Hamburg, Opera stabile, SILVESTERNACHT – Johannes Harneit, IOCO Kritik, 12.01.2023

Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Florian Panzieri, Ida Aldrian, Marie-Dominique Ryckmanns, Nicholas Mogg © Niklas Marc Heinecke
Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Florian Panzieri, Ida Aldrian, Marie-Dominique Ryckmanns, Nicholas Mogg © Niklas Marc Heinecke

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Staatsoper Hamburg

Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann
Staatsoper Hamburg © Kurt Michael Westermann

SILVESTERNACHT  – Uraufführung – Johannes Harneit – nach E.T.A. Hoffmann

– Im Traum: Erasmus trifft Angie auf einer Silvesterparty in New York, tötet einen Rivalen .. –

von Wolfgang Schmitt

E.T.A. Hoffmann war nicht nur ein Schriftsteller der Romantik, sondern er war im Laufe seines Lebens auch Dirigent in Leipzig und Dresden, Komponist von sechs Opern, – seine Märchenoper Undine wird noch heute gelegentlich aufgeführt – Zeichner/Illustrator und Theatermaler in Bamberg, und Jurist – zuletzt Kammergerichtsrat in Berlin. Er gilt mit seinen phantastischen, mystischen Romanen und unwirklichen Schauergeschichten als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Allerdings war er während seiner Schaffenszeit nicht unumstritten. Es gab viele namhafte deutsche Dichter, die ihn und seine Werke ablehnten. Insbesondere Goethe und auch Walter Scott taten seine Werke ab als aus einem „kranken Gehirn entsprungene Geschichten“ oder als „fieberhafte Träume eines zerrütteten Wesens“. Sie verwiesen auch darauf, daß sein Vater ein Alkoholiker und seine Mutter eine nervenkranke und hysterische Frau gewesen sein sollen.

Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Florian Panzieri, Ida Aldrian, Marie-Dominique Ryckmanns, Nicholas Mogg © Niklas Marc Heinecke
Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Florian Panzieri, Ida Aldrian, Marie-Dominique Ryckmanns, Nicholas Mogg © Niklas Marc Heinecke

Aber es gab auch viele Bewunderer, die seine teils absurden, fiktionalen Erzählungen und Romane schätzten. Zu ihnen zählten Heinrich Heine, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Fjodor Dostojewski und Edgar Allen Poe. Schließlich verewigte ihn Jacques Offenbach in seiner wunderbaren Oper Hoffmanns Erzählungen und setzte ihm somit ein bleibendes Denkmal.

Hoffmanns surreale Erzählung „Die Abenteuer einer Sylvesternacht“, geschrieben in den ersten Tagen nach Silvester 1814-15, wurde jetzt als Auftragswerk der Hamburger Staatsoper von dem 1963 in Hamburg geborenen Komponisten, Pianisten und Dirigenten Johannes Harneit zu einer Oper verarbeitet, die am 5. Januar 2023 in der intimen Atmosphäre der Opera stabile der Staatsoper Hamburg ihre Uraufführung erlebte.

Aus Hoffmanns recht verworrener Geschichte erarbeitete Lis Arends ein ähnlich verworrenes Libretto zu Harneits vierteiliger Komposition, die uns zunächst auf einen Silvesterball führt, auf dem der Protagonist Enthus seine große Liebe Angie wieder trifft, die allerdings zu seiner großen Enttäuschung jetzt verheiratet ist. Und so flieht er von dieser Feier in die nächstbeste Kneipe, in der er auf zwei Männer trifft: ‘Der Große’ hat keinen Schatten mehr; ‘Der Kleine’ hat kein Spiegelbild. Die nächste Station des Enthus ist ein Hotel. In seinem gebuchten Zimmer liegt bereits ‘Der Kleine’, sie teilen sich also das Zimmer, unterhalten sich, schlafen ein. Nun folgen die Traumsequenzen.

Während in E.T.A. Hoffmanns Erzählung der ‘Kleine‘ am Morgen verschwunden ist und Enthus einen Brief hinterlässt, in dem er ihm seine Lebensgeschichte schildert, wird diese Lebensgeschichte des ‘Kleinen’ hier in der Oper als Enthus’ Traum wiedergegeben: In diesem seinem Traum heißt der ‘Kleine’ jetzt Erasmus, der auf einer Silvesterparty in New York Angie begegnet, einen Rivalen tötet, ihm daraufhin von einer diabolischen Figur namens Anywhere zur Flucht verholfen wird, er Angie sein Spiegelbild schenkt, und schließlich zuhause angekommen von seiner Frau Sophia verstoßen wird, weil er kein Spiegelbild mehr hat.

