Münster, Theater Münster, ELEKTRA – Richard Strauss, IOCO Kritik, 23.12.2022

Theater Münster / ELEKTRA hier ) Elektra (Rachel Nicholls) reißt das dämonische Familienbild herunter © Martina Pipprich
Theater Münster / ELEKTRA hier ) Elektra (Rachel Nicholls) reißt das dämonische Familienbild herunter. © Martina Pipprich

Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

ELEKTRA – Richard Strauss

 Verwirrende Bilderflut – Sissi schwingt das Mörderbeil

Von Hanns Butterhof

Die neue Intendanz am Theater Münster hat die gesamte Spielzeit 2022/23 unter das Thema Verhältnis der Generationen zu einander gestellt. Der inhaltliche, wenig zu Optimismus Anlass gebende Schwerpunkt liegt dabei in allen Sparten auf dem altgriechischen Mythos der Atriden. Bei dieser Familie bedeutete der Morgengruß des einen schon das Todesurteil für den anderen, Mord und Rache setzte sich in schier unendlicher Spirale fort. Jetzt hat Regisseur Paul-Georg Dittrich die Richard Strauss-Oper Elektra dazu missbraucht, das Generationen-Konzept anhand der jüngeren deutsche Geschichte als blutige Mordorgie zu präsentieren. Bedauernswert ertrinkt die Oper in einer verwirrenden Bilderflut.

In Strauss’ einaktiger, 1909 uraufgeführter Oper Elektra zu dem Libretto Hugo von Hoffmannsthals geht es bei drei Frauen um ein Leben angesichts von Schuld. Elektra hat ihr Leben der Rache geweiht. Jeden Tag erinnert sie öffentlich  an ihren Vater Agamemnon und den Mord, den ihre Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Ägisth an ihm begangen haben. Klytämnestra versucht, ihre Untat zu verdrängen, wird aber Nacht für Nacht von Schuld-Träumen gequält. Ihre zweite Tochter, Chrysothemis, will nicht zurück schauen und wünscht nur ein Frauenleben im Rahmen der Norm als Gattin und Mutter.

Für diese Geschichte interessiert sich Regisseur Paul-Georg Dittrich aber nicht. Um das Publikum an seinen Assoziationen zu Elektra teilhaben zu lassen, hat sein Ausstatter Christoph Ernst einen großen, nach einer Seite offenen Würfel auf die nach hinten mit weißem Tuch abgehängte Bühne gebaut. Dieser Info-Würfel mit all seinen gleichzeitig auf  mehreren Ebenen ablaufenden Szenen, Bildern und Texten spielt in der Aufführung die Hauptrolle.

Theater Münster / ELEKTRA hier Elektra (Rachel Nicholls) reißt das dämonische Familienbild herunter © Martina Pipprich
Theater Münster / ELEKTRA hier Elektra (Rachel Nicholls) reißt das dämonische Familienbild herunter © Martina Pipprich

In Zimmergröße dreht sich der Würfel im Zentrum der Spielfläche. Als Bühne auf der Bühne kann er allerlei bedeuten, vom bürgerlichen Wohnzimmer mit Familienmusik, in dem der Klavierspieler bei jedem Fehler Hiebe auf die Finger bekommt, bis zum „Horrorhaus Höxter“, in dem Frauen misshandelt und getötet wurden. Viele kurze Szenen haben Bezug auf die deutsche Geschichte oder auf Münster speziell, wo etwa Kommissar Thiel und Prof. Börne aus dem Münster-„Tatort“ ihren Auftritt haben. Zusätzlich werden ab und zu auf einer Leinwand  Videoprojektionen von Lukas Rehm gezeigt, auf der viel historische Prominenz erscheint, von Kaiser Wilhelm II über Adolf Hitler bis zu Rudi Dutschke und dem querdenkenden Koch Attila Hildmann. Auf den Videos brennt vielerlei, Zeppelin und Reichstag, Bücher, die von Frauen geschrieben wurden, und das Wohnmobil des mörderischen NSU-Trios. Vorausschauend ist im Programmheft ein umfangreicher Wegweiser enthalten, anhand dessen die Identifizierung all dieser „Stationen einer Zeitreise“ für die Nachbereitung durch das Publikum aufgelistet sind. Und übergroß blickt immer wieder Richard Strauss auf einem Foto in ein leeres Opernhaus, als fürchte er um die Tantiemen aus der Aufführung seiner Werke.

