Köln, Oper Köln, La clemenza di Tito an kultiger Stätte, IOCO Kritik, 02.12.2011


Kritik

Oper Köln

Oper Köln / La Clemenza di Tito im Oberlandesgericht © IOCO
Oper Köln / La Clemenza di Tito im Oberlandesgericht © IOCO

Kaiseroper  in größtem Gerichtsbau Preußens

Oper Köln / Titus und Chor im Oberlandesgericht Köln © Paul Leclaire
Oper Köln / Titus und Chor im Oberlandesgericht Köln © Paul Leclaire

La Clemenza di Tito, deutsch: Die Milde des Titus, war Krönungsoper für Leopold II. Der Anlaß war dessen Krönung zum König von Böhmen am 6. September 1791 in Prag. Eben dieser Leopold II.  hatte 1786 in der Toskana mit einer Justizreform die Todesstrafe abgeschaft. Insoweit bildet  La Clemenza di Tito ein wenig das “Programm” von Leopolds milder Regentschaft ab. Bemerkenswert sein historischer Hintergrund – er war neuntes der sechszehn Kinder der Erzherzogin Maria Theresia und Bruder von Marie Antoinette. Leopold II.  überlebte seine Krönung in Prag nur um ein halbes Jahr. Er starb am 1. März 1792.

Wolfgang Amadeus Mozart erhielt den Auftrag  für diese Huldigungsoper Mitte Juli 1791, nachdem  Antonio Salieri aus Zeitgründen abgesagt hatte. Mozart hatte nur sechs Wochen, sie zu komponieren. Es sollte seine letzte Opernkomposition werden. Die bereits fertige Zauberflöte wurde am 30. September 1791 in Wien uraufgeführt. Am 7. Dezember 1791 starb Mozart.

Titus bleibt rätselhaft: Gemeinhin sollte die letzte Oper einen kompositorischen Höhepunkt im Leben eines Künstlers darstellen. Doch künstlerische Krönung von Mozarts Schaffen ist Titus nach gängiger Meinung nicht. Denn das Stück ist, den Wünschen des Auftraggeber folgend, auf äußeren Glanz ausgerichtet. Viele der Rezitative hat Mozart nicht selbst komponiert. Dazu der bereits “anachronistische” Stil der Opera Seria. Titus entwickelte sich trotzdem zu einer großen  Oper, populär wie einträglich.

Die Premiere des Titus der Oper Köln:

Oper Köln / La Clemenza di Tito im Oberlandesgericht © IOCO
Oper Köln / La Clemenza di Tito im Oberlandesgericht © IOCO

Spektakulärer Aufführungsort: Das Gebäude des Oberlandesgericht Köln. Zwischen 1907 und 1911 im Stil des Historismus erbaut, war es das größte Gerichtsgebäude des ehemaligen Preußen. Städtebaulich setzt es bis heute Akzente. Reiche neobarocke Säulen, Pilaster, Kapitele, Konsolen, breite Marmortreppen bereichern die illustre Eingangshalle. Das Ensemble spielt inmitten der Halle auf Treppen und Treppenemporen. Die 500 Besucher sitzen / stehen in 24 “Nestern” der Eingangshalle über vier Stockwerke verteilt, die “Treppen-Bühne” umringend und empfinden sich als Teil der Handlung. Sie atmen die Nähe zu Ensemble, Chor und Orchester. Zudem verleiht die Akustik von Marmor und Pilaster den Stimmen ein geradezu einmalig sphärisches Timbre. Die Aufführungsform in Köln erinnert an die unmittelbare Schauspielerfahrung in den Globe Theatre  Shakespeare`scher Zeit.  Das  barocke, dekorative Ambiente des Aufführungsortes entspricht der Handlung dieser Kaiseroper. Gelegentliche Sichtbeschränkungen akzeptiert man als Teil der spannenden Inszenierung.

Oper Köln / Titus Adina Aaron als Vitella © Paul Leclaire
Oper Köln / Titus Adina Aaron als Vitella © Paul Leclaire

Die Handlung ist nicht psychologisch durchdrungen, es ist die Krönungsoper für einen Kaiser, nicht mehr. Regisseur Uwe Laufenberg inszeniert mit wenig Requisiten: Straßenanzüge, sportliche Bekleidung.  Handschellen, ein paar Pflaster. Schluß. Der “imperiale” barocke Aufführungsort war reiche Kulisse, Requisite genug. Die Personenführung berührt lebensecht, dynamisch. Laufenberg versucht, das Alltägliche der Herrscherfiguren zu zeigen. Doch eindringlich wurde diese Aufführung  durch ausdrucksstarke Stimmen und musikalische Bravour: Ein ungetrübtes Sängerfest. Konrad Junghänel führt lebendig und detailreich das hoch-motivierte Gürzenich-Orchester aus einer hoch gelegenen Nische mit ungestelzt weichem Klang. Wohlausgewogene Balance zwischen Spannung und Entspannung, Natürlichkeit und Schlichtheit haltend wie die Solisten stärkend.

Erstaunlich die stimmliche Sicherheit und intonatorische Reinheit des Ensembles. Rainer Trost, ohnehin in allen großen Mozart Tenor-Partien zu Hause,  meisterte die schwierige, weil meist passive Partie des Tito bravourös. Sein Tenor verfügt über eine schöne helle Färbung, seine lyrischen Qualitäten verleihen der Partie des Tito besonderes Profil. In ihrem Rollendebut als Sesto leuchtet Franziska Gottwald mal mit schwerelos zartem, dann wieder kraftvoll üppigem Mezzosopran das Wesen des Sesto sensibel aus. Sesto, junger Römer und Freund Titos, ist Handlungszentrum der Oper. Ihre Koloratur-Arie Nr 9 in wundervoller Klarinettenbegleitung (Robert Oberaigner) ist ein glanzvoller Höhepunkt an lyrischer Expressivität. Adina Aaron, den Tod des Kaisers betreibende Edeldame Vitellia, verströmt darstellerische Dominanz  mit reinem Sopran bei dramatischer Intensität. Adrina Bastidas Gamboa beschreibt in der Hosenrolle des Annio mit wunderbar lyrischen Klangfarben seine Sorgen um den Freund Sesto.Matias Tosi bestimmt die Partie des Prätorianerpräfekten Publio mit wohl timbriertem Bass-Bariton.  Anna Palimina,  in der Partie der  Servilia  bereits erfahren, rundet das ausgeglichene Ensemble mit lieblich, hellem Sopran ab.

Ambiente, Stimmen und Orchester verliehen dieser La Clemenza di Tito Inszenierung eine Aura des Besonderen.  Die 500 Besucher spürten es und ließen ihrer Begeisterung  ungehörig freien Lauf. Das Regieteam, Dirigent und Ensemble erntete großen Beifall. Im Gericht tätige Richter hätten die ungebührend Jubelnden vermutlich abführen lassen. So aber verabschiedeten die Besucher Regisseur, Ensemble und Orchester unbehelligt und lautstark mit Ovationen. La Clemenza di Tito der Oper Köln.

Die letzte Vorstellung dieser speziellen Inszenierung der Oper Köln war am 20.11.2011.  Alle 12 Vorstellungen waren zu 100% ausverkauft, man kämpfte um Karten. Eine Wiederaufnahme der Inszenierung an diesem Ort ist zur Zeit leider (noch?) nicht geplant.     IOCO / Viktor Jarosch / 02.12.2011

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