Dresden, Semper Zwei, Die kahle Sängerin – Luciano Chailly, IOCO Kritik, 20.01.2022

Semper Zwei / Die kahle Sängerin Foto Ludwig Olah
Semper Zwei / Die kahle Sängerin Foto Ludwig Olah
SEMPER ZWEI in Dresden Foto Jochen Quast
SEMPER ZWEI in Dresden Foto Jochen Quast

Semper Zwei

Die kahle Sängerin – Kammeroper von Luciano Chailly

Deutsche Erstaufführung – nach Eugène Ionesco

von Thomas Thielemann

Als der aus Rumänien stammende Dramatiker Eugène Ionesco (1909-1994), in den 1950-er Jahren in Paris lebend, bemüht war, mit Hilfe der Assimil-Methode die englische Sprache zu erlernen, fand er im Lehrbuch L´anglais sans peine (Englisch ohne Mühe) groteske Unterhaltungen eines Mr. Smith mit einer Mrs. Smith. Gegenseitig belehrten sich die Ehepartner, dass die Woche sieben Tage habe, der Fußboden unten und die Raumdecke oben seien. Irgendwann informierte sich gegenseitig, wie lange sie miteinander verheiratet seien, wo sie wohnten und wieviel Kinder sie haben.

Die kahle Sängerin – an der Semper Zwei
youtube Semperoper Dresden
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Als noch ein Dienstmädchen Mary, ein befreundetes Ehepaar und ein Feuerwehrmann in den widersinnigen Dialogen auftauchten, war er von der Absurdität der Umstände derart fasziniert, dass er unter Nutzung der Personen des Lehrbuchs eine Folge von Gemeinplätzen und Klischees parodistisch zu einem „Anti-Theaterstück“ gestaltete.

Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah
Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah

Den Buchtitel als Namensgeber des Stückes zu nutzen, hätte möglicherweise zu gerichtlichen Auseinandersetzungen geführt, so dass Ionesco dankbar den Proben-Versprecher des Feuerwehrmannes aufnahm, als dieser statt institutrice blonde (blonde Dozentin) versehentlich cantatrice chauve (kahle Sängerin) deklamiert hatte.

Der Komponist Luciano Chailly (1920-2002), hatte bereits zahlreiche literarische Vorlagen  unter anderem von Tschechow, Stevenson, Dostojewski vertont, als ihn seine im internationalem Kulturbetrieb bestens bekannten Kinder – die Harfenistin Cecilia, der Dirigent Riccardo, die Regisseurin Floriana Chailly – aufgefordert hätten, wieder eine komische Oper zu schreiben. Dabei wäre er auch auf Ionescos Einakter L´anglais sans peine aufmerksam gemacht worden und von den Dialogen derart begeistert gewesen, dass er den Vorschlag aufgegriffen habe. So zumindest hat es der Komponist berichtet.

Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah
Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah

Am Text des großartigen Autors habe er bei der Erarbeitung des Opernlibrettos nicht ein einziges Wort geändert, aber nur das unbedingt für den Opernzweck Notwendige übernommen.

Jeder Figur hatte der Komponist ein rhythmisches und melodisches Muster zugeordnet, so dass jeder Agierende auf eigene Art und Weise dem Gesang und der Sprache Ausdruck verleihen konnte. Mit der Orchestrierung erreichte Chailly besondere Wechselbeziehungen zwischen den Klangfarben der Instrumente und den Charakteren der Personen.

Die Inszenierung der deutschen Erstaufführung in Semper Zwei der Sächsischen Staatsoper in Dresden hatte die mit ihrer Arbeit „der himmlische Drache“ von Peter Eötvös im Haus bestens eingeführte Barbora Horáková übernommen. Befreit von den Regeln des realistischen „gut gemachten Stückes“, füllte sie die Bühne mit grotesken und monströsen Charakteren und Symbolen.

Auf den Auftritt der Titelheldin wartet das Publikum vergebens, während sich die agierenden Personen mit hohlen Textschablonen attackieren, die Handlung und Wirklichkeit in einem schwindelerregenden Tempo zerfasern. Die Darsteller agierten entweder vollkommen aneinander vorbei oder vervollständigten ihre sinnlosen Aktionen gegenseitig.

