theater Basel, Jungen Theater Basel, Berner Theater, Theater am Neumarkt in Zürich, Schauspielhaus Hamburg, Staatstheater Hannover, Staatstheater Stuttgart, an den Kammerspielen München, am Schauspielhaus Wien, Volkstheater Wien, Schauspiel Köln sowie am Theater Freiburg. Dort übernahm sie von 2006 bis 2007 die Ausstattungsleitung unter der Intendanz von Barbara Mundel. Sie gestaltete mehrere Raumbühnenbilder in Luzern und konzeptionierte 2012 die Ausweichspielstätte des Schauspielhauses Hamburg während des Umbaus des Bühnenhauses. 2016 gründetet sie mit Daniel Wahl U.G.L.E (urban guerilla life entertainment) zur Erforschung von Theater im öffentlichen Raum. Seit 2012 verbindet sie eine regelmäßige Zusammenarbeit mit der Regisseurin Felicitas Brucker, Haydns Orlando Paladino ist ihre zehnte gemeinsame Arbeit und ihre erste am Theater Bielefeld. PMThBi

BESETZUNG
Angelica – Cornelie Isenbürger, Rodomonte – Caio Monteiro, Orlando Daniel Pataky
Medoro Lianghua Gong, Licone Yoshiaki Kimura, Eurilla Nienke Otten. Pasquale Lorin Wey
Alcina Hasti Molavian, Charon Yoshiaki Kimura

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