Hamburg, Elbphilharmonie, Mariza – Die Welt des Fado, IOCO Kritik, 22.04.2017

Elbphilharmonie Hamburg

Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann
Elbphilharmonie Hamburg / Lasershow zur Eröffnung © Ralph Lehmann

Mariza:   Fado – In der Elbphilharmonie

“Von 0 auf 100 in einer Silbe”

Von Sebastian Koik

Am Abend des 15.4.2017 ist Hamburg und nicht Lissabon Welthauptstadt des Fado. Mariza, die gegenwärtig berühmteste und erfolgreichste Vertreterin dieser portugiesischen Weltschmerz-Musik ist zu Gast in der Elbphilharmonie. Aufgewachsen ist sie im Mouraria-Viertel in Lissabon, der Wiege des Fado. Vor rund 200 Jahren entstand dort dieses Genre durch heimgekehrte Seeleute, die ihre mitgebrachten Einflüsse vor allem aus Brasilien, aber auch anderen Teilen der Welt mit der portugiesischen Gefühlslage vermischten. Fado-Lieder handeln meist von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, vergangenen Zeiten oder der Sehnsucht nach besseren Zeiten –  und vor allem von der saudade, der portugiesischen Form des Weltschmerzes. Das Konzept der Saudade lässt sich mit „Traurigkeit“, „Wehmut“, „Sehnsucht“, „Fernweh“ oder „sanfte Melancholie“ nur annähernd übersetzen. Das Wort steht für das nostalgische Gefühl, etwas Geliebtes verloren zu haben, und drückt oft das Unglück und das unterdrückte Wissen aus, die Sehnsucht nach dem Verlorenen niemals stillen zu können, da es wohl nicht wiederkehren wird.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne
Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Mariza hat diese Musik schon als Kleinkind aufgesogen. Sie sang schon als Kleinkind für die Gäste im Restaurant der Eltern. Als Teenagerin interessierte sie sich für andere Musikstile und erst mit Mitte 20 wendete sie sich wieder dem Fado zu und wurde in sehr kurzer Zeit sehr erfolgreich.

Das Konzert beginnt Mariza A capella mit einem sehr, sehr leidenschaftlich gesungenen Fado. Und schon nach Sekunden hat ihre Stimme das große Rund der Elbphilharmonie erobert. Dann kommen die Gitarren dazu, in der klassischen Besetzung des Genres: eine klassische Gitarre, eine portugiesische Gitarre und einem Bass. Besonders die beiden Gitarristen José Manuel Neto und Pedro Jóica begeistern den ganzen Abend über mit virtuosem und musikalischem Spiel. Die ersten Stücke des Abends sind alles traditionelle Fado-Stücke und Mariza trägt sie mit einer gewaltigen Gefühlsintensität in der Stimme vor. Für das Publikum ist es ein Bad in ganz großen Gefühlen.

Bei ihrem Lieblings-Fado „Primavera“ vermag die schöne Portugiesin mit ihrer ausdrucksstarken Stimme ganz besonders zu rühren und sogar zu erschüttern. Es ist ein Stück von Amália Rodrigues, Portugals 1999 verstorbenen größten Sängerin aller Zeiten und der Liedtext ist ein schönes Beispiel für die Inhalte der bewegenden Musik:

“Frühling”

“All die Liebe, die uns verband, als wäre sie aus Wachs, ward zerbrochen und zerstört.
Oh weh, verhängnisvoller Frühling, wär’ ich nur, wär’n wir nur an diesem Tag verschieden.
Und so weit ward ich gestraft weinend nur mit mir zu leben, welch ein Leben, ohne dich.
Dabei jedoch nicht zu vergessen, was ich einst mit dir besessen und an jenem Tag verlor.
Hart ist das Brot der Einsamkeit, ist nur das, was wir bekommen, and’re Nahrung ist genommen.
Was zählt schon, ob das Herz ja sagt oder nein, wenn das Leben weiter geht.
Die ganze Liebe, die uns verband, ward zerbrochen und zerstört, in Entsetzen umgewandelt.
Keiner spreche mir vom Frühling, wär’ doch nur an diesem Tag für uns des Lebens Schluss gewesen.”

Und dieser große Schmerz und die Sehnsucht kommen auch ohne den Text rüber, werden allein durch den gefühlsintensiven Gesang vermittelt.

Nach diesem intensiven Lied kommt ein Schlagzeuger dazu. Mariza bringt Stücke ihres neuen Albums Mundo, in dem sie sich vom Fado löst und von südamerikanischen Rhythmen geprägte Popmusik präsentiert. Die Musik hat nicht die Kraft, Gefühlstiefe, Intensität und Leidenschaft des Fado. Die Stücke sind schwächer, das Instrumentale wirkt oft recht beliebig, doch Mariza macht mit oft Fado-artigem Gesang auch diese Stücke zu etwas Nettem und manchmal dann doch auch Besonderem. Marizas Stimme kann jeder Musik Zauber verleihen und je mehr sie mit ihrer Fado-Intensität singt desto besser wird die Musik.

Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne
Elbphilharmonie Hamburg / Mariza © Claudia Hoehne

Dann singt sie mit Meu Fado Meu einen ihrer eigenen Fado-Klassiker. Und das wird dann wieder zu einem unvergesslichen Höhepunkt. Es ist fast unglaublich, mit welcher Dynamik Mariza Fado singt: Von einer Silbe auf die andere kann sie von hauchzart leise zu extrem gefühlsgeladen und sehr laut wechseln. Sie vollbringt mit scheinbar größter Selbstverständlichkeit gewaltigste Intervallsprünge in Tonhöhe, Lautstärke und Intensität. Dann kommt leider wieder das Schlagzeug dazu und aus Fado-Zauber wird wieder belangloserer Fado-Pop.

Als vorletztes Stück des Abends zeigt Mariza mit einem traditionellen Fado noch einmal ihre große Stärke: Sie kann innerhalb eines Momentes den Charakter und die Stimmung der Musik komplett ändern. Sie lässt innerhalb lange sehr langsamen Gesanges wie aus dem Nichts und ganz ohne Anlauf eine extrem gefühlsintensive Tsunami-Welle auf das Publikum los. Markerschütternd. In Momenten wie diesen kann man sich oft kaum beherrschen und fängt von Gefühlen übermannt fast an zu weinen.

Am Ende gibt es zwei Mal Standing Ovations von fast dem kompletten Saal und ohrenbetäubenden Applaus und Jubel für die Gefühls- und Charme-Offensive von Mariza.

—| IOCO Kritik Elbphilharmonie Hamburg |—

 

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