Klagenfurt, Stadttheater Klagenfurt, SIEGFRIED – Richard Wagner, IOCO Kritik, 13.10.2022

Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Thomas Ebenstein als Mime © Arnold Pösch
Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Thomas Ebenstein als Mime © Arnold Pösch

Stadttheater Klagenfurt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer
Stadttheater Klagenfurt © Stadttheater Klagenfurt / Helge Bauer

Stadttheater Klagenfurt

SIEGFRIED – Richard Wagner

– die Seilbahn wird zum “göttlichen” Verkehrsmittel –

 -von Marcus Haimerl

Aron Stiehl, Intendant des Stadttheater Klagenfurt, inszeniert bis zur Saison 2024/25 Richard Wagners Tetralogie Der Ring des Nibelungen. Den Auftakt machte 2021/22 Die Walküre, IOCO Rezension link HIER, 2022/23 steht nun Siegfried als Eröffnungspremiere der aktuellen Saison auf dem Spielplan. Aron Stiehl verzichtet auch in der aktuellen Produktion weitestgehend auf eine aktualisierte Interpretation des Werkes, setzt vielmehr auf eine allgemeinverständliche, zeitlose Erzählung der Handlung, arbeitet dabei die einzelnen Charaktere besonders detailreich heraus und beeindruckt durch eine kluge Personenführung.

Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Thomas Ebenstein als Mime © Arnold Pösch
Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Thomas Ebenstein als Mime © Arnold Pösch

Die „göttliche“ Seilbahn aus der Walküre (die Bergstation befand sich in Walhall und Walküre wurde an der Talstation in Schlaf versenkt) findet in Siegfried eine logische Fortsetzung (Bühne und Kostüme Okarina Peter, Timo Dentler). Mimes Behausung im Wald ist eine abgestürzte Kabine (möglicherweise Frickas goldene Kabine mit dem Widderwappen), im Hintergrund ein nebelverhangener Wald aus abgestorbenen, braunen Nadelbäumen, davor ein Chaos aus Sperrmüll, darunter ein Kinderwagen, eine Toilettenschüssel, ein Grill, daneben ein Amboss, ein Gartenzwerg und sogar einem Schaukelautomat mit einem Reh, denn lebende Tiere des Waldes würden sich diesem trostlosen Ort wohl auch nicht nähern. Im ebenfalls neben der Fahrkabine platzierten Eisschrank werden die Bruchstücke Nothungs aufbewahrt, um später am Grill geschmiedet zu werden.

SIEGFRIED am Stadttheater Klagenfurt
youtube Stadttheater Klagenfurt
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Fafners Höhle im zweiten Akt erinnert in seiner schlichten Betonbauweise an einen Bunker mitten im Wald. Ehe Fafner als riesiges Drachenmaul im Hintergrund die Bühne dominiert, erscheinen im Eingang eine Vielzahl kleiner Köpfe mit scharfen Zähnen, ähnlich einer fleischfressenden Orchidee, die die Türe bewachen. Ein großartiger Einfall ist es auch, den Waldvogel in menschlicher Gestalt auf der Bühne agieren zu lassen, sobald Siegfried die Stimme des Vogels versteht. Vor einer gewölbten Glaswand mit teilweise kaputten Fensterscheiben weckt Wotan Erda aus ihrem tiefen Schlaf. Sobald diese erwacht, erstrahlen die Scheiben in bunten Farben. Als sich die Glaswand schließlich öffnet, erkennt man in der Talstation der Seilbahn jenen Ort, an dem Wotan Brünnhilde in Schlaf versetzt hat.

Nicholas Milton sorgt mit dem Kärntner Sinfonieorchester für eine unglaublich detailreiche und intensive Umsetzung der Partitur und überzeugt sowohl in den feinen lyrischen als auch in den dramatischen Passagen. Gespielt wird die Fassung mit reduzierter Bläserbesetzung von Alfons Abbass (1854-1924).

Der deutsche Tenor Tillmann Unger singt die Titelpartie des Siegfried mit kraftvollem Tenor und sicheren Höhen und überzeugt besonders im Duett mit Brünnhilde.

Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Ava Dodd als Waldvogel © Arnold Pösch
Stadttheater Klagenfurt / SIEGFRIED hier Tillamnn Unger als Siegfried und Ava Dodd als Waldvogel © Arnold Pösch

Stefan Heidemann als Alberich, seit 2012 im Ensemble der Wiener Staatsoper, brilliert in der Partie des Mime. Mit unglaublicher Ausdrucksstärke und Wortdeutlichkeit ist er die Idealbesetzung. Nicht nur mit seinem ausdruckstarken Tenor, auch mit seiner intensiven, listigen und oft witzigen Gestaltung, mit der er der Figur des Mime Charakter verleiht, weiß Thomas Ebenstein das Publikum zu begeistern. Markus Marquardt, schon in der Walküre als Wotan zu erleben, ist mit seinem unglaublich kräftigen Bassbariton ein autoritärer, wenngleich nobler Wotan. Mit einem ebenso kraftvollen Bariton beindruckt auch KS Stefan Heidemann als Alberich. Besonders eindringlich gestaltet sich auch die gemeinsame Szene des zweiten Aktes der beiden Widersacher. Rafal Pawnuk, bereits in der Walküre ein herausragender Hunding, überzeugt mit seinem enormen dunklen Bass als Fafner. Die irische Sopranistin Ava Dodd singt den Waldvogel mit glasklarem, sehr hellem Sopran, Aytaj Shikhalizada ist eine Erda mit wuchtig dunklem Mezzo und starkem Vibrato. Als Brünnhilde beeindruckt Yanhua Liu mit mächtigem, höhensicherem Sopran, leider aber auch schwer textverständlich.

Das Publikum zeigte sich zur Siegfried-Aufführung und ihrer Inszenierung begeistert und dankte mit langanhaltendem Applaus und Ovation. Eine solche Begeisterung bei Aufführungen nach der Premiere von Werken Richard Wagners hat man schon lange nicht mehr erlebt. In jedem Fall kann man sich freuen, wenn in der kommenden Saison der Ring mit der Götterdämmerung weitergeschmiedet wird.

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