Mariam Batsashvili – Romantic Piano Masters – CD, IOCO CD Rezension, 25.07.2022

Mariam Batsashvili - Romantic Piano Masters - WARNER CD
Mariam Batsashvili - Romantic Piano Masters - WARNER CD
Mariam Batsashvili - Romantic Piano Masters - WARNER CD
Mariam Batsashvili – Romantic Piano Masters – WARNER CD

Mariam Batsashvili – Romantic Piano Masters – CD

  Werke von Franz Liszt, César Franck, Wagner, Chopin und  andere Komponisten

Mariam Batsashvili –  CD Label:  Warner, DDD, 202 – Bestellnummer: 10945269 – Erscheinungstermin: 26.8.2022 – link HIER

CD Besprechung – Michael Stange

Mariam Batsashvili hat erneut ein beeindruckendes Recital vorgelegt und ihren immensen Rang als Pianistin und Liszt-Interpretin belegt. Geboren im georgischen Tiflis hat sie zunächst an der dortigen Evgeni Mikeladze-Musikschule studierte. Später wechselte sie an die Hochschule für Musik „Franz Liszt“ Weimar zu Grigory Gruzman. Gastspiele führten sie in die USA, nach Brasilien und zahlreiche weitere Länder in Asien und Europa. Sie gewann zahlreiche Preise zum Beispiel die Franz Liszt Wettbewerben in Weimar und Utrecht sowie den Arturo Benedetti Michelangeli Preis.

Neben Mariam Batsashvili erleben wir heute eine Vielzahl begnadeter Künstlerinnen aus Georgien. In Deutschland am bekanntesten ist wohl die Schriftstellerin Nino Haratischwili. Mit ihren in Deutsch verfassten, dicht gewobenen und packend erzählten Romanen ist sie eine beredte Botschafterin der jüngeren Vergangenheit und Kultur Georgiens. Ihre historischen Schilderungen georgischer Schicksale lassen uns in einen Teil Europas eintauchen, der uns ohne sie im wesentlich verborgener geblieben wäre.

A Closer Look at Schubert: “Kupelwieser Walzer” – Mariam Batsashvili
youtube Trailer Warner Classic
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Die Berge Georgiens oder ein Sonnenaufgang in der Küstenstadt Batumi am Schwarzen Meer sind Erlebnisse, die man nicht vergisst. Die meisten Besucher des Landes behalten ihre Aufenthalte als magisch und einzigartig in Erinnerung und erliegen dem Zauber der Menschen und des Landes. Eine alte Legende mag dies ein wenig erhellen. Sie besagt, dass die Georgier Gott zu Ehren feierten und tranken als er im Begriff war, die Länder an die Völker der Erde zu verteilen. So kamen sie verspätet und leicht angetrunken zur Verteilung der Erde und für sie war kein Platz mehr frei. Die Trinksprüche der munteren Georgier gefielen Gott aber so sehr, dass sie ihn rührten und er ihnen schließlich den Teil der Erde überließ, den er für sich selbst auserwählt hatte. So ließen sie sich im schönsten Land der Welt nieder, das mit seinen schneebedeckten Bergen, dem Schwarzen Meer und seinem fruchtbarem Land prunkt, auf dem Obst und Wein im Überfluss gedeihen.

Neben diesen Legenden punktet Georgien aber auch mit seiner Musik, ihren Schöpfern und Interpreten. Der Komponist Sakaria Paliaschwili schuf Opern wie Abessalom und Eteri, in denen er europäischen Kompositionsstil mit Elementen georgischer Volksmusik vereinte. Zahlreiche weitere Komponisten und Interpreten leisteten wichtige Beiträge zur Musikkultur des Lands und trugen die georgische Kultur in die Welt. Wie auch die Opernwerke tschechischer, russischer, bulgarischer oder ukrainischer Komponisten haben Sprachbarrieren, fehlende Verlage und vielleicht auch mangelndes Interesse die Verbreitung nationaler osteuropäischer Werke im Westen bis heute behindert.

 Mariam Batsashvili © Josef Fischnaller
Mariam Batsashvili © Josef Fischnaller

Anders stellt sich die Lage bei den Musikerinnen aus Georgien dar. Neben Mariam Batsashvili brillieren zahlreiche georgische Künstlerinnen auf den Bühnen der Welt. Namhafte Beispiele sind die Geigerinnen Elene Meipariani und Lisa Batiashvili, die Pianistinnen Elisabeth Leonskaja, Nino Gvetadse, Ketevan Sepashvili sowie Kathia Buniatishvili und die Sängerinnen Nino Machaidze und Anita Rachvelishvili.

