Karlsruhe, Badisches Staatstheater, DER FLIEGENDE HOLLÄNDER, IOCO Kritik, 17.12.2022

Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Ensemble und Konzertflügel © Arno Kohlem
Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Ensemble und Konzertflügel © Arno Kohlem

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Badisches Staatstheater Karlsruhe

Badisches Staatstheater Karlsruhe © Uschi Reifenberg
Badisches Staatstheater Karlsruhe © Uschi Reifenberg

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Richard Wagner

Der beflügelte Holländer – ein Konzertflügel wird zur Projektionsfläche für Träume

von Uschi Reifenberg

Richard Wagner Denkmal in .. © IOCO
Richard Wagner Denkmal in …© IOCO

Ein Konzertflügel ist ein “vielsaitig” verwendbares Gerät. Wer es noch nicht wusste, konnte sich nun in der Neuinszenierung des Fliegenden Holländer in der Regie von Ludger Engels am Badischen Staatstheater Karlsruhe davon überzeugen. Er lässt sich mühelos in seine Einzelteile zerlegen und bei Bedarf wieder zusammensetzen, er kann als Sitzgelegenheit, Fortbewegungsmittel oder Spielzeug dienen, ist dekoratives Möbelstück, Projektionsfläche für ungelebte künstlerische Träume oder Metapher einer Epoche, die in der sogenannten biedermeierlichen Salonmusik des romantischen Kunstliedes ihren Anfang nahm und ihre vielfältige Fortsetzung in unserer heutigen Konzertpraxis findet.

Und nicht zuletzt kann man auf einem Konzertflügel sogar spielen, denn das können anscheinend fast alle Protagonisten der Oper, zumindest haben sie eine deutliche Affinität zu diesem komplexen Instrument.

Es beherrscht als Zentrum des Geschehens alle drei Akte, dient als Schiff Dalands, ist Sentas Refugium, verbindet kurzzeitig Erik und Sentas Paarbeziehung als Lied-Duo und hängt am Ende als zerstörtes Holländer-Schiff aus dem Bühnenhimmel, aufgelöst in seine traurigen Bestandteile.

Was aber hat das alles mit der Erlösungshoffnung eines verfluchten Seemanns und der Liebes-Sehnsucht einer schwärmerischen Außenseiterin zu tun? Engels Konzept der Polarität von materiell geprägter Außenwelt und dem Kunstraum als Erlösungsutopie erweist sich als wenig tragfähig und bleibt letztendlich vage in seinen Ansätzen.

In der Ouvertüre, besuchte Vorstellung 10.12.2022, lassen GMD Georg Fritzsch und die Badische Staatskapelle die aufgepeitschten Elemente kraftvoll anschwellen, es brodelt und schäumt, vorwärtsdrängend und mit dramatisch zupackendem Gestus setzt Fritzsch auf einen erdigen, kompakten Wagnersound, auch das Erlösungsthema klingt eher düster als sehnsuchtsvoll – transzendent, kleine Unschärfen in den Holzbläsern sind eventuell der Anfangsnervosität geschuldet. Die Verbindung der einzelnen Nummern lässt bisweilen den Spannungsverlauf vermissen, und wirkt leicht zerdehnt, pausenlastig. Der grosse Bogen mag sich nicht einstellen, aber Immer wieder  warten verschiedene Soloinstrumente mit exzellenten Leistungen auf, insbesondere bei den Oboen und Hörnern.

Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER - Ensemble und Konzertflügel © Arno Kohlem
Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER – Ensemble und Konzertflügel © Arno Kohlem

Während der Ouvertüre wird auf der komplett schwarzen, fast leeren Bühne (Bühnenbild:  Volker Thiele) eine Vorgeschichte gezeigt. Schwarze Tücher wehen wellenartig zu den aufgewühlten Seelenzuständen im Orchester und erzeugen eine unheilvolle und bedrohliche Stimmung, die aber unversehens aufgebrochen wird, als ein schwarzer Konzertflügel von einem kleinen Jungen (Leonard Kloes) hereingeschoben wird. Seine pianistischen Ambitionen kann er nicht wunschgemäß umsetzen und verlässt aufgebracht die Bühne. Danach betritt ein junges Mädchen (Ida Müller) beschwingt die Szene, es hegt eine innige Beziehung zum Konzertflügel, tanzt, spielt auf dem Flügel und blättert verträumt in einem Buch.

