Münster, Theater Münster, GALEN – Oper von Thorsten Schmid-Kapfenburg, IOCO Kritik, 18.05.2022

Theater Münster / GALEN hier Galen predigt; Gregor Dalal, Kathrin Filip und Chor © Oliver Berg
Theater Münster / GALEN hier Galen predigt; Gregor Dalal, Kathrin Filip und Chor © Oliver Berg

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Theater Münster © Rüdiger Wölk
Theater Münster © Rüdiger Wölk

Theater Münster

GALEN – Oper von Schmid-Kapfenburg

– Zeit der Neubewertung alter Gewissheiten – Eine Oper der Stunde –

von Hanns Butterhof

Thorsten Schmid-Kapfenburgs im Großen Haus des Theater Münster mit großem Erfolg uraufgeführte Oper Galen ist die Oper der Stunde. Sie weist über die Lokal-Berühmtheit des „Löwen von Münster“, Kardinal Clemens August Graf von Galen (1878 – 1946), weit hinaus. In der Oper Galen zeigt sie den zerrissen in aufwühlenden Zeitereignissen stehenden Menschen, der zu einer Neubewertung altvertrauter Gewissheiten genötigt ist, und trifft damit die nationale Seelenlage.

Die Bühne hat Andreas Becker als ziemlich hermetisch geschlossenen Raum im Bischofspalast und Abbild seines Bewohners gestaltet. Auf der linken Seite schließt ihn eine Fassade mit dem Balkon ab, von dem Galen seine berühmten Predigten halten kann. Bei Bedarf wird von dort eine Kapelle ausgefahren wie auf der gegenüberliegenden Seite das Besprechungszimmer Galens. Am Ende bricht mit einem übergroßen Hakenkreuz der Nationalsozialismus zertrümmernd in das Gedanken-Gebäude ein.

Theater Münster / GALEN hier Galen predigt; Gregor Dalal, Kathrin Filip und Chor © Oliver Berg
Theater Münster / GALEN hier Galen predigt; Gregor Dalal, Kathrin Filip und Chor © Oliver Berg

Hier spielen in 20 Szenen die Gedanken Jasmins (Kathrin Filip), einer jungen Frau von heute, die sich ihr bei der Lektüre einer Galen-Biographie aufdrängen. Hier befragt sie durchgängig kritisch die Person, das Handeln und Unterlassen Galens (Gregor Dalal) in der Zeit des III. Reiches und begleitet ihn mit zunehmender Anteilnahme bis an sein Ende. Ihrer Kritik an Galen setzt der Chor die Charakterisierung Galens als stockkonservativ, aber aufrecht entgegen, und sein Sekretär (Christian-Kai Sander) bekräftigt die Forderung, ihn aus seiner Zeit heraus zu begreifen, was deutlich auch der Intention des Librettos entspricht.

Nicht nur Jasmin versteht nicht, weshalb Galen selbst nach den Novemberpogromen 1938 unterlässt, sich für die entrechteten Juden einzusetzen. Selbst sein Bruder Franz (Young-Seong Shim), seine Freunde Pfarrer Coppenrath (Stephan Klemm) und Regens Frecken (Marc Coles), der Leiter des Priesterseminars, können ihn lange Zeit nicht von seinem konservativen Vertrauen in die Staatsregierung, seinen Glauben an Recht, Gerechtigkeit und an die Treue des NS-Staats zum Konkordat mit dem Heiligen Stuhl abbringen. Galen belässt es bei Protestschreiben an die Behörden.

Erst als 1941 katholische Klöster beschlagnahmt, Mönche vertrieben, kritische Katholiken vor Gericht gestellt werden und Galen von dem schönfärberisch „Euthanasie“ genannten Programm zur Tötung sogenannten „unwerten Lebens“ erfährt,  tritt er in drei Aufsehen erregenden Predigten an die Öffentlichkeit, in denen er den NS-Staat als verbrecherisch anklagt.

Theater Münster / GALEN hier Jasmin und Galen in den Trümmern; Gregor Dalal, Kathrin Filip © Oliver Berg
Theater Münster / GALEN hier Jasmin und Galen in den Trümmern; Gregor Dalal, Kathrin Filip © Oliver Berg

Gregor Dalal zeigt gesanglich und darstellerisch eindringlich einen Menschen, der für seine Werte, die zu großen Teilen im Widerspruch zum Zeitgeist stehen, selbst bei Gefahr für das eigene Leben eintritt. Unbeirrt verwahrt er sich nach dem Zugsammenbruch des III. Reiches gegen die Kollektivschuld-These eines englischen Offiziers, der ihm, paradox, persönlich Respekt bekundet.

Kathrin Filip zeichnet nah am Sprechgesang in einer den Sopran oft anstrengend hohen Tonlage eine sympathische, kritische junge Frau von heute, oder vielleicht besser: von gestern. Denn an Jasmins selbstgewisser Art der Kritik an Galen zeigt sich die „Zeitenwende“, die sich zwischen der Komposition 2019/20 und heute ereignet hat. Der Vorwurf, den Jasmin bereits in der ersten Szene dem passionierten Jäger v. Galen macht, dass er das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ missachtet, kann nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine nur noch schwerlich so absolut erhoben werden; selbst Campino, Sänger der „Toten Hosen“, würde heute nicht mehr den Wehrdienst verweigern.

Das hat Auswirkungen auf die Wahrnehmung der Oper, die sich von der kritischen Betrachtung der Widersprüche in Galen wegbewegt. Sie verschