Hamburg, Elbphilharmonie, 11.1.2022 – Festkonzert – 5 Jahre, IOCO Kritik, 13.01.2022

Elbphilharmonie / Festkonzert - 5 Jahre Elphi Foto Sophie Wolter
Elbphilharmonie / Festkonzert - 5 Jahre Elphi Foto Sophie Wolter
Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann
Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Elbphilharmonie

11.1.2022 – Festkonzert – Fünf Jahre Elbphilharmonie

Fesselnde Hommage mit modernen Klangwogen

von Michael Stange

Die Hamburger Elbphilharmonie prägt heute als markantestes Bauwerk an der Kehrwiederspitze die Silhouette der HafenCity. Schon die Entwicklung dieses neuen Stadtteils, der die Hafenindustrie verdrängte, war umstritten. Wohnungen und Büros ersetzten alte Hafenindustrie, der städtischen Raum wurde erweitert, um Geld in die Kassen der Stadt zu spülen.

Die Elbphilharmonie sollte den neuen Stadtteil HafenCity aufwerten, aber auch Wahrzeichen der Stadt werden. Hamburg Marketing, das städtische Sprachrohr, pries sie „als Freiheitsstatue des hanseatischen Bürgertums und Anziehungspunkt für alle Hamburger und für Gäste aus der ganzen Welt“. Neben der erhofften „zukünftigen Strahlkraft für Hamburg“ sollte sie „als heroische Figur zur Neuprägung einer Identität“ in Form einer Bildpolitik für Stadt und HafenCity“ dienen. Ein großes Projekt, mit hohem Anspruch.

Not tat dies seit Jahrzehnten. Ein großes weitläufiges, akustisch ausgeklügeltes und modernes Konzerthaus, in dem sich alle Musikrichtungen in ihren unterschiedlichen Klangarten vollends entfalten konnten, fehlte. Für herausragende Konzertveranstaltungen standen die Laeiszhalle und bis in die neunziger Jahre das unzureichende Kongresszentrum Hamburg zur Verfügung.

Der Krieg hatte wichtige Hamburger Konzertstätten zerstört. So waren neben anderen Sälen  die Rothenburgsorter Hanseatenhalle und ein wichtiger, früher in der Nähe der Stadthausbrücke befindlicher als akustisch ausgezeichnet gerühmter, Hamburger Konzertsaal, der Conventgarten mit seiner Orgel, der großen Bühne und seinen fast 1.500 Plätzen 1943 den Bomben zum Opfer gefallen.

Elbphilharmonie / Festkonzert - 5 Jahre Elphi © Sophie Wolter
Elbphilharmonie / Festkonzert – 5 Jahre Elphi © Sophie Wolter

Mit dem Bau der Elbphilharmonie wurde nun ein modernes Konzerthaus errichtet, das über eine herausragende Architektur sowie eine exzellente Akustik verfügt und das aufgrund dieser Kombination heute zur Weltspitze der Konzerthäuser gehört.

Alle diesbezüglichen Ankündigungen in der Projektphase haben sich bewahrheitet. Es waren und sind aber die Menschen, die das Entstehen und den dauerhaften Erfolg der Elbphilharmonie ermöglicht haben.

Zu den Motoren des Beginns zählen der damalige Bürgermeister Ole von Beust und die viel zu früh verstorbene Kultursenatorin Barbara Kisseler. Sie haben seitens der Politik die Umwandlung des ehemaligen Lagerhauses in ein Konzerthaus maßgeblich gegen erhebliche Widerstände vorantrieben und politisch durchgesetzt. Hamburger Mäzene steuerten 50 Millionen Euro zum Bau bei. Die geplante Bauzeit verlängerte sich um 7 Jahre. Verbaut wurden 789 Millionen Euro statt der ursprünglich veranschlagten und bewilligten 77 Millionen Euro.

Ein maßgeblicherer weiterer Wegbereiter dieses Erfolges ist auch der Intendant Christoph Lieben-Seutter. Seit 2007 ist er Generalintendant von Elbphilharmonie und Laeiszhalle, Statt der erwarteten Vorbereitungszeit von drei Jahren blieben ihm zehn Jahre zur Einbettung der Institution in das Kulturleben der Stadt. Unbeirrt hat er seit seinem Amtsantritt an den Erfolg des Konzerthauses geglaubt. Mit der Einführung der Elbphilharmonie Konzerte an vielen Spielorten und des Internationalen Musikfests Hamburg lange vor der Eröffnung hat der das Hamburger Musikleben immens bereichert und die Stadt in der Wahrnehmung und Bedeutung internationaler gemacht.

Das 2017 weltweit übertragenen Konzert des NDR Elbphilharmonie Orchesters unter Leitung von Thomas Hengelbrock wurde einschließlich Lasershow weltweit übertragen. Damit waren Gespött und Bann während der Entstehungszeit gebrochen. Schon damals berichtete IOCO begeistert – link HIER!

