Hannover, Staatsoper Hannover, SWEENEY TODD – Stephen Sondheim, IOCO Kritik, 07.12.2021

Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then
Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then

Staatsoper Hannover

Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski
Staatsoper Hannover © Marek Kruszewski

SWEENEY TODD  –  Stephen Sondheim

Ein Musical-Thriller   –  The Demon Barber of Fleet Street

von Karin Hasenstein

Stephen Sondheim  (22.03.1930 – 26.11.2021) ist einer der größten amerikanischen Musical-Komponisten und -texter des 20. Jahrhunderts. Er wurde mit zahlreichen Preisen wie dem Academy Award, neun Tony Awards, acht Grammy Awards, dem Pulitzer-Preis und der Presidential Medal of Freedom ausgezeichnet. Er schrieb die Texte zu West Side Story, komponierte Musicals wie A Little Night Music, Sunday in the Parc with George und Into the Woods sowie eben Sweeney Todd. Viele seine Lieder erlangten große Bekanntheit wie z.B. “Send in the Clowns”.  Am 26.11.2021 ist Stephen Sondheim in Roxbury, Connecticut im Alter von 91 Jahren gestorben, IOCO berichtete, link HIER!

SWEENEY TODD an der Staatsoper Hannover
youtube Staatsoper Hannover
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Die Premiere eines seiner berühmtesten Musicals, Sweeney Todd, in Hannover stand ganz unter dem Eindruck seiner Todesnachricht. Ob es an den Corona-Bestimmungen der Staatsoper Hannover oder am Stück lag, lässt sich kaum erahnen, jedenfalls war der Zuschauerraum bestenfalls zu 25% gefüllt. Vielleicht auch nur an der derzeit häufiger zu beobachtenden Zurückhaltung der Bevölkerung gegenüber Großveranstaltungen. Für eine Musical-Premiere an einem Samstag in der Adventszeit war das Haus leider sehr schlecht besucht. Am Engagement und der Leistung der Ausführenden hat es jedenfalls nicht gelegen. Auf der Bühne und im Graben wurde an diesem Abend alles gegeben.

“There was a barber and his wife and she was beautiful…”:  Während im Hintergrund ein Video läuft, erklingt Orgelmusik. Eine Prozession bewegt sich von links nach rechts über die Bühne, die Menschen tragen Kerzen vor sich her, offenbar handelt es sich um einen Leichenzug. Die Mitglieder des Chores sind alle grau in grau gekleidet. Ein Körper in einem Leichensack wird aus der Unterbühne hochgefahren, ein Mann in einem dunkelroten Anzug nähert sich der Szene, er trägt einen Koffer in der Hand.

Die Bühnenseiten sowie die Rückwand sind mit üppigen gerafften Stoffen verkleidet, gold-glänzend. Der Neuankömmling, Anthony Hope (James Newby) berichtet von seinen Seefahrten, “but there’s no place like London“. Sweeney Todd bestätigt das mit zynischem Unterton, “Yes, there’s no place like London…” aber man ahnt bereits, dass das kein Lobgesang auf die Stadt an der Themse ist.  Die Songtexte sind also im Original auf Englisch, die gesprochenen Dialoge auf Deutsch.

Eine ärmlich gekleidete Frau mit großen Taschen kommt hinzu, eine Bettlerin offensichtlich. Im Song wird die Geschichte von Sweeney Todd in der Rückblende erzählt, die Musik ist geprägt von Holzbläsern, namentlich Flöte und Klarinette.

Auf der Drehbühne zerlegt sich das Podest wie von selbst in eine Art Puzzle, die Teile fahren im Laufe des Abends immer wieder auseinander und bilden so Gänge und Räume für die handelnden Personen. (Bühne: Bernhard Hammer). Die Drehbühne hält an und im vorderen linken Bereich entsteht das Café von Mrs. Lovett. Die Wirtin preist hingebungsvoll “die schlechtesten Pasteten in London” an. Die Musik ist symphonisch, Blechbläser dominieren den Klang, durchbrochen von einem Xylophon.

Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then
Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then

Währenddessen befördert Mrs. Lovett die energisch gekneteten Pasteten in die Mikrowelle, wo sie fröhlich vor sich hin qualmen. Sie erzählt Sweeney Todd, der eine Wohnung sucht, um sich wieder in London niederzulassen, dass sie oben noch ein Zimmer hat, in dem es spukt.  Dazu ist der Damenchor auf der Bühne, es findet ein Maskenball statt, auf dem der Richter Turpin eine Frau vergewaltigt.

Nachdem Sweeney Todd einst seine Frau vergiftet haben soll und dafür nach Australien verbannt wurde, lebt seine Tochter Johanna bei Richter Turpin. Sweeney resümiert: 15 Jahre in der Hölle Australiens, umsonst…   Mrs. Lovett erzählt ihm, dass sie alle die Jahre seine Messer für ihn aufbewahrt hat… Es folgt ein Duett, das einem einen Schauer über den Rücken jagt, in dem Sweeney die Messer als seine Freunde preist und Mrs. Lovett sich auch nur einen Freund wünscht. “Sprich zu mir, Freund, ich will dir lauschen. Ich weiß, ich weiß, dass du viel zu lang eingesperrt warst, wie ich, mein Freund. War doch dein Glanz bisher nur Silber, Freund, bald glänzt du blutrot. Bald glänzt du herrlich blutrot.”

Als nächstes sehen wir auf der neu zusammengesetzten Bühne eine junge Frau mit einem großen Vogelkäfig und einem noch größeren Teddybären. Es ist Johanna, Sweeneys Tochter, in ihrem Zimmer im Hause von Richter Turpin. Sie singt ein Lied vom Grünfink und fragt sich, warum die Vögel so schön singen, obwohl sie doch im Käfig eingesperrt sind. (zauberhaft: Nikki Treurniet). Ihre Stimmung ist traurig und verzweifelt “Mein Käfig hat viele dunkle Zimmer, Lerchen singen nicht in Gefangenschaft.”  Anthony taucht auf und hört ihren Gesang “I feel you, Johanna! I steel you, Johanna!”, wird jedoch schon bald entdeckt und vom Büttel des Richters bedroht. Für diesen Auftritt, groß, symphonisch angelegt und großartig gesungen von James Newby spendet das Publikum spontan Szenenapplaus.

In der nächsten Szene preist der Chor, der hier immer kommentierend im Stil eines griechischen Chors auftritt, Pirellis Wunderelixier, welches die Haare wachsen lässt. Pirelli selbst zelebriert seinen Auftritt im goldenen Anzug mit Glitzerumhang und rosa Perücke (hinreißend in Gesang und Spiel: Sunnyboy Dladla).

Sweeney Todd hört sich die Prahlerei eine Weile an und wettet schließlich mit Pirelli, dass er besser und glatter rasieren kann. Er will einen “Rasiercontest”. Pirelli geht bereitwillig darauf ein. Rasch werden zwei Stühle herbeigeschafft und Freiwillige gesucht. Pirelli rasiert und erzählt. Sweeney seift den Kunden nur ein und poliert gelangweilt sein Messer. Während Pirelli immer noch seine Kunst preist, ist Sweeney längst fertig, er hat den Wettbewerb gewonnen.

Während der Chor die Geschichte des Richters erzählt, sehen wir diesen in seinem Haus, sich selber geißelnd, die Worte “mea culpa, mea maxima culpa” murmelnd. Johanna sitzt in einem dunklen Nachthemd mit dem Rücken zu ihm. Der Richter stellt anklagend fest “Du lockst mich mit deiner Unschuld! Du musst mich von dem Teufel erlösen mit deiner jungfräulichen Hand!”  Sweeney fragt sich “Wann kommt der Büttel, wann kriege ich den Richter?” Sein Wunsch, Rache zu nehmen, wird immer stärker. Schließlich ist der Richter Schuld an seinem Schicksal.

Anthony kommt und gesteht, dass er sich in Johanna verliebt hat. Er will mit ihr zusammen fliehen und sie anschließend bei Sweeney und Mrs. Lovett verstecken. Pirelli erscheint. Er hat die frühere Identität von Sweeney herausgefunden, Benjamin Barker, und versucht ihn damit zu erpressen. Er will das Geheimnis für sich behalten, wenn Sweeney ihm dafür die Hälfte seiner Einnahmen abgibt. Er hat sich jedoch mit dem Falschen angelegt, denn Sweeney Todd verhandelt nicht, er erwürgt ihn. Das Durchschneiden der Kehle wird von drei Chorsolisten kommentiert.

