Mannheim, Nationaltheater Mannheim, PARSIFAL – Richard Wagner, IOCO Kritik, 05.06.2022

Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier das Ensemble © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier das Ensemble © Christian Kleiner

Nationaltheater Mannheim

Nationaltheater Mannheim

NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner
NTM Nationaltheater Mannheim © Christian Kleiner

PARSIFAL – Richard Wagner

  Hans Schüler – “aus der Ferne längst vergang‘ner Zeiten”

von Uschi Reifenberg

Richard Wagner Bayreuth © IOCO
Richard Wagner Bayreuth © IOCO

65 Jahre alt ist diese Inszenieriung mittlerweile und hat noch nichts von ihrer Faszination verloren. Sie besticht durch ihre suggestive und zeitlos gültige Aussage, ihre Schlichtheit und Hinlenkung auf das Wesentliche. Die Rede ist von Hans Schülers Parsifal Inszenierung aus dem Jahre 1957, der weltweit am längsten durchgehend gespielten Wagner Inszenierung überhaupt, ein Fels in der Brandung vielfältigster Regieströmungen und -moden.

Alljährlich pilgern Wagner Verehrer aller Altersklassen von nah und fern nach Mannheim, um Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“ in dieser legendären Produktion am Nationaltheater zu erleben, die nun, am 29. Mai 2022, als „Festlicher Opernabend“ mit Star-Tenor Klaus Florian Vogt aufgeführt wurde.

Der Mannheimer Parsifal in der Inszenierung nach Hans Schüler (1897-1963), dem Regisseur und Mannheimer Intendanten, ist längst Kult und lässt mit Wagners „Weltabschiedswerk“ als zeitgeschichtlichem Theaterdokument noch einmal eine bahnbrechende Ära lebendig werden.

»Parsifal 1957-2017« – Videoinstallation von Sven Mundt zu 60 Jahre Parsifal
youtube Nationaltheater Mannheim
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Es ist die Nachkriegsära Neu-Bayreuths, die Zeugnis gibt von einer Zeit der Neuorientierung und Aufbruchstimmung nach den dunklen Kriegsjahren, aber auch der notwendigen „Entrümpelung“ der Bayreuther Festspiele der Jahre 1930 bis 1944 und deren unheilvolle Verstrickungen in den Nationalsozialismus.

Untrennbar verbunden ist dieser Aufbruch mit den Wagner Enkeln Wolfgang Wagner und insbesondere Wieland Wagner, die 1951 als Leiter der Festspiele die Neu-Bayreuther Ära begründeten und mit ihren stilbildenden Inszenierungen eine neue Ästhetik hervorbrachten, den Begriff der „Werkstatt Bayreuth“ prägten und damit einen radikalen Bruch mit der bisherigen Inszenierungstradition und der ideologisch belasteten Geschichte wagten.

Die Merkmale dieses Inszenierungsstils, der damals auf die gesamte europäische Bühnenwelt und auch auf den „Schüler‘schen Parsifal“ ausstrahlten, sind ein hoher Grad an Abstraktion mit Verzicht auf Naturalismus und Realismus, der Rückbesinnung auf die griechische Antike, die Archetypenlehre des Psychoanalytikers C.G. Jung, sowie eine ausgeklügelte Licht-und Farbsymbolik.

Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier Julia Faylenbogen (Kundry), KS Thomas Jesatko (Klingsor) © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier Julia Faylenbogen (Kundry), KS Thomas Jesatko (Klingsor) © Christian Kleiner

Geistige Räume entstehen durch die Reduktion sämtlicher Mittel, die Visualisierung innerseelischer Vorgänge wird durch eine magische Lichtregie erreicht, die zeichenhafte und annähernd statische Personenführung erlaubt die Konzentration auf das Wesentliche ohne jede Ablenkung. Die Musik wird in den Vordergrund gerückt und erhält größtmöglichen Raum zur Entfaltung.

