Düsseldorf, Deutsche Oper am Rhein, Lucio Silla – Frauenpower auf Weltklasseniveau, IOCO Kritik, 23.06.2008


Kritik  

Deutsche Oper am Rhein

Düsseldorf Opernhaus © IOCO
Düsseldorf Opernhaus © IOCO

Lucio Silla –  Frauenpower auf Weltklasseniveau

Besprochene Vorstellung 23.06.2008

Römische Diktatoren und Herrscher des Altertums inspirierten Mozart von frühester Jugend bis zu seinem Tod: Die Oper Titus schrieb Mozart 1791 zum Ende seines kurzen Lebens. Mit Mitridate erntete Mozart 1770, mit 14 Jahren, seinen ersten großen Opernerfolg im Pallazzo Ducale (der späteren Scala) in Mailand.

Die folgende Mailänder Auftragsoper über Mitridates grossen römischen Kontrahenten in Griechenland und Kleinasien, Lucius Cornelius Sulla, alias Lucio Silla 138 bis 78 v. Chr, schrieb Mozart mit 16 Jahren, 1772. Silla, erfolgreicher Feldherr, der nie eine Schlacht verlor, regierte als Konsul und später als grausamer Diktator von Rom. 79 aus freien Stücken abgedankt, starb Silla, geistig und körperlich rege, Memoiren schreibend und persönlichen Interessen folgend, schon ein Jahr später an einem Blutsturz. Sein ungewöhnliches Leben, grausame Entscheidungen wie freiwilliger Rücktritt des römischen Herrschers beflügelten über Jahrhunderte Literaten und Geschichtenschreiber und fand so auch seinen Widerhall in Mozarts Oper.

Diese ernste Opera seria des Spätbarocks blieb über die Jahre immer wenig erfolgreich, wenn nicht sogar unbeliebt. Die Aufführung in der Düsseldorfer Rheinoper erlaubt deshalb die Beschäftigung mit einem frühen noch suchenden und sicher nicht ganz einfach zu inszenierenden Mozart.

Der Stoff der Oper: Silla (Bruce Rankin) verbannt den Senator Cecilio (Mariselle Martinez), um in Rom dessen Braut Giunia ( Simone Kermes ) zu gewinnen: Seine Anträge, immer eindringlich drohend, liebend, schmelzend vorgetragen, weist Giunia beständig zurück. Giunia trifft heimlich ihren aus der Verbannung heimgekehrten Verlobten, Cecilio (Friedhofszene) um einen Mordanschlag auf den Diktator zu planen.

Die Ausführung des Anschlages verlagert sich: Zunächst von Cecilio auf Cinna, Freund des Cecilio, (Kerstin Avemo) und weiter auf Giunia, welche sich weigert, das Attentat durchzuführen. Letztendlich scheitert der Mordanschlag durch Cecilios Verhalten. Cinna beschuldigt Cecilio daraufhin der Unfähigkeit. Celia, Schwester Sillas, ( Romana Noack) hofft, Cinnas Liebe zu gewinnen, verspricht, sich bei ihrem Bruder für Cecilio und Guinia einzusetzen. Überraschend begnadigt Silla alle seine schon zum Tode verurteilten Feinde, erklärt anschließend seine Abdankung und setzt Cinna als seinen Nachfolger ein.

Christof Loy versucht durch ein karges schwarzweiß gehaltenes Bühnenbild die durchgängige Gebrochenheit aller Charaktere der Oper, sei es Silla oder Cinna, herauszuheben. Reduzierte, gedehnte Motorik vertiefte die fortwährend spürbare Betroffenheit. Einfache Baugerüste und Hebebühne betonen den krassen Kontrast zur sanften, schwelgenden Barockmusik der Mozartschen Opera seria. Gedehnte Pausen und langsame Tempi verstärken die von Sulla wie Guinia, Cecilio und Cinna so eindrucksvoll vermittelte depressive Grundstimmung weiter. Und verwirren leider auch ein wenig den Zugang zum Verlauf der Handlung.

Umso phänomenaler die Pracht, Reife und Sicherheit der Solisten dieser Premiere: Hier wiederum vorneweg die Sängerinnen, welche lyrisch, dramatisch, im tiefen Mezzo wie in höchstem Sopran Weltklasseleistungen boten: Giunia von Simone Kermes eindrucksvoll dargestellt, führt ihre Partie in dramatischen Koloraturen und Piani mit atemberaubender Präzision und Modulation. Man spürt förmlich, daß Frau Kermes die in Kopenhagen einstudierte Partie der Guinia verinnerlicht, ausfüllt. Sie beherrscht die unglaublichen Schwierigkeiten in Höhe und Tonfolge, meistert sie mit gelassener Unaufgeregtheit. Kertin Avemo als Cinna steht Frau Kermes in ihren lyrischen Koloraturen nicht nach.

Sie läßt Charme und Feuer des Barock in makelloser Leichtigkeit leuchten, mit einer Stimme, die im Grunde zu schön, zu geschmeidig ist für die Tragik und Trauer transportierende Inszenierung. Und Mariselle Martinez erst: ein breiter festgefügter Mezzosopran, unendlich in Tiefe und mit weichem Timbre in der Höhe, welche die Nöte des leidenden Cecilio mit Glanz und Kraft so glaubhaft intoniert. Romana Noack, Sillas Schwester, beeindruckt mit ihrem sicheren und weichen Sopran. Bruce Rankin als Silla und Mirk Roschkowski als Aufidio beherrschen ihre Partien, spielen überzeugend. Bei der Weltklasse ihrer weiblichen Pendants bleiben ihre Darstellungen jedoch geradezu zwangsläufig etwas blass.

Viel Beifall für die Sänger und das Dirigat von Andreas Stoehr, weniger Beifall für den Regisseur beenden einen zwiespältigen Abend. Ein herrlicher Mozart, ein packendes Dirigat und aufregende Stimmen werden eingebunden in ein durch Bühnenbild und Tempi insgesamt ungewöhnliche Inszenierung. Die zu sehen sich immer lohnt.

IOCO //23.06.2009

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