Man ahnt es: die beiden sind der Holländer und Senta als Kinder, die eine frühe Erfahrung verbindet, in der musikalische Aktivitäten eine Rolle spielen.

Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER © Arno Kohlem
Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER © Arno Kohlem

Daland und seine Seeleute sind ein munterer Haufen. Daland, im blauen Hemd, erscheint als jovialer Geschäftsmann, der auch für einen Spass zu haben ist. Kammersänger Konstantin Gorny aus dem Karlsruher Ensemble, gibt dem Daland mit seinem variablen und facettenreichen Bass die nötige Kontur, lediglich etwas mehr Textverständlichkeit hätte man sich gewünscht. Seine Seemänner vergreifen sich am Flügel, zerlegen und entkernen ihn, legen die Tastatur beiseite und ziehen plötzlich aus dem Flügel statt der Saiten lange Schiffstaue, mit denen sie Daland, der im Flügel sitzt, Karussell fahren lassen, ein gelungener Regieeinfall.

Höhensicher und mit Leichtigkeit singt Michael Porter als jugendlicher Steuermann seinem fernen Mädel das Lied „Mit Gewitter und Sturm“, während sich die Seeleute einhellig zum Schlafen auf den Boden platzieren.

Da schleppt sich aus dem dunklen Bühnenhintergrund eine schwarzhaarige Gestalt herein, gewandet in einen schwarz-glänzenden Mantel (Kostüme: Heide Kastler), verhärmt, ein Reisender, mit einer schweren Tasche über der Schulter, welche „die seltensten der Schätze“ beinhaltet. Der Holländer ist bei Ludger Engels keine mythisch-ferne Gestalt, sondern ein gebrochener Mann, in der Ausweglosigkeit seiner Situation gefangen.

Thomas Hall besitzt eine warme, voluminöse Bassbariton Stimme, mit gut tragender Höhe, der Anfangsmonolog „Die Frist ist um“ wird zur erschütternden Visitenkarte seines leidvollen Schicksals, weniger dämonisch gefärbt als tragisch erschütternd. Wenn er seinen Todeswunsch zum Ausdruck bringt „Nirgends ein Grab! Niemals der Tod!” wickelt er die Seile aus dem Flügel um seinen Hals, eine Sehnsucht, die aber auch nur „Vergebne Hoffnung“ bleiben muss.

Im zweiten Akt wird die schwarze Seefahrerwelt verlassen und weicht einem hellen Raum, siehe Foto, in den die Spinnerinnen, eine quirlige Damenriege, ihre Nähmaschinen auf weissen Tischen hereinfahren. Sie sind alle blond, kitschig-rosafarben aufgemotzt, und offensichtlich einer oberflächlich- poppigen Konsumwelt verhaftet, in der man Blumen arrangiert, sich amüsiert, Selfies macht, oder ein Brautkleid herrichtet, das später in den Flügel gelegt wird. Dieser darf natürlich auch in dieser „Spinnstube“ nicht fehlen.

Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER © Arno Kohlem
Badisches Staatstheater / DER FLIEGENDE HOLLÄNDER © Arno Kohlem

