Münster, Theater Münster, Caligula – Albert Camus, IOCO Kritik, 11.10.2018

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Theater Münster

Theater Muenster © Oliver Berg
Theater Muenster © Oliver Berg

  Caligula  –  Albert Camus

– Im Dschungelcamp des Kaisers –

Von Hanns Butterhof

Kaiser Caligula, der vom Jahr 37 bis 41 das Römische Reich regierte, war ein Tyrann von hohen Graden. Mit dem 1945 uraufgeführten Caligula, dem ersten  Bühnenstück des algerisch-französischen Literatur-Nobelpreisträgers Albert Camus, eröffnet das Schauspiel am Theater Münster passend die neue Saison, die Ego-Monstern, Machtmenschen und Tyrannen gewidmet ist.

In Caligula spielt Camus die Frage durch, ob die Möglichkeit, alles infrage zu stellen, die Konventionen und selbst die Vernunft zu verneinen, zur Freiheit und Wahrhaftigkeit im Leben führt.

Caligula – Albert Camus
Youtube Trailer  des Theater Münster
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Durch den Tod seiner inzestuös geliebten Schwester ist Caligula (Joachim Foerster) nervlich zerrüttet und in seinem Glauben an die vernünftige Einrichtung der Welt fundamental erschüttert. In seiner unbeschränkten kaiserlichen Freiheit erprobt er an seinem Staatsrat, was von einer Persönlichkeit übrig bleibt, wenn man ihr den stabilisierenden sozialen Rahmen mit all seinen vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zertrümmert.

Sein Hof, den Ausstatterin Žana Bošnjak wie den Befehlsstand eines Raumschiffs mit zentralem Steuerpult angelegt hat, entwickelt sich zum kaiserlichen Dschungelcamp. Mit der ihn liebenden, bedingungslos getreuen Caesonia (Sandra Schreiber) irritiert er sein Umfeld mit absurden Anordnungen; er demütigt, vergewaltigt, tötet, und je unterwürfiger sich die beständig von ihm mit dem Tod bedrohten Menschen verhalten, desto mehr verachtet er sie.

Joachim Foerster als Caligula taumelt hochtourig zwischen weinerlicher Desorientierung und kalter Durchführung seiner Ideologie. Ein Gastmahl mit dem genötigten Staatsrat verwandelt er nackt in eine Orgie von  lustvollem Sado-Masochismus, nur um die verdrängten animalischen Lüste in seinen Räten aufzudecken.

Theater Muenster / Caligula von Albert Camus -  hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg
Theater Muenster / Caligula von Albert Camus – hier : Orgie der Gewalt_ Fréderic Brossier, Christian Bo Salle, Sandra Schreiber, Joachim Foerster © Oliver Berg

Seine kalkulierte Willkür verschont niemanden, den alle Erniedrigung erduldenden Mucius (Gerhard Mohr) ebenso wenig wie Lepida (Sandra Bezler), die  Caligula anhimmelt, nachdem er sie die Lust hat erfahren lassen, von ihm vergewaltigt zu werden; selbst vor Caesonia macht er nicht Halt. Der sensible Dichter Scipio (Frédéric Brossier) erhängt sich. Dass Cherea (Christian Bo Salle), der intellektuelle Gegenpart Caligulas, mit dem Leben davonkommt, erscheint auch als einer der Willkürakte Caligulas.

Das ist mit Dauer-Hochdruck gespielt, wobei oft Lautstärke für Emotionalität und Nacktheit für Authentizität steht. Für differenzierteres Spiel und die Verdeutlichung der verschiedenen inhaltlichen Positionen, vor allem Chereas Beharren auf Sinn, bleibt da wenig Raum. Nerlichs Inszenierung stellt Caligulas konsequent kaiserliche Anarchie mehr lustvoll aus, als dass sie deren fehlgehenden Impuls auf Wahrhaftigkeit ins Zentrum stellte. Damit lenkt sie weitgehend den Blick von der Aktualität des Stücks in einer Welt ab, deren „Rationalität“ eine Katastrophe nach der anderen hervorruft. Die von Camus gestellte, wenn auch absurde Aufgabe geht unter, gegen wachsende Empfindungslosigkeit an menschlicher Sinnstiftung zu arbeiten.

Nach 2 Stunden pausenlosen Spiels großer Applaus des Premierenpublikums für alle Beteiligten, v.a. für Joachim Foerster als Caligula.

Caligula von Albert Camus; die nächsten Termine: 11., 13., 25. und 26.10.2018

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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