Mannheim, Musikalische Akademie, 3. Akademiekonzert – Mannheimer Märchenkonzert, IOCO Kritik, 28.12.2022

Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk
Der Rosengarten von Mannheim, Spielstaette der Musikalischen Akademie © Ben van Skyhawk

Musikalische Akademie Mannheim

3. Akademiekonzert – Musikalische Akademie

Mannheimer Märchenkonzert:   Engelbert Humperdinck  – Ouvertüre zu „Hänsel und Gretel“;  Paul Hindemith: „Der Schwanendreher“ – nach alten Volksliedern für Bratsche und kleines Orchester;  Alexander von Zemlinsky:  „Die Seejungfrau“

von Uschi Reifenberg

AUS  DEM  SCHATTEN  BERÜHMTER  ZEITGENOSSEN

In Zeiten weltweiter multipler Krisen besitzt ein vorweihnachtliches Konzert mit märchenhaften Themen besondere Anziehungskraft für alle Altersklassen und erlaubt  wohliges Abtauchen in eine fantasievolle Gegen-und Traumwelt, in der es vielleicht für kurze Zeit gelingt, die Realität hinter sich zu lassen und wieder neue Kraft und Hoffnung zu schöpfen auf eine bessere Zukunft, für Frieden und Versöhnung.

So bescherte dieses besondere „Mannheimer Märchenkonzert“ am 19.12.2022  den Zuhörer*innen im Rosengarten drei spannende, teils bekannte Geschichten, und beglückte mit einem Füllhorn mitreißender musikalischer Höhepunkte.

Musikalische Akademie / 3. Akademiekonzert hier Ingo Metzmacher © Harald Hoffmann
Musikalische Akademie / 3. Akademiekonzert hier Ingo Metzmacher © Harald Hoffmann

Der renommierte Dirigent Ingo Metzmacher, der bereits zum dritten Mal bei den Mannheimer Akademiekonzerten zu Gast war, hatte drei Komponisten ausgewählt, deren Werke nicht nur Märchenhaftes, sondern auch Traditionelles und Volkliedhaftes beinhalten und in einer künstlerisch überaus produktiven Zeitspanne, zwischen Spätromantik, Fin de siècle und Moderne angesiedelt sind. In dieser Zeit des Auf- und Umbruchs, von 1893 bis 1935, in deren Spannungsfeld sich eine Vielzahl neuer Stilrichtungen herauszubilden begannen, verliefen die unterschiedlichsten Strömungen sowohl konträr zueinander als auch im lebendigen fruchtbaren Austausch.

Ganz in der Spätromantik verortet ist Engelbert Humperdinck mit seiner Märchenoper Hänsel und Gretel, aus der Sammlung der Brüder Grimm, mit der er schlagartig Weltruhm erlangte. Richard Strauss, der 1893 die Uraufführung der Oper in Weimar leitete, soll über das Werk gesagt haben: „Wahrlich, es ist ein Meisterwerk erster Güte. Welch blühende Erfindung, welch prachtvolle Polyphonie und alles originell, neu und so echt deutsch.“

Endlich hatte sich Humperdinck aus dem Schatten der Überfigur Richard Wagner befreit, den er glühend verehrte und dessen Assistent er 1881 in Bayreuth geworden war. Aufopferungsvoll, unter weitgehender Selbstaufgabe ließ er sich vom Bayreuther Meister instrumentalisieren und komponierte auf dessen Geheiß sogar einige Takte Verwandlungsmusik des 1. Aktes aus dem Parsifal, die Richard Wagner zeitlich zu kurz geraten war. Humperdincks eigene Schaffenskraft schien in dieser Zeit allerdings gelähmt, die ambivalente Situation beschreibt er: „Seit ich zu Wagner nach Bayreuth gekommen bin, hat es mit der eigenen Produktion ein plötzliches Ende genommen … Die Hauptsache ist, dass ich mich selbst wiederfinde, nachdem ich mir neun Jahre entfremdet gewesen.“

