Montpellier – LE CORUM, Opéra Berlioz, LE FESTIVAL RADIO FRANCE OCCITANIE, IOCO Kritik, 31.07.2022

LE CORUM - Opéra Berliot / Sea-pictures Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran © Festival de Montpellier _ Luc Jennepin
LE CORUM - Opéra Berliot / Sea-pictures Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran © Festival de Montpellier _ Luc Jennepin

 LE CORUM / Opéra Berlioz in Montpellier © Peter Michael Peters
LE CORUM / Opéra Berlioz in Montpellier © Peter Michael Peters

Le Corum Opéra Berlioz – Festival Radio France

LE FESTIVAL RADIO FRANCE OCCITANIE MONTPELLIER 2022

LE CORUM – OPÉRA BERLIOZ

von Peter Michael Peters

  • Edward Elgar : Sea Pictures (*)

  • Melodien für Mezzosopran und Orchester Op. 37 (1899)
  • Ralph Vaughan Williams: Symphony No. 1
  • Für Sopran, Bariton, Chor und Orchester
  • „ A Sea Symphony“ (1910)
  • Marianne Crebassa (*), Mezzosopran
  • Jodie Devos, Sopran
  • Gerald Finley, Bariton
  • Chœur de Radio France
  • Orchestre de Radio France
  • Cristian Macelaru, Direktion

BEWEGTES MEER IN MONTPELLIER…

Georg Friedrich Händel (1685-1759), Joseph Haydn (1732-1809), Felix Mendelssohn (1809-1847), Hector Berlioz (1803-1869): Es gibt so viele bedeutende Komponisten in der Geschichte der britischen Musik… obwohl sie alle auf der anderen Seite des Ärmelkanals geboren sind. Hat es in England so sehr an lokalen Musiktalenten gefehlt, um die viele ausländische Musikarbeit zu importieren?

Vor der Ankunft von Händel war das Londoner Musikleben jedoch im vollem Gange mit Künstlern aus dem Inland: Die englische Oper erlebte ihr goldenes Zeitalter mit Henry Purcells (1659-1695) Dido and Aeneas, Z. 626 (1689) und The Fairy Queen, Z. 629 (1692) nach dem Stück A Midsummer Night’s Dream (1605) von William Shakespeare (1564-1616) und markierten die Geschichte des lyrischen Theaters in England. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, unter Queen Elizabeth I. of England (1533-1605), erwiesen sich Thomas Tallis (1505-1585) und William Byrd (1543-1623) als große Meister einer typisch britischen sakralen Gesangskunst, ausgestattet mit üppigen und nicht minder virtuosen Chören. Noch heute können wir das Erbe dieser Praktiken des 16. Jahrhunderts wahrnehmen, indem wir die vielen Vokalensembles aus dieser langen Tradition der Chorpraxis in Kathedralen und Universitäten in den Konzertsälen hören können.

LE CORUM - Opéra Berlioz / Sea-pictures Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran © Festival de Montpellier / Luc Jennepin
LE CORUM – Opéra Berlioz / Sea-pictures Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran © Festival de Montpellier / Luc Jennepin

À propos…

Obwohl Edward Elgar (1857-1934) oft als typisch englischer Komponist angesehen wird, stammt die meiste Musik, die ihn und sein Werk beeinflusst hat, vom europäischen Kontinent. Er selbst bezeichnete sich als „outsider“, nicht nur vom musikalischen, sondern auch gesellschaftlich! In den akademischen dominierten Musikkreisen galt er als autodidaktischer Komponist. Auch wegen seines katholischen Glaubens wurde er damals argwöhnisch angesehen. In der Oberschicht des viktorianischen und auch späteren Englands wurde er durch seine bescheidene Herkunft behindert, selbst als sein Talent öffentlich anerkannt wurde und er die Tochter eines hochrangigen Offizier der britischen Armee heiratete. Seine Frau ist nicht nur eine Inspirationsquelle für seine Musik, sie bringt ihn auch in wohlhabende Kreise, was ihm in der Zukunft zu grosser Berühmtheit verhilft. So kämpft er bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr verbissen um Erfolg. Von da an nach einer Reihe mäßiger Erfolge wurde er in Großbritannien und auch im Ausland sehr berühmt für seine Variations Enigma (1899). Sein nächstes Werk The Dream of Gerontius (1900) ein Oratorium auf der Grundlage eines katholischen Textes, erregte in anglikanischen Kreisen einige Besorgnisse, wurde aber dennoch zu einem Kernstück des britischen Musik-Repertoires. Seine anderen religiösen Chorwerke erreichten nicht annähern den gleichen Erfolg.

