Bremen, Die Glocke, MUSIKFEST BREMEN 2022, IOCO Kritik, 07.07.2022

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier

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Die Glocke Bremen

Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst
Die Glocke Bremen © Mark Bollhorst

MUSIKFEST BREMEN – 2022

 Deutsche Kammerphilharmonie Bremen  –  Paavo Järvi, Dirigent

Ludwig van Beethoven:  Sinfonien – Nr. 1 Op. 21, Nr. 2 Op. 36,  Nr. 3 „Eroica“ Op. 55

von Thomas Birkhahn

Hat jemals ein Komponist innerhalb von fünf Jahren eine rasantere Entwicklung vollzogen als Ludwig van Beethoven zwischen 1800 und 1805? Nachdem man beim Musikfest Bremen 2022 seine in diesem Zeitraum entstandenen ersten drei Sinfonien mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter Paavo Järvi gehört hat, ist das zumindest schwer vorstellbar.

Ludwig-van-Beethoven Statue in Bonn © IOCO
Ludwig-van-Beethoven Statue in Bonn © IOCO

Wie im Zeitraffer scheinen an diesem Abend jene für die gesamte Musikgeschichte bedeutenden fünf Jahre am Hörer vorbei zu ziehen, und wir werden Zeuge eines Entwicklungsprozesses, den man nicht anders als atemberaubend bezeichnen kann.

Erste Sinfonie  –  Beethoven ließ sich Zeit mit seinem sinfonischen Debut. Sein Respekt vor den  Vorbildern Haydn und Mozart war so groß, dass er zunächst auf andere Genres „auswich“, bevor er im Alter von 30 Jahren seine erste Sinfonie in Wien uraufführte. In einem Alter also, in dem Haydn 20 und Mozart sogar schon 36 Sinfonien komponiert hatten.

Paavo Järvi und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen zeigen von Anfang an ihre totale Identifikation mit dieser Musik. Jede musikalische Geste, jedes noch so kleine Crescendo wird gemeinsam empfunden und artikuliert. Die Musiker und ihr langjähriger Chefdirigent bilden eine Einheit, wie man sie selten im Konzertsaal erlebt.

Järvi betont die Rastlosigkeit dieser Musik. Das Hauptthema des ersten Satzes hat für ihn weniger etwas Spielerisches, als vielmehr etwas Verbissenes, Getriebenes. Er macht deutlich, dass hier ein Komponist die sinfonische Bühne betritt, der neue Wege des Ausdrucks geht, der nach vorne blickt in ein neues Jahrhundert, dem er seinen musikalischen Stempel aufdrücken will.

Und dabei hat er keine Zeit zu verlieren. Diese Musik ist voller Unruhe und diese Unruhe wird von Järvi und seinen Musiker durch sehr genaues Artikulieren eines jeden Akzents oder Crescendos großartig  gestaltet. Auch in den Mittelsätzen herrscht bei Järvi nicht ungetrübte Heiterkeit. Das sehr zügige Andante ist ein Tanz, dessen gute Stimmung durch wütendes Füßestampfen gestört wird.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen © Julia Baier

Dass diese Sinfonie widerborstige Musik ist, in der Beethoven die Erwartungen des Hörers immer wieder nicht erfüllt, ist an diesem Abend ebenfalls so deutlich hören wie selten. So endet im Menuett ein immer lauter werdender Lauf der Violinen plötzlich im Nichts.

Die kurze langsame Einleitung zum Finale wird großartig differenziert gestaltet. Wir hören die Entstehung einer Tonleiter, die immer wieder durch Pausen unterbrochen wird. Diese Pausen haben in Beethovens Partitur alle dieselbe Länge, aber Järvi verlängert die Pausen nach Belieben, um den Zuhörer noch mehr auf die Folter zu spannen. Gleichzeitig setzen seine Musiker die dynamischen Vorgaben Beethovens so genau um, dass diese eher unscheinbaren sechs Takte zu ganz großer Kunst werden und in ein Finale überleiten, in dem sich Heiterkeit und Triumph zu gleichen Teilen wiederfinden.

Zweite Sinfonie  –  Das Schicksal der zweiten Sinfonie ist es, im Schatten der gigantischen Dritten zu stehen.  Järvi zeigt an diesem Abend sehr klar, dass man diesem Werk nicht gerecht wird, wenn man es nur in Bezug zur Eroica beurteilt. Er sieht sie weder als „in der Nähe von Haydn“ noch als „fast schon Eroica, sondern als das, was sie ist, ein eigenständiges Werk mit phänomenaler Musik.

Musikfest Bremen / Paavo Järvi © Alberto Venzago
Musikfest Bremen / Paavo Järvi © Alberto Venzago

Vom ersten Takt an hört man Beethovens gestiegenes Selbstbewusstsein. Obwohl die Besetzung dieselbe geblieben ist, klingt das Orchester voller als in seiner Ersten Sinfonie. Die Einleitung ist nicht nur deutlich länger als in der Ersten Sinfonie, sondern auch majestätischer. Man spürt die Souveränität, über der Komponist inzwischen verfügt. Järvi lässt die lyrische Stimmung herrlich stören in dem er die „pieksenden“ Hörner sehr deutlich heraushebt.

Dynamische Kontraste werden noch größer, sehr leise Passagen kurz durch lärmende Einwürfe „gestört“, heitere Musik durch Aggressivität unterbrochen, all das wird an diesem Abend mit lebendiger Spielfreude vorgetragen.

