Münster, Theater Münster, Die heilige Johanna der Schlachthöfe, IOCO Kritik, 14.03.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Kühlhaus Kapitalismus macht rote Ohren

Frank Behnke vermeidet bei Brechts „Johanna“ Proletarierkitsch

VON HANNS BUTTERHOF

Theater Münster / Frank Behnke © Oliver Berg / Theater Münster
Theater Münster / Frank Behnke © Oliver Berg / Theater Münster

Der Kapitalist ist erst des Kapitalisten und dann des Menschen Wolf. Und wer ein Mensch sein will, wird zum Opfer wie Johanna Dark in Bertold Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe, das Frank Behnke am Theater Münster ohne romantischen Proletarierkitsch inszeniert hat.

Über die ganze Breite des Kleinen Hauses hat Bernhard Niechotz einen Umkleideraum gebaut, der seitlich von Spinden begrenzt wird, durch deren Türen die Schauspieler auf- und abtreten. An Schlachthöfe erinnert nur das wie frisches Blut alles überziehende Rot und die roten Ohren, die bei den Männern an die Kälte der Kühlhäuser und wohl auch des Kapitalismus’ gemahnen; vielleicht hat ihnen auch der Liebe Gott oder bloß die kritische Regie die Ohren langgezogen.

Auf dieser nah an das Publikum herangerückten Vorderbühne finden in fast comicmäßig symbolischen Szenen die Konkurrenz- und Bekehrungskämpfe statt, in denen die Fleischfabrikanten mit- und gegeneinander um den größtmöglichen Profit und Johanna Dark (Sandra Bezler) um Menschlichkeit ringen.

Da nehmen sich die Fabrikanten Graham (Jonas Riemer), Criddle (Daniel Rothaug) und Lennox (Martin Bruchmann) oft und gern in den Schwitzkasten, um auszudrücken, was Konkurrenz ist. Wer bankrott ist, liegt auf dem Boden und krümmt sich unter Schlägen und Tritten, während er sich mit den Gewinnern abgebrüht über Geschäfte unterhält.

Die chorisch sprechenden Arbeiter, deren Schicksal zwischen den Kapitalisten verhandelt wird,  bleiben im Hintergrund. Sie erscheinen nur, wenn sich manchmal die Rückwand des Umkleideraums hebt. Wenn sie keine Individualität gewinnen, sondern nur kollektiver Ausdruck ihrer Lage sind, hat Behnke ohne klassenkämpferischen Proletarierkitsch einen überzeugenden Ausdruck für das herrschende System gefunden.

Theater Münster / Die heilige Johanna der Schlachthöfe © Oliver Berg / Theater Münster
Theater Münster / Die heilige Johanna der Schlachthöfe © Oliver Berg / Theater Münster

Als Fleischkönig Pierpont  Mauler und Johanna Dark gewinnen einzig Ilja Harjes und Sandra Bezler ansprechende, über das Charaktermaskenhafte hinausgehende Individualität. Mauler schafft, auch wenn er sagt, dass er nur das Gute will, mit Sicherheit das Schlechte. Was immer er der an seine Menschlichkeit glaubenden Johanna zusagt, fördert seinen Gewinn, steigert die Ausbeutungsrate der Arbeiter und trägt letztlich zur Stabilisierung des in die Krise geratenen Kapitalismus’ bei.

Theater Münster / Sandra Bezler als Johanna © Oliver Berg / Theater Münster
Theater Münster / Sandra Bezler als Johanna © Oliver Berg / Theater Münster

Sandra Bezler  als Johanna ist ein Gutmensch von verblüffend naiv-fröhlichem Optimismus. Lange behält sie ihre gläubig glänzenden Augen, das selig-wissende Lächeln und den pathetischen Ton der von ihrer Mission Überzeugten. Als sie am Ende stirbt und alle Hoffnung auf die Menschlichkeit Maulers aufgegeben hat, sieht sie nur noch in der Gewalt den Weg in eine menschliche Gesellschaft. Doch Mauler stilisiert sie zur Ikone einer im Dienste Gottes Gestorbenen und verwertet sie noch im Tod für das Ausbeuter-System.

Die Themen der „Johanna“ sind hochaktuell. Leider ist die Kluft zwischen dem symbolsatt schlichten Bühnengeschehen und den Lehrbuchtexten, wie Kapitalismus geht, meist zu groß, um szenisch überzeugend zu wirken.

Theater Münster: Die heilige Johanna der Schlachthöfe, die nächsten Termine: 28., 30., 31.3. und 6.4.2017  jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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