Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Schwanensee – Ballett Martin Schläpfer, IOCO Kritik, 04.07.2018

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Deutsche Oper am Rhein

Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel - www.foto-drama.de
Deutsche Oper am Rhein / Oper am Rhein fuer alle Opernhaus © Hans Joerg Michel – www.foto-drama.de

SCHWANENSEE  –  Peter I. Tschaikowsky

Tod im Schwanensee

Von Hanns Butterhof

Martin Schläpfer, seit 2009 Chef des Düsseldorfer Balletts am Rhein, hat mit b.36, Schwanensee nur im Untertitel, im zehnten Jahre seiner Zeit an der Rheinoper, sein erstes Handlungsballett choreographiert. Er bezeichnet seinen “Schwanensee” als Uraufführung, wozu ihn berechtigt, dass er sich stark an die musikalische Originalversion Peter I. Tschaikowskys der Jahre 1875 bis 1877 hält, vor allem aber, weil er die Geschichte der Erlösung einer verzauberten Prinzessin durch die Liebe eines Prinzen psychologisch ausdeutet und choreographisch neu erzählt.

Schläpfer unterwirft  Schwanensee  einer Psychoanalyse

Schläpfer will Schwanensee als durchgehende und psychologisch schlüssige Handlung choreographieren und verzichtet auf Märchenhaftes, Pomp und nur schöne Ballett-Szenen, die keine eigene Handlung haben. Dies gelingt schlüssig, indem Prinz Siegfried und sein ödipaler Mutterkonflikt ins Zentrum der Inszenierung rückt. Aber als Märchen ließe es sich einfacher erzählen.

Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee - hier : Marcos Menha, Mitte als Siegfried und seine Freunde © Gert Weigelt
Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee – hier : Marcos Menha, Mitte als Siegfried und seine Freunde © Gert Weigelt

Der Konflikt bricht aus, als Siegfried volljährig wird. Marcos Menha zeichnet ihn als lebensfrohen jungen Mann. Im Festsaal des Adelshofs, den Ausstatter Florian Etti mit übergroßen leeren Bilderrahmen in Petersburger Hängung als ambivalenten Tribut an den Ort der Uraufführung gestaltet hat, amüsiert sich Siegfried mit weiten Sprüngen mit seinen Freunden. Er verschmäht aber auch den Tanz mit einer Schönen aus dem Volk nicht, das zwanglos mit von der Partie ist. Als ihm seine strenge Mutter (Virginia Segarra Vidal) anweist, anderntags auf dem Geburtstags-Ball eine Braut zu wählen, bricht Siegfried zusammen.

Hier geht es um mehr als einen Abschied von der unbeschwerten Jugendzeit, es ist vor allem ein Abschied von Siegfrieds ödipaler Liebe zu seiner Mutter. Die hat sich offenbar dem Zeremonienmeister (Chidozie Nzerem) zugewandt, der mit energisch klarer Gestik das Regiment führt.

Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee - hier : Marlúcia do Amaral als Odette und Marcos Menha als Siegfried © Gert Weigelt
Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee – hier : Marlúcia do Amaral als Odette und Marcos Menha als Siegfried © Gert Weigelt

Lässt man sich auf die Psychologisierung des Schwanensees ein, sind von da ab alle Geschehnisse Phantasmagorien Siegfrieds, der den Hof verlassen hat, um sich in den Schwanensee zu stürzen. Enttäuscht bestraft er seine ihm untreue Mutter, in dem er sie als böse Hexe (Young Soon Hue) imaginiert, und bewahrt doch seine Liebe zu ihr, indem er sie durch eine liebreizende Frau, Odette (Marlúca do Amaral) ersetzt; sie steht unter dem Schutz ihres Großvaters (Boris Randzio); als Vater der Mutter schützt er somit Siegfrieds Liebe zu dieser.

