Bielefeld, Theater Bielefeld, Premiere OTELLO von Giuseppe Verdi, 07.10.2017

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Theater Bielefeld

Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld
Theater Bielefeld / Fassade © Theater Bielefeld

OTELLO von  GIUSEPPE VERDI

 Libretto von Arrigo Boito, nach Shakespeares Othello, der Mohr von Venedig // In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

PREMIERE : 07.10.17, 19:30 Uhr, weitere  Vorstellungen : 14.10., 22.10., 09.11., 29.11., 05.12., 20.12.17

Was für eine Erfolgsgeschichte! Otello hat mehr erreicht, als er wohl je zu erträumen wagte: Er bekleidet einen hohen militärischen Rang, scheint gesellschaftlich anerkannt zu sein und hat Desdemona, eine der schönsten und begehrtesten Frauen des Landes, im Sturm erobert. Und dies alles gelang ausgerechnet ihm, dessen Leben als Sklave vorgezeichnet schien, der auf abenteuerlichen Wegen als Habenichts in eine fremde Gesellschaft kam. Als der intrigante Jago ihm das Gift der Eifersucht einträufelt, beginnt
Otello jedoch alles zu entgleiten. Mit kleinen, wohldosierten Bemerkungen wird nicht nur Otello, sondern die gesamte Gesellschaft manipuliert. Fassungslos und zu spät erkennen die Beteiligten letztendlich, wie sich direkt unter ihren Augen und dennoch für sie nicht sichtbar eine tödliche Tragödie anbahnen konnte.

Verdis Spätwerk irritierte die Zeitgenossen zunächst. Selbstbewusst beschritt der 70-jährige Komponist den Weg zum italienischen Musikdrama, veränderte und dekonstruierte dabei formale Konventionen der Nummernoper, wenn auch das Formprinzip noch erkennbar blieb. Doch alle diese Formen ordnete Verdi nun der seit langem von ihm geforderten »dramatischen Wahrheit« unter, um ein echtes, einheitliches Musikdrama zu schaffen. Der instrumentale Part löst sich aus der Begleitfunktion und wird zu deutender Ergänzung des Vokalparts, ohne dass dadurch jedoch die Vorherrschaft der Stimmen in Frage gestellt würde. Eng wie nie zuvor verschmelzen die Akte zu einem durchkomponierten Ganzen, so dass Otello heutzutage mit Fug und Recht gleichzeitig als End- und Höhepunkt der romantischen italienischen Oper gilt. Der ununterbrochene musikalische Fluss übt eine ähnlich unentrinnbare Sogwirkung aus wie Jagos minutiös getimte Manipulationen menschlicher Schicksale.

Mit Jago erschuf William Shakespeare eine abgrundtief zynische Figur, einen Meister der Verführung. Kein Wunder, dass Giuseppe Verdi und sein Librettist Arrigo Boito zeitweise beabsichtigten, ihre Oper Jago zu nennen. Auch Regisseur Paul-Georg Dittrich stellt den brillanten Manipulator ins Zentrum seiner Deutung. Was treibt Jago an? Sind es wirklich die kleinlichen, allzu menschlichen Kränkungen, die er selbst anführt – jeweils angepasst an das fragende Gegenüber? Oder ist etwa der metaphysischen Überhöhung zu glauben, mit der er sich dem Publikum als das personifizierte Böse zu erkennen gibt? Offen bezieht Jago die Zuschauer in sein Spiel ein und demonstriert ihnen, welche Gefahr seiner Meinung nach in dem scheinbar so angepassten Fremden schlummert, schließlich weiß er: »Er ist, was er ist.« Diese Andersartigkeit Otellos gilt es vor aller Augen bloßzustellen. Doch darf der Zuschauer einem Demagogen trauen, dessen suggestives Blendwerk Dinge anders erscheinen lässt, als sie sind?

Eine dystopisch-surrealistische Welt entwerfen die Bühnenbildnerinnen Lena Schmid und Monika Annabel Zimmer gemeinsam mit der Kostümbildnerin Anna Rudolph. Wie auf der abgeschotteten Insel Zypern, zu deren Statthalter Otello zu Beginn der Oper ernannt wird, gibt es auch hier kein Entkommen für Otello, der sich Herr der Lage wähnt und darüber nicht erkennt, dass er sich längst in Jagos Propaganda-System befindet. Komplettiert wird der düstere Kosmos durch die Videos des Filmemachers Vincent Stefan. Privater Raum existiert nicht mehr, alles wird medial überwacht und nutzbar gemacht.