  • Sea Slumber Song
  • Sea-birds are asleep,
  • The world forgets to weep,
  • Sea murmurs her soft slumber-song,
  • On the shadowy sand
  • Of this elfin land;
  • I, the Mother mild,
  • Hush thee, O my child,
  • Forget the voices wild!   (Auszug)

Sea Pictures ist ein Zyklus von fünf Songs für Altstimme und Orchester, den Elgar im Sommer 1899 im Auftrag des Norwich Festivals komponierte. Er begann damit, den Zyklus für Sopran zu schreiben und transponierte ihn dann für die Orchesterversion in eine tiefere Tonart, im Wesentlichen auf Wunsch der Altistin Clara Butt (1872-1936). Der Zyklus wurde am 5. Oktober 1899 auf dem Festival mit der Sängerin unter der Leitung von Elgar selbst uraufgeführt.

Die fünf Songs sind auf Gedichte verschiedener Autoren geschrieben:

  • Sea Slumber Song (Roden Noel / 1834-1894)
  • In Haven (Caroline Alice Elgar, die Frau des Komponisten / 1848-1920)
  • Sabbath Morning at Sea (Elizabeth Barret Browning / 1806-1861)
  • Where Corals Lie (Richard Garnett / 1835-1906)
  • The Swimmer (Adam Lindsay Gorden / 1833-1870)

Die Musik ist üppig, romantisch und mit eindeutigen schweren sensuellen Farben von Richard Wagner (1813-1883) gefärbt, unüberhörbar ist die Musik von Parsifal (1882). In anderen Teilen des Zyklus finden wir einen Teil der Melodie des ersten Songs Sea Slumber Song wieder, insbesondere die zweite Strophe steht wieder fast vollständig im Finale.

LE CORUM - Opéra Berlioz / Sea Pictures hier Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran und das Orchestre National de France © Festival de Montpellier / Luc Jennepin
LE CORUM – Opéra Berlioz / Sea Pictures hier Marianne Crebassa, Mezzo-Sopran und das Orchestre National de France © Festival de Montpellier / Luc Jennepin

À propos…

Ralph Vaughan Williams (1872-1958) ist einundvierzig Jahre alt, als der Große Krieg beginnt. Obwohl er die Möglichkeit hatte, dem gesamten Militärdienst zu entkommen oder auch als Offizier zu dienen, entschied er sich als einfacher Gefreiter in der Royal Army Medical Corps seine Pflicht zu tun. Erschöpft von seiner Arbeit als Krankenträger in Frankreich und Saloniki wurde er schließlich in den Rang eines Unterleutnant erhoben in der Royal Garrison Artillery am 24. Dezember 1917. Eine Anekdote erzählt, dass er einmal, obwohl er zu krank war um noch zu stehen, weiterhin am Boden liegend seine Artillerie-Batterie dirigierte. Seine lange Exposition gegenüber schweren Geschützfeuern war wahrscheinlich die Ursache für seinen fortschreitenden Hörverlust und der auch seine spätere Taubheit erklärt. Nach dem Waffenstillstand von 1918 war er bis zu seiner Demobilisierung im Februar 1919 Musikdirektor der britischen Ersten Armee, was ihm sehr dabei half, sich schnell wieder mit der Welt der Musik zu verbinden.

Als er die Armee verließ, nahm er in seiner Pastoral Symphony, No. 3 (1922) zeitweise einen starken mystischen Akzent in seinem Musikstil auf, die wohl insbesondere seiner Erfahrung als freiwilliger Krankenwagenfahrer während des Krieges zu verdanken ist. Auch aus der Zeit des Kriegs komponierte er ein Werk für Bratsche Flos campi (1925) begleitet von einem kleinen Orchester und einem Chor ohne Worte. Ab 1924 begann für ihn eine neue musikalische Phase, die vor allem durch dissonante Akkorde und eine wichtige Rolle der Polyrhythmik gekennzeichnet war. Höhepunkt dieser Schaffensphase ist seine 1935 uraufgeführte Symphony No. 4 in f-Moll. Diese Sinfonie markiert einen sehr klaren Bruch mit den orchestralen und pastoralen Kompositionen, mit denen sein Werk oft identifiziert wird und seine dramatische Dimension, die von einer permanenten Spannung und zahlreichen Dissonanzen getragen wird, überrascht die Zuhörer seit der allerersten Aufführung immer wieder sehr stark. Sich seiner Originalität bewusst, sagte Vaughan Williams: „Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, aber es ist so, wie ich es wollte!“ Er starb 1958 allgemein anerkannt. Seine Beerdigung fand in der Westminster Abbey statt, wo seine Asche neben der von Purcell liegt.

