Gelsenkirchen, Musiktheater im Revier, Tristan und Isolde – Ekstase wider Stille, IOCO Kritik,

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Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen © MiR Musiktheater im Revier

Komplexer Mythos in “gerader Erzählweise”

Tristan und Isolde von Richard Wagner

Von Viktor Jarosch

Intendant Michael „Furchtlos“ Schulz und Opernstar Torsten Kerl als „Matchmaker“ – er hat eine besondere Beziehung zu Gelsenkirchen – bringen mit  Tristan und Isolde eine höchst komplexe Produktion ins Revier. Mit kleinem Etat schafft das MiR ein künstlerisches Mammutprojekt, vor dem große Theater mit vielfachem Etat zurückschrecken. Der Lohn: Eine starke Tristan-Inszenierung, eine begeisternde Premiere, ausverkauftes Haus für die kommende Vorstellungen und eine Ausstrahlung, welche weit über die Grenzen des Ruhrgebiets wirkt.

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Kerl, Foster, Malmberg, Herbst, Herrenchor © Forster
Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Kerl, Foster, Malmberg, Herbst, Herrenchor © Forster

Der uralte Mythos um Tristan und Isolde kennt keine Verfasser. Seine Macht bezieht der Mythos aus kollektiver Wahrnehmung, aus Archetypen, nicht aus individuell ästhetisch gestalteten Kunstwerken. Im 5. Jahrhundert fanden fragmentarische Versionen der Legende um Tristan und Isolde ihren Weg in die Literatur der Länder Europas; 1210 veröffentlichte in Deutschland erstmals Gottfried von Straßburg den Versroman Tristan; Adaptionen folgten. Der Zauber des Mythos Tristan ergriff auch den Mythen-getriebenen Richard Wagner schon um 1840.

Von der mittelalterlichen Sage blieb in der Oper Wagners nur der Name und ein wenig äußerer Rahmen: Wagner machte so Morold zu Isoldes getötetem Verlobten; in der Sage dagegen ist Morold ein irischer Riese, welcher aus Cornwall junge Mädchen und Jungen holt. Wagners unerfüllbare Liebesleidenschaft zu der verheirateten Mathilde Wesendonck wie die Philosophie Schopenhauers waren ihm Schmerz wie Inspiration: Seine Tristan-Komposition wird von Sehnsucht nach  unbedingtem Tod, von schrankenloser Leidenschaften ohne Rücksicht auf Riten und Gesetzen der Welt getrieben; von Gedanken, welche damals wie heute  psychopathische Züge haben, welche als krankhaft im sozialen, als Todsünde im religiösen Sinne gelten.

Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Malmberg, Kerl, Foster, Herbst, Herrenchor © Forster
Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Malmberg, Kerl, Foster, Herbst, Herrenchor © Forster

Richard Wagner begann 1857 mit dem Werk Tristan und Isolde: Die Komposition des Nibelungenringes war in eine Schaffenskrise geglitten. Doch auch die Schöpfung von Tristan und Isolde sollte von Krisen begleitet werden: Erst im Juni 1865 sollte die Uraufführung in München stattfinden. Die Dichtung zu Tristan hatte Wagner 1857 in wenigen Monaten geschrieben, die Partitur dagegen dauerte Jahre: Das Mystische ist Mittelpunkt der Komposition; dies auszudrücken öffnet Wagner zu romatischer Musik auch das Tor zur Atonalität. Bereits in den ersten sieben Takten des Vorspiels werden alle zwölf Töne der Halbtonleiter verwendet: Mystisches – Auflösung, Verschwimmen, Verdämmern – zeigend. Wagner komponiert in Tristan und Isolde neue, bis dahin unbekannte Klangwelten mit verzehrender Expressivität, ein Gleichgewicht zwischen Ekstase und Stille.