Der Richter hat beschlossen, dass es die Lösung seiner Probleme ist, wenn er Johanna heiratet, weil sie dann nicht mehr sein Mündel ist. Johanna jedoch will lieber sterben. Anthony verspricht ihr, dass sie zusammen fliehen. In einem leidenschaftlichen Song tröstet er sie und gibt ihr Hoffnung auf ein gemeinsames Leben. James Newby zeigt nach Greek hier einmal mehr seine wandlungsfähige Stimme, mit der er auch im Musicalfach zu Hause ist. Sie ziehen sich aus und sinken auf dem Podest nieder…

Richter und Büttel erscheinen. Der Büttel gibt dem Richter Tipps, wie dieser seinen finsteren Plan umsetzen kann. Zunächst soll er sich einen guten Barbier suchen, denn er sei schlecht rasiert und das mögen die Ladies nicht. Diese beiden Handlungen laufen dank der flexiblen Bühne parallel, Johanna und Anthonyschmieden oben ihre Pläne, der Büttel und Richter Turpin unten. Später sucht Mrs. Lovett Sweeney und Pirelli. Sie findet ihn tot vor und ist entsetzt, fragt sich, ob Sweeney auch seinen Assistenten, den kleinen Toby, umgebracht hat. Doch Sweeney kann sie beruhigen

Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then
Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier vlnr Anne Weber, Scott Hendricks © Sandra Then

Der Richter kommt in das Geschäft und möchte eine verführerische Aura. Dieser Wunsch wird unterstrichen von der Piccoloflöte. Der Richter ist verliebt. Er und der Barbier preisen in einem Duett die hübschen Frauen. Anthony kommt vorbei und verplappert sich, der Richter erkennt ihn daraufhin und verlässt eilig das Geschäft, um Johanna fortzubringen. Sweeney ist außer sich über die verpasste Chance, den Richter zu beseitigen. “Ich hatte seine Kehle direkt vor meiner Klinge!”  In diesem Moment geht das Licht im Zuschauerraum an, die Bühne dreht und Sweeney schwört allen Rache.

Der Richter lässt Johanna von seinen Männern wegbringen und Sweeney erkennt, dass er seine Tochter nie wieder sehen wird. Aber er verspricht “Ich kriege meine Vergeltung, meine Erlösung! Nicht einer, zehn oder hundert reichen mir, ich kriege euch alle!” Die vormals goldenen Vorhänge sind nun blutrot (Licht: Susanne Reinhardt).  Dieser Racheschwur ist so gewaltig und überzeugend dargeboten, dass das Publikum wiederum in Szenenapplaus ausbricht.

Nun stellt sich die Frage, was machen wir mit Pirelli? Entsorgen, schlägt Sweeney vor. Nein, besser “verwenden”, meint Mrs. Lovett. Bei diesen Fleischpreisen… da kann Katze nicht mithalten… Beide spinnen diesen Gedanken weiter in einem bitterbösen Song über den Inhalt der Pasteten. “Priester, Anwalt, Marine…” , was man alles so durch den Fleischwolf drehen kann… Auf dem Höhepunkt der makaberen Rezeptideen für Pastetenfüllungen ziehen sich beide aus und schmieren sich mit Teig ein.  Das Café ist frisch renoviert, ein neues Schild preist “Mrs. Lovett’s Meat Pies” an und der Chor rühmt ihre köstlichen Pasteten, die Toby eifrig den Gästen serviert. Es sind die besten in der Stadt, allen wollen sie.  Die Bühne dreht und schon sind wir wieder in Sweeneys Salon.