Beethovens Spiel mit den Erwartungen des Hörers machen diese Musiker großartig mit, wenn sie kurz vor der Reprise eine „krawallige“ Passage einfach im Nichts enden lassen. Es macht nicht nur Spaß, diesem Orchester zuzuhören, sondern auch zuzuschauen, wie sie untereinander kommunizieren, wie sie mit großem Engagement diese phänomenale Musik lebendig werden lassen.

Mit dem  breiten Tempo des Larghettos betont Järvi das Liedhafte des zweiten Satzes. Dies ist kein Andante wie in der Ersten Sinfonie, hier wird nicht getanzt, sondern gesungen. Zunächst zumindest, denn auch im Laufe dieses Mittelsatzes, der zunächst so idyllisch und später tänzerisch daher kommt, steigert Beethoven die Aggressivität und zeigt Zähne.

Das eher gemäßigte Tempo des Scherzos verwundert zunächst. Man hat diesen Satz schon deutlich rastloser gehört. Doch mit dem Beginn des Finales wird verständlich, dass die unruhige Getriebenheit des Schlusssatzes durch das gemäßigte Tempo des Scherzos noch wirkungsvoller wird. Järvi trifft den Ton dieser Musik sehr genau, die zwar heiter ist, aber gleichzeitig etwas Verbissenes an sich hat.

Man denkt hier unweigerlich an eine Äußerung des Dirigenten Sir Thomas Beecham: „Bei Mozart scheint die Sonne, bei Beethoven wird sie zum Scheinen getrieben.“

Dritte Sinfonie  – Eroica  .  Die von der Kammerphilharmonie mit schneidender Schärfe herausgeschleuderten Eröffnungsakkorde bedeuten jedem Hörer, dass Beethoven von jetzt an endgültig Neuland betritt.  Sie sind wie zwei Axthiebe, mit denen er die Verbindung zum 18. Jahrhundert kappt. Es grenzt an ein Wunder, dass zwischen der Ersten Sinfonie und der Eroica nur fünf Jahre liegen. Dies ist nicht mehr Musik, die dem Zuhörer um jeden Preis gefallen will. Hier stehen  Beethovens Emotionen mit all ihren Höhen und Tiefen im Mittelpunkt. Und Järvis hochdramatische Gestaltung  lässt den Zuhörer jederzeit an den Extremen dieser Emotionen teilhaben.

Im riesenhaften ersten Satz herrscht eine bissige, aggressive Grundstimmung. Mit  packender Verve spielt das Orchester die für damalige Ohren unerhörten Wutausbrüche, man schreckt nicht vor Hässlichkeit zurück, wenn die grellen Dissonanzen  mit schonungsloser Konsequenz für den Zuhörer erlebbar werden.

Järvi nimmt sich aber auch die nötige Zeit für die lyrische Melodik, die ebenfalls den ersten Satz durchzieht. Wunderschön intonieren die Holzbläser das  klagende dritte Thema, welches Beethoven – entgegen der ungeschriebenen Gesetze der Sonatenhauptsatzform – eingebaut hat.

Den anschließenden Trauermarsch nimmt Järvi eher rasch, und hier wird deutlich, dass der tiefernste Ausdruck dieser Musik keine Frage des Tempos ist. Das intensive, dichte Spiel des Orchesters hat eine feierliche Schwere, die sich im Ausdruck immer mehr steigert. Dissonanzen von extremer Härte und Intensität werden aufgebaut, immer mehr Schmerzausbrüche verstören den Zuhörer. Bei Järvi durchzieht eine getriebene Unruhe diese Musik, hier ist nichts Versöhnliches, hier gibt es nur jammervolles Klagen und wütendes Auflehnen gegen das Schicksal.

Die Größe Beethovens zeigt sich auch darin, wie er diesen Satz beendet. Er lässt diese Musik  nicht einfach ausklingen,  sondern sie zerfällt regelrecht, als hätte sie sich selbst zerstört.

Der Beginn des Scherzos wird von Beethoven im Pianissimo vorgeschrieben, und hier hätte man sich noch etwas mehr Zurückhaltung gewünscht. Der Klang des Orchesters ist am Beginn zu präsent, dadurch nimmt Järvi der folgenden Eruption viel von ihrer Wirkung. Die zum Zerreißen gespannte Atmosphäre, die Beethoven kreiert hat, kommt nicht recht zur Geltung.

Im Schlusssatz dieser Eroica sind Dirigent und Orchester wieder in Hochform. Mit den rasenden Läufen des wilden Beginns werden beim Hörer große Erwartungen geweckt, die dann von Beethoven nicht erfüllt werden, indem er sich die Unverschämtheit erlaubt, diesen Variationssatz mit nichts als der Basslinie des Themas zu beginnen. Das Orchester spielt hier mit großartiger Sachlichkeit, nur um sich im Laufe des Satzes immer mehr zu steigern und dabei die Wandlungsfähigkeit des vordergründig heiteren Themas zu demonstrieren. Mal kommt es tänzerisch daher, dann wieder nachdenklich oder majestätisch, bis diese ganz und gar einzigartige Sinfonie schließlich im Triumph endet.

Für ihr extrem engagiertes und spielfreudiges Musizieren bekommt das Orchester am Ende stehende Ovationen. Das Publikum würdigt damit auch, nach einem Konzert mit drei sehr gewichtigen Sinfonien und einer Nettospielzeit von zwei Stunden, die physische Leistung der Musiker.

—| IOCO Kritik Bremer Philharmoniker |—

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