Nach Christoph Lieben-Seutters Einschätzung kann die Akustik der Elbphilharmonie gleichermaßen komplexere Partituren, moderne Musik, Elektroakustik, aber auch Alte Musik Originalinstrumenten, die nicht so durchschlagskräftig sind, in unvergleichlicher Weise fokussiert, intim, mit leisesten Nuancen und feinsten Schwingungen im ganzen Saal bis in die letzte Reihe im Saal erklingen lassen.

Elbphilharmonie / Festkonzert - 5 Jahre Elphi © Daniel Dittus
Elbphilharmonie / Festkonzert – 5 Jahre Elphi © Daniel Dittus

Dies bewahrheitete sich auch im Jubiläumskonzert. Mit den Komponisten John Adams, Thomas Adés und Esa Pekka Salonen wurde den Besuchern ein Universum packender Klangwelten der Neuzeit präsentiert. Die Wirkung der aufgeführten Werke wäre in der Laeiszhalle, die mit ihrem warmen Klang eher wie eine gute alte Schallplatte klingt, stark verpufft.

Zwei kurze Werke von John Adams leiteten den Abend ein. In „Tromba Lontana“ ertönten Rufe zweier in den Außenseiten des Saals aufgestellt Trompeten denen ein in Stakkati und oder ruhigem Ticken spielendes Orchester mit Klavieren, Harfen und Schlagzeug antwortet. Anschnallen hieß es in „Short ride in a fast machine“, das fieberhafte Geschwindigkeit, pulsierenden Rhythmus und hektische Einwürfe vereinte. Nach einem dramatischen Schluss ertönte dann eine Fanfare.

Thomas Adés Klavierkonzert orientiert sich mit seinem dreisätzigen Aufbau an der tradierten Form. Der Komponist malt ein farbenreiches Klangbild mit dissonanten, wild chromatischen Formen, das nicht durch wiedererkennbare Melodien, sondern seine immense Wucht, Furiosität und Geschwindigkeit besticht. Kiril Gerstein trumpfte virtuos auf und brillierte mit passioniertem Spiel. Als Zugabe gab er György Ligetis Etude Nr. 5 „Arc-en-ciel“ in ungemein packender Intensität und technischer Brillanz.

Nach der Pause wurde „Wing on Wing“ von Esa-Pekka Salonen aufgeführt. Die fünfundzwanzigminütige einsätzige Komposition wurde für das Los Angeles Philharmonic anlässlich seiner ersten Saison in der Walt Disney Hall in Los Angeles komponiert und dort 2004 unter Leitung des Komponisten uraufgeführt. Eine Inspiration war die an die ovale Saalform und Architektur des amerikanischen Konzerthauses, die nach dem Architekten Frank Gehry dem Anblick der im 180-Grad-Winkel geöffnetem Vor- und Großsegel eines Segelschiffs gleicht. Gehrys verfremdete Stimme und der, ähnlich einem Didgeridoo, klingende Paarruf des dort in der Tiefe des Meeres ansässigen nördlichen Bootsmannfisches tönen mehrfach aus den Lautsprechern. Dazu gesellten sich mit Anu und Piia Komsi zwei Soprane die wortlose schwindelerregende grell geifernde Koloraturreihen produzierten, die an das grausame Heulen des Windes erinnerten. Das Werk hat durch seine klangliche Vielfalt und Intensität viel von einem Gemälde eines am Meer stehenden Haus, das vom aufgewühlten Toben und Wüten des Meeres umbrandet wird.

Salonens Komposition soll auch eine Hommage an das Konzerthaus und die an ihrer Erbauung Beteiligten darstellen, deren Visionen und Einsatz den Entwurf in die Realität umgesetzt haben. Gleiches gilt auch für alle an der Verwirklichung der Elbphilharmonie Beteiligten, denen mit dieser modernen „Weihe des Hauses“ gleichfalls die gebührende Referenz erwiesen wurde.

Chefdirigent Alan Gilbert und das NDR Elbphilharmonie Orchester haben das Jubiläum fulminant musiziert. Mit immenser Musikalität, technischer Finesse und packendem Ausdruck gaben sie ein fantastisches Jubiläumskonzert. Nachzuerleben ist es in der Mediathek der Elbphilharmonie.

Der Einsatz der Künstler:innen ließ vergessen, dass hier ausschließlich moderne Werke gegeben wurden, weil deren Qualität und dramatisches Feuer derart in den Bann zogen, dass sich eine Diskussion der Programmgestaltung erübrigte.

Ein packendes Konzert, in dem sich die musikalischen Einfälle wie Perlen einer Kette aneinander reihten. Das gebannte Publikum lauschte höchst konzentriert und spendete frenetischen Applaus. Dirigent Gilbert und Komponist Salonen gönnten sich darauf ein höchst verdientes Bier.

Sie möchten das Elbphilhamonie Konzert sehen, nachhören:  Klicken Sie HIER!

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

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