Münster, Theater Münster, Leonce und Lena von Georg Büchner, IOCO Kritik, 27.09.2016

theater_muenster_logo_50

Theater Münster

Leonce und Lena im Theater Münster: “Leonce und sein Minister Valerio haben sich lachend in ihr Spaß-Reich davongemacht. Nur Lena steht allein auf der Bühne, zieht sich den Ring vom Finger und wünscht sich, was sich auch Leonce anfangs gewünscht hatte: einmal ganz anders sein zu können.”

Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

“Von Marionetten und Menschen”

Leonce und Lena von Georg Büchner

 Leonce und Lena: Die nächsten Termine: 24. und 30.9., 12., 15., 20. und 22.10.2016  jeweils 19.30 Uhr.

von  HANNS BUTTERHOF

Leonce und sein Minister Valerio haben sich lachend in ihr Spaß-Reich davongemacht. Nur Lena steht allein auf der Bühne, zieht sich den Ring vom Finger und wünscht sich, was sich auch Leonce anfangs gewünscht hatte: einmal ganz anders sein zu können. Am Kleinen Haus des Theaters Münster endet Georg Büchners Lustspiel „Leonce und Lena“ traurig als gescheiterte bürgerliche Utopie.

Theater Münster / Leonce und Lena träumen © Oliver Berg
Theater Münster / Leonce und Lena träumen © Oliver Berg

Zum hoffnungsfrohen Beginn tigert Prinz Leonce (Bàlint Tòth) noch über die von Sabine Mäder asketisch schwarz ausgeschlagene Bühne. Immer wieder spuckt er auf eine hell angestrahlte Krone; er wird ihr und dem höfischen Marionetten-Zeremoniell entsagen.

So brennt er mit dem lustigen Taugenichts Valerio (Ilja Harjes) durch, auch um der aus politischen Gründen arrangierten Hochzeit mit der ihm unbekannten Prinzessin Lena (Natalja Joselewitsch) zu entgehen. Da diese aus dem gleichen Grund von zuhause weggelaufen ist, treffen sich natürlich beide, verlieben sich Hals über Kopf ineinander und erkennen sich erst bei der Hochzeit. Als dann der trottelige König (Peter Dettmann) Leonce die Krone aufsetzt, ist alles gescheitert, was Leonces und Lenas Menschheits-Utopie enthielt: Abschaffung der Herrschaft des Menschen über Menschen und selbstbestimmte bürgerliche Liebe.

In Büchners Schauspiel, das nur wegen seines hochgradigen Wortwitzes als Lustspiel durchgeht, passiert nicht viel. Das ist dann auch die Aussage, auf die Robert Teufels anregende Regie hinausläuft: Obwohl die Monarchie abgeschafft ist, hat sich nicht viel geändert. Teufel verdeutlicht dies  mit der hinreißenden Carola von Seckendorff in einem kabarettistischen Extempore, in dem das Publikum erlebt, wie Politik immer noch funktioniert: es darf mitwirken und wird dabei so fremdbestimmt wie zu allen Zeiten.

Theater Münster / König ernennt Leonce zum neuen König © Oliver Berg
Theater Münster / König ernennt Leonce zum neuen König © Oliver Berg

Das Ensemble haucht der textlastigen Geschichte viel Leben ein. Ilja Harjes ist als Valerio ein erfrischend undogmatischer Aussteiger, Natalja Joselewitsch wandelt sich als Lena gefällig vom barbiemäßigen Idol im Taftrock (Kostüme: Janina Baldhuber) zur lockeren Trebegängerin und zurück. Frank-Peter Dettmann karikiert überzeugend eine vertrottelte Aristokratie, der man die Abdankung mit den marionettenhaften Hofschranzen Carola von Seckendorff und Andrea Spicher gönnt. Andrea Spicher berührt auch in der einzigen schmerzhaft realistischen Rolle als die von Leonce brutal ausgemusterte Geliebte Rosetta.

Bàlint Tòth in der Titelrolle erreicht das Publikum nicht ganz. Nicht, weil er sich früh die Sympathien durch seinen rüden Umgang mit Rosetta oder am Ende durch den Verrat an seinen Idealen verscherzt, sondern weil er gerade in der Erregung, wo es auf Genauigkeit des Ausdrucks ankäme, laut statt intensiv wird und dabei nur schwer zu verstehen ist.

Nach eindreiviertel Stunden ohne Pause gab es viel Beifall des Premierenpublikums für das intensive Spiel des Ensembles und die anregende, mutig aktualisierende Regie Robert Teufels. von Hanns Butterhof

Theater Münster – Leonce und Lena von Georg Büchner: Die nächsten Termine: 24. und 30.9., 12., 15., 20. und 22.10.2016  jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

Leave a comment