Für die Rolle des Otello konnte der russische Tenor Mikhail Agafonov gewonnen werden. Seine geliebte Desdemona, unschuldig und doch zum Sterben verurteilt, wird von Sarah Kuffner dargestellt. Evgueniy Alexiev beherrscht als Jago sämtliche Formen medialer, psychologischer sowie musikalischer Manipulation. Daniel Pataky fällt als Otellos Protegé Cassio dem Intrigenspiel als Erster zum Opfer. Lianghua Gong und Ensemble-Neuzugang Lorin Wey werden alternierend den aussichtslos in Desdemona verliebten Rodrigo interpretieren. Auch Hasti Molavian als Jagos Ehefrau Emilia wird durch emotionale Abhängigkeit zu einem Werkzeug der Manipulation.

Yoshiaki Kimura leiht dem edlen Montano seine Stimme und Moon Soo Park wird als Lodovico versuchen, das Lügennetz zu zerreißen. Es spielen und singen unter der Leitung von GMD Alexander Kalajdzic der Bielefelder Opernchor, der Extrachor des Theaters Bielefeld, die JunOs und die Bielefelder Philharmoniker.

MUSIKALISCHE LEITUNG  –  Alexander Kalajdzic 
Geboren in Zagreb, Kroatien, begann Alexander Kalajdzic seine musikalische Ausbildung mit sechs Jahren und gab ab dem achten Lebensjahr regelmäßig Konzerte als Pianist. Er gewann mehrere Preise bei Bundeswettbewerben und setzte anschließend sein Studium an der Musikhochschule in Wien fort, wo er die Dirigierklasse von Karl Österreicher mit Auszeichnung absolvierte. Darüber hinaus studierte er Klavier, Viola und Korrepetition. Schon während des Studiums dirigierte er Symphoniekonzerte mit den Zagreber Philharmonikern sowie dem Orchester des Kroatischen Rundfunks. Sein beruflicher Weg führte ihn nach Krefeld-Mönchengladbach, wo erals Korrepetitor mit Dirigierverpflichtung erste Theatererfahrungen sammelte. Danach war er als Kapellmeister in München, als erster
Dirigent am Nationaltheater Weimar und von 2008 bis 2010 als 1. Kapellmeister am Nationaltheater Mannheim tätig, wo er sich ein großes Repertoire erarbeiten konnte. Er gastierte u. a. in den USA, Mexiko, Südafrika, Italien, Frankreich, in der Schweiz und in Tschechien. Seit Spielzeitbeginn 2010/11 leitet er als GMD die musikalischen Geschicke des Theaters Bielefeld und der Bielefelder Philharmoniker.

INSZENIERUNG
Paul-Georg Dittrich studierte von 2007 bis 2011 Regie an der Theaterakademie Hamburg. Er inszenierte u. a. am Schauspiel Frankfurt, Theater Bremen, Theater Heidelberg, Schauspielhaus Wien, Theater Augsburg, Theater Aachen, Theater Kiel, Landestheater Tübingen, Stadttheater Bremerhaven, Theater Erlangen, Landestheater Schleswig-Holstein, Kampnagel Hamburg und an der Neuköllner Oper Berlin. Festivaleinladungen u. a. zu den Baden-Württembergischen Theatertagen und zu Kaltstart Hamburg.

2016 wurde er für den Deutschen Theaterpreis FAUST in der Kategorie »Regie Musiktheater« für die Operninszenierung Wozzeck von Alban Berg am Theater Bremen nominiert. 2017 erhielt er mit der Inszenierung Die Wand nach dem Roman von Marlene Haushofer am Theater Aachen eine Einladung zum NRW-Theatertreffen. Das Stadtmagazin Klenkes wählte die Inszenierung Orlando nach Virgina Woolf zur »Besten Inszenierung« in der Spielzeit 2013/14 am Theater Aachen. Zudem erhielt Dittrich den Preis der LTT-Freunde für die »Beste Inszenierung« in der Spielzeit 2012/13 am Landestheater Tübingen. Im Fokus von Dittrichs Arbeiten steht neben dem poetischen Geschichtenerzählen und der phantasievollen Einbeziehung von audiovisuellen Medien immer auch die künstlerische Suche nach einer zeitgenössischen Vernetzung zwischen Musik- und Sprechtheater und nach experimentellen Spielformen. In der Spielzeit 2017/18 werden Regie-Arbeiten u. a. am Theater Bremen (Oper) und an der Hamburger Staatsoper entstehen. Verdis Otello ist seine erste Arbeit am Theater Bielefeld.

