Ludwigshafen, Pfalzbau, STAATSPHILHARMONIE – NEUJAHRSKONZERT, IOCO Kritik, 15.01.2023

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz © Felix Broede
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz © Felix Broede
Pfalzbau Ludwigshafen © Uschi Reifenberg
Pfalzbau Ludwigshafen © Uschi Reifenberg

DEUTSCHE STAATSPHILHARMONIE RHEINLAND-PFALZ  – 

Staatsphilharmonie mit  Lucy Leguay, Dirigentin, Claire Huangci, Klavier

Johannes Brahms – Ungarischer Tanz Nr. 1 g-Moll, arr. vom Komponisten (1873), Sergei Rachmaninow – Rhapsodie über ein Thema von Paganini  op. 43, für Klavier und Orchester,  Franz LéharPaganini, daraus: Ouvertüre zur Oper, Johann Strauß – Künstlerleben. Walzer op. 316, bearb. von Max Schönherr, Josef Lanner   Favorit Polka op. 21, Josef Strauss – Delirienwalzer op. 211, Johann Strauß – Leichtes Blut. Polka Schnell op. 319

von Uschi Reifenberg

Musikalisches Glück zum Neujahrsanfang 2023

So hoffnungsfroh und schwungvoll kann ein neues Jahr beginnen – die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, das größte Sinfonieorchester des Bundeslandes, hatte ihr Neujahrskonzert 2023 zum ersten Mal im Konzertsaal des Pfalzbau Ludwigshafen präsentiert, der bis auf den letzten Platz ausverkauft war.

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz © Felix Broede
Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz © Felix Broede

Das glanzvolle Programm, das einerseits der Tradition der Neujahrskonzerte  mit Tänzen der Strauß Dynastie und Zeitgenossen verpflichtet war, setzte auf das Motto „Paganini und Polka“, in dem nicht nur Walzer Freunde auf ihre Kosten kamen, sondern auch ein solistisches Highlight der Klavierliteratur einen Themenschwerpunkt bildete.

Der besondere Konzertabend könnte auch unter dem Motto „Glückhaftes Zusammenwirken dreier Musikerinnen“ gestanden haben, denn die musikalische Leitung sowie die solistischen Parts waren allesamt in weiblicher Hand, was dem Neujahrskonzert  darüberhinaus eine außergewöhnlich charmante Note verlieh.

Gut gelaunt und unaufdringlich moderierte der Intendant der Staatsphilharmonie, Beat Fehlmann, das Programm, steuerte humorvolle und augenzwinkernde Anekdoten zu den einzelnen Werken bei und gab Musiker*Innen und dem Publikum beste Neujahrswünsche mit auf den Weg.

Lucy Leguay, Dirigentin © Christine Ledroitperrain
Lucy Leguay, Dirigentin © Christine Ledroitperrain

Mit dem 1. Ungarischen Tanz von Johannes Brahms, einem Stück mit Ohrwurmqualität, eröffneten die Dirigentin Lucy Leguay und die Staatsphilharmonie hochkonzentriert und voller Energie den Abend. Leguay formte einen satten Brahmsklang, mit weichen, dunkel grundierten  Streichern, Echowirkung und fein dosierter Agogik. Mit Präzision und Klarheit ist das melodische Streicher Thema von den gut artikulierenden Holzbläsern abgesetzt, kontrapunktische Mittelstimmen und Basslinien sorgen für ein transparentes und entschlacktes Klangbild.

Die französische Dirigentin Lucy Leguay ist Preisträgerin verschiedener internationaler Wettbewerbe und wurde 2018 beim ersten Wettbewerb für junge Dirigentinnen mit dem 1. Preis in der Philharmonie Paris ausgezeichnet. Ihre Debüts wird sie beim Konzerthausorchester Berlin, beim Konzerthaus Dortmund und beim Züricher Kammerorchester geben. Mit den Münchner Symphonikern gastierte sie 2022 in Paris, im Amsterdamer Concertgebouw ist sie zum dritten Mal für ein Tourneeprojekt zu Gast.