Mit dem „Mannheimer Parsifal“ taucht man ein in jene Zeit, in der die sogenannte Regietheater-Moderne ihren Anfang nahm und die in diesem Zusammenhang auch als „Stunde null“ bezeichnet wird. Mit unterschiedlichen Inszenierungs-Erfahrungen im Gepäck begibt man sich auf eine Reise in die Vergangenheit, dahin, wo „Alles“ begann. Wo sich nun neue und alte Erfahrungswerte überlagern und Wagners Welterklärungen möglicherweise in anderem Licht erscheinen.

Die seit ihrer Premiere am 14. April 1957 mehrfach restaurierte Parsifal-Inszenierung bezüglich Projektionen, Bühnenbild (Paul Walter), und Kostüme (Gerda Schulte), erstrahlt nun in frischem und farbintensiven Glanz und wirkt in keinem Moment museal.

Alle drei Akte spielen auf einer fast leeren Bühne, die in der Mitte leicht ansteigt, mit abschließendem Rundhorizont, die wohl der berühmten „Weltenscheibe“ von Wieland Wagner nachempfunden ist, Wenige, aber wichtige  Requisiten werden verwendet: der Schwan, der Speer, der Gralskelch, Dadurch stehen die handelnden Personen im Focus und wirken in ihren jeweiligen Aktionen wie unter einem Brennglas. Gazevorhänge sind bemalt und dienen als Folie für überdimensionale Projektionen und Beleuchtungen.

Ein einsamer Baumstumpf dient Gurnemanz im 1. Akt als Sitzgelegenheit, der Gralswald wird durch riesige, schemenhafte Baumstämme dargestellt, die holzfarben und grün schimmern. Der Weg in die Gralsburg wird mittels Wandeldekoration in filmischer Manier gezeigt, mit langsam vorbeiziehenden Felsen und Bäumen. Der Gralstempel selbst erhält majestätische Gestalt durch stilisierte Rundbögen, die in fahlem Licht erscheinen. Die Amfortas Szene taucht ganz ein in das Mysterium der Gralsenthüllung, die sich in einem rituellem Akt mystischer Versenkung ereignet und durch die weihevolle Ruhe große Intensität erhält. Geheimnisvoll entfaltet sich die Glaubensbotschaft der Gralsgemeinde und scheint bis in die Tiefenschichten des Unbewussten vorzudringen. Die Gralsritter sind im Halbrund um den Gral positioniert und schreiten bedächtig, synchron zur Musik, während der enthüllte Gral den Tempel im blutrotem Licht illuminiert.

Der 2. Akt zeigt Klingsors grün beleuchteten Zaubergarten, zunächst mit projizierten Burgzinnen, später in der Blumenmädchenszene mit überdimensionalen rosa Blumenkelchen. Klingsor erscheint als grün gekleidete mephistophelische Figur, der blaue Zauberspiegel und der leuchtende Speer, geometrisch angeordnet, erhalten als einzige Requisiten bedeutsame Symbolkraft. Die Blumenmädchenszene setzt mit ihrer anmutigen Choreografie, den Blumenprojektionen und den rosa Kostümen nicht nur einen farblichen Kontrapunkt, Kundry als Archetypus der Verführerin strahlt satte Erotik aus und ist auch sonst als Mittelpunkt der Szene eine Augenweide.

Die Karfreitagsaue erstrahlt im 3. Akt in zartem Hoffnungsgrün als Sinnbild der Erneuerung mit dezenter Blumendekoration. Zum Taufritus sind die drei Protagonisten um den Baumstumpf gruppiert, der nun gegenüberliegend positioniert ist. Einfachheit, Abstraktion und Farbsymbolik entfalten eine starke Wirkungskraft.

Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier das Ensemble © Christian Kleiner
Nationaltheater Mannheim / PARSIFAL hier das Ensemble © Christian Kleiner

Den nun ergrauten Gurnemanz haben „Gram und Not so tief gebeugt“, Kundry schreitet als geläuterte Büßerin in langer schwarzer Kutte, Parsifal erscheint zunächst als  Ritter in schwarzer Rüstung, später in weissem Gewand, der heilige Speer erhält seine ihm ursprünglich zugewiesene Funktion zurück. Die Verwandlung in den Gralstempel verläuft nun in umgekehrter Richtung, dort steht nun Titurels Sarg im Vordergrund, an dem die Schmerzensfigur Amfortas kniet und seinen lang ersehnten Tod erzwingen will. Da erscheint der wissend gewordene Parsifal mit dem heiligen Speer, heilt Amfortas’ Wunde und enthüllt als zukünftiger König den Gral, über der Szene schwebt verklärend die weiße Taube.

Musikalisch war dieser Parsifal zweifellos eine Sternstunde. Bis auf die Titelfigur waren alle Rollen mit hauseigenen Sängern besetzt, die sich durchgehend auf Festspielniveau präsentierten.

Zu recht gefeiert wurde Klaus Florian Vogt, der als Gast in der Titelrolle des Parsifal zu erleben war. Warum Vogt einer der gefragtesten Wagner Tenöre unserer Zeit ist, wurde an diesem Abend wieder einmal deutlich. Seine Stimme hat an Fundament und Körperklang dazugewonnen, gleichwohl  haben seine berühmten ätherischen Spitzentöne nichts von ihrer instrumentalen Reinheit und Tragfähigkeit eingebüßt. Sein Tenor klingt in jeder Lage schön, mit müheloser Strahlkraft und heldischem Aplomb gelingen die dramatischen Ausbrüche bei „Amfortas, die Wunde“, zweifelsohne tief bewegend und Mitleid erregend. Mit beseelter Zartheit gestaltet er in der Karfreitagsmusik die Phrase: „du weinest, sieh, es lacht die Aue“, und bringt den besonderen Zauber dieser Szene zum Ausdruck. Vorbildlich auch seine klare Diktion und textliche Durchdringung, die höchste Plastizität erzielen. Die Wandlung vom reinen Toren zum „mitleidvoll Wissendem“ vollzieht er in jeder Phase bewegend.

Patrik Zielke als Gurnemanz ist eine Idealbesetzung. Durch seine ausgezeichnete Textverständlichkeit und epische Gestaltungskraft wurden seine ausgedehnten Monologe zu spannungsreichen Deutungen der inneren und äußeren Handlungszusammenhänge. Man  vermisste in keinem Moment die fehlenden Text-Übertitel. Sein hell timbrierter Bass bewegt sich mühelos auf der dynamischen Skala, die tragfähigen  pianissimo Töne sind von ebensolcher Intensität wie die bewegenden forte Ausbrüche bei „O Gnade, höchstes Heil“ im 3. Akt. Auch Zielke zeigte eine beeindruckende Rollenentwicklung vom virilen, tatkräftigen Lehrmeister im 1. Akt zum gezeichneten Altersweisen am Ende.

Julia Faylenbogen gestaltet alle Facetten der komplexen Frauenfigur der Kundry mit großer Intensität und Ausstrahlung, von der dienenden Gralsbotin, die sie mit satten Mezzofarben und klangvoller Tiefe ausstattet bis zur zentralen Szene im 2. Akt mit Parsifal, in der sie nach ihrer Verwandlung zur großen Verführerin in der „Herzeleide- Erzählung“ mit sinnlichen Klangfarben aufwartet. Mit ihrer modulationsfähigen Stimme meisterte sie die Klippen dieser schwierigen Partie gekonnt. Die gleißenden Spitzentöne werden mühelos in die Gesangslinie eingebunden, in ihrer Verzweiflung über Parsifals Zurückweisung wächst sie zu tragischer Größe.

Ks.Thomas Jesatko, der auch als schillernder Klingsor in Stefan Herheims Bayreuther Parsifal Inszenierung in bester Erinnerung ist, zeichnet einen von Machtgier besessenen Magier, mit dämonischer Ausstrahlung und herrischer Attitüde. Mit jederzeit ausdrucksstarkem und klar fokussiertem Bass-Bariton und seiner differenzierter Textausdeutung sorgte er in der Auseinandersetzung mit Kundry für Gänsehaut-Momente.

Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO
Richard Wagner Villa am Canale Grande in Venedig © IOCO

Der Amfortas von Nikola Diskic erscheint als versehrter Gralskönig zutiefst anrührend in seinem Leid. Mit seiner schön timbrierten Baritonstimme gibt er den körperlichen sowie seelischen Qualen glaubhaften Ausdruck, die in den schmerzvollen und weit ausschwingenden „Erbarmen-Rufen“ gipfelten. Marcel Brunner war als Titurel kurzfristig für Bartosz Urbanowicz eingesprungen und gab ein sehr gelungenes Rollendebüt. Er verfügt über eine kernige, dramatische Bass-Stimme und verlieh dem siechen König aus dem Hintergrund mit anklagender Geste autoritäres Profil. Die Altstimme aus der Höhe wurde von Maria Polanska klangschön und volltönend dargeboten.

Die ausgezeichneten Blumenmädchen Estelle Kruger, Rebecca Blanz, Shachar Lavi, Seunghee Kho, Jelena Kordic, Maria Polanska, sangen und agierten vorzüglich, ebenso der im Orchester positionierte Damenchor zur stimmlichen Verstärkung der Szene. Die Gralsritter Juray Holly, Serhii Moskalchuk sowie die Knappen Rebecca Blanz, Maria Polanska, Uwe Eikötter und Haesu Kim ließen keine Wünsche offen. Chor und Bewegungschor unter der Leitung von Danis Juris bewältigten die hohen Anforderungen mit Bravour, beeindruckten mit klanglicher Homogenität, schwebenden Piani in den Sopranlagen, mächtig anschwellende Höhepunkten und viel Expressivität.

Shao- Chia Lü, der taiwanesische Dirigent stand mit dem Parsifal bereits zum zweiten Mal am Pult des Nationaltheater Orchesters und konnte dessen hohes spielerisches Niveau voll ausschöpfen. Dem Vorspiel zum 1.Akt gab er klare Strukturen, und gliederte die blockhaften Abschnitte ohne Spannungsverluste, dabei fast pathosfrei.

Komponiert wurde der Parsifal bekanntlich eigens für das Bayreuther Festspielhaus und seinen „mystischen Abgrund“, dem halb abgedeckten Orchestergraben, durch dessen einzigartige akustische Verhältnisse sich der berühmte „Mischklang“ ergibt. Shao-Chia Lü ließ das Anfangsthema (Abendmahlsthema) sehr realistisch aufsteigen, vermied die mystisch-verhangene und schwebende Klanglichkeit, die durch die Holzbläsertriolen und Streicherbegleitfiguren erreicht wird, Die sehnsuchts- und schmerzvolle Stimmung wollte sich nicht recht einstellen. Dabei sind die Einsätze präzise und klar, die kontrapunktischen Linien verlaufen sehr sauber und verweben sich in ein großräumiges Liniengeflecht von hoher Transparenz. Seine Tempi sind fließend und vorwärtsdrängend, die Höhepunkte werden kraftvoll vorbereitet, stoßen bisweilen an dynamische Grenzen. In der Verwandlungsmusik werden Pauken und Glocken nicht geschont, ebensowenig  das tiefe Blech. Überwältigungsmusik vom Feinsten, auch in den weltabgewandten Momenten, wie der sich dem Transzendenten hin öffnende Karfreitagszauber, dessen einleitendes Oboenthema in innigster Zartheit neue Erlösungshoffnung verspricht.

Blumen und lange Ovationen für Sänger, Dirigenten, Chor und Orchester nach einem wahrhaft festlichen Opernabend

PARSIFAL am NTM Mannheim; am 5.6.2022 letzte Vorstellung dieser Spielzeit, link HIER!

—| IOCO Kritik Nationaltheater Mannheim |—

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