BÜHNE
Lena Schmid, geboren 1986 in Zürich, lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte an der Toneelacademie Maastricht und an der Akademia Sztuk Pieknych in Warschau Bühnen- und Kostümbild und war zwei Jahre als Bühnenbildassistentin am Centraltheater Leipzig engagiert. Seit 2013 arbeitet sie als freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin im Bereich Schauspiel, Oper und Tanz u. a. in Berlin am Berliner Ensemble, an der Neuköllner Oper und in den Uferstudios. Außerdem arbeitet sie an der Oper Bremen, am Schauspielhaus Graz, Düsseldorfer Schauspielhaus, Theater am Neumarkt in Zürich, Schauspiel Frankfurt und am Staatstheater Hannover. Regelmäßige Zusammenarbeit verbindet sie u. a. mit den Regisseuren Paul-Georg Dittrich, Alexander Eisenach und der Regisseurin Lily Sykes.

Monika Annabel Zimmer studierte in den Niederlanden an der Toneelacademie Maastricht und in Wien an der Universität für angewandte Kunst, Bühnen- und Kostümbild. 2017 schloss sie mit ihrem Master of Theater erfolgreich ihr Studium in den Niederlanden ab. Während der Studienzeit wirkte sie an unterschiedlichsten Theaterproduktionen mit. Zuletzt war sie am Grazer Schauspielhaus als Ausstattungsassistentin beschäftigt, an dem sie auch mehrere eigene Projekte verwirklichte.

KOSTÜME
Anna Rudolph (geb. Macholz) studierte an der Fachhochschule für Design und Medien in Hannover Kostümdesign und Szenografie. Mit dem Stück Birds von Juliane Kann in der Regie von Sascha Hawemann gewann sie den Publikumspreis bei den Autorentheatertagen 2008 am Thalia Theater. Seit 2008 arbeitet sie als freiberufliche Bühnen- und Kostümbildnerin im Bereich Schauspiel und Oper u. a. am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Stadttheater Klagenfurt, Staatstheater Ingolstadt, Schauspiel Hannover, Theater Luzern, Theater Bremen. Eine regelmäßige Zusammenarbeit verbindet sie u. a. mit den Regisseuren Lars-Ole Walburg und Marco Storman. Verdis Otello für das Theater Bielefeld ist die erste gemeinsame Arbeit von Anna Rudolph und dem Regisseur Paul-Georg Dittrich.

VIDEO
Vincent Stefan absolvierte seit seiner Jugend diverse Klavier- und Kompositionsschulen (Friedrich Goldmann). Seit Jahren als Musiker, Regisseur, Komponist, Dramaturg, Performer und Fotograf international aktiv, erweiterte er ab 2008 sein künstlerisches Tätigkeitsfeld als Videodesigner. Neben Kompositionsaufträgen (Studio Babelsberg, Kent Nagano/DSO Berlin, Staatsoper Berlin, Theatertreffen/Maxim Gorki) führten ihn Engagements im deutschsprachigen Raum u. a. an die Staatsoper Berlin, an die Volksbühne Berlin, zur Semperoper Dresden, zur Oper Halle, zum Steirischen Herbst, zur Ruhrtriennale, zum HAU 1+2, an das Berghain und an das Nationaltheater Weimar. Seine personellen Wirkstätten reichen von Peter Konwitschny über David Mouchtar-Samorai bis Christoph Schlingensief, von Sybille Berg, Heta Multanen bis hin zu diversen Musikvideoproduktionen, beispielsweise die Inszenierung des weltweit größten Lipdubs zum Opus-Hit Live is Life. Vincent Stefan inszenierte 2016 Trond Reinholdtsens Music as Emotion und wird 2018/19 neben drei weiteren Operninszenierungen auch beim Film als Regisseur tätig sein. Derzeit ist er als Komponist und Pianist im Rahmen des Musikfestivals Fremd bin ich der Alten Oper Frankfurt / Mousonturm in Frankfurt zu sehen.

BESETZUNG –  Otello Mikhail Agafonov, Jago Evgueniy Alexiev, Cassio Daniel Pataky,
Rodrigo Lianghua Gong / Lorin Wey, Lodovico / Ein Herold Moon Soo Park, Montano Yoshiaki Kimura, Desdemona Sarah Kuffner, Emilia Hasti Molavian, Bielefelder Opernchor // Extrachor des Theaters Bielefeld // JunOs //, Bielefelder Philharmoniker;

Otello am Theater Bielefeld:  PREMIERE : 07.10.17, 19:30 Uhr, weitere  Vorstellungen : 14.10., 22.10., 09.11., 29.11., 05.12., 20.12.17

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