Hamburg, Staatsoper Hamburg, Georges Delnon und Kent Nagano: Die neue Führung, IOCO Aktuell,

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Staatsoper Hamburg

Staatstheater Hamburg © Staatstheater Hamburg
Staatstheater Hamburg © Staatstheater Hamburg

 Neue Macher an Bord – Inhalte bleiben im Verborgenen!
Mit festem Schritt in die 2. Reihe!

Ioan Holender, langjähriger Chef der Wiener Staatsoper, erklärte 2011 zur Bestellung des neuen Intendanten am Stadttheater Klagenfurt eindeutig wie bestimmt: “Ein aktiv tätiger Regisseur (NB: oder Dirigent) kommt für diese Position nicht in Frage. Das ist nicht mehr zeitgemäß”. Das Aalto-Theater in Essen wurde mit seinem Führungskonstrukt, Intendanz und Generalmusikdirektor in einer Hand, nicht glücklich: Der Niederländer Hein Mulders, aus dem Kulturmanagement kommend, beerbt den unbestritten guten Dirigenten Stefan Soltesz 2013 in dessen Funktion des Aalto-Intendanten. Mulders sucht, möglichst zum Herbst 2013, auch einen Soltesz-Nachfolger  als GMD. Peter Gelb, unumstrittener Chef der New Yorker Metropolitan Opera, trat weder als Regisseur oder Dirigent je in Erscheinung. Moderne Theaterstrategien aus New York, Essen oder Klagenfurt lauten: Erst das Konzept, dann der Kopf. Umso auffälliger die neuen personellen Entscheidungen zur Staatsoper Hamburg,

Die Hamburgische Staatsoper hat eine große Vergangenheit: 1686 bis 1738 ist die Hamburger Oper ein führendes Musikzentrum in Europa; geprägt von großen Barock-Komponisten wie Reinhard Keiser, Johann Mattheson, Georg Philip Telemann und Georg Friedrich Händel. Künstlerisch fett waren auch die Jahre mit Rolf Liebermann, Christoph von Dohnányi, Ingo Metzmacher. Doch sind sind spätestens seit 2005 vorbei. Seither bewegt sich die Staatsoper in der zweiten Reihe deutscher Musiktheater. Nur das Hamburg Ballett unter dem langjährigen Tanzchef John Neumeier bewahrte sich ein regional wie international herausragendes Ansehen.

Bei spartanischem Beifall stellte Hamburgs Kultursenatorin Barbara Kisseler  am 25.9.2012 fest: Kent Nagano wird 2015 bis 2020 neuer Generalmusikdirektor der Hamburgischen Staatsoper. Georges Delnon, noch nicht bestätigter aber designierter neuer Intendant der Staatsoper ab 2015, wurde auf dieser Pressekonferenz ebenfalls öffentlich präsentiert. Als Intendanten werden Delnon und Nagano das Philharmonische Staatsorchester gemeinsam leiten. Kisseler, voll Stolz ob ihrer Personalrochaden erwartet von der neuen Leitungsstruktur, daß die Hamburgische Staatsoper und die Hamburger Philharmoniker national wie international ihren Ruf deutlich ausbauen werden. Selbst die Opposition in der Hamburger Bürgerschaft begrüßte einhellig ihre Entscheidungen: “…freue mich schon jetzt auf die musikalischen Impulse für unsere Stadt”, klang der CDU-Fraktionsvorsitzende Wersich. Die Grünen lobten eine “exzellente Wahl”. Und doch besitzen die Hamburger Personalentscheidungen alle Merkmale dafür, daß der Staatsoper im Theater-Ranking die 2. Reihe sicher bleibt. Stilloses Detail der PK: Danksagungen an Simone Young, welche 2015 immerhin 10 Jahre Intendantin und GMD der Staatsoper gewesen sein wird, fielen in dieser Pressekonferenz dürftig aus. Die Erfahrungen des Aalto-Theater mit künstlerisch aktiven Intendanten klingen durch.

So bleibt es offen, ob das neue Führungsduo ab 2015 der Staatsoper Hamburg sehnsüchtig erhofften neuen Glanz einhauchen wird. Dem nur gebrochen deutsch sprechenden, introvertierten Feingeist Kent Nagano geht der Ruf eines hervorragenden, aber sehr spezialisierten Dirigenten voraus: Mit großen Stärken im Konzertbetrieb und  deutlichen Problemen im Alltagsgeschäft eines Musiktheaters. An der Bayerischen Staatsoper verlor der durchsetzungsschwache GMD Kent Nagano neben Intendant Nikolaus Bachler jede Kontur, ihre Beziehungen gelten seit Jahren als zerrüttet. Naganos deutsche Karriere ist seither insgesamt begrenzt: Sein Nachfolger in München, Kirill  Petrenko, wird dagegen  in 2013 den Jubiläums-„Ring“ in Bayreuth dirigieren. So sieht  denn die Zeitschrift Die Welt  Nagano  als „den falschen für den Opernbetrieb in Hamburg“. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung bemängelte bei Nagano “die Schmalheit seines Repertoires im Kernrepertoire”. Bei Mozart, Verdi, Strauss, Wagner habe Nagano Defizite. Mit dem in Hamburg populären NDR-Chefdirigenten Thomas Hengelbrock stehen Nagano weitere Abstimmungen ins Haus. Naganos zukünftiges Pendant an der Staatsoper, Georges Delnon, eher blasser Intendant des Theater Basel, eines Mehrspartenhauses mit 1000 Plätzen, schaffte als Regisseur im zeitgenössischen Musiktheater (Das Lachen der Schafe von J. Demierre) nur seltene Schlagzeilen. Die wiederholt prämierte Opernsparte des Theater Basel wurde von Dietmar Schwarz geleitet, nicht von Georges Delnon.

Nagano und Delnon kennen sich persönlich bisher kaum. Doch schwerwiegender: Ein künstlerisches Konzept für die zukünftige Ausrichtung der Staatsoper Hamburg haben weder Nagano, Delnon noch ihre Chefin, die Kultursenatorin Barbara Kisseler, bisher offenbart. In kürzlichen Interviews (Die Welt) zu Ihrer Zukunft in Hamburg überwiegen Allgemeinplätze, welche auch den HSV betreffen könnten: Georges DelnonWir wollen versuchen,…gemeinsam..zu denken, …uns gegenseitig zu beflügeln“. Kent Nagano: “Ich vertraue Georges Delnon. Wir sind mit unseren Planungsgesprächen noch am Anfang“. Gemeinsam: Nagano wie Delnon von “Ehre in Hamburg arbeiten zu dürfen, Potential, internationaler Ausrichtung“. Das Fehlen einer halbwegs konkreten Vision zur Zukunft der Staatsoper war in allen Presseauftritten schmerzhaft spürbar.  Beste Voraussetzungen, der Staatsoper Hamburg sich dauerhaft einen Stammplatz in der zweiten Reihe deutscher Musiktheater zu sichern.

Ioan Holender würde granteln ob des seitenverkehrten Hamburger Auswahlverfahrens. Doch Barbara Kisseler, Kent Nagano und Georges Delnon haben noch Zeit bis Herbst 2015, eine moderne Vision für die Staatsoper Hamburg zu entwickeln. Ob Nagano und Delnon für die Neuausrichtung des großen Musiktheater dann auch die richtigen Macher sind? Egal, denn sie sind angeheuert. Bis mindestens 2020 steuern sie die Staatsoper Hamburg.   Wohin?   So genau weiß dies wohl niemand.

IOCO / Viktor Jarosch / 22. Oktober 2012

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