Der nächste Besucher nimmt im Stuhl Platz – und zack, schneidet Sweeney ihm die Kehle durch. Der Friseurstuhl kippt nach hinten und ab geht die Rutschpartie, direkt in einen riesigen Container. Mrs. Lovett zerlegt derweil in ihrer Küche die Leichenteile… Oben killt Sweeney den nächsten Kunden, im Video färbt sich ein Mund blutrot und auch hier endet die Rutschpartie im Container, in dem sich mittlerweile die Leichen stapeln. Wunderbar die Überblendung von der Bühne in den Container, wo tatsächlich aus dem Himmel Leichen (Puppen) herabfallen.

Sweeney zieht einen frischen Kittel an und weiter geht das mörderische Geschäft. Der Büttel erscheint mit seiner kleinen Tochter und bittet um eine Rasur. Auf der oberen Bühne sehen wir links Johanna, rechts Anthony. Vielleicht mit Rücksicht auf die Tochter lässt Sweeney den Büttel am Leben. Johanna stimmt wieder das Lied von den Vögeln an. Der Richter hat sie in eine Irrenanstalt bringen lassen. Anthony erkennt sie an ihrem Gesang und ist entsetzt, aber der Büttel versichert ihm, dass sie zurecht hier ist, sie sei völlig verrückt.

Die Geschäfte in der Fleet Street laufen gut. Mrs. Lovett hat diese Woche 3.000 Pfund eingenommen und freut sich über den Erfolg, während Sweeney nur eines umtreibt: es muss doch einen Weg geben zum Richter. Sie findet, es läuft doch gut, ein respektables Geschäft, und träumt von einem Urlaub oder besser gleich Umzug ans Meer. Im Badeanzug im Liegestuhl träumt sie davon, mit Sweeney “ordentlich verheiratet” zu sein. Er hat jedoch nur Rache im Kopf. Wunderbar und  bitter zugleich, wie beide zwar im Duett aber doch völlig aneinander vorbei singen.  Anthony erscheint und berichtet aufgeregt, dass er Johanna gefunden hat, allerdings im Irrenhaus. Das ist in Sweeneys Augen die Lösung, denn die Friseure bekommen die Haare für ihre Perücken aus dem Irrenhaus! Rasch bekommt Anthony einen Schnellkurs als Friseur verpasst, damit er nach der richtigen Haarfarbe fragen kann und auch zu Johanna gelangt.

Schließlich gibt Sweeney ihm noch eine Pistole mit auf die Mission. Dann setzt er sich hin und schreibt einen Brief an den Richter, in dem er ihn warnt, dass Anthony Johanna entführen will. Er legt darin eine falsche Fährte und erzählt, dass er sie zur Fleet Street gebracht hätte “She will be waiting…”  Der Brief wird dem Büttel übergeben.

Toby scheint ein bisschen in Mrs. Lovett verliebt zu sein, die immer so gut zu ihm ist und ihn mit Pasteten verwöhnt. Den Kopf in ihrem Schoß erklärt er “Nothing’s gonna harm you!”, doch die Idylle wird jäh gestört, als sie ihm Geld gibt und er Pirellis Geldbörse erkennt, die sie nach der Beseitigung der Leiche eingesteckt hat. Unter einem Vorwand, er solle ihr helfen, nimmt sie ihn mit in die Backstube. Dort steht ein großer neuer Fleischwolf. Toby wundert sich über den Gestand aus dem Keller und den großen Backofen.

Unten ist inzwischen der Büttel bei Mrs. Lovett angekommen und spielt auf ihrem Keyboard. Was er denn wünsche, fragt sie. Nun, es gab Beschwerden über den Gestank aus dem Kamin… er möchte auf Mr. Todd warten. An dieser Stelle wird die Orgel mit einem dramatischen Intermezzo eingesetzt. Der Büttel lässt sich nicht vertrösten oder wegschicken und wartet. Diese Szene zwischen dem Büttel und Mrs. Lovett mit den Keyboardeinlagen des Büttel ist so absurd, dass sie schon wieder lustig ist. Schließlich erscheint Todd und verspricht dem Büttel einen Haarschnitt. Das ist nun die Gelegenheit, auf die er gewartet hat. Es kommt, wie es kommen muss und die Leiche landet im Container. Als die Leiche an Toby vorbeifliegt, springt dieser in Panik hinterher. Dumm, dass der Junge jetzt Verdacht geschöpft hat. Der Richter ist im Anmarsch. Das Geschehen nimmt deutlich an Tempo auf, die Musik wird dramatischer und dichter.  Im Irrenhaus kommentiert der Chor die Zustände in London: nur Ratten und Irre in den Straßen, “The City is on Fire”.