Mit dem „Kinderstubenweihfestspiel“ wie Humperdinck seine Oper ironisch in Anlehnung an den Parsifal nannte, konnte er nicht nur ein ökonomisch sorgenfreies Leben führen, sondern hatte auch sein ureigenes Genre, das der Märchenvertonungen gefunden. Dennoch kann er in Hänsel und Gretel den Einfluss Wagners nicht ganz verleugnen, der eine spätromantische, großformatige Orchesterbesetzung fordert neben volksliedhaft- schlichten Gesangspassagen.

Zwischen dem sympathischen, unprätentiösen Pultstar Ingo Metzmacher und dem Nationaltheater Orchester stimmte die Chemie, was schon ab der ersten Note deutlich zu spüren war. Zu Beginn der Hänsel und Gretel -Ouvertüre ließ der Dirigent das Thema des Abendsegens vom hervorragenden Hornquartett innig und schlicht, mit natürlicher Phrasierung, weich und ruhig fließen. Der Streichereinsatz schmiegte sich an die Bläser, bevor der Hexen Hokuspokus mit frischem, strahlendem Trompetenmotiv Fahrt aufnahm und Schwung in die Bude brachte. Der Klang ist fein austariert und transparent, nie kompakt oder dick. Spannende Steigerungen und Motivschichtungen ließen den Einfluss der Wagnerschen Themenverarbeitung erkennen. Metzmacher spürte jeder Linie nach, gab den Mittelstimmen Gewicht, strukturierte das kontrapunktische Geflecht und erweckte die Szenen der Oper zum Leben.

Einen deutlichen Kontrast zur vorangegangenen Spätromantik bildet Paul Hindemiths drittes Bratschenkonzert „Der Schwanendreher“, einem „Konzert nach alten Volksliedern“, das als eines der anspruchsvollsten Konzerte für dieses Instrument gilt, und  dem in erweiterter kammermusikalischer Besetzung ein kleines Orchester aus Bläsern, Celli, Kontrabässen, Harfe und Pauke zur Seite gestellt ist.

Das Werk mit dem seltsamen Namen, 1935 uraufgeführt, fällt in die neoklassizistische Kompositionsphase Hindemiths, in welcher in freitonaler Sprache die Überwindung des romantisch-expressiven Stils angestrebt wird, mit der Forderung nach Klarheit und Einfachheit. Das Werk erscheint eher spröde, herb und sachlich-präzise, beeindruckt aber mit seiner virtuosen und exponierten Behandlung des Soloparts, dem farbigen Orchester  als auch den versteckten persönlichen und politischen Botschaften.

Der Komponist stellt dem Werk eine kurze Erläuterung voran: „Ein Spielmann kommt in frohe Gesellschaft und breitet aus, was er aus der Ferne mitgebracht hat: ernste und heitere Lieder, zum Schluss ein Tanzstück. Nach Einfall und Vermögen erweitert und verziert er als rechter Musikant die Weisen, präludiert und phantasiert“.

Hindemith, der selbst ein hervorragendere Bratschist war, schrieb das Konzert für sich selbst und spielte es ca 30 mal, immer außerhalb von Deutschland. Er greift auf ein mittelalterliches Sujet zurück, und wählt Lieder aus, die von Trauer, Abschied und Heimatlosigkeit handeln und auf die damalige politische Situation als auch auf seine eigene als Künstler im Deutschland der 30-er Jahre hinweisen. Das wird erst auf den zweiten Blick verständlich wird, wenn man Hindemiths leidvolle Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus unter die Lupe nimmt. Von Goebbels als „atonaler Geräuschemacher“ verschrien, wurden seine Kompositionen bald nicht mehr in Deutschland aufgeführt, ab 1938 galten sie als „entartet“. 1940 emigrierte Hindemith mit seiner Frau, einer Jüdin, in die USA.

