München, Residenztheater, Die Möwe – Anton Tschechow, IOCO Kritik, 23.01.2019

Residenztheater München

Residenztheater München © Matthias Horn
Residenztheater München © Matthias Horn

Die Möwe  –  Anton Tschechow

– Die Kerze der Zeit –

von Hans-Günter Melchior

Langsam brennt die Kerze der Zeit herunter. Unendlich langsam und unerbittlich. Im geschriebenen und gespielten Stück gleichermaßen. Existentielle Langeweile flutet von der Bühne herab den Theaterraum. Sie steigt nach oben und verjagt in den früher wohl dem Gesinde vorbehaltenen Logen (wo man in den oberen Etagen – zugegeben – schlecht sieht und hört) in der Pause vor allem die jüngeren Zuschauer.

Alvis Hermans, der Regisseur, hat es gewagt, Anton Tschechow, den Propheten zeitloser Hoffnungslosigkeit, beim Wort zu nehmen. Er verbraucht über 3 Stunden Zeit, das vom Autor als Komödie bezeichnete Drama, werk- und wortgetreu und mit psychologischer Sorgfalt zu entwickeln. Die Seelenfäden zu verwickeln…

Er verzichtet dabei auf jeden sich modern aufplusternden Firlefanz. Die Bühne ist zunächst als relativ kahler Quasi-Theaterraum eingerichtet, genau 13 Stühle, vorne wird eine Leinwand entrollt, die das Gemälde eines Seeausschnitts zeigt, das als Kulisse für ein an einem See aufgeführtes Theaterstück dienen soll. Dessen Autor ist der von Marcel Heupermann überzeugend verkörperte Konstantin Gawrilowitsch Trepijew, Sohn der wunderbaren Sophie von Kessel, die die berühmte ältere und verblassendem Ruhm nachtrauernde Schauspielerin Irina Nikolajewna Arkadina so eindringlich und schnörkellos-nüchtern darstellt als spiele sie sich selbst.

 

Residenztheater München / DIE MÖWE - hier : Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina, Marcel Heuperman als Konstantin Gawrilowitsch Trepljow © Federico Pedrotti
Residenztheater München / DIE MÖWE – hier : Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina, Marcel Heuperman als Konstantin Gawrilowitsch Trepljow © Federico Pedrotti

In den folgenden Akten besteht die Bühne aus einem Zimmer, das im Stil der gehobenen Klasse im Russland des ausgehenden 19. Jahrhunderts eingerichtet ist und erst im letzten Akt einen gewissen Luxus mit Möbeln, Klavier und einem Schreitisch aufweist.

DIE MÖWE:  Eine Aufführung, die der Schwierigkeit des Stückes nicht ausweicht, sondern sich ihr stellt

Ort des Geschehens ist das Landgut des ehemals bei Gericht arbeitenden und todkranken Pensionärs Pjotr Nikolajewitsch Sorin (sehr eindrucksvoll in seiner illusionslosen Weltsicht René Dumont), der humpelt und Schmerzen hat und von dem zynisch-gelassenen Thomas Huber als Arzt Jewgenij Sergejewitsch Dorn im Wesentlichen mit Baldrian wie nur so obenhin behandelt wird (ut aliquid fiat – damit etwas geschehe).

Auch die Kostüme entsprechen der Mode der Zeit, in der das Stück spielt. Die Frauen tragen bodenlange Kleider und sich stilgerecht ins Lockenhafte werfende Haartrachten. Recht so. Ein Stück, das das zeitlose menschliche Drama so gültig entfaltet, kann gut auf die Luftschlangen der Moderne verzichten. Auch auf die sprachlichen Extravaganzen der Perfomance-Fanatiker.

Die von Hermans verwendete Zeit ist auch keine verschwendete Zeit. Um glaubwürdig zu sein, braucht die angebliche Komödie, die nichts als Tragödien beschreibt, Zeit. Viel Zeit. Sie dehnt sich geradezu in die Zeit hinein – grübelt in ihr und erleidet sie. Als fräße sich die Zeit in die Personen hinein und höhle sie aus. Bereits Schopenhauer machte zwei Grundleiden der Menschen aus: die Langeweile und den Schmerz. Nur wer Schmerzen hat, langweilt sich nicht. Aber die Langeweile ist der größere Schmerz. Die Langeweile als existentielles Schicksal. Typisch nicht nur für die Zeit Tschechows, über diese hinausreichend und allgemein.

Konstantins Ausbruchsversuch aus der bleiernen Langeweile ist zugleich die Vorwegnahme des eigenen Todes: er erschießt, ohne damit einen Sinn zu verfolgen, eine Möwe, das Symbol für Freiheit und Lebensgier, und legt sie der geliebten Nina vor die Füße. „Nicht lange, und ich werde auf die gleiche Weise mich selber töten.“

Im seelischen Haushalt der Menschen dieses handlungsarmen – fast – ereignislosen und dennoch höchst komplexen Stücks stimmt überhaupt nichts zusammen. Schon die erhofften und scheiternden Liebesbeziehungen:  Konstantin liebt Nina, Tochter eines Gutsbesitzers (anmutig, hübsch und tragisch: Mathilde Bundschuh). Diese wiederum liebt den berühmten Schriftsteller Boris Alexejewitsch Trigorin, den Michele Cuciuffo mit eleganter Resignation, vom Ruhm unbeeindruckt, in die ihn bewundernde Gesellschaft einbringt. Trigorin ist indessen der aktuelle Liebhaber oder Lebensgefährte der Arkadina.