Todd und Lovett suchen Toby. Die Bettlerin kommt dazwischen, Toby gelingt die Flucht. Johanna zieht seine Kleider an, Anthony sagt ihr, sie soll bei Todd bleiben. Sie träumen von ihrer gemeinsamen Zukunft. Er geht und will einen Wagen holen. Die Bettlerin ist im Salon, Todd kommt und tötet auch sie, mittlerweile ganz im Blutrausch. Schließlich naht der Richter. Er bezieht sich auf den Brief und will Johanna sehen. Todd hält ihn hin. Schließlich erkennt der Richter ihn als Benjamin Barker und Todd schneidet ihm die Kehle durch. “Rest now and forever!”

Johanna, die sich in einer Kiste versteckt hatte, als der Richter eintrat, kommt aus ihrem Versteck. Todd sieht nur Tobys Kleider und erkennt nicht, wen er vor sich hat. Toby möchte sicher eine Rasur… mit dem Befehl “Sit!” zwingt er sie in den Friseurstuhl. Der Chor setzt ein und sowohl Todd als auch die Zuschauer erfahren, die Bettlerin ist Lucy, Sweeneys geliebte Frau. Mrs. Lovett wusste es, sie gesteht, dass sie ihn aus Liebe vor der Wahrheit schützen wollte. Er erkennt, dass sie ihn belogen hat “Liar!” und zwingt sie zu einem grotesken Walzer. Schließlich schneidet er ihr die Kehle durch und stößt sie in den Ofen. Im Video züngeln entsprechend Flammen auf.

Plötzlich taucht der tot geglaubte Toby auf. Er findet das Rasiermesser und tötet Sweeney Todd. Zuletzt kommentiert der Chor in einem Meer von Kerzen wie am Anfang. “Hört die Geschichte von Sweeney Todd.”

Alle Toten stehen auf und erzählen. Die Musik steigert sich, alle zeigen auf Sweeney. Er nimmt Lucy mit und stößt Mrs. Lovett weg. Die Bühne wird nur noch von den Kerzen beleuchtet. Das Licht blendet ab.

“Attend the tale of Sweeney Todd.  He served a dark and a hungry god.”

Wer einen leichten unterhaltsamen Abend erwartet hat, wird enttäuscht. Sweeney Todd ist harter Tobak, verpackt in wunderschöne üppige und sehr amerikanische Musicalklänge. Tim Burton hat die Geschichte vom “Demon Barber of Fleet Street” 2007 mit Johnny Depp in der Titelrolle verfilmt. Dem niederländischen Film- und Theaterregisseur Theu Bormans gelingt mit seiner Inszenierung für die Staatsoper Hannover ein großer Coup.

Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier Scott Hendricks als Sweeney Todd © Sandra Then
Staatsoper Hannover / SWEENEY TODD hier Scott Hendricks als Sweeney Todd © Sandra Then