Am Ende erwacht Enthus aus diesem Traum, erhält den Brief vom Kellner, geht ab und läßt das Publikum ein wenig ratlos zurück. Soviel zur Handlung dieser Oper.

Eine große Torte mit der Jahreszahl 1815, ein halb ausgepackter Kronleuchter, ein Schaukelpferd von einem Jahrmarktskarussell, sowie Tisch und Stühle, später ein großes Bett und eine Tür mit eingelassenem Spiegel, das sind die von Vera Selhorst beigegebenen Requisiten auf der ansonsten leeren dunklen Spielfläche. Mart van Berckels Inszenierung zeichnete sich aus durch eine lockere Personenregie, die den Solisten hinreichende Ausdrucksmöglichkeiten und Bewegungsfreiheiten  gestattete. Die dem Biedermeier nachempfundenen Kostüme der Solisten wurden entworfen von Joris Suk / Maison the Faux..

Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Nicholas Mogg/Enthus, Florian Panzieri/Erasmus und Ida Aldrian/Angie © Niklas Marc Heinecke
Opera stabile, Hamburg / SILVESTERNACHT hier Nicholas Mogg/Enthus, Florian Panzieri/ Erasmus und Ida Aldrian/Angie © Niklas Marc Heinecke

Das kleine Kammerorchester, links und rechts von der Spielfläche platziert, bestand aus Violine, Bratsche, Kontrabass, Flöte, Posaune und Harfe, während Komponist Johannes Harneit selbst die musikalische Leitung hatte und auch die Celesta spielte. Seine Komposition beeindruckt vor allem durch einfühlsame, weich fließende Streicherpassagen, durch den fortwährenden filigranen Einsatz der Flöte und durch den warmen Klang von Kontrabass und Posaune. Eine als Kellnerin fungierende Statistin (Lin Chen) betätigte sich gelegentlich als Schlagwerkerin, indem sie Dosen, Flaschen, Gläser, Deckel und einen an der Wand hängenden Gong zum klingen brachte.

In der ersten Szene wird ein Klavier hereingerollt, es tritt der Pianist Robert Jacob, schrill gekleidet mit schwarzer Federboa und reichhaltig beringt, in der Rolle des Hoffmann-Freundes Luigi Berger auf und gibt humorvoll und zum Vergnügen der Partygäste ein Klavierstück von Muzio Clementi zum Besten.

Das hoch engagiert singende und agierende Solisten-Septett wurde angeführt von Nicholas Mogg in der Partie des „reisenden Enthusiasten“ Enthus, dem er neben seiner darstellerischen Präsenz eine baritonale klangvolle Stimmkraft verleiht. Florian Panzieri besticht mit seinem ausdrucksvollen lyrischen Tenor in der Partie des ‘Kleinen’ bzw, des Erasmus in den Traumsequenzen, in denen er den getriebenen Charakter glaubhaft und mitleidsvoll darzustellen in der Lage war. Ida Aldrian in der Partie der Angie gefiel mit ihrem hellen lyrischen Mezzosopran in einem opulenten rosaroten Kostüm, und Marie-Dominique Ryckmanns in der Partie von Erasmus’ Frau Sophia brillierte mit ihrem glockenhellen lyrischen Sopran und phantastischen Spitzentönen. Diese vier genannten Solisten sangen in einer der Traumszenen Offenbachs hier in diese Komposition eingefügte „Barcarole“ als anrührend dargebotenes Quartett. In der Rolle des ‘Großen’, der seinen Schatten verkauft hat, gab sich der Tenor Peter Galliard humorvoll auftrumpfend mit Bier, Zigarre und verschwenderisch um sich werfenden Geldscheinen. Auch Tigran Martirossian mit seinem markanten Bass konnte in seinen beinahe mephistophelischen Szenen als arglistiger, dämonischer Anywhere hier einige Akzente setzen. Gabriele Rossmanith schließlich in ihren verschiedenen Rollen als Kellner, Gastwirt, Nachtportier und Zimmerkellner war so etwas wie eine Moderatorin in den einzelnen Szenen und konnte ihren noch immer ansprechend klingenden Sopran gut zur Geltung bringen.

Ob diese Komposition mit ihrer verwirrenden Handlung zwischen Traum und Realität Bestand haben wird, das wird die Zukunft zeigen.

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