Hamburg, OPERNLOFT, LA TRAVIATA – Giuseppe Verdi, IOCO Kritik, 25.12.2022

Hamburg Altona / OPERLOFT © Opernloft
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Opernloft

  LA TRAVIATA – Giuseppe Verdi

– im Opernloft in Hamburg-Altona – eine auffällig moderne Spielstätte –

von Wolfgang Schmitt

Zu einer interessanten Institution im Hamburger Kulturleben hat sich das Opernloft im Alten Fährterminal Altona, siehe link HIER!,  im Laufe der letzten Jahre entwickelt. Seit 2018 residiert das Opernloft im Hamburger Stadtteil Altona im Gebäude des ehemaligen Fährterminals, direkt an der Elbe gelegen. Wenn man das Opernloft erstmals betritt, ist man erstaunt und positiv überrascht von dem modernen eleganten Ambiente des Foyers, oder besser gesagt der Empfangshalle mit der langen Bar und dem großzügigen Bistro mit unmittelbarem Blick auf die Elbe und die vorüberfahrenden Schiffe. Das eigentliche Auditorium bietet Platz für etwa 200 Zuschauer.

Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier Pauline Gonthier / Flora, Ljuban Zivanovic / Alfredo, und Freja Sandkamm / Violetta © Wolfgang Schmitt
Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier Pauline Gonthier / Flora, Ljuban Zivanovic / Alfredo, und Freja Sandkamm / Violetta © Wolfgang Schmitt

Am 20. Dezember 2022 stand nun Verdis La Traviata auf dem Programm, gekürzt auf etwa 90 Minuten. Wer jedoch eine herkömmliche Inszenierung erwartete, wurde schon vor Beginn der eigentlichen Vorstellung eines Besseren belehrt, denn die fünf Protagonisten hatten sich unters Publikum gemischt und begannen bereits im Foyer aus ihren Partien zu singen und sich teilweise vorher sogar an den dort aufgestellten Spieltischen für Roulette, Poker oder Black Jack als Croupiers zu betätigen. Bereits bei Einlass wurden Jetons an die Gäste verteilt, mit denen sie an den Spieltischen mitmischen und ihr Glück versuchen konnten.

Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier Alfredo und Violetta (Ljuban Zivanovic und Freja Sandkamm) © Wolfgang Schmitt
Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier Alfredo und Violetta (Ljuban Zivanovic und Freja Sandkamm) © Wolfgang Schmitt

Schließlich wurde man gebeten, den Zuschauerraum zu betreten. Dieser war ebenfalls mit Spieltischen ausgestattet wie in einem Casino. Einige Besucher wurden um diese Spieltische herum platziert und wähnten sich mitten im Geschehen als Teil der Handlung. Denn die tragische Geschichte von Violetta und Alfredo ist in dieser Inszenierung von Inken Rahardt – sie zeichnet auch für die Ausstattung verantwortlich – dahingehend abgeändert worden, das Violetta und ihre Freundin Flora Betreiberinnen eines Casinos sind, daß Alfredo der Bruder Floras ist, der sowohl der Spielsucht in diesem Casino verfällt als auch der hier recht gesund wirkenden Violetta. Als Violetta beschließt, ihren Anteil aus dem Casino herauszuziehen und mit Alfredo irgendwo anders ein neues Leben anzufangen, sieht Flora ihre Existenz und ihren Lebensinhalt in Gefahr. Kurzerhand werden Violetta und Alfredo von Flora erschossen.

Flora singt auch die Partie des Vaters Germont, einen Bariton gibt es in dieser Fassung nicht. Die Veränderung der Handlung, so wie sie hier dargestellt wurde, erscheint dem eingefleischten Operngänger sicherlich recht befremdlich, aber diese Oper wie einen Kriminalfall darzustellen, ist gar nicht so uninteressant und man könnte die Art der Umsetzung dieser Verdi-Oper durchaus als experimentelles Musiktheater ansehen. Gesungen wurde der italienische Originaltext, auf die Wände wurde jedoch ein Text in deutsch und englisch projiziert, der der hier aufgezeichneten Handlung weitgehend entsprach.

Ein Opernorchester gibt es im Opernloft nicht, man hat es auch nicht wirklich vermißt, denn die drei Musiker, an der rechten Seite der eigentlichen Bühne platziert, die insgesamt fünf Instrumente bedienten – Klavier, Querflöte, Schlagzeug, Klarinette, Saxophon – , hatten vorzügliches geleistet. Geleitet von der ausgezeichneten Pianistin Makiko Eguchi wurde eine enorme Klangdichte erzeugt, manche Passagen klangen durch Schlagzeug und Saxophon verjazzt, während die Klarinette und besonders die Querflöte die sanften Stellen so einfühlsam begleiteten, daß man die Streicher in diesem Rahmen überhaupt nicht vermißte.

Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier das Ensemble zum Schlussapplaus) © Wolfgang Schmitt
Opernloft Hamburg / TRAVIATA hier das Ensemble zum Schlussapplaus) © Wolfgang Schmitt

Die Solisten agierten im gesamten Zuschauerraum, auf der Bühne und auf den Spieltischen. Freja Sandkamm, eine grazile, charismatische junge Dänin, in schwarz gekleidet mit roter Glitzerweste und Fliege, wurde als indisponiert angekündigt, zeigte jedoch darstellerisch vollen Einsatz und sang die Violetta großenteils mit ihrem trotz Erkältung ausdrucksvoll klingendem lyrischen Sopran, wurde jedoch in den heikleren, höher gelegenen Teilen der Partie wie „E strano … sempre libera“ von Darlene Dobisch unterstützt, die von der Bühne aus, neben den Musikern stehend, ihren klaren perlenden Koloratursopran hören ließ.

Pauline Gonthier, eine junge temperamentvolle Französin mit klangschönem, voll tönendem Mezzosopran, sang die Partie der Flora, präsentierte sich auch darstellerisch imponierend engagiert, Besonders eindrucksvoll gelang ihr die Père-Germont-Arie „Di Provenza“, die hier in den vierten Akt eingefügt wurde. Es war ungewöhnlich, jedoch auch irgendwie reizvoll, diese Bariton-Arie einmal von einem Mezzosopran zu hören zu bekommen.

Ljuban Zivanovic glänzte als Alfredo mit seiner leicht metallischen und dennoch warm timbrierten, sicher geführten Tenorstimme. Die bei vielen Tenören gefürchtete und meist gestrichene Stretta gelang ihm vorzüglich mit dramatischer Attacke und präzisen Spitzentönen. Seine Szenen und Duette mit Violetta gestaltete er expressiv und leidenschaftlich, im letzten Duett gefühlvoll mit fein dosierter Stimmführung.

Luzie Franke und Francesco Sannicandro fungierten als Croupiere mit spielfreudigem Einsatz an den Roulette-Tischen, versorgten das Publikum sogar mit kleinen Getränken und übernahmen die Chorpartien. Letzterer amüsierte im dritten Akt sogar mit einem Männerstrip auf dem Spieltisch.

 Ein ungewöhnlicher, spannender und dennoch vergnüglicher Verdi-Abend  – im Opernloft an der Elbe

—| IOCO Kritik Opernloft Hamburg |—

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