Essen, Aalto-Theater, TANNHÄUSER – Richard Wagner, IOCO Kritik, 23.12.2022

Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Karl-Heinz Lehner (Hermann), Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Opernchor des Aalto-Theaters (v. l.) © Forster
Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Karl-Heinz Lehner (Hermann), Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Opernchor des Aalto-Theaters (v. l.) © Forster

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Aalto Theater Essen

Aalto Theater Essen © Bernadette Grimmenstein
Aalto Theater Essen © Bernadette Grimmenstein

TANNHÄUSER und der Sängerkrieg auf Wartburg

– von der Wartburg zur klassischen Antike – über existenzielle Grundfragen des Lebens –

von Uli Rehwald

Zwei Jahre lang hat sie am Aalto-Theater in Essen warten müssen, auf die Neuinszenierung des Tannhäuser. Coronabedingt. Und jetzt, im Herbst 2022 ist sie da. Mit einem anspruchsvollen Konzept des preisgekrönten Regisseurs Paul-Georg Dittrich. Wo sich ein Nachdenken wohl lohnen sollte. Mit einer ganz neuen Deutung? Oder nur mit einem Deutungsversuch? Oder bloß ein Skandal? Die Kritiken nach der Premiere waren jedenfalls von der Inszenierung nicht nur begeistert.

Aber der Reihe nach – besuchte Vorstellung 16.12.2022 – Was haben sich Richard Wagner und Paul-Georg Dittrich gedacht?

Bei Richard Wagner selbst steht die Zerrissenheit des Künstlers im Vordergrund. Das sich nicht Binden-Können, der Versuch, nur dem eigenen Stern zu folgen, die Widerstände der Gesellschaft, das Scheitern des Künstlers und natürlich auch das Scheitern an der Liebe.

Trailer – TANNHÄUSER – Aalto Theater, Essen
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Regisseur Dittrich zeigt uns kein erwartbares, traditionelles Bühnenbild, das einfach die von Wagner erzählte Geschichte bebildert. Schon gar nicht im „normalen“ historischen Gewand. Er zeigt vielmehr in den drei Akten sehr unterschiedliche Bilder und große Zeitsprünge.

Der erste Akt handelt weniger von der großen, ekstatischen Liebe zwischen einem Künstler-Heroen und der Liebesgöttin Venus. Er zeigt auch nicht das erotische Bacchanale, wie es Wagner in der Pariser Fassung komponiert hat. Dittrich zeigt vielmehr den platten Beziehungsalltag eines modernen Paares. Allerdings vor einer Riesenstatue des klassischen Schönheitsideals schlechthin, der Venus von Milo. Bloß ist es hier ein umgestürzter Torso, der quer über der ganzen Bühne liegt, erkennbar aus den Fugen geraten. Vor diesem Hintergrund spielt sich die Endphase eines modernen Beziehungsdramas ab.

Zusätzlich zum Beziehungsdrama drängen sich großformatig und intensiv Videosequenzen mit schwer deutbaren medizinischen Experimenten auf. Ihre Bedeutung bleibt leider unklar.

Ein Venusberg ohne Erotik? Es erscheint vielmehr überraschend ein Kinderwagen und eine in der Oper auch nicht vorgesehene Tochter. In der Wirkung eher kleinbürgerlich, sicher keine Liebesfeier im Venusberg. Auch was Venus will, ist eher trivial. Sie will ihn festhalten. Er will nicht bleiben. So scheinen die Rettungsrufe des Tannhäuser: „Mein Heil liegt in Maria“ eher als Entschluss, die Plattheit nicht weiter aushalten zu wollen. Nichts Magisches. Nur das Bühnenbild verwandelt sich.

Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Deirdre Angenent (Venus) © Forster
Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Deirdre Angenent (Venus) © Forster

Nach diesem Befreiungsversuch findet ein großer Zeitsprung statt: Aus der bisher zeitlosen Gegenwart vor der klassischen Statue landet die Handlung in einer mittelalterlichen Gesellschaft, den Rittern der Wartburg. Und hier findet Tannhäuser auch nur das normale, uninspirierte Miteinander einer reinen Männergesellschaft. Keine künstlerische Dimension. Immerhin, die Ritter nehmen ihn mehr oder weniger freundlich in ihrer Gruppe auf. Und Wolfram bringt Elisabeth wieder in seine Erinnerung.

