Bonn, Theater Bonn, Attila von Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 08.03.2017

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Theater Bonn

Theater Bonn © Thilo Beu
Theater Bonn © Thilo Beu

Wohin wir schaun, ist Feuer, Flucht und Mord

Hilsdorf treibt Verdis Oper Attila das Erhabene der Gewalt aus

Von Hanns Butterhof

Rauch einer niedergebrannten Stadt treibt durch den Innenhof eines zerschossenen Palazzos. Unter dem Hohngelächter einer verrohten Soldateska wird einem Gefangenen die Kehle durchgeschnitten, ein weiterer wird gefoltert. Wie ein heutiges Bekennervideo beginnt Giuseppe Verdis Oper Attila von 1846 in der Regie von Dietrich W. Hilsdorf an der Oper Bonn.

Theater Bonn / Attila wird Odabella als Beute zugeführt © Thilo Beu
Theater Bonn / Attila wird Odabella als Beute zugeführt © Thilo Beu

Deutlich versteht Hilsdorf den Attila Verdis anders als der Komponist. Diesem ging es in der Zeit des „Risorgimento“, dem 1831 revolutionär ausgebrochenen Kampf für die Einheit Italiens und gegen jede Fremdherrschaft im Land, um das Erwecken nationaler Aufstands-Begeisterung. Dazu schien ihm die Geschichte der italienischen Fürstentochter Odabella geeignet, die ihr Vaterland von den Hunnen befreit, indem sie deren König Attila tötet, als dieser sich anschickt, Italien zu erobern.

In Hilsdorfs Interpretation des Attila gibt es nichts begeisternd Erhabenes an dieser historisch nicht verbürgten, auf der Tragödie „Attila, König der Hunnen“ von Zacharias Werner beruhenden Handlung. Auch die Heldin Odabella ist für ihn keine Freiheitskämpferin, sondern nur eine Mörderin mehr in einer Welt voll Feuer, Flucht und Tod.

Der Attila, wie ihn Franz Hawlata zeichnet, ist ein ausgebrannter Mann, der seiner Rolle als Werkzeug himmlischer Beschlüsse nicht mehr glaubt. So lässt er sich von einem Traum ins Bockshorn jagen, in dem ihm der Römische Bischof (Leonard Bernad) die Eroberung Roms verbietet. Als dieser dann tatsächlich auf einer Art Papamobil angerollt kommt und das Verbot wiederholt, wirft sich Attila in den Staub, und selbst die als Engelchen verkleideten Kinder, die den Bischof begleiten, lachen darüber.

 Theater Bonn / Attila - Odabella hat Attila getötet © Thilo Beu
Theater Bonn / Attila – Odabella hat Attila getötet © Thilo Beu

Auch Ezio (Ivan Krutikov), der militärische Gegenspieler Attilas, der ihn schon auf den Katalaunischen Feldern geschlagen hatte, ist keine Lichtgestalt. Unbeherrscht schüttet der römische Unterhändler Wein in sich hinein, sein Angebot an Attila, ihm selber Italien zu übrlassen, entspringt nicht der Liebe zu seinem Land, sondern seinem Ehrgeiz. Der hinterhältige, letztlich siegreiche Angriff auf die Hunnen ist nicht seine Idee.

Auch der Adlige Foresto (George Oniani) ist alles andere als ein Held. Zwar zeigt er den Überlebenden der eroberten Stadt in einer für die Handlung belanglosen, aber musikalisch beeindruckenden Szene mit nächtlichem Gewitter und strahlendem Sonnenaufgang den Weg in ein neues Leben. Aber er blickt sonst nicht über sich selber hinaus. Seine Verlobte Odabella wünscht er sich lieber tot als in der Hand der Hunnen, und sein missglückter Versuch, Attila zu vergiften, entspringt seiner Eifersucht, als er vermeint, Odabella sei die Mätresse des Hunnenkönigs.

Nur Odabella (Yannick-Muriel Noah) zeigt in ihrer Handlungsweise Größe. Von Beginn an, als sie sich von Attila sein Schwert erbittet, schwebt ihr eine Tat wie die der biblischen Judith an Holofernes vor. Aber es geht ihr nicht um die Befreiung Italiens, sondern um Rache für ihren Vater, den Attila töten ließ. Diese Rache lässt sie sich auch durch Foresto nicht aus der Hand nehmen. Sie vereitelt dessen Giftanschlag auf Attila, um diesen umso gewisser zu töten. So reiht sie sich ein in die unendliche Kette der Mörderinnen, die unendlich tiefer in die Geschichte hinabführt als nur bis zu Judith, an deren Mord an Holofernes Hilsdorf schon während der Ouvertüre mit einem lebenden Bild erinnert.

Theater Bonn / Attila - Yannick-Muriel Noah ist Odabella © Thilo Beu
Theater Bonn / Attila – Yannick-Muriel Noah ist Odabella © Thilo Beu

In dieser Welt des Schlachtens gibt es nichts Erhabenes, grotesk läuft das Menschliche so neben dem Unmenschlichen her. Die Soldaten stillen ihren Hunger an einer Frittenbude mit Fernsehprogramm, Attilas Bursche Uldino (Jonghoon You) öffnet seinem hungrigen Feldherrn eine Raviolidose und Ezio drückt der Schuh so, dass er ihn im Schlafzimmer Attilas kurz vor dessen Ermordung umständlich ausziehen muss.

Hilsdorfs Lesart der Oper, die sich mit der Bühne Dieter Richters und den überzeitlichen Kostümen Renate Schmitzers zwanglos aufs Heute bezieht, ist insgesamt schlüssig, ohne im Einzelnen voll zu überzeugen oder den Klamauk zu scheuen. Umfassend begeisternd ist die musikalische Seite der Aufführung. Aus einem gleichermaßen gut besetzten Ensemble ragt Yannick-Muriel Noah als eine sehr variable Odabella heraus. Ihre dramatische Schmäh-Arie verbindet wunderbar kriegerischen Ausdruck und Schönklang, und ihre lyrische Klage um ihre Toten ist herzzerreißend. Der Ezio Ivan Krutikovs erscheint mit kräftigem, warmen Bariton stimmlich schon von vornherein als Sieger über Attila, den Franz Hawlata, vielleicht rollenbedingt, recht zurückgenommen singt; erst nach seinem Traum, auf dem Weg nach Rom aufgehalten zu werden, blüht er auf, während George Oniani als Foresto mit seinem klaren, kräftigen Tenor und einer Spur Italianitá den ersten Zwischenbeifall erhält.

Will Humburg am Pult des Beethoven Orchesters Bonn entfesselt begeisternd kraftvoll die ganze Dramatik der Partitur, setzt die naturlyrisch weichen von den scharfkantigen sozialen Passagen krass ab. Sein engagiertes Dirigat, dem das Orchester und der von Marco Medved gut einstudierte, doch bei der geforderten Gesangsgeschwindigkeit oft schwer verständliche Chor willig folgen, bekräftigt Hilsdorfs Sicht auf eine Welt voller Gewalt, die nichts Erhabenes hat, und in der nur noch die Natur wo nicht gut, so doch schön ist.

Theater Bonn:  Attila von Giuseppe Verdi, die nächsten Termine: 19. 3. 18.00 Uhr, 30. 3., 12. 5., 3., 17. und 28. 6.2017 jeweils 19.30 Uhr.

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