  • On the Beach at Night Alone
  • On the beach at night alone
  • As the old mother sways her to and fro
  • singing her husky song,
  • As I watch the bright stars shining, I think
  • a thought of the clef of the universes and
  • of the future.

A Sea Symphony

Die Symphony No. 1, „A Sea Symphony” ist eine Chorsinfonie, die Vaughan Williams zwischen 1903 und 1909 komponierte. Sie wurde am 12. Oktober 1910 beim Festival in Leeds uraufgeführt. Der Komponist war damals kaum dreißig Jahre alt, als er sie komponierte und diese relative Jugend steht im starken Kontrast zu der imposanten Seite des Werks. Die Komposition ist für Sopran, Bariton, Chöre und Orchester, angereichert mit einer Orgel. Die Texte stammen von Walt Whitman (1819-1892), einem damals wenig bekannten amerikanischen Dichter, für die ersten drei Sätze aus Leaves of grass (1855) und für die letzten Sätze aus Passage to India (1870). Dieses Werk ist typisch für den Willen mit der deutschen klassischen Sinfonie zu brechen, durch ihre Inspiration (englische Volkslieder) und durch ihre Texte.

Die Sinfonie besteht aus vier Sätzen:

  • Song for all seas, all ships (Sopran, Bariton und Chor)
  • On the beach at night alone (Bariton und Chor)
  • Scherzo: The Waves (Chor)
  • The explorers: Grave e molto adagio (Sopran, Bariton und Chor)
LE CORUM - Opéra Berlioz / Sea Symphony hier Jodie Devos, Sopran; Gérald Finley, Bariton; Christian Macelaru, Dirigent © Festival de Montpellier / Luc Jennepin
LE CORUM – Opéra Berlioz / Sea Symphony hier Jodie Devos, Sopran; Gérald Finley, Bariton; Christian Macelaru, Dirigent © Festival de Montpellier / Luc Jennepin

Konzert am 21. Juli 2022 –  Le Corum, Opéra Berlioz, Montpellier

Von der Erinnerung eines Zuschauer haben wir selten einen so emotionalen Abend erlebt: Zu sehen war, wie die junge und hübsche belgische Sopranistin Jodie Devos mitten in einem Konzert plötzlich brutal von ihrem Stuhl fällt, unter den erschrockenen Schreien mehrerer Frauen in den ersten Reihen im Parkett. Das hinterlässt einen bleibenden Eindruck! Nach ein paar endlosen Minuten in unsicherer Hoffnung ist ein positives Zeichen von der Bühne mit Erleichterung spürbar, als die Sopranistin zur Freude des Publikums noch etwas unsicher und verdattert, aber klar bewusst in ihre Loge geführt werden kann. Wenn der Beginn der Symphony No. 1 von Vaughan Williams von den berauschenden Rufen des Chores zur Vorsicht vor dem gefährlichen Meer erschallt war, ging die Gefahr heute Abend eher von der sengenden Hitzewelle in Montpellier aus. Das war zweifellos der Ursprung dieses Unwohlseins, sowie die Herausforderung dieses Konzerts, das zu den am meisten erwarteten dieses Sommers gehörte.

Dies ist in der Tat eines der interessantesten Programme, die in Montpellier im Rahmen des Festivals von Radio France Occitanie Montpellier in diesem Jahr angeboten werden, im Einklang mit der diesjährigen Thematik „So British“, das für diese Ausgabe 2022 ausgewählt wurde. Diese raren musikalischen Perlen werden hier jedes Jahr zum neuen Leben erweckt und das in seiner ganzen Vielfalt, weit über die allzu oft abgedroschenen großen germanischen Sinfonien hinaus. Ein großes Lob an die Festspiel-Leitung und auch für die bemerkenswerte Unterstützung der Stadt Montpellier.