Im Hintergrund ist ein kleiner, hell erleuchteter, erhöhter Raum abgeteilt, in welchem der zartrosa -farbene Konzertflügel, siehe Foto oben, von Blumen flankiert, wieder das Zentrum bildet. An diesem sitzt Senta und liest in einem Buch, das vorne das Porträt des Holländers zeigt. Senta setzt sich äußerlich von ihrer Umwelt ab, ist ganz in schwarz gekleidet, präsentiert sich burschikos, trägt Hosen, Stiefel und einen Hoody und scheint der Adoleszenz noch nicht entwachsen zu sein. Ihre Welt ist nicht die der pinkfarbenen Girlies, was sie durch genervte Mimik, coole Gesten und das ständige Lesen im Buch, zum Ausdruck bringt. Ihre Sehnsucht projiziert sie auf eine Figur, die eine Gegenwelt mit ihr zu teilen bereit ist, in welcher möglicherweise künstlerische Inhalte Erlösung vom sinnentleerten Alltag versprechen. Die attraktive Mary im rosafarbenen Paillettenkleid hat sich längst mit Sentas Verweigerungshaltung arrangiert, Julia Faylenbogen wartet mit klangvollen Mezzo- farben auf.

In ihrer Ballade „Traft ihr das Schiff im Meere an“ entäussert Senta ihre Erlösungssehnsucht, die sie in fast aggressiver Haltung ihrer ignoranten Umwelt aufzwingt, und steigert sich in einer Art Schleiertanz mit einem schwarzen Tuch immer mehr in ihren Wahn hinein. Dorothea Herbert findet eine ideale Balance zwischen jugendlicher Rebellin und hingebungsvoll liebendem Mädchen, ihre jugendliche, nicht allzu große Stimme besitzt Kraft in der Höhe und überzeugt durch intensiven Ausdruck. Mit klangschönen Piani gestaltet sie die lyrischen Erlösungs-Kantilenen in der Ballade.

Für ihren Verlobten Erik, einen bürgerlichen Durchschnittstypen, der sich in seiner Beziehung mit Senta in selbstquälerischen Zweifeln aufreibt, aber auch gern mal am Flügel Platz nimmt, hat sie nicht viel übrig. Mirko Roschkowski, noch leicht erkältet, sang dennoch die „Traumerzählung“ und die „Kavatine“ hoch kultiviert, klangschön und wortverständlich, in der spannenden Auseinandersetzung mit Senta findet er zu bewegendem dramatischem Ausdruck.

Die Begegnung zwischen Senta und dem Holländer gleicht einem Wiedererkennen, das wohl an frühere Zeiten anknüpft. Die beiden finden am Flügel zusammen, lesen im Buch, teilen Erinnerungen, ebenso eint sie der Moment künstlerischer Selbsterfahrung, in welcher sie Erfüllung zu finden scheinen. Diese Szenen der Innerlichkeit bilden einen  scharfen Kontrapunkt zur ausgelassenen Partygesellschaft im 3. Akt in dem es anschließend hoch hergeht.

Diese bunt gemischte, teils queere Gesellschaft, feiert die Verlobung Sentas und vor allem sich selbst. Luftballons schweben umher, alles leuchtet pinkfarben, die Frauen in Tüllröckchen, die Herren in kitschiger Verkleidung und der Steuermann outet sich als Homosexueller.

Hervorragend präsentiert sich hier der Damen- und Herrenchor (Leitung: Ulrich Wagner), stimmgewaltig, homogen und präzise.

Senta wird gegen ihren Willen in ein Brautkleid gezwungen, Erik versucht noch einmal vergeblich, Senta zurückzugewinnen, diese demoliert in einem Wutanfall den Blumenschmuck um den rosafarbenen Flügel, der später mitsamt seinem Raum verschwindet. Am Ende geht der Holländer verzweifelt dahin, wo er hergekommen war. Senta stirbt  keinen Erlösungstod, sondern bleibt auf der schwarzen leeren Bühne allein zurück, selig um sich selbst kreisend, bis sich der Holländer zu ihr gesellt. Vom Bühnenhimmel schweben die Einzelteile des Konzertflügels herab.

Weißt du, was du sahst?

Das Publikum reagierte mit heftigen Buh-Rufen und Missfallensbekundungen auf das Regieteam – es feierte frenetisch Solisten, Dirigent und Orchester.

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER am Badischen Staatstheater – alle Termine, Karten – link HIER!

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