Dagegen sind in der Aufführung  die Frauengestalten kaum greifbar. Elektra (Rachel Nicholls) erlebt man noch vor Einsetzen der Musik, wie sie als blonde Kindfrau, in unschuldiges Weiß gekleidet, vor der Fassade des NS-Prunkbaus „Haus der deutschen Kunst“ „Himmel und Hölle“ spielt. Danach tanzt sie mit einer Gruppe großer, mit langen Fühlern wackelnden Kakerlaken-Dienerinnen einen Charleston und reißt das etwas dämonische Familienbild Franz von Lenbachs von 1903 herunter. Damit legt sie den Blick auf das Innere des Info-Würfels frei auf das, was wohl hinter der Fassade ihrer Familie mit den beiden Töchtern der Fall ist: ungesühnter Mord. Bei den Morderinnerungen an ihren Vater masturbiert Elektra, ruft Agamemnon wie in inzestuöser Verliebtheit herbei und zieht sich dann eine SS-Uniform an. Schließlich schwingt sie als Film-Sissi mit rosa Tüll-Kleid die Axt, mit der ihr Vater erschlagen wurde.

Elektras kleine Schwester Chrysothemis (Margarita Vilsone) wird im Schreckenszimmer von Ägisth (Garrie Davislim), der eine Gerhard Schröder-Pappmaske trägt, genotzüchtigt. Ihn lässt sie, zum swinging 60er-Jahre Girl im Minirock erwachsen, erst noch einmal kurz ran, bevor sie ihm den tödlichen Stich in den Hals verpasst. Nur Klytämnestra (Helena Köhne) bleibt sich gleich, eine schwarz gekleidete, schmucklose alte Frau, die, auf einem Stuhl sitzend, ihr Leid klagt.

Theater Münster / ELEKTRA hier Der Info-Würfel spielt die Hauptrolle (Margarita Vilsone, Rachel Nicholls) © Martina Pipprich
Theater Münster / ELEKTRA hier Der Info-Würfel spielt die Hauptrolle (Margarita Vilsone, Rachel Nicholls) © Martina Pipprich

Die Regie entfaltet nicht die Persönlichkeiten der drei Frauen, sondern reduziert sie auf verschiedene Stereotype deutscher Mord-Geschichte. Das hat zur Folge, dass es zu keinem sinnvollen Zusammenspiel kommt und die Personenführung leerläuft; gesungen wird so zumeist an der Rampe ins Publikum hinein. Und auch der Gesang selbst bleibt davon nicht unberührt. Wo den Figuren der eigene  Charakter fehlt, ist eine persönliche Färbung des Tons kaum möglich. Das führt, mit der Ausnahme von Elektras Agamemnon-Anrufung, zu einem stetig intensiven Dauerton, in dem der dramatische Sopran Rachel Nicholls’ von dem Margarita Vilsones kaum zu unterscheiden ist. Beide singen ihre anstrengenden Partien so aufopferungsvoll, wie sie die Regie-Ideen ertragen. Diese münden in die Aussage, dass die Kakerlaken in der deutschen Geschichte immer die Überlebenden sind: Fröhlich köpfen sie nach dem Gemetzel an Klytämnestra und Ägisth eine Flasche Champagner.

Dass Regisseur Paul-Georg Dittrich mit seinem Würfel konsequent gegen das Stück inszeniert, bleibt selbst für die Orchestermusik nicht ohne Folgen. Ohne sinnvolle Bühnen-Handlung wird sie autonom. Dann haben ihre dramatischen Auf- und Abschwünge, der überwältigende symphonische Sog, den das Sinfonieorchester Münster unter dem Dirigat von Golo Berg entfaltet, kaum mehr Bezug zum Geschehen auf der Bühne, das man sich dann lieber wegdächte.

Paul-Georg Dittrich könnte mit einer kulturwissenschaftlichen Seminararbeit zum Thema Historische, persönliche und sonstige Assoziationen zu Richard Strauß und Elektra Erfolg haben. Doch in seiner Bilder- und Informationsflut geht die Oper unter. Mit dieser Elektra hat er das Thema verfehlt.

Das Premierenpublikum war nach nicht ganz zwei Stunden anstrengender optischer und musikalischer Anforderung gespalten. Dem Applaus des einen Teils standen so deutliche Buhs des anderen wie selten in Münster gegenüber, bei wohlwollendem Beifall für das Ensemble und vor allem für Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster.

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