Mit seinem Team, bestehend aus Bernhard Hammer (Bühne), Mattijs van Bergen (Kostüme) und Susanne Reinhardt (Licht) setzt er die Vorlage von Stephen Sondheim spannend um. Kernstück ist dabei die wandelbare Bühne. Eine Art schräggestellter Podest auf der Drehbühne positioniert bietet zahlreiche Möglichkeiten der Verwandlung. Aus mehreren Einzelteilen bestehend kann das Gebilde immer wieder neu zusammengesetzt werden. Durch die Schräge bilden sich neue Räume, Treppen und Gänge. So ist sie mal Kinderzimmer, Haus des Richters, Irrenanstalt, Backstube, Café. Die üppige geraffte Wandverkleidung wirkt wie eine Reminiszenz an die aufwändigen Ausstattungen am Broadway und bildet einen starken Kontrast zu den schlichten und nackten Bühnenmodulen. Die Hauptfiguren folgen einem Farbkonzept: Sweeney Todd trägt einen dunkelroten Anzug. Anthony ist ebenfalls rot gekleidet, sein Erfüllungsgehilfe. Rot steht für das Blut, das vergossen wird, für Liebe, Leidenschaft und Rache. Mrs. Lovett trägt ein blaues Kleid. Der Büttel hat einen grünen Anzug. Der Richter trägt weiß, dabei hat er wahrlich keine weiße Weste. Toby ist gelb. Die Bettlerin ist schmutzig-grau und geht damit in der Masse der Gesellschaft (Chor) unter. Johanna trägt ein unschuldig weißes Nachthemd. Damit sind alle Figuren sehr klar voneinander ab gegrenzt. Der Stil der Kostüme ist zeitlos schlicht. Der Chor ist grau in grau und fügt sich unauffällig in die Kulisse ein. Das Café der Mrs. Lovett und Todds Salon sind nur angedeutet und schlicht, mit einigen Versatzstücken ausgestattet. Besondere Erwähnung verdient in dieser Inszenierung das Licht. In dieser sehr finsteren Geschichte, von der große Teile im Dunkeln spielen (finstere Stadt, finstere Gestalten, finstere Taten) wird das Licht sehr raffiniert eingesetzt, um Personen oder Szenen hervorzuheben. Besonders kommt das zur Geltung, als die Wandverkleidung, die beide Bühnenseiten und die hintere Wand bedeckt, blutrot angestrahlt wird. Auch die Schlussszene gerät durch die Kerzen und das gedimmte Licht sehr eindrücklich.

In diesem stimmigen Setting können die Sängerdarsteller aufblühen.

Scott Hendricks gibt einen zerrissenen und von Rache getriebenen Sweeney Todd. Der amerikanische Bariton studierte an der Louisiana State University und an der University of Illinois. Er sang Rollen wie Scarpia am Royal Opera House Covent Garden und der Bayerischen Staatsoper, Rigoletto bei den Bregenzer Festspielen, Sharpless an der Metropolitan Opera New York oder Jochanaan an der Oper La Monnaie.

In der Spielzeit 2020/2021 ist Scott Hendricks Gast an der Staatsoper Hannover. Hendricks beeindruckt sowohl durch seine nuancenreiche Baritonstimme als auch durch seine ausgeprägte Bühnenpräsenz. Während der Aufführungsdauer von 3:15 Std. ist er fast immer auf der Bühne und bewältigt die Partie absolut überzeugend und mit großem musikalischem und darstellerischem Einsatz.

Anne Weber gibt die Pasteten-Bäckerin Mrs. Lovett. Die Schauspielerin und Sängerin ist auf vielen deutschen Bühnen zuhause. Sie hat im Schauspiel Hannover in Liederabenden von Franz Wittenbrink mitgewirkt. 1993 bis 2005 war sie Ensemblemitglied am Deutschen Schauspielhaus Hamburg.  Anne Weber verleiht der Mrs. Lovett ausgesprochen viel Charme. Die Dialoge gestaltet sie mit einem leichten Hamburger Akzent, der eine gewisse Leichtigkeit und Liebenswürdigkeit in das finstere Thema bringt.  Sie schafft den Spagat zwischen leichter Komik, wenn sie die Leichen zerhackt und tiefer Dramatik, wenn sie Todd gesteht, dass sie wusste, dass die Bettlerin seine Frau ist.

Anthony wird gesungen von dem jungen britischen Bariton James Newby Newby ist dem Hannoveraner Publikum bereits bekannt aus Greek – die Plage tobt weiter, IOCO Rezension HIER, nun in der Rolle des Eddy. James Newby studierte am Trinity College in London. Er gewann mehrere Preise und war in zahlreichen wichtigen Rollen seines Fachs zu erleben, so zum Beispiel als Graf Almaviva an der Nevill Holt Opera, als Jesus in einer von Calixto Bieito inszenierten Johannes-Passion mit dem Bilbao Orkestra Sinfonikoa im Châtelet Théâtre Musical de Paris. Mit seinem schlanken Bariton verleiht er dem jungen Anthony große Leidenschaft und Glaubwürdigkeit.