Johannes Brahms © IOCO
Johannes Brahms © IOCO

Das ungarische Kolorit war Johannes Brahms Zeit seines Lebens sehr nah, was sich kompositorisch unter anderem in seinen „Tänzen“ und den „Zigeunerliedern“ niederschlug. Auch die Freundschaft mit dem ungarischen Geiger Eduard Remény, den er auf Konzertreisen nach Ungarn begleitete, intensivierte Brahms Affinität  zu dieser urtümlichen Musik. Von 1869 bis 1880 veröffentlichte Brahms die Sammlungen der 21 „Tänze“ für Klavier zu 4 Händen, in denen er die spezielle Idiomatik der ungarischen Volksmusik kunstvoll verarbeitete. Die Tänze Nr. 1, 3 und 10 bearbeitete Brahms 1873 für Orchester, andere Orchestrierungen erfolgten später, z.B. von Anton Dvorák. Die Tänze waren extrem erfolgreich und verhalfen ihm als Komponist zum Durchbruch, auch fanden sie in Hausmusik-Kreisen, in den Salons und Konzertsälen ein breites Publikum.

Um den italienischen „Teufelsgeiger“ Niccolò Paganini (1782-1840) ranken sich im 19. Jahrhundert zahlreiche Mythen und Legenden. Er begründete bekanntlich das moderne Virtuosentum und zog mit seinem hypnotischen Spiel etliche Künstlerpersönlichkeiten in seinen Bann wie z.B. Liszt, Schumann oder Berlioz. Auch der Dichter Heinrich Heine war auf seine Weise von Paganini fasziniert : „Auf der Bühne kam eine Gestalt zum Vorschein, die der Unterwelt entstiegen zu sein schien. Das war Paganini in seiner schwarzen Gala. […] ist es ein Toter, der aus dem Graben gestiegen, ein Vampir mit der Violine, der uns, wo nicht das Blut aus dem Herzen, doch auf jeden Fall das Geld aus der Tasche saugt“.

Seine hagere Gestalt, die gebogene Nase, seine schwarze Kluft, gaben ihm eine diabolische Aura und ließen Paganini gleichermaßen extrem anziehend wie furchterregend erscheinen; ein früher Popstar und Repräsentant der Gothik-Szene. Frauen fielen reihenweise in Ohnmacht, das Publikum prügelte sich um Konzertkarten, das bisher nie gehörte Geigenspiel und seine Auftritte mit „Showcharakter“ machte die Welt glauben. er habe dem Teufel seine Seele verkauft, um zur Vollkommenheit zu gelangen. Nach seinem Tod verweigerte ihm die Kirche sogar ein christliches Begräbnis.

Aber vor allem revolutionierte Paganini das Violinspiel mit Kompositionen, die technisch und ausdrucksmäßig die Grenzen des bis dahin Möglichen sprengten und damit auch einen neuen Künstlertypus schufen. Seine 24 Capricen für Violine solo opus 1 aus dem Jahr 1820 sind vielgestaltige Miniaturen mit Etüdencharakter, wovon es die letzte Caprice in a-Moll zu Weltruhm gebracht hat und in unzähligen Bearbeitungen verewigt wurde z.B. von Brahms, Schumann, Liszt, Lutoslawski, Blacher, bis hin zu den Pop Variationen von Andrew Lloyd Webber.

Und natürlich von Sergej Rachmaninow:  Die „Rhapsodie” über ein Thema von Paganini op. 43 für Klavier und Orchester von 1934 ist Rachmaninows letzte größere Komposition für diese Besetzung und huldigt der letzen Caprice im Kontext einer freien Behandlung des Variationensatzes. Ein Werk, in welchem Rachmaninow Paganinis Geigenkunst auf dem Klavier zu übertreffen scheint. Er entzündet ein wahres Feuerwerk an Virtuosität und Klangfarben, aber auch die schwelgerische Melodik der russischen Seele findet breiten Raum und verdichtet sich in üppigem Klangrausch zu Momenten intensivster Emotionalität.  In seinen Werken verwendet Rachmaninow häufig das „dies irae“ Motiv aus der lateinischen Totenmesse, so auch in den Paganini Variationen und stellt dieses Motiv dem Capricenthema gegenüber. Ein Symbol für die dunkle Seite, den „Teufel“, der den Virtuosen „treibt“ und die Ambivalenz von Paganinis Persönlichkeit, respektive dem Virtuosen schlechthin, zum Ausdruck bringen soll.

Die international renommierte amerikanische Pianistin Claire Huangci ist regelmäßig zu Gast in bedeutenden Konzertsälen wie der Carnegie Hall New York, der Suntory Hall Tokio, der Philharmonie Paris oder dem Gewandhaus Leipzig.

