Düsseldorf, Tonhalle Düsseldorf, Igor Levit – 32 Beethoven Sonaten, IOCO Kritik, 03.11.2015

Tonhalle Düsseldorf

Tonhalle Düsseldorf © Diesner
Tonhalle Düsseldorf © Diesner

Igor Levit – Zyklus aller Beethoven Sonaten

Zyklus Divinus

Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO
Bonn / Beethoven-Denkmal © IOCO

Die Gefahren eines Zyklus: Die Berliner Philharmoniker und noch-Chefdirigent Rattle hatten keine göttliche Eingebung als sie im Oktober 2015 ihren  Beethoven-Zyklus, alle neun Sinfonien, an fünf aufeinander folgenden Tagen spielten. Es wurde ein Zyklus Infernalis: Eigene Klangkultur war nicht erkennbar, gute Technik kandidelte mit musikalischen Extremen. Die Eroica teilweise erstarrt, zu schnell; die Fünfte, die Schicksalssinfonie, oft zu fetzig, sportlich; die Siebte  extrem rythmisch. Der scheidende Chefdirigent Rattle und die Philharmoniker suchten olympisch wirkendes Ego. Beethovens Genius degenerierte dabei zur nützlichen, medienwirksamen Attrappe.

 

Wien / Beethoven-Haus © IOCO
Wien / Beethoven-Haus © IOCO

Die Tonhalle Düsseldorf gestaltete nun mit dem Pianisten einen Beethoven-Sonaten-Zyklus.  Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) schrieb seine epochalen 32 Sonaten für Klavier über 27 Jahre, von 1795 bis 1822, in Wien. Große Künstler formten die Grundlagen seines Genius: Joseph Haydn ab November 1792, aber auch Antonio Salieri, Georg Albrechtsberger, Johann Baptist Schenk. Der Tod des Vaters und der Einmarsch französischer Truppen in Bonn brachen im Dezember 1792 Beethovens Bande zu seiner Heimatstadt. Wien wurde neue Heimat; seine Brüder Karl und Johann folgten bald nach. Virtuosität als Pianist und Orgelspieler halfen Beethoven schnell, in Wien Fuß zu fassen. Insbesondere die Begeisterung von Fürst Karl Lichnowsky, welcher Beethoven ab 1800 sogar eine Jahresrente zahlte, sorgte zumindest bis 1806 für ein sicheres Auskommen in Wien

Im ersten Wiener Lebensabschnitt Beethovens, von 1795 bis 1805, entstanden so 23 seiner 32 Sonaten, in den folgenden 17 Jahren bis 1822 waren es nur noch 9 Sonaten. Beethoven kämpfte inzwischen auch in Sinfonien, Opern, Messen, Kantaten um neue Kompositionsformen. Der Ausdruck seiner 32 Sonaten wurde so durch unendliche Größe, Weite und Tiefe lebendiges Erbe aller lebenden Pianisten.

Dr Sommer-Sorgente interviewt Igor Levit © Tonhalle / Susanne Diesner
Dr Sommer-Sorgente Interview mit Igor Levit © Tonhalle / Susanne Diesner

Die Tonhalle Düsseldorf entwickelte nun mit dem in Hannover lebenden jungen russischen Pianist Igor Levit (*1987 im damaligen Gorki, heute Nishni Nowgorod) einen Beethoven- Zyklus, welcher die 32 Klaviersonaten Ludwig van Beethovens umfasst. In großen zeitlichen Abständen (Programm unten), werden sie vom 3.11.2015 bis 17. Juni 2016, an acht Abenden gespielt. Levit gehört trotz seiner Jugend bereits zu den etablierten Pianisten. Sein Repertoire ist spektakulär; seine Aufnahmen von Bachs Goldberg-Variationen oder Beethovens Diabelli-Variationen sind international anerkannte pianistische Höhenflüge. Er spielt ohne Sucht nach Expressivität oder Tempi.

Tonhalle Düsseldorf / Igor Levit im Konzert © Tonhalle / Foto Susanne Diesner
Tonhalle Düsseldorf / Igor Levit im Konzert © Tonhalle / Foto Susanne Diesner

An jedem Konzertabend seines Beethoven Sonaten erklärt Levit dem Publikum per Interview sympathisch wie direkt Aufbau und Struktur seiner Zyklus-Dramaturgie. So auch am 3.11.2015: „Keine Sonate gleicht der anderen,   jede ist ein Unikat. Beethoven ist das Leben nicht das Monumentale; bei der Interpretation muss das eigene Ich im Vordergrund stehen, mit den Zutaten des Weinens, Lachens..“. Die Dramaturgie „seines“ Beethoven-Zyklus geht vom Ende aus, der 1822 entstandenen Schluss-Sonate; Gipfelwerke standen in Fokus. So begann der Abend mit Beethovens 1795 entstandenen und Joseph Haydn gewidmeten Sonate Nr. 1 f-Moll. Er endete mit der in orchestraler Klangfülle überbordenden Waldsteinsonate Nr. 21 C-Dur aus 1804.

Levit gelingt in seinem Spiel auf wunderbare Weise, bereits oft gehörtes neu entstehen zu lassen. Man findet sich in einer lichten Welt die einhüllt, in der es perlt und rieselt, doch immer notengetreu. Und so unterscheidet sich Levit wohltuend von vielen Pianisten, die sich dem Ziel von Neuinterpretationen verschrieben haben. Der in Klavierstunden reichlich ausgeschlachteten f-Moll Sonate Nr. 1 gibt Levit mit sensibler Präzision ein klares Bild. Wenn in Sonate Nr. 12 der 3. Satz mit seinem Trauermarsch erklingt wartet man emotional ergriffen mit verhaltenem Atem eine ungewohnte Pause aus; man muss heimlich eine Träne abwischen. Klänge wie aus fernem Tal herüber schwebend, federleicht, tröstend. Auch dem Gipfelwerk des Abends, der Waldsteinsonate, verleiht Levit durchgängig durch konsequente pianistische Geradlinigkeit ehrliche Freude und Euphorie. Der junge Igor Levit läßt durch Treue zur Komposition den Geist Ludwig van Beethovens sprechen. Er verstellt nicht mit fremden Tempi oder krachenden Mezzo forte, er wirkt authentisch ehrlich. Wir sind erschüttert und gestärkt.

Die ausverkaufte Tonhalle Düsseldorf feierte Igor Levit für den wunderbaren Auftakt in die Sonatenwelt Ludwig van Beethovens: Kündigt sich gar ein Zyklus Divinus  an?

Die nächsten Levit Sonaten – Konzertabende sind am: 1.12.2015; 22.12.2015; 25.01.2016; 24.03.2016; 05.04.2016; 16.06.2016; 16.06.2017

IOCO / Viktor Jarosch / 06.11.2015

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