Regisseur Michael Schulz bringt eine wohltuend klassische Inszenierung, in „gerader Erzählweise“ (Dramaturgie Gabriele Wiesmüller), mit griffiger Personenregie, blendender Besetzung und neutralen Kostümen (Renée Listerdal) auf die Bühne des MiR. Fokus sind Psyche, Mystik und Wagners komplexe Partitur. Schulz meidet angestrengte abstrakte Interpretationen auf der Bühne sondern lenkt Blick und Gedanken der Besucher mit konkreter Einfachheit der Bühnenbilder unabgelenkt auf die in Musik und Dichtung deutlich werdende Zerrissenheit der handelnden Charaktere. Im ersten Aufzug: Eine höhengeteilte Bühne (Kathrin-Susann Brose) bildet im Halbdunkel des Unterdecks eine klagende Isolde und Brangäne ab, während über ihnen, auf dem Oberdeck, vor schwarzem Mast (Tristan lehnt wie in Trance an ihm) und hohen weißen Segeln, freudige Seemänner die kommende Ankunft in Cornwall besingen. Sanfte Lichteffekte (Patrick Fuchs) verwischen Bewußtes mit Unbewußtem, stärken das unvergängliche Phänomen der Tristan-Partitur.

 Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Torsten Kerl im dritten Aufzug © Forster
Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Torsten Kerl im dritten Aufzug © Forster

Akribisch getragene Eleganz zeichnen Vorspiel wie die folgenden Aufzüge der Neuen Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann. Sanft wie einfühlsam spielte das Orchester, zumindest zu Beginn der fünf Stunden–Oper, ohne Myterienmalerei. Tristan ist keine leise Oper, die Erfahrungen am MiR waren begrenzt. Und doch gelingt es Dirigent und Orchester die Partitur der so handlungsarmen Oper schon in der Premiere sehr expressiv auszumusizieren, Wagners Werk tonmalerisch zu interpretieren. Ein klagender Junger Seemann (Ibrahim Yesilay) eröffnet das anspruchsvolle Psychodrama im MiR, unsichtbar in lyrisch reiner Unschuld „Westwärts schweift der Blick, ostwärts streicht das Schiff“. Wut, Enttäuschung und Verzweiflung bringt die Bayreuth-erfahrene Catherine Foster als Isolde schon im ersten Aufzug der Premiere, sicher in hochdramatischer aber kontrollierter Diktion, von „Wer wagt mich zu höhnen!“ über das berühmte Liebesduett des zweiten Aufzugs und das „O sink hermieder, Nacht der Liebe“ bis zum gemeinsamen Liebestod und ihrem „Isolde ruft: Isolde kam, mit Tristan treu zu sterben“. Torsten Kerl, weltweit gesuchter Wagner-Sänger, beherrscht seine schwere Partie des Tristan souverän; bei aller Dramatik strahlt auch immer wieder tenoraler Charme in wunderbarem Timbre. Die riesige Partie bewältigt Torsten Kerl kraftvoll wie auffällig textsicher, speziell im besonders fordernden dritten Aufzug, als er mit fiebrigen Visionen, von Melot verletzt, am Boden liegt. Doch auch die MiR Ensemblemitglieder Urban Malmberg als Kurwenal und Almuth Herbst als Brangäne beherrschten in ihren Debüts ihre großen Partien und rundeten mit einem stimmlich sicheren wenn auch etwas salbungsvoll braven Phillip Ens als König Marke die ungewöhnliche Premiere Tristan und Isolde im MiR ab.

 Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde - Der liebestod im dritten Aufzug © Forster
Musiktheater im Revier / Tristan und Isolde – Der Liebestod im dritten Aufzug © Forster

Stürmischer Applaus, viele Bravos, Bravas, Bravi des voll besetzten Hauses belohnten Intendant Michael Schulz wie Initiator Torsten Kerl für ihr gewagtes wie erfolgreiches Experiment Tristan und Isolde inmitten des Reviers. Doch auch die Neue Philharmonie Westfalen unter Rasmus Baumann wie die hoch geforderten Ensemblemitglieder des MiR wurden für ihre gelungene Beiträge hörbar belohnt.

Tristan und Isolde im MiR, Gelsenkirchen: Termine :  Premiere 04. Mär. 2017 17:00-22.00 Uhr, 12. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 19. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 26. Mär. 2017 16:00-21:00 Uhr, 08. Apr. 2017 17:00-22:00 Uhr, 07. Mai. 2017 16:00-21:00 Uhr, 13. Mai. 2017 17:00-22:00 Uhr, 04. Juni. 2017 16:00-21:00 Uhr

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