Die Titel der einzelnen Sätze im harmlos-volkstümlichen Gewand, erhalten in diesem Kontext besondere Brisanz:

  1. Zwischen Berg und tiefem Tal“, 2. „Nun laube, Lindlein, laube“, „der Gutzgauch (altes Wort für Kuckuck) auf dem Baume saß“, mit den Strophen: „nicht länger ich‘s ertrag … hab gar ein traurig Tag“ und 3. „Seid ihr nicht der Schwanendreher“.

Schwanendreher ist wahrscheinlich eine mittelalterliche Bezeichnung für einen Koch, der einen Schwan am Spieße dreht, im musikalischen Kontext könnte sich die Bedeutung auf einen wandernden Drehleier-Spieler verlagert haben, der ein Instrument spielt, dessen Griff wie ein Schwanenhals geformt ist. Und letztendlich wird der Begriff zum Synonym für den reisenden Musikanten selbst, wieder ein Identifikationsargument für Hindemith als zeitweise „entwurzelten“ Komponisten.

Musikalische Akademie / 3. Akademiekonzert hier Amihai Grosz, Bratsche © Edith Held
Musikalische Akademie / 3. Akademiekonzert hier Amihai Grosz, Bratsche © Edith Held

Der Solobratschist der Berliner Philharmoniker, Amihai Grosz, lotet mit seinem technisch überragenden Spiel die spezielle Ausdrucksvielfalt dieses komplexen Werkes aus, mit seinen kantigen Formen und archaisierendem Klangbild. In der einleitenden Passage beeindruckte Grosz mit weit ausholendem, singenden Bratschenton, bis die Bläser den dunklen Trauermarsch anstimmten, und den düsteren Grundton etablieren. Ob Doppelgriffe, rustikale Floskeln, kurze Einwürfe oder weite Bögen, Grosz gestaltet emotionsgeladen. Metzmacher, Spezialist für „Neue Musik“, findet in jedem Moment die Balance: alles klingt durchgeformt, lebendig und ausdrucksstark. Wunderbar das Zwiegespräch mit der Harfe im 2. Satz. Mit klangvollen piani, gibt der Solist der Einsamkeit Raum in der alten Spielmannsweise. Das barocke Fugato kommt mit Leichtigkeit daher, schwungvoll, musikantisch setzt der 3. Variationensatz ein, Grosz lässt seine Bratsche tanzen und den Bogen springen. Mit halsbrecherischen Figuren, Läufen und Trillern gespickt, führen Solist und Dirigent das Publikum mit großer Spielfreude mitten hinein in das bunte mittelalterliche Treiben.

Grosz dankte dem Publikum mit einer Zugabe von Johann Sebastian Bach, hochsensibel und delikat.

Alexander von Zemlinsky Wien © IOCO
Alexander von Zemlinsky Wien © IOCO

Das Hauptwerk des Abends, Die Seejungfrau von Alexander von Zemlinsky, ist eine literarisch inspirierte sinfonische Dichtung nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, uraufgeführt 1905 in Wien. Diese mitreißende, maximal besetzte „Fantasie für Orchester“ in drei Sätzen, mit der Dauer von ca. 45 Minuten, ist ein typisches „Jugendstilwerk“, das im Spannungsfeld zwischen Spätromantik und beginnender Moderne steht. In seiner grenzgängerischen Harmonik, und speziellen  Instrumentstionsästhetik, bewegt sich Zemlinskys Musik in einer hochexpressiven Endphase der Tonalität, zwischen Debussy, Strauß und Mahler, in deren Schatten er lange Zeit stand. Vor allem Gustav Mahler erschütterte Zemlinskys Selbstverständnis nachhaltig, nicht nur als kompositorisches Vorbild, sondern vor allem im privaten Bereich wurde Mahler für den instabilen Komponisten zur Schicksalsfigur. Um 1900 lernte Zemlinsky die junge hochbegabte Alma Schindler kennen, die seine Schülerin wurde und in die er sich heftig verliebte. Die begehrte, berühmt-berüchtigte Wiener Femme fatale, war mit Zemlinsky fast zwei Jahre in einer komplizierten Beziehung verbunden, bis Alma 1902 Gustav Mahler heiratete. Diese Trennung konnte der wenig selbstsichere Zemlinsky schwer verkraften und sublimierte seine unerfüllte Liebe in einer Komposition voller Melancholie und Trauer.