Neben der tiefen Verwurzelung der Musik in der Kultur Georgiens dürften viele weitere Faktoren die große Zahl georgischer Ausnahmemusikerinnen auf den Podien der Welt begründen. Ausgeprägter Kunstsinn und große Sensibilität, die frühkindliche Erziehung und die Einbeziehung der traditionellen Volksmusik zählen sicher dazu. Schon im Kindergarten wird getanzt und gesungen. Viele der Kinder sind bereits ab dem Alter von drei Jahren in einer Volkstanzgruppe oder lernen Klavier.

Dies mag tief in der georgischen aber auch der Tradition der Nachbarländer des Schwarzen Meeres und der ehemaligen Sowjetunion und des Zarenreiches fußen, wo die musikalische Bildung gleichfalls einen erheblichen Stellenwert hatte. Maßgeblichen Anteil an der immensenn Ausdruckskraft der Künstlerinnen dürfte die “russische Klavierschule“ haben, deren Ausbildungsgrundsätze in der Musikerziehung eine wichtige Rolle spielen. Diese pädagogischen Grundsätze wurden im östlichen Zarenreich des alten Russlands begründet und führten zu einer eigenen Tradition des Klavierspiels. Die nach diesen Prinzipien ausgebildeten Lehrer spielen auch heute an den Konservatorien der Welt eine prägende Rolle. Einige der Aspekte der “russische Klavierschule“ sind das besondere Gespür für den Klang aber auch für die musikalischen Aussagen der Komponisten. Dadurch wird früh eine Einfühlsamkeit entwickelt, die Klaviermusik vergangener Tage im Sinne des Komponisten zu gestalten und dabei gleichzeitig den Zuhörern den Fluss der Musik zu offenbaren und sie in den Bann des Werks zu ziehen.

Neben den großen Werken der russischen Klavierliteratur stehen vor allem Werke der virtuosen Spätromantik im Fokus. Dies bestätigt auch die Mariam Batsashvili, die es ihrer Lehrerin Natalia Natsvlishvili zuschreibt, dass sie durch unterschiedliches Berühren der Tasten sehr viele ganz verschiedene Farben und Texturen erzeugen könne.

Viele große Pianistinnen wirkten zu Zeiten in der Sowjetunion nur dort und in den Sattelitenstaaten. Kamen sie in den Westen, sorgten sie, wie die oft zurückhaltend poetische Maria Grinberg, für Furore. Ihren Nachruhm bewahren späte CD-Veröffentlichungen wie beispielsweise die Gesamteinspielung der Klaviersonaten Beethovens. Gleiches gilt für die expressive Maria Yudina. Sie und viele weitere Pianistinnen und Pianisten hinter dem „eisernen Vorhang“ lohnen die nähere Beschäftigung und bieten einen beredten Einblick in die dortigen Pianotradition und lassen erkennen, welche Traditionen zahlreiche heutige Pianistinnen fortsetzen.

In gewisser Weise setzen haben manche interpretatorischen Ansätze der Vorgängerinnen auch im innig bewegenden auslotenden Spiel von Mariam Batsashvili Einzug gehalten. In ihrem neuen Album spannt sie einen romantischen Bogen, dessen Schwerpunkt Werke und Bearbeitungen von Franz Liszt sind. Ergänzt werden sie durch Werke von Cesars Frank, Frederic Chopin, Sigismond Thalberg und Franz Schubert. Das Album enthält viele Stücke Liszts, die Transkriptionen von Orchesterwerken für Klavier sind, so dass sich neben den virtuosen Herausforderungen auch das Erfordernis der Entfaltung eines sowohl feingewobenen als auch machtvoll ausbrechenden Klangspektrums ergibt, um die Orchesterfarben der Vorlagen erklingen zu lassen. Im Booklet hat Mariam Batsashvili ihren Gedanken zu den jeweiligen Kompositionen und ihren Deutungen entwickelt.

César Franck Paris © IOCO
César Franck Paris © IOCO

Die ersten Titel des Albums sind „Prélude, Fugue et Variation, Op. 18“ von César Franck in der Transkription für das Klavier von Harold Bauer. Die Pianistin spielt die Prelude in einer elegischen Ruhe und mit melancholischen Farben. Mariam Batisashvili gelingt es ihr schon in den ersten Takten auf dem Klavier einen orgelgleichen volltönenden Klang zu erzeugen. Bemerkenswert ist die Gleichmäßigkeit des Melodienflusses bei nuancierten Akzenten. Introspektiv und emotional bewegend wird der kompositorische Verlauf des gesamten Werks und seines musikalischen Flusses dargeboten.