Der Abend beginnt unter den besten Vorzeichen mit einem von Elgars vollkommensten Meisterwerken, dem Sea Pictures-Zyklus mit fünf Songs. Trotz des Fehlens von Übertiteln, ziemlich überraschend für einen mit allen modernen Mitteln ausgestatteten Saal, bleiben wir an den Lippen der französischen Mezzo-Sopranistin Marianne Crebassa hängen, einem einheimischen Kind, das am Ende seines Auftritts herzlich und mit viel Regional-Patriotismus beklatsch wurde: Es ist bewundernswert, wie die Mezzo-Sopranistin ihre gravierten Tiefen mit samtigen traumhaften glasklaren Höhen paart, wie sie die Homogenität über die gesamte Bandbreite ihres Stimmumfanges einfängt und sie dann in einem textbewussten musikalischen Vortrag verbindet. Wir können ihr kaum vorwerfen, dass sie an einigen Stellen vielleicht keine großen Risiken eingeht, aber das ist nur ein unwesentliches Detail in diesem Superlativ-Niveau. Daneben profitiert die Sängerin aus dem Hérault von der leichten durchschimmernden Begleitung des rumänischen Dirigenten Cristian Macelaru, der stets darauf achtet, ihre Stimme nicht zu überdecken: Die Auflockerungen der Texturen ist durchweg ein Genuss, ebenso wie die entschiedene Aufmerksamkeit für die vielen Farbnuancen, getragen von einer Wiederbelebung des flexiblen und luftigen musikalischen Diskurses.

Nach der Pause ist die Aufregung sofort spürbar nach dem ersten entschlossenen Takt in der Symphony No. 1 von Vaughan Williams: Der englische Komponist scheut keine Mühe seine exzellenten Kenntnisse der Orchestration hervorzuheben, die eher an Paul Dukas (1865-1935) als an Maurice Ravel (1875-1937) erinnert, der sein Lehrer in Paris war. Er trägt den Zuhörer sofort in einem leidenschaftlichen und belebenden Atemzug, unterstützt durch die fast allgegenwärtige Präsenz des Chœur de Radio France. Letzterer von dem französischen Chorleiter Christophe Grapperon sehr gut vorbereitet, auch wenn er die zu erwartende Virtuosität von britischen Chören bei weitem nicht erreicht. Nachdem das Konzert aufgrund von Devos‘ Unbehagen unterbrochen wurde, begann die Sängerin ihre Prästation ohne den ersten Satz zu wiederholen gleich mit dem folgendem, um ihr Zeit zu geben ihre Sinne wiederzufinden.

Auf den beißenden Rausch des Anfangs folgt einer der Höhepunkte der Partitur, die Meditation: „On the beach at night alone“, die mit ihrer verfeinerten Orchestrierung im tiefen Ton überrascht und mit einem brillanteren Chor kontrastiert. Trotz einer etwas ermüdenden Stimme verleiht der englische Bariton Gerald Finley dieser eindrucksvollen Musik eine bewegende Höhe, sowohl durch eine edle Phrasierung als auch durch perfekte Artikulationen. Das darauffolgende Scherzo „The Waves“ gibt dem Chor mit seinem direkten und schillernden Ton in seinen vereinigten Apostrophen wieder einen herausragenden Platz: Nach der subtilen Überlagerung von Klängen während des vorhergehenden Satzes, Macelaru hat den guten Geschmack, die Begeisterung dieser sehr anregenden Seite nicht zu sehr zu erzwingen, wie das lange Finale der Sinfonie, das die Wiederkehr von Jodie Devos sieht.

Vor dem abschließenden Duett mit Finley, indem die Sopranistin Devos erstaunlicherweise die Partitur leuchtend und gewissermaßen aufgeheitert interpretierte, begeisterte der Chor zu Beginn des Finales noch einmal mit seiner zupackenden Emotion, die dann von der Brillanz der Blechbläser unterstützt wird und majestätisch übernimmt. Am Ende des Konzerts hörte man die verblüfften Kommentare der Zuhörer um sich herum, die sichtlich überrascht waren von dem großen Inspirationsreichtum des Werkes. Offensichtlich ist das Festival mit recht bekannt für die Wahl der Programme mit sehr selten oder sogar völlig unbekannten gespielten Werken.

LE FESTIVAL RADIO FRANCE OCCITANIE MONTPELLIER zieht jedes Jahr im Juli in die Stadt und seine näheren Umgebung ein. Außer der Corum-Opéra Berlioz, Salle Pasteur, Opéra-Comédie und der Cathédrale Saint-Pierre werden die Konzerte in Kirchen, Parks veranstaltet. Das diesjährige Festival ist in der Zeit vom 11. – 29. Juli 2022.

Folgende Künstler waren dieses Jahr u.a. programmiert:

John Osborn, Jodie Devos, Michael Schønwandt, Barry Douglas, The King’s Singers, Adriana Bignagni Lesca, Duncan Ward, Olivier Latry, Marianne Crebassa, Gerald Finley, Cristian Macelaru, Joël Suhubiette, Stéphane Degout, Benjamin Grosvenor, Maxim Emelyanychev.

  • INFORMATION FESTIVAL
  • Allée des Républicains Espagnols
  • 34000 Montpellier
  • lefestival.eu
  • Tel. : 33 4 67 02 02 01

(PMP/28.07.22)

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