Frankfurt, Oper Frankfurt, DIE ZAUBERIN – Peter I. Tschaikowski, IOCO Kritik, 15.12.2022

Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier Asmik Grigorian als Nastasja © Barbara Aumüller
Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier Asmik Grigorian als Nastasja © Barbara Aumüller

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Oper Frankfurt

Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO
Oper Frankfurt inmitten des Finanzzentrums © IOCO

DIE ZAUBERIN – Oper von Peter I. Tschaikowski

– selten gespieltes Opernjuwel an der Oper Frankfurt – überwältigende Dramatik mit verzaubernden Melodien –

von Ljerka Oreskovic Herrmann

Die wenig bekannte und außerhalb Russlands nur selten aufgeführte Oper Die Zauberin (Tscharodeika im Original) erlebt in den vergangen Jahren eine Renaissance. Für Peter I. Tschaikowski erwies sich das gleichnamige Schauspiel von Ioppolit W. Schpaschinski als veritables Opernsujet, der Uraufführung von 1887 in St. Petersburg war jedoch nicht großer Erfolg beschieden. Nichtsdestotrotz hielt sie der Komponist für seine beste Opernkomposition. Sie enthält und befeuert große Emotionen – alles, wofür der von Alexander Kluge geprägte Ausdruck von der Oper als „Kraftwerk der Gefühle“ steht.

Trailer Die Zauberin von Peter I. Tschaikowski
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Das Werk ist voller, überwältigender Dramatik inklusive tragischem Ende, bezaubernden Melodien, die das Volksliedhafte Russlands, was die traurige Realität der Menschen nur kurz unterbricht und aufhellt, umso berührender wirken lassen. Die verschiedenen und fast schon überbordenden Erzählstränge – Kuma, Fürst, Fürstin und Prinz Juri – werden vom Bühnenbildner Christian Schmidt zunächst kontrastreich voneinander getrennt, um am Ende unlösbar miteinander verwoben zu sein, wenn die Tragödie ihren Lauf nimmt; neureiches Ambiente bei den Adligen, queere Kneipe bei Kuma, deren Kosename auf ihre liebevolle Art anspielt und in Wahrheit Nastasja heißt. Die Kostüme von Kirsten Dephoff unterstreichen die beiden nicht vereinbaren Lebenswelten. Die Adligen tragen lässige, aber teure Freizeitkleidung, die Künstlerwelt glänzt durch nur leicht schrille Phantasiekostüme, hier gilt das Motto: jeder nach seiner Façon. Für das jeweils passende Licht sorgt in bewährter Weise Olaf Winter.

Vor der eigentlichen Handlung wird in einem Video, für das Christian Borchers verantwortlich zeichnet, Kumas Vorgeschichte präsentiert. Die junge Frau hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, den (zwielichtigen) Mann und das nichtgeborene Kind verloren. Als Witwe und Künstlerkneipenwirtin scheint ein neues Leben möglich, gäbe es nicht andere Widerstände, die ihr bald in Gestalt von Mamyrow, Schreiber des Fürsten und Priester, und dem Fürsten begegnen werden. (Kein geringerer als Igor Strawinskis Vater, der Bass Fjodor Ignatjewitsch Strawinski, sang Mamyrow am Mariinski-Theater in St. Petersburg und blieb zeitlebens mit Tschaikowski befreundet.) Während Mamyrow – Frederic Jost als herrlich biederer „Moralapostel“ – in der Kneipe bei einer wunderbaren Tanzeinlage der (eignen) Lächerlichkeit preisgegeben wird, entwickelt der Fürst nicht nur Interesse an dieser ihm fremden und sonderbaren Gesellschaft, sondern fügt sich ein, fühlt sich sogar wohl und zu Kuma hingezogen.

Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier Asmik Grigorian als Nastasja © Barbara Aumüller
Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier Asmik Grigorian als Nastasja © Barbara Aumüller

Die Fürstin, ein neureiches und konventionelles Leben führend, wird zur Furie, als sie über des Fürsten vermeintlicher Untreue erfährt – überragend in ihrer ungebremsten Wut Claudia Mahnke; ihr und Juri gewährt der Komponist eine einfühlsame Vertraulichkeit und Nähe, er würde für sie sein Leben opfern und beschließt die „Hexe“ Kuma zu töten. Beide, Mutter wie Sohn, sehen in der Beseitigung Kumas den einzigen Ausweg. Dass diese keineswegs über magische Kräfte verfügt, wird er später fast schon schmerzhaft erkennen und sich in sie verlieben, jedoch ihren Tod nicht verhindern können. Alexander Mikhailovs Juri ist ein naiver im Fitness-Anzug agierender Jüngling, und gerade das Unbedarfte mag Kuma – Asmik Grigorian „verzaubert“ stimmlich wie darstellerisch – an diesem Mann angezogen haben; das zukünftige Liebespaar wird keine Zweisamkeit erleben und nur im Tod – wie ein anderes berühmtes Liebespaar – zusammenfinden können. Vasily Barkhatov, der mit dieser Inszenierung an der Oper Frankfurt debütiert, zeigt eine Gesellschaft, die von Konventionen und Hierarchien bestimmt wird, die jedem Individuum den vermeintlich gottgegebenen Platz zuweist und keine persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten gewährt. Die Beharrungskräfte dieser Gesellschaft, in der letztendlich alle Gefangene ihres eigenen Systems sind, sorgen für das Scheitern der Protagonisten, auch für die Lichtgestalt Kuma wird trotz ihres einnehmenden Wesens und der Liebenswürdigkeit gegenüber jedermann der Wunsch nach einem besseren Leben nicht in Erfüllung gehen. Denn ihre bloße Existenz verweist auf die Sollbruchstellen dieser Gemeinschaft und stellt deshalb eine Gefahr für sie dar. Tschaikowskis herrliche Melodien verdecken das gesellschaftskritische Momentum nicht, im Gegenteil, seine Kritik an den Zuständen ist eindeutig. Wohl auch deshalb hat Barkhatov den Giftmischer Kudma mit Mamyrow zu einer Person amalgamiert, der Kirchenmann als Steigbügelhalter der Mächtigen, von diesen seine eigene Macht schöpfend.

Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier vorne rechts Nombulelo Yende (Polja; blaues Kleid), links Asmik Grigorian (Nastasja), Ensemble, Tänzer © Barbara Aumüller
Oper Frankfurt / DIE ZAUBERIN hier vorne rechts Nombulelo Yende (Polja; blaues Kleid), links Asmik Grigorian (Nastasja), Ensemble, Tänzer © Barbara Aumüller

Der wahre „Held“ dieser Oper ist aber der Fürst, was sich auch auf die Darbietung von Iain MacNeil zurückführen lässt; sein anmutiger Bariton gibt der Figur einen menschlichen Zug, auch wenn er Gewalt gegen seine Ehefrau richtet. Eigentlich hätte nach der monströsen Tat, mit dem aus dem Off singenden Chor Schluss sein können, doch dem Wahn verfallen – einer Lady Macbeth ähnelnd – und sein Schicksal, sich nicht selbst richten zu können bedauernd, irrt er in der ihm vollends abhanden gekommenen Welt umher. Nichts ist mehr so wie es war. Und doch ist er der einzig „Verzauberte“, derjenige der alles ins Wanken bringen wird und der tatsächlich eine Wandlung durchmacht, bereitwillig einiges über Bord zu werfen – bei ihm geht es nicht um die Simulation von Empfindungen oder pure Liebelei. Sein Begehren, ja man kann sogar von Liebe sprechen, deren Erwiderung er bei Kuma nicht erzwingen kann, erfährt durchaus echte Gefühle, derentwegen er alles aufs Spiel gesetzt hat: nicht sein Familienglück, das längst keins mehr war, jedoch das traditionelle Bild desselben wie auch seine politische Reputation.

Drei Akte lang betört Tschaikowskis Musik, das Volksliedhafte und die Volksgeschichte betonend, die wie ein Märchen hätte klingen und enden können, der vierte bietet musikalisch eine scharfe Trennlinie auf, peitschend, weil auch die Handlung an Drastik zulegt. Bei allen ist die psychische wie physische Existenz bedroht, der Ausweg so gut wie ausgeschlossen, das Ende unabwendbar. Die Utopie eines optimistischen Lebensentwurfs der „Zauberin“ Kuma wird musikalisch zerschmettert, unausweichlich treibt die Musik das Geschehen voran, der erste Mord – die Fürstin vergiftet sich als Pilgerin ausgebend Kuma –, zieht die weiteren nach sich; der Fürst tötet den vermeintlichen Nebenbuhler, erkennt zu spät den eigenen Sohn, und anschließend seine Frau, die mit ihrem Furor die Katastrophe in Gang setzte und ihm die begehrte Frau raubte.

Der Chor begleitet und kommentiert das Geschehen, am Ende stellt er eine düstere Prognose für die von Menschen geschändete Welt aus. Überhaupt ist der Chor, von Tilman Michael einstudiert, ein wesentlicher Mitspieler, dessen herausragende Leistung nicht genug gewürdigt werden kann. Bei dieser Frankfurter Erstaufführung gebührt dem Orchester unter der musikalischen Leitung von Valentin Uryupin ebenfalls großes Lob, das mit einer überschäumenden und packenden Spielfreude, dem Geschehen auf der Bühne mit musikalischer Präzision und Klangfülle Ausdruck verleiht, was zum Erfolg des Abends einen wesentlichen Beitrag leistet. Und nicht zuletzt das hervorragende Solistenensemble. Dazu gehören, als Beobachterinnen und zugleich Vertraute der Fürstin bzw. Kumas Zanda Švede als Nenila und Nombulelo Yende als Polja.Die weiteren nicht minder überzeugenden Mitwirkenden Božidar Smiljanic als Iwan Schuran, Dietrich Volle als Kumas Onkel Foka, Jonathan Abernethy als Kaufmann Balakin, Pilgoo Kang als Potap, Kudaibergen Abildin als Lukasch, Magnús Baldvinsson als Faustkämpfer Kitschiga, Michael McCown als Vagabund Paisi, der als Bettelmönch verkleidet die Seiten wechselt, und Aslan Diasamidze als Künstler vervollständigen die Künstlergesellschaft in Kumas Kneipe. Auch die Tänzer Rouven Pabst, Gabriele Ascani, Luciano Baptiste, Guillermo de la Chica López sowie Jonathan Schmidt sollten nicht unerwähnt bleiben; sie alle sorgen für einen rundum geglückten Premierenabend, der mit großen Applaus ausklingt.

DIE ZAUBERIN an der Oper Frankfurt – alle Termine, Karten – link HIER

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