Lemberg, Lemberg – München – Leipzig, Projekt Verbotene Musik – Viktor Ullmann, IOCO Aktuell, 04.03.2022

Victor Ullmann - Stolperstein Foto IOCO
Victor Ullmann - Stolperstein Foto IOCO
Victor Ullmann - Stolperstein © IOCO
Victor Ullmann – “Stolperstein” auf einer Strasse in ….. © IOCO

Verbotene  Musik“ –  Viktor Ullmann, ein Opfer

Vorwort der Redaktion – aus aktuellem Anlaß: Auch IOCO pflegt enge vielfältige Beziehungen zu Menschen der Ukraine. Aufgrund des aktuell so großen Leids der Bevölkerung dort schalten wir erneut den Artikel unseres ukrainischen Redaktionsmitglieds, Frau Prof. Dr Adelina Yefimenko, vom Dezember 2021, über “Verbotene Musik” in Diktaturen, in dessen Zentrum auch der von den Nazis 1944 ermordete Komponist Victor Ullmann steht.

von Adelina Yefimenko

Im Oktober 2021 fand in Lemberg, dem heutigen Lviv, im Westen der Ukraine, das Projekt Verbotene Musik statt. Schicksale von Künstler*innen in vergangenen totalitären Diktaturen wurden in diesem Projekt dargestellt, diskutiert. IOCO berichtete hierzu ausführlich, link HIER. Veranstaltungen und Aufführungen in der Lemberger Orgelhalle (Lemberg – Lviv) mit Musik deutscher und ukrainischer Komponisten – Opfer solch totalitärer Regime – wurden mit Referaten von Musikwissenschaftlern aus der Ukraine, Schweden und Deutschland zu einem internationalen musikhistorischen Ereignis. Besonders thematisiert wurden Schicksale und Werke von Komponisten aus Nazideutschland und der Sowjetunion.

Viktor Ullmann © Wikimedia Commons
Viktor Ullmann © Wikimedia Commons

Zwei außergewöhnliche Produktionen von Viktor Ullmann an deutschen Musiktheatern veranlassten die Autorin, zu Oeuvre und Produktionen dieses Komponisten bei der wissenschaftlichen Konferenz Musik und Politik zu referieren. Diese Konferenz fand ebenfalls im Rahmen des Projekts Verbotene Musik im Oktober 2021 in Lemberg statt.

Die erste aktuellere Produktion, Der Sturz des Antichrist von Viktor Ullmann, wurde 2021 an der Oper Leipzig inszeniert; Regisseur Balázs Kovalik, Dirigent Matthias Foremny; die Partitur von Der Sturz des Antichrist schuf Ullmann 1935.  Viktor Ullmanns Oper Der zerbrochene Krug (nach Heinrich von Kleist) wurde 2018 an der Bayerischen Staatsoper in München inszeniert; Ullmann schuf die Oper im Jahr 1944; kurz vor seiner Ermordung in Auschwitz.

Der Sturz des Antichrist – an der Oper Leipzig
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Der Ausdruck beider Opern-Narrative spiegelt die Betrachtung der realen historischen Situation des Nationalsozialismus. Der österreichisch-tschechische Komponist jüdischer Herkunft Viktor Ullmann (1898 – 1944) stellte jene Fragen an die Kunst, die auch im Lemberger Konferenzprogramm, Initiatoren Ivan Ostapovich und Taras Demko, formuliert wurden: Welchen Aktionsraum kann sich ein Künstler, oder sogar ein einsamer Mensch im Kampf gegen ein Regime erlauben?

Oper Leipzig / Der Sturz des Antichrist © Kirsten Nijhof
Oper Leipzig / Der Sturz des Antichrist © Kirsten Nijhof

Für Viktor Ullmann und den Autor des Librettos, Albert Steffen, Freund des Komponisten und Anhänger der Anthroposophie von Rudolf Steiner, wurde diese Frage zum Schlüssel der Oper Der Sturz des Antichrist: Drei zentrale aber namenlose Protagonisten – ein Techniker, ein Priester, ein Künstler – werden vom Diktator / Regent gefangen genommen. Der Diktator plant,  der durch Ausnutzung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten, die Macht über die Menschen, die Erde und den Weltraum an sich zu reißen. Um das Universum zu erobern will er ein Raumschiff bauen. Hierfür braucht er einen Techniker, der ihm hilft, die Gesetze der Schwerkraft zu überwinden. Er braucht auch einen Priester, der die Menschenmassen füttert und überzeugt, wenn er Steine in Brot verwandelt; dazu braucht der Diktator und einen Künstler, der in Hymnen seine Macht verherrlicht.

Aus Todesangst sind der Techniker und der Priester einverstanden, zu kollaborieren; der Künstler weigert sich aber und verbringt seine letzten Tage im Gefängnis. Dort wird ein weiser Wächter sein Gesprächspartner, wodurch der Künstler neue Kraft gewinnt, um dem Diktator zu widerstehen. Hinter dem Retter des Künstlers, den der Komponist als Vermittler Jesu Christi interpretiert, stehen Menschen (Chöre) die dem Machtwahn des Diktators entgegentreten, der dadurch aus einem Raumschiff stürzt, was auf den Weg der Selbstzerstörung jedes Machthabers als Abbild des Antichristen hindeutet. Die Handlung ist ein wenig naiv im Stil der Retro-Science-Fiction. Balázs Kovalik hat aber mit seinem Produktionsteam eine erstaunliche Lesart geschaffen, die ein Gleichgewicht aller Bestandteile des Gesamtkunstwerks erreicht.

Das Bühnenbild von Stephan Mannteuffel mit den Videoprojektionen von Valerio Figuccio betont konvex die Assoziativität gemäßigter Moderne in der Musik Viktor Ullmanns, das Orchester unterstreicht intonatorisch sensibel den Dialog Ullmann – Wagner (dabei exzellent: Matthias Foremny). Die Gattung seiner Oper definierte der Komponist nicht zufällig als „Bühnenweihefestspiel“ in Analogie zu Wagners Parsifal. Aber Der Sturz des Antichrist war angesichts auch des unglücklichen Bühnenschicksals eher als Anti-Parsifal zu verstehen. Die musikalischen Parallelen zu Wagners  Parsifal, die an der Grenze zur Wiedererkennung / Verfremdung wirken sollen, treffen weniger auf den Reichtum der Orchesterfarben als auf die akustische Wiedergabe dunkler Rituale, die mit der aktuellen politischen Situation verbunden sind. Die Oper Der Sturz des Antichrist war ein Auftragswerk der Wiener Staatsoper, wurde aber aus naheliegenden Gründen verboten, weil die Assoziationen mit den neuen Antichristen der nationalsozialistischen Regierung zu transparent erschienen.

Im Jahr 1935 konnte Viktor Ullmann noch nicht vorhersehen, dass seine Oper eine prophetische Warnung vor dem wahren Antichristen sein wird, dessen Opfer aber nicht einzelne Techniker, Priester und Künstler, sondern Millionen von Menschen, darunter der Komponist und Dirigent Viktor Ullmann selbst sein werden. Ullmanns Opern wurden nach dem Krieg nicht nur vergessen, sondern bewusst aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht. Offensichtlich wurde das Phänomen des Vergessens solcher „schädlicher Musik“ zu einer typisch psychologischen Reaktion auf die Vertreibung durch Verdrängung der Wahrheit aus dem Bewusstsein. Wahrscheinlich als Selbstschutz-Reaktion. Bis heute erwecken die Aufführungen von Viktor Ullmanns Opern ein furchtbares Schuldgefühl. Wenn sich deutsche Theater seltenerweise an eine Inszenierung wagen, wirken die Premieren wie ein Akt der Erlösung.

Der Diktator – Der zerbrochene Krug – Viktor Ullmann
youtube Bayerische Staatsoper
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Viktor Ullmanns quasi-komische Opern-Gleichnisse (Der Kaiser von Atlantis, Der zerbrochene Krug) – ich würde sie eher als subtil und ironisch bezeichnen mit Elementen der Mystik, Todes-Allegorien, Antichristen, Volksbilder des Teufels – schaffen im Bewusstsein der Zuhörer eine doppelte Wahrnehmung. Die Werke tragen einen tragischen Abdruck des persönlichen Dramas des Komponisten, der planmäßig zur Liquidierung verurteilt wurde. In den letzten zwei Jahren, während seines Aufenthalts im KZ Theresienstadt und vor seiner tödlichen Deportation nach Auschwitz, wo 1944 alle Mitglieder seiner Familie in der Gaskammer ermordet wurden, schuf der Komponist mehr als zwanzig Werke.

Anhänger der Zweiten Wiener Schule, der Schüler von Arnold Schönberg, Alois Hába, Alexander von Zemlinsky, aktives Mitglied des Arnold Schönbergs Wiener Kreises, hervorragender Interpret der Opern von Mozart, Strauss, Wagner, Berg sowie Freimaurer, Förderer der Anthroposophie-Lehre Rudolf Steiners. Zweifellos verdient Viktor Ullmanns Persönlichkeit – als Komponist, Musikkritiker, Pianist, Dirigent – nicht nur aus politischen, sondern auch aus rein musikalischen Gründen ein Revival. Der Komponist hat einen eigenen originären Stil. Ullmanns Musiksprache ist dissonant, spannungsgeladen, aber zugleich malerisch und reich an orchestraler Schönheit. Der Komponist experimentiert zugleich mit Klang, Instrumenten und intonations-assoziativen Reihen.

Bayerische Staatsoper / Der Diktator - Der zerbrochene Krug © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper / Der Diktator – Der zerbrochene Krug © Wilfried Hösl

Im KZ Theresienstadt schrieb der Komponist seine letzte einaktige, komisch-ironische Oper Der zerbrochene Krug nach einem Theaterstück von Heinrich Kleist. Nach Ullmanns Tod wurde seine Oper erst in Dresden (1996) und später in München (1998) aufgeführt. Zwanzig Jahren später, nach der ersten Münchner Erstaufführung fand eine Neuproduktion der Oper durch den Regisseur Andreas Weirich statt. Auf der Bühne wurde die Lebensweise der Landgemeinde authentisch nachempfunden: das junge Liebespaar Eva und Ruprecht, Eva Marthas Mutter, Richter Adam, der das Verbrechen untersucht, das er begangen hat. Hinter der trivialen Handlung verbirgt sich eine brutale Symbolik: ein gebrochenes Herz, verlorene Menschenwürde, Evas Jungfräulichkeit, des Verhaltens der Menschen zueinander.

Die Identität des wahren Verbrechers, des Richter Adams, zeigt sich während der 40-minütigen Oper als Fragment einer „ewigen“ Verschwörung zwecks Machtmissbrauch, der Konfrontation zwischen Satan und Mensch, Licht und Dunkelheit, die beim Zuschauer sofort Assoziationen zu seiner anderen Oper weckt – zu dem “Sturz des Antichrist“. Der Dorfrichter Adam – der Alte, der das junge Mädchen Eva vergewaltigt hat, entpuppt sich als Werwolf, als Teufel, der die ganze Welt vergewaltigt und unsichtbar auf der Erde wandert. Das Gleichnis vom Teufel im Finale der Oper wird von der Schauspielerin Frau Brigitte erzählt. Ihr Aussehen kann man symbolisch deuten. Sie ist wie eine Frau aus einer anderen Dimension, eine Frau aus der Zukunft, wahrscheinlich aus dem Jahr 1944… Sie erscheint im Dorf, um die Geschichte einer arischen Sekretärin zu erzählen, die ihre Zeit im Nürnberger Kriegsverbrecher-Tribunal verbrachte. Das Bühnenbild des Finales deutet auf eine direkte Verbindung von dokumentarischen Fotos aus dem Archiv des Nürnberger Tribunals mit auf dem Boden verstreuten Akten der Juden-Vernichtung. Wie bei der Inszenierung der Oper Der Sturz des Antichrist in der Oper Der zerbrochene Krug gibt es zwei Handlungsstränge – explizit und assoziativ, real und mystifiziert.

Fazit. Beide Produktionen verbanden surreale Satire, mystischen Realismus, Dämonologie im Sinne von Steiner und Gogol. Eine aus zeitlicher Entfernung spannende Parallele zwischen diesen Opern sind die unfreiwillig konkretisierten namenlosen Figuren in Der Sturz des Antichrist, sowie der von Kleist und Ullmann erfundenen, fiktiven Dorfnamen Huisum. Das Dorf existiert nicht. Allerdings sind die Namen des Richters und des Diktators als die Antichristen an der Macht verdinglicht. Für Kršenek, beispielsweise, wurde Mussolini zum Prototypen der Oper Der Sturz des Antichrist, und die Figur des Diktators könnte mit Hitler, Göring oder Stalin in Verbindung gebracht werden. Ullmanns letztes Werk endete mit dem lateinischen Aphorismus fiat Justitia, pereat mundus (“lass die Gerechtigkeit triumphieren, auch wenn die ganze Welt untergeht): ein ironischer Appel an das korrupte Rechtssystem im Dienste der „großen Diktatoren“.

In seiner Oper Der Sturz des Antichrist fordert Viktor Ullmann in der letzten Chorszene die Menschen auf, zusammen zu halten. Die Erfahrung des christlichen Glaubens widersetzt sich dort der Macht des Antichristen und der Tyrannei von Diktatoren, verlässt sich auf den Glauben der gewöhnlichen (von Gott befehligten) Menschheit. Dieser Gedanke durchdringt alle Opern von Viktor Ullmann.

—| IOCO Essay |—

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