Das ist schlüssig und es wird in bezaubernden Bildern ausgetanzt, wie Odette Siegfried erst vorsichtig, wie zerbrechlich auf Spitze umkreist, sich immer wieder Zuversicht beim still im Hintergrund bleibenden Großvater abholt, bis sie und Siegfried sich schließlich in einem verliebten Walzer finden. Da kniet Siegfried nieder und schwört ihr ewige Liebe, stürmisch von weiß und schwarz gekleideten Schwanen-Frauen umkreist.

Der Gedanke an den Ball zur Brautwahl kann da nur ein Albtraum sein. Alle, auch Siegfried und seine Mutter, sind schwarz gekleidet. Sie weist ihn an, sich aus den Tänzerinnen eine Braut zu wählen, doch immer schneller wendet sich Siegfried von einer Kandidatin nach der anderen ab und bittet seine Mutter kniefällig um Nachsicht. Doch als sie ihn immer wieder mit keinen Widerspruch duldender Geste aufs Parkett zurückschickt, erscheint sie ihm wieder als die böse Stiefmutter Odettes, die ihm insektenartig mit krummen Spinnenfingern, ihrer Tochter Odile (Camille Andriot) als eine Braut unterschieben will, die nicht die richtige ist.

Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee - hier : Young Soon Hue als Odile und Schwanenfrauen © Gert Weigelt
Deutsche Oper am Rhein / Schwanensee – hier : Young Soon Hue als Odile und Schwanenfrauen © Gert Weigelt

Odile kann nicht seine Liebe sein. Ihr perfekter Tanz ist kühl, stets sucht sie Augenkontakt mit dem arrogant auftretenden Rotbart (Sonny Locsin), dem Helfer und Begleiter ihrer Mutter. Als ihr Siegfried nach einer kurzen Irritation doch ewige Treue schwört, lächelt sie triumphierend. Siegfried führt sie als seine Wahl seiner Mutter zu, die der Zeremonienmeister beruhigend in ihren Sessel drückt. Zu spät erkennt Siegfried seinen Verrat und bricht zusammen.

Den See vor Augen spiegeln die Schwanenfrauen Siegfrieds und Odettes Unglück. Mit hängenden Armen umringen sie hilfesuchend den Großvater. Odette fliegt ihm, Pirouetten drehend, noch einmal an den Hals, wird aber von der Stiefmutter getötet. Damit ist auch die Ersatzphantasie Siegfrieds am Ende. Er nimmt die Tote auf die Arme und geht seinen Weg zu Ende – wohl in den Tod im Schwanensee.

Das alles ist viel Kopf, aber eine Möglichkeit, Schwanensee heutig zu verstehen. Ohne Märchenhaftes, Mythologisches oder Archetypisches zu bemühen erlaubt dieser Zugriff eine in sich schlüssige, wenn auch komplizierte Erzählung. Sie nimmt von den Gefühlen Siegfrieds ihren Ausgang und erreicht nach einem mit prätentiösen Generalpausen eher zähen ersten Teil auch mit der Unterstützung der Düsseldorfer Symphoniker unter dem einfühlsamen Dirigat Aziz Shokhakimovs die Gefühle des Publikums. Die Striche, die Schläpfer in Musik und Tanz vornimmt, sind nicht unerheblich, betreffen sie doch neben den Nationaltänzen im dritten Akt vor allem die weißen Akte I und II mit den Tänzen der Schwanenfrauen, auf denen ein großer Teil der Beliebtheit von Schwanensee beruht. Doch wer nicht etwas der 1895er-Fassung von Marius Petipa und Lew Iwanow Ähnliches erwartet, sondern sich auf Schläpfers b.36 / “Schwanensee” eingelassen hat, konnte in der Oper am Rhein einem wunderbar getanzten Ballettabend beiwohnen.

b.36 Schwanensee, Ballett am Rhein, weitere Vorstellungen 8.7.; 11.7.; 12.7.; 15.7.2018 (alle Vorstellungen ausverkauft); 15.9.; 16.9.2018 und mehr. 28.9.2018:  Premiere Schwanensee im Theater Duisburg 28.9.2018 und mehr

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