Residenztheater München / Die Möwe hier Mathilde Bundschuh als Nina Michailowna Saretschnaja, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin © Federico Pedrotti
Residenztheater München / Die Möwe hier Mathilde Bundschuh als Nina Michailowna Saretschnaja, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin © Federico Pedrotti

Auch das übrige Personal liebt sich erfolglos kreuz und quer. Die Frau des Gutverwalters Schamrajew (herrlich raubeinig Wolfram Rupperti) stellt Katharina Pichler dar. Ihre Polina Andrejewna ist leichtsinnig und hübsch, sie schert sich wenig um Konventionen und treibt es –wie zum Zeitvertreib – mit dem Arzt Dorn, der nicht müde wird, sich mit seinem Alter, 55 Jahre, zu schützen. Nicht minder unglücklich als die anderen ist Mascha (herrlich unkonventionell Anna Graenzer), die Tochter des Gutverwalters. Sie trinkt aus Unglück, Langeweile und Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben. Sie liebt zwar Konstantin, der jedoch keinen Gefallen an ihr findet, schließlich heiratet sie – nur mal so – den spießigen Lehrer Semjon Semjonowitsch Medwedenko (Tim Werths), den sie erklärtermaßen nicht liebt und von dem sie ein Kind bekommt. Tim Werths zeichnet die Figur des bedauernswerten armen Teufels, den man nur so als Notlösung akzeptiert, ergreifend genau.

Am Ende des Sommers trennt sich die Gesellschaft, zieht nach Moskau, kommt aber danach wieder auf das Gut zurück, wo Sorin inzwischen im Rollstuhl sitzt oder im Bett liegt. Konstantin ist inzwischen ein bekannter Schriftsteller geworden, der allerdings nicht an sich und sein Werk glaubt. Einzig für Nina erfüllen sich – vorübergehend – die Wünsche. Sie heiratet den berühmten und geliebten Dichter Trigorin, bekommt einen Sohn von ihm, der jedoch stirbt. Trigorin verlässt sie jedoch – oder er hat sie einfach vergessen. Sie ist eine schlechte Schauspielerin geworden, schlägt sich durch, kehrt vorübergehend aufs Land zurück, gleichsam auf der Durchreise, um ein neues Leben zu beginnen: in die Nähe der übrigen Gesellschaft, die sie allerdings meidet. Von den anderen unbemerkt besucht sie auf Sorins Gut den unglücklichen Konstantin, der sich Hoffnungen auf seine alte Liebe macht. Nina gesteht ihm aber, dass sie nicht ihn, sondernTrigorin immer noch liebt und eine Karriere als Schauspielerin in einer anderen Stadt anstrebt. Erneut verlässt sie Konstantin. Dieser erlebt gerade noch, wie sich der todkranke Sorin im Hintergrund vom Bett erhebt und tot zusammenbricht. Auf dem Tiefpunkt all seiner Hoffnungen angelangt, vernichtet er alle seine Manuskripte und erschießt sich, während die übrige Gesellschaft beim Essen ist.

Residenztheater München / DIE MÖWE - hier : Thomas Huber als Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin, Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina © Federico Pedrotti
Residenztheater München / DIE MÖWE – hier : Thomas Huber als Jewgenij Sergejewitsch Dorn, Michele Cuciuffo als Boris Alexejewitsch Trigorin, Sophie von Kessel als Irina Nikolajewna Arkadina © Federico Pedrotti

Die inneren Handlungsstränge vertreten die eigentlichen Ereignisse des Stücks. Tschechow hat in die Seelen seiner Personen geschaut und dort nichts als Unordnung und Chaos gefunden.

Die unglücklichen Liebessehnsüchte vor allem. Das andere sind die die gescheiterten Hoffnungen auf künstlerischen Ruhm oder beruflichen Erfolg. Konstantin verzweifelt an seiner Unfähigkeit, glaubwürdige Figuren darzustellen. Selbst der berühmte Schriftsteller Trigorin hat ein völlig illusionsloses Verhältnis zu seiner Arbeit: „Es gibt Zwangsvorstellungen, so zum Beispiel, wenn ein Mensch Tag und Nacht immerzu an den Mond denkt, und auch ich besitze einen solchen Mond. Tags und nachts beherrscht mich ein unabweisbarer Gedanke: Schreiben muss ich, ich muss schreiben, ich muss… Kaum habe ich eine Erzählung beendet, so muss ich bereits eine andere schreiben, hierauf eine dritte, nach der dritten die vierte…“ „Und somit frage ich Sie, was ist daran Schönes und Lichtes?“ Und: „Sobald ich eine Arbeit beendet habe, laufe ich ins Theater oder laufe Fische fangen; wie gut wäre es, dabei zu rasten, sich zu vergessen, aber es geht nicht, schon kreist im Kopf eine schwere Eisenkugel – ein neues Sujet, und schon reißt es mich gewaltsam zum Schreibtisch und ich beeile mich, aufs neue zu schreiben und zu schreiben.“  Er klagt, „dass ich mein eigenes Leben verzehre…“

Schwerer geworden –, von dem Stück beschwert, verlässt man das Theater. Konventioneller, höflicher Beifall zunächst, heftig werdend, als die großartigen Schauspieler auftreten. Eine Aufführung, die der Schwierigkeit des Stückes nicht ausweicht, sondern sich ihr stellt. Vielleicht merken die meisten erst später, welche gewinnbringende Last ihnen der Abend aufbürdete…

DIE MÖWE des Residenztheater, im Cuvilliéstheater, München aufgeführt; die weiteren Vorstellungen: 30.1.; 5.2.; 7.2.; 13.2.2019

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