Claire Huangci, Pianistin © Jean Baptiste Millot
Claire Huangci, Pianistin © Jean Baptiste Millot

Claire Huangci verbindet hochvirtuoses Spiel, Klarheit, mitreißenden Körpereinsatz mit Leidenschaft und Gefühlstiefe. Die Figuren der ersten Variationen perlen mit kristalliner Klarheit und stupender Leichtigkeit und imaginieren die Klangeffekte der Violine. Der Dialog zwischen Orchester und Soloinstrumenten funktioniert bestens. Vor allem in der  Agogik wie den abrupten Tempowechseln hat die Pianistin in Lucy Leguay eine stabile Partnerin, die der Deutschen Staatsphilharmonie schönste Klangfarben entlockt. Dämonisch kommt das „dies irae“ Motiv in der 7. Variation daher, aus kraftvollen Akkordreihen und vertrackten Synkopen blitzt immer wieder das Capricenthema hervor, mal bedrohlich, dann wieder witzig und verspielt, und liefert sich ein Duell mit dem „dies irae“ Motiv, das stellenweise gefährlich die Oberhand behält.

Innerer Höhepunkt des Werkes ist die 18. Variation im langsamen Teil, in der Rachmaninow das Capricenthema umkehrt und es in eine Kantilenen von berückender Schönheit verwandelt. Kein Wunder, dass sich die Filmindustrie dieser Variation fleißig bedient hat.

Claire Huangci verliert sich hingebungsvoll in Momenten puren Glücks und offenbart dem Publikum tiefe Einblicke in die russische Seele voller Melancholie und Wehmut.

In den folgenden Variationen greift die Pianistin in die „rachmanow‘sche Virtuosenkiste “, aus der sie eine Palette halsbrecherischen Figuren hervorzaubert, glitzernd, furios, mit hämmernden Oktav- Kaskaden und Glissandi, die in eine fulminante Steigerung münden, vom „dies irae“ Motiv der Blechbläser gestützt. Das Werk endet überraschend mit zwei zart hingetupften Klavierakkorden.

Lucy Leguay und Claire Huangci dankten in schönster Harmonie dem restlos begeisterten Publikum mit einer Zugabe der Bearbeitung von Rachmaninowsitalienischer Polka“ für Klavier zu vier Händen.

Der zweite Teil führte erwartungsgemäß ins goldene Zeitalter Wiens mit seiner Kaffeehaustradition, Theater-und Kunstbegeisterung, Dekadenz und vor allem der berühmten Walzer-Polka und Operettenseligkeit. In bester Feierlaune konnte man sich dem schwungvoll-optimistischen Programm hingeben, das Leguay und die Musiker der  Deutschen Staatsphilharmonie locker und gut gelaunt präsentierten.

Auch hier begegnen wir wieder dem Teufelsgeiger, diesmal in Franz Lehárs gleichnamiger  Operette Paganini, aus der die Ouvertüre mit dem berühmten Geigensolo erklang, das die 1. Konzertmeisterin Yoreae Kim weich und elegant aufblühen ließ und die absolute Hingabe des Musikers zu seinem Instrument wirkungsvoll in Szene setzte.

Mit „Walzertraum“ und „Polkalust“ ging es ausgelassen und beschwingt, nicht nur im Dreivierteltakt weiter, mit den Wiener Highlights „Künstlerleben“ Walzer von Johann Strauß, der „Favorit Polka“ von Josef Lanner, dem „Delirien Walzer“ von Josef Strauss und der Polka schnell „Leichtes Blut“, wieder von Großmeister Johann Strauß.

Unterhaltung pur, auf hohem Niveau, mit sicherem Gespür für das unvergleichliche Wiener Idiom, mit „a bisserl Schmäh“, changierend zwischen Melancholie und Sentimentalität im eher unscharfen Tremolo Beginn des „Delirien“Walzers. Schmissig und akzentuiert wirbelt die Polka schnell dem Ende entgegen, nicht ohne dabei das „Leichte Blut“ in Wallung versetzt zu haben.

Jubel im Saal, stehende Ovationen, Lucy Leguay und die Musiker der Deutschen Staatsphilharmonie dankten mit drei hinreißenden Zugaben. Der 5. Ungarische Tanz von Johannes Brahms entfesselte noch einmal sämtliche Energien und mit dem Radetzky-Marsch am Ende klatschte sich das Publikum zusammen mit dem Orchester nach schönster Wiener Neujahrstradition in ein verheißungsvolles Konzertjahr 2023.

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