München, Bayerische Staatsoper, DER ROSENKAVALIER – Richard Strauss, IOCO Kritik, 12.05.2022

Bayerische Staatsoper München

Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper München © Wilfried Hösl

DER ROSENKAVALIER – Richard Strauss

– Der kleine Tod schleicht durch die Kulissen –

von Hans-Günter Melchior

IOCO berichtete bereits ausführlich über diese Neuinszenierung des ROSENKAVALIER, Regie Barrie Kosky (link HIER!) anlässlich der Video-on-Demand-Aufführung der Bayerischen Staatsoper im März 2022. An der Begeisterung für diese Produktion hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: es ist doch etwas anderes, dabei zu sein, in der Oper zu sitzen und mitzuerleben, was bei einer Übertragung, so perfekt sie auch sein mag, eben übertragen wird und am Fehlen der Unmittelbarkeit leidet.

Trailer DER ROSENKAVALIER an der Bayerische Staatsoper
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Über den Rosenkavalier ist viel geschrieben worden. Vielleicht sollte man nicht am Morgen im Bayerischen Rundfunk (BR-Klassik) die Metamorphosen hören, die zum Vergleich auffordern. Die beweisen, wie weit Richard Strauss bereits in die Moderne vorgedrungen war, an der Schwelle zur Avantgarde stand, deren Spott – und kritische Vorwürfe als Rückwärtsgewandter –  er sich mit dem Rosenkavalier einhandelte.

Dabei ist die Oper so schön, dass es an manchen Stellen förmlich weh tut vor musikalischem Mitgefühl und Seelenverwandtschaft. Und ist es etwa falsch, wenn Barbara Zuber im Programmheft die Kühnheiten feiert, die die Musik mit dem Walzer anstellt, Verzerrungen, Steigerungen, die Versinnbildlichung des Wahns und dergleichen?

Freilich sind Elektra und Salome ein anderes Kaliber. Stehen an der Schwelle der Moderne und lassen die Zweifel an so  manchen harmonischen Gewissheiten der Vergangenheit deutlich werden.

Aber ist deshalb der Rosenkavalier weniger genial?

Was für ein Ensemble, das der brillant ein perfektes Orchester leitende Vladimir Jurowski durch die Himmelstürmereien, die Gefühlsskala auslotenden Höhen und Tiefen dieses Werkes leitete. Es gab Gänsehautmomente. In München ist Strauss immer ein Heimspiel.

Trailer DER ROSENKAVALIER hier Marlis Petersen als Marschallin, Samantha Hankey als Octavian
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Barrie Kosky gelangen einige glänzende Einfälle. Die mit Silberglitzer überladene Hochzeitskutsche des Parvenus von Faninal (Johannes Martin Kränzle) im zweiten aufzug. Der durch jeden Aufzug geisternde Cupido, mager, todähnlich an die Vergänglichkeit gemahnend. Und im dritten Aufzug: Ochs, der sich an die von Sophie (eine teuflische Idee!) verkörperte Dienstmagd heranmacht, wird vor hämischer Zuschauerkulisse lächerlich gemacht.

Und erst das sängerische Ensemble. Die bald hoheitsvolle, bald burschikos sich verweigernde Sophie (wunderbar Liv Redpath). Die gemessen würdevolle, melancholische Feldmarschallin (betörend, souverän und hinreißend die Rolle der alternden Frau verkörpernde Marlis Petersen). Und der tölpelhafte, manchmal zurückgenommene Ochs des Christof Fischesser.

Ein rundum gelungener Abend, erhebend in schwerer Zeit. Stürmischer Beifall. Zu Recht.

Und ein Beweis: man muss mit den Protagonisten atmen, still mitsingen, am Gelingen geistig und mit dem Gefühl aktuell mitarbeiten, um es zu „erleben“.  Kunst ist immer auch der knospenartig aufbrechende Augenblick. Weit weg ist hingegen dem Bewusstsein und dem Gefühl gleichermaßen, was als technische Vermittlung auf dem Bildschirm flimmert.

DER ROSENKAVALIER an der Bayerischen Staatsoper: zur Zeit sind keine Termine für diese Spielzeit geplant

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