Daniel Eggert gibt den brutalen und herrischen Richter Turpin. Der deutsche Bass absolvierte zunächst ein Lehramtsstudium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover und der Leibniz Universität. Ab 2004 studierte er an der HMTMH zusätzlich Operngesang und besuchte Meisterkurse, u.a. bei Margret Peckham, Frieder Bernius und Barbara Bonney. Gastengagements führten ihn u.a. an das Prinzregententheater München und die Staatsoper Unter den Linden Berlin sowie nach Bayreuth (Tannhäuser für Kinder). An der Staatsoper Hannover war er bereits in La Traviata, Carmen und Tannhäuser zu erleben. Seit 2012/13 ist Daniel Eggert Ensemblemitglied der Staatsoper Hannover. Mit seinem vielseitigen warm timbrierten Bass gestaltete er die Rolle des Richters facettenreich und stellenweise fast schon zu sympathisch.

Büttel Bamford wurde gesungen von Philipp Kapeller. Der österreichische Tenor ist seit der Spielzeit 2019/20 Mitglied der Staatsoper Hannover. Er studierte an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und war Preisträger beim Nationalen Musikwettbewerb Gradus ad Parnassum. Engagements führten ihn an die Wiener Staatsoper, das Schlosstheater Schönbrunn, das Oldenburgische Staatstheater sowie die Royal Philharmonic Hall in Liverpool. Mit seinem schlank geführten Tenor gestaltete er die Rolle des Büttel abwechslungsreich und verlieh der Figur eine große Bandbreite an Emotionen, unterstrichen durch seine starke Bühnenpräsenz.

Die junge niederländische Sopranistin Nikki Treurniet studierte Gesang am Koninklijk Conservatorium Den Haag und wurde 2017 Mitglied der Dutch National Opera Academy. Sie debütierte als Zerlina und war in Rollen wie Cendrillon, Gretel und erste Elf zu hören. 2017 gewann sie mehrere Preise beim Internationalen Gesangswettbewerb in ‘s-Hertogenbosch. Seit der Spielzeit 2019/20 ist Nikki Treurniet fest im Ensemble der Staatsoper Hannover und hat hier bereits die Isolde in Frank Martins “Le Vin Herbé” gesungen. Nikki Treurniet verfügt über einen farbenreichen lyrischen Sopran. Sie gibt das gequälte, verletzte junge Mädchen Johanna sehr überzeugend und verleiht der Rolle eine große Glaubwürdigkeit. Insbesondere der Song “Green Finch and Linnet Bird” und das Duett mit Anthony I feel you” berührt das Publikum wie auch ihre gesamte Interpretation der Rolle.  In den kleinere Rollen glänzen Sunnyboy Dladla als Pirelli und Marco Lee als Tobias.

Das gesamte Sängerensemble zeichnet sich durch großes Engagement und besondere Spielfreude aus. Auch das am Premierenabend leider sehr überschaubare Publikum hat die Sängerdarsteller nicht davon abgehalten, wieder einmal alles zu geben. Das Publikum dankte allen Mitwirkenden mit herzlichem, lang anhaltendem Applaus und Bravorufen.

Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter der Leitung seines Ersten Kapellmeisters James Hendry zeigt einmal mehr, dass es nicht nur den Gestus der großen Oper beherrscht sondern auch im Musicalfach sicher zuhause ist. Unter Hendry erklang Sondheims ideenreiche Musik in bester Broadway-Manier mit großem symphonischen Gestus. Die ganze Bandbreite von lyrischem Song (Green Finch and Linnet Bird), Liebesduett (I feel you) bis Rachedrohung (My friends) lotet Hendry stimmungsmäßig gekonnt aus und ist dabei stets eine sichere Basis für die Solisten. Aufgrund der besonderen Besetzung soll hier einmal der Tastendienst (Celesta, Cembalo, Orgel – Soyoun Kim) besonders erwähnt werden.

Wer großes amerikanisches Musical mag und Freude an einer abwechslungsreichen intelligenten Inszenierung hat und kein Problem mit einem charmanten Massenmörder hat, dem sei die Neuproduktion der Staatsoper Hannover herzlich empfohlen.

SWEENEY TODD an der Staatsoper Hannover; die weiteren Termine 14.12.; 23.12.; 30.12.; 31.12.2021 und mehr in 2022

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