In Hans Christian Andersens Geschichte von „Der kleinen Meerjungfrau“ rettet das Meermädchen einen menschlichen Prinzen und verliebt sich in ihn. Vergeblich versucht sie, seine Liebe zu gewinnen, nimmt alle erdenklichen Qualen auf sich, verleugnet ihre Identität, bis sie schließlich, um den Prinzen nicht ins Verderben zu ziehen, freiwillig den Tod wählt und sich zum Luftgeist wandelt, erlöst wird und eine unsterbliche Seele erhält.

Mit Hindemith teilte Zemlinsky während der Nazizeit das Schicksal des damals verfemten Musikers. Als jüdisch geborener Komponist musste er 1938 in die USA emigrieren, wo er 1942 verarmt und fast vergessen starb. Die Renaissance seiner Werke begann in den 1970er Jahren.

„Es war einmal …“  Das bekannte und beliebte Märchen von der armen Seejungfrau, deren Sehnsucht unerfüllt bleibt und die sich für ihre Liebe opfert, wurde in zahlreichen Varianten adaptiert, von Opernstoffen wie Rusalka oder Undine, bis hin zur Popkultur, umgesetzt in Verfilmungen von beispielsweise Walt Disney, wie „Arielle, die Meerjungfrau“.

Ingo Metzmacher und das Nationaltheater Orchester führten das Publikum durch die aufgewühlten Seelenlandschaften und Klippen der farbsatten Partitur und erzählten die bewegende Geschichte in allen erdenklichen Klangbildern voller Schönheit und Intensität.

Zu Beginn intonieren tiefe Bläser und Streicher in langen Haltetönen die dunkle und ruhige Stimmung auf dem Meeresgrund, nur Violinen und Holzbläser erklingen in sanften  Wellenbewegungen, sehnsuchtsvoll erhebt sich in der Solovioline das „Seejungfrau-Thema“ in lichte Höhen, das sich als Leitmotiv durch das Werk zieht. Sogartig wird man in die immer dichter aufschäumende Meereswelt gezogen, welche sich mit grosslinigen Bögen in ihrer ganzen Fantastik und Unbegreiflichkeit ausbreitet. Fein ziselierte Holzbläser tupfen glitzernde Wassertropfen, die großflächige Steigerung ergießt sich in opulenten Klangkaskaden, „mit größtem Ausdruck“, pathosfrei und überwältigend. Metzmacher nutzt die ganze dynamische Bandbreite, die von pppp bis ffff reicht, aus, und entfaltet das üppige Melos mit frei atmendem Rubato, natürlicher Linienführung und arbeitet die Tempowechsel klar heraus. Gleißende Blechbläsereinsätze überstrahlen kraftvoll das Klanggewoge, eine konditionell hervorragende  Leistung von Dirigent und Orchester.

Hauchzart klingen die gedämpften Streicher am Ende, wenn die Seejungfrau in die Welt der Schaumgeborenen eintritt: in höchsten Sphären „lohengrinhaft“, umrankt von Harfenarpeggien. Noch einmal erklingen die Hauptthemen, bis im strahlenden Tutti-Glanz die Verwandlung der unsterblichen Seele vollzogen ist.

Bravos und Jubel nach einem ergreifenden Konzertabend für Ingo Metzmacher, Amihai Grosz und das Nationaltheater Orchester Mannheim.

—| IOCO Kritik Musikalische Akademie Mannheim |—

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