Der zweite Akt findet nicht wie bei Wagner in der großen Halle der Wartburg statt. Stattdessen finden wir uns nach einem neuen Zeitsprung, in der klassischen Antike wieder. Es werden Video-Einblendungen von Büsten der antiken Geistesgrößen gezeigt, die ganze Szene spielt dann vor dem Hintergrund des berühmtesten Gemäldes der Renaissance, dem Fresko von Raffael: die Philosophen-Schule. Alle antiken Philosophen sind dort abgebildet. Auch die auf der Bühne handelnden Figuren tragen antike Gewänder und Masken, die Sokrates darstellen könnten. Völlig klar wird ab hier bei Dittrich: Es kann jetzt mit diesem Setting nur über die existenziellen Grundfragen des Lebens philosophiert werden. Und genau das tut Landgraf Heinrich, den auch Wagner hier eine der großen Lebensfragen stellen lässt:    „Könnt ihr der Liebe Wesen mir ergründen?“

Obendrein will der Landgraf in dem anstehenden Sängerwettstreit seine Tochter Elisabeth als Preis für den besten Sänger, also für die beste Antwort, geben. Mit dieser Szene, diesem Hintergrund, befinden wir uns offensichtlich am Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Diese existenzielle Frage, vor den antiken Philosophen, angesichts dieses Preises. Und so versuchen die Sänger wacker, eine Antwort auf diese Frage zu geben. Alle jedoch nur im Rahmen der gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit (bei Wagner hier im Mittelalter): Anbetende Minne, Entsagung, Verherrlichung und Schutz der edlen, hilflosen Frau, hohe Liebes-Ideale. Nur Tannhäuser wagt es als einziger der Sänger, auch die erotische Tiefe zu besingen. Er kann sich nicht zurückhalten, singt (feuriger als im ersten Akt für seine Venus gezeigt) von seinem Aufenthalt im Venusberg. Das ist natürlich ein Skandal, den die Gesellschaft nicht tolerieren kann, zwingend abspalten muss. Also wird er zur Strafe verbannt. Nur noch eine Pilgerfahrt nach Rom kann sein Seelenheil erretten.

Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Astrid Kessler (Elisabeth), Daniel Johansson (Tannhäuser) (v. l.) © Forster
Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Astrid Kessler (Elisabeth), Daniel Johansson (Tannhäuser) (v. l.) © Forster

Im dritten Akt wäre die normale Handlung, dass Elisabeth verzweifelte auf die Rückkehr des trotz Allem noch geliebten Tannhäuser von Rom wartet. Auf den Pilgerzug, in der Hoffnung, dass er dabei ist. Stattdessen sitzen bei Dittrich alle handelnden Personen einfach nur nebeneinander auf einer Bank. Wer singt, erhebt sich. Wer nicht singt, sitzt einfach nur da. Sonst ist die Bühne fast leer, düster. Nur das Bild der Philosophen-Schule wird wieder als Hintergrund gezeigt. Wird hier Gericht gehalten? Über die verschiedenen Lösungsversuche, das Wesen der Liebe zu begreifen? Werden diese Versuche museal ausgestellt? Keine mitreißende Handlung mehr, wie von Wagner eigentlich gedacht, sondern Verhandlung, Deutung. Das Ganze in einer unbestimmbaren Gegenwart (Alltagskleidung), weder Mittelalter noch Antike.

Offensichtlich muss in dieser Inszenierung der dritte Akt dafür herhalten, um über Antworten auf die große Frage zu reflektieren. Dass dabei Arien von großer Wucht entstehen, kann bei Richard Wagner niemanden verwundern.

Elisabeth setzt sich natürlich für ihren geliebten Tannhäuser ein, sie betet ein letztes Mal für ihn, opfert sich für sein Seelenheilt und stirbt. Für den, der keine Begnadigung verdient hat. So das vernichtende Urteil des Papstes und des Pilgerchors. Sicher auch zwei falsche Antwort auf die große Frage. Wolfram wagt zwar die ganz Oper hindurch nicht, seine Liebe auszusprechen, erwürgt stattdessen Elisabeth (kommt bei Wagner nicht vor). Aus Liebe? Venus verzweifelt an ihrer unerfüllten Liebe, Tannhäuser stirbt an gebrochenem Herzen. Sogar der Landgraf scheitert mit seiner falsch verstandenen Tochterliebe. Nur tragische Figuren, Tod aus Liebe, Verbrechen, Opfer, Trennungsschmerz, Fehlversuche bei der Liebe?

Nein, so lässt Richard Wagner die Oper nicht enden. Er lässt Gott ganz am Ende das Wunder geschehen. Er verzeiht den Sündern. Wohl nicht nur Tannhäuser. Auch die heutige Inszenierung endet, indem Dittrich die Töchter überleben lässt.

Musikalisch sind die Essener Philharmoniker unter Tomas Netopil auf bestem Niveau. Zu Beginn vielleicht mit zu vielen sehr langsamen Tempi, aber sie steigern sich enorm zu einem beeindruckenden Klang-Sog ab dem zweiten Akt. Zeigen internationales Wagner-Format. Und es entsteht auch einer dieser magischen Opern-Moment, die sehr lange in Erinnerung bleiben: Das langsame Gleiten der Videos über die Details der Philosophen-Schule während auf der Bühne der Einzug der Sänger gefeiert wird – und im Orchestergraben mit musikalischer Extra-Klasse gespielt wird. Schon allein dafür lohnt es sich, diese Oper zu sehen.

Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Karl-Heinz Lehner (Hermann), Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Opernchor des Aalto-Theaters (v. l.) © Forster
Aalto Theater / TANNHÄUSER hier Daniel Johansson (Tannhäuser), Karl-Heinz Lehner (Hermann), Heiko Trinsinger (Wolfram von Eschenbach), Opernchor des Aalto-Theaters (v. l.) © Forster

Daniel Johansson in der Titelrolle meistert sein Rollendebut großartig. Schwingt sich nach etwas verhaltenem Beginn ab dem zweiten Akt zu einem großen Tannhäuser auf. Großartig im Forte, mit viel schmelzen-lassendem Metall in der Stimme. Ganz leichte Schwächen jedoch bei den Umlauten und beim Diphthong. Astrid Kessler als Elisabeth ließ eine Indisposition ansagen, schlug sich jedoch beeindruckend in allen Registern und zeigte sogar hohe Spielfreude. Nicht vorstellbar, wie sie singt, wenn sie gut disponiert ist. Karl-Heinz Lehner überzeugt als geradezu königlicher Landgraf. In der Rolle des Wolfram schenkt uns Heiko Trinsinger sein wunderbares, berührendes Piano in den lyrischen Bögen. Deirde Angenent als Venus überzeugt voll, gerade auch in ihrem verdichteten weiblichen Zorn. Wer sehen will, wie man aus der Nebenrolle des Hirten eine die Handlung tragende Rolle machen kann, höre nicht nur der glockenhellen Mercy Malieloa zu, sondern beobachte sie über die ganze Oper. Der Chor zu Beginn des dritten Aktes ist im Rang aufgestellt, entwickelt von dort leider weniger Wucht als zu erwarten. Sonst sehr präzise einstudiert.

Fast alle Szenen sind opulent mit Videos von Vincent Stefan unterlegt. Besonders intensiv im ersten Akt. Leider auch mit Bildern, die stören, und man muss es so sagen, die zum Teil auch ekelhalft wirken. Und noch Minuten später denkt man nach, was sie eigentlich bedeuten sollen. Sie lenken nachhaltig von der Musik ab. Bei diesen Video-Sequenzen kann man nur nachdenken, nicht Oper erleben. Abgesehen davon eine großartige Unterstützung des Werkes, die Wagner sicher gefallen hätte. Und geradezu genial das Raffael-Bild, die langsame Videofahrt über das ganze Fresko zum Aufzug der Sänger in der Wartburg.

Unbedingt erwähnt werden muss die sehr gute Personenführung, durch das ganze Stück hindurch. Gerade auch in den Details, mit denen die Personen noch verständlicher werden, Tiefe hineinbringen. Das ist heute gute Oper, wenn die Sänger nicht nur dastehen und singen.

Zu Recht langer Applaus, auch mit einigen Bravorufen. Buhs für die Inszenierung waren nicht dabei.

Ansehen? Unbedingt, da musikalisch fulminant und anspruchsvoll inszeniert. Sofern nicht gerade eine traditionelle Aufführung „sein muss“. Natürlich könnte man auch Vieles aussetzen an der Inszenierung, wenn man möchte. Es fehlt eine Menge, was normalerweise erwartet wird, worauf man sich vielleicht gefreut hat, Einiges an den zahlreichen Effekten könnte zu viel sein, könnte nicht schmecken. Aber man könnte sicher nicht sagen, dass die Inszenierung von Dittrich gegen das Stück arbeitet. Wenn man zu dieser Sichtweise, die Dittrich zeigt, ein klares Ja sagen kann, geht die Inszenierung schon ziemlich logisch auf.

Auf dem Nachhauseweg steigt wahrscheinlich wieder das Fresko von Raffael mit der Philosophen-Schule auf. Wie würde wohl ihre Diskussion über das Wesen der Liebe ausgehen. Welche Antworten würden die Zuschauer heute geben wollen?

An diesem Abend, mit Tannhäuser, war das Aalto-Theater sicher kein Museum. Es wurden ganz große Lebensfragen behandelt, mit neuer, moderner Sichtweise, mit großen Bildern und noch größerer Musik. Um die Zukunft der Oper könnte es schlechter bestellt sein.

TANNHÄUSER im Aalto Theater, Essen – Termine, Karten – link HIER

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