Unterstützt vom Zupfinstrumenten-Quintett konnten die türkische Mezzo-Sopranistin Dilara Bastar als Mrs. Smith und der amerikanische Tenor Peter Tantsits als Mr. Smith ihrer Spielfreude ordentlichem Lauf lassen. Um ihre symbolische Bedeutung zu betonen, verzichteten beide auf eine Charakterisierung ihrer Personen und konzentrierten sich auf die Bewältigung des exzentrischen Tonmaterials. Zum Gegensatz zu ihrem eintönig-stereotypen Leben wurde mit dem Gesang das von den Widersprüchlichkeiten geprägte Gefühlsleben des Paares betont.

Das Benehmen des Ehepaares Martin, von den Ensemble-Mitgliedern Anna Kudriashova-Stepanets und Dogukan Kuran betont dröge und grotesk verkörpert, wurde von den Streichern des Ensembles unterstützt. Ohne Individualität, verstrickt in Konventionen vertuschte das Paar seine Langweile mit Freundlichkeiten sowie Höflichkeit, und versuchte vergeblich das Bild traditionellen Glücks zu bieten.

Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah
Semper Zwei / Die kahle Sängerin © Ludwig Olah

Wie Martin-Jan Nijhof an den Schwierigkeiten eines kommunikativen Verhaltens in einer komplexen Welt zu scheitern drohte, konnte er als Feuerwehrmann nicht zuletzt dank seiner prachtvollen Bassbaritonstimme darstellen. Sein Job ist sein Leben und er treibt seine berufliche Tätigkeit bis ins Absurde: ohne Feuer kann er nicht existieren.

Dabei war für die Darsteller nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, die einfallsreichen Bühnenbauten von Annett Hunger sowie die Requisiten mitspielen zu lassen und durchaus mit Symbolen die Nicht-Handlung voranzutreiben zu lassen. Als passend erwiesen sich auch die fantasievollen Kostüme von Benjamin Burgunder. Das komplexe Geschehen auf der zum Greifen nahen Szene lässt die ausdrucksvollen Video-Installationen von Sergio Verde leider fast unbeachtet.

Mit schrillen Koloraturen bewältigte Jennifer Riedel die Charakterisierung der Mary als eifrig-höhnisch dienendeZofe, oder als selbstbewusst, auftrumpfende Persönlichkeit. Sie klärte Missverständnisse auf, markierte, wie sich das Schicksal über die Menschen lustig macht, und scheint beauftragt, eine, nämlich ihre Wahrheit zu enthüllen.

Mary übernahm gleichermaßen die Aufgabe des Chores der antiken Tragödie als auch die Rolle der Ermittlerin.

Im Verlaufe der Aufführung schien eine gewisse Ratlosigkeit der Zuschauer deutlich. Aber spätestens Marys „Wahrheiten“ sollten in den Zuschauern eine gewisse Nachdenklichkeit wecken, inwieweit in den Absurditäten des Bühnengeschehens Reflexionen des eigenen „Ichs“ und Elemente unseres gesellschaftlichen Umfelds enthalten sind.

Die Musikalische Leitung der Aufführung war dem Leiter des Jungen Ensembles der Semperoper Thomas Leo Cadenbach übertragen worden, der für sein Kammerorchester überwiegend freischaffende Musiker und Musikerinnen verpflichtete.

Zum guten Schluss ließ sich dann doch noch Die kahle Sängerin mit der Stimme von Mariya Taniguchi aus dem Olymp mit einer bezaubernden Wortmeldung vernehmen.

Mit einem kraftvollen Beifall bringt das stark ausgedünnte Publikum der allgemeinen Begeisterung Ausdruck

Die kahle Sängerin in Semper Zwei; die weiteren Termine 21.1.; 22.1.; 5.2.; 11.2.; 7.3.; 11.3.; 13.3.; 15.3.; 16.3.2022 und mehr, link HIER!

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