Münster, Theater Münster, Premiere Recortes von Gustavo Sansano, IOCO Kritik, 26.1.2017

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Theater Münster

Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Tanzabend „Recortes“  Gustavo Ramirez Sansano

“Beziehung als vergänglicher Sonderfall”

VON HANNS BUTTERHOF

Eine vielbejubelte Premiere feierte das TanzTheaterMünster mit dem 70minütigen Stück Recortes des spanischen Gastchoreographen Gustavo Ramirez Sansano. Im Zentrum des aus Fragmenten älterer Stücke zusammengesetzten Recortes steht  die Frage nach Beziehung, die Sansano rein tänzerisch beantwortet.

Theater Münster / Tanzabend Recortes - Ensemble © Oliver Berg
Theater Münster / Tanzabend Recortes – Ensemble © Oliver Berg

Die Bühne des Kleinen Hauses, die Luis Crespo für „Recortes“ (Ausschnitte, Reduktionen) gestaltet hat, ist erst ganz in Schwarz gehalten und in ihrer ganzen Tiefe offengelassen. Schwarz sind auch die sechs Tänzerinnen und fünf Tänzer gekleidet, die meist solistisch oder als Paare tanzen.

Fast immer steht ein Einzelner im Zentrum, der sich tänzerisch seiner selbst zu vergewissern sucht. Dann zuckt der Körper, die Gliedmaßen bewegen sich reflexhaft wie selbstgesteuert.

Wenn dann andere ins Spiel kommen, passieren sie auf ihrem Weg den Tanzenden, ohne ihm mehr als flüchtig Beachtung zu schenken. Einer mag sich dann für ihn interessieren und eine zeitlang spiegelbildlich seine Bewegungen mitzuvollziehen. Doch das bleibt nicht so, sobald der Kontakt enger wird, gar einer vertraulich den Kopf auf den Arm des anderen bettet. Wie wenn sich die Partner bei zu großer Nähe wieder auf sich selber besinnen müssten, kommt es zu Gewaltsamkeiten und daraus folgender Trennung. Beziehung erscheint in diesen Tänzen als vergänglicher Sonderfall in einer Gesellschaft von grundsätzlich Fremden.

Wenn das Ensemble später weiß gekleidet ist, weiße Wände mit schwarzen Türöffnungen ausklappt und den Bühnenraum damit ganz zustellt, ändert sich an der Aussage wenig. Dass alle wellenförmig auf eine der weißen Wände zulaufen und sie mit individuellen Absichtserklärungen bemalen, ist choreographisch wenig überzeugend.

Theater Münster / Tanzabend Recortes - Anna Caviezel , Jason Franklin © Oliver Berg
Theater Münster / Tanzabend Recortes – Anna Caviezel , Jason Franklin © Oliver Berg

Eine Szene sticht aus dem Muster misslingender Beziehungen heraus. Während Elvis Presley schmalzig Love Me Tender singt, kommentieren Ako Nakanome, Alessio Sanna, Elizabeth Towles und Keelan Whitmore sehr witzig dessen Liebesversprechen. So körperlich eng ihre Beziehung ist, so wenig fest und tief ist sie. Die Paare wechseln, rollen übereinander oder hängen wie kopulierende Tiere einer auf dem Rücken des anderen, so dass es kaum möglich ist, dies anders denn als gelungene Parodie aufzufassen.

Als wollte  Sansano nach dem insgesamt eher düster atomistischen, damit aber eine sehr kräftige Zeittendenz treffenden Tanzabend das Publikum heiter entlassen, ohne aber seiner pessimistischen Sicht auf die menschlichen Beziehungen untreu zu werden, stellt er einen revuehaften Tanz des Ensembles an den Schluss. Er enthält in seinem fröhlichen Schwung von Gemeinsamkeit das ganze falsche Glücksversprechen reiner Unterhaltung. Dem folgte großer, szenetypisch zum Trampelbeifall gesteigerter Applaus für das fesselnde Ensemble und das Regieteam.

Recordes im Theater Münster: Die nächsten Termine: 28.1., 18., 22. und 25.2.2017, jeweils 19.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

 

 

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