Sigismond Thalbergs „Grand Caprice sur des motifs de ‘La sonnambula’ de V. Bellini“ ist eine Bearbeitung die wesentlichen Motive der Oper enthältvund insbesondere die nachtwandlerischen innwendigen Momente zusammenfasst aber auch Dramatisches enthält. Hier gelingt es Mariam Batsashvili fulminant, eine Atmosphäre zwischen sem schebend übersinnlichen und dem Drama der Protagonistin zu schaffen, weil sie gleichsam das Mondlicht über die Tasten zum Scheinen bringt und die Seelnqual Elvinas auslotet.

Anders als Thalbergs beinhalten Liszt Beabeitungen und insbesondere die von Isoldes Liebestod, häufig zusätzliche Dramatisierungen. Damit erreichte er noch wirkungsvollere expressive Steigerungen, die den Orchesterstimmen zusätzliche Wucht verleihen, ohne dabei überladen zu wirken. Mariam Batsashvilis Interpretationen verdeutlichen, dass der oft verkannte und geschmähte Liszt durchaus ein Zauberer war, der wusste, wie durch zusätzliche Akzentsetzungen in ohnehin schon überwältigender Musik auf dem Klavier eine noch mitreissendere Wirkung erzielte. Im Liebestod lässt die Pianistin, das Ertrinken, das Versinken und die immense Faszination des Stückes durch einen auf den Tasten ausgebreiten klanglichen Kosmos erstehen. Isoldes Sehnsucht nach Tristan, die hellen Lüften und wonnigen Düfte, ihr Ertrinken und Versinken lässt die Pianistin durch klug disponierte Tempi und eine magische Erzeugung von Orchesterfarben und klangwogen als ein große klangliches Mysterium erklingen.

Gleiches gilt für den „Valse de l’opéra “Faust“ nach Gounod von Liszt. Mariam Batsashvili sieht das Stück dergestalt, dass Fausts Traum ihn ins Verderben stürzt und Mephistopheles immer im Hintergrund lauert, was sich bei der Rückkehr des spritzigen Festwalzers noch verstärkt. Technische brillant mit der Fähigkeit, ihre Fantasie in jeder Nuance in mitreißende klangliche Darstellungen umzusetzen, kann die Pianistin ihre Intention der musikalischen Umsetzung des Bösen und Abgründigem des Stücks offenlegen und es als Teufelstanz mit wahnhaften Klangkaskaden erklingen lassen.

Gleichsam scharf beobachtend erzählt sie die Geschichte der Loreley. Liszt hat hier ein Motiv der Rheinromantik aufgegriffen, aber eine weit über das populäre Lied von Friedrich Silcher hinausgehende Tonmalerei entworfen. Eine differenzierte szenische Stimmungsschilderung der Begegnung des Schiffers mit dem weiblichen Fabelwesen und sein Ertrinken stellt das Werk dar, wobei die große Faszination neben der Unruhe des Wassers während des Ertrinkens des Schiffers in der ausführlichen Darstellung im letzten Drittel des Stückes liegt, wo sich das Wasser wieder beruhigt und in den alten Fluss zurückgelangt. Mariam Batsashvili erreicht hier in begnadeter Weise, ihre Vorstellungen zur wahrhaftigen Welt der Natur und der übersinnlichen Welt der Nymphe interpretatorisch miteinander zu verbinden. Besonders berührend ist das Finale in sie das sich dem nach dem Schiffsuntergang beruhigende Wasser und sein ewiges Rauschen mit nuanciertem Spiel nachzeichnet, so dass man meint, jede Welle habe eine andere Farbe und Geschwindigkeit.

Das Album endet fröhlich mit Walzern von Liszt und Schubert. Mariam Batsashvili kostet sie in sprühender Lebensfreude und meisterlicher Klangentfaltung aus.   Eine bestrickende Veröffentlichung.

Mariam Batsashvili hat die romantische Klavier- und Klangwelt gleich einem Zauberduft eingeatmet. Ihr Spiel sprudelt auf ihrem dritten Album wie aus einer glückseeligen Quelle hervor. Mit makelloser Technik, grandioser seelischer Anteilnahm und ihrer Fähigkeit, jede Wendung ihres Empfindens klanglich umzusetzen schafft sie in jedem Stück eine Farbpalette von glühender Poesie und faszinierender Vielfalt. Dadurch gelingen ihr sowohl interpretatorische Glanzleistungen als auch berührende emotionale Momente.

Sämtliche Interpretationen offenbaren eine vielschichtig berührende Klangwelt, wodurch das Album sowohl interpretatorisch als auch vom Repertoirewert eine der wichtigsten Klavierveröffentlichungen dieses Jahres sein dürfte. Pianofans sollten es nicht verpassen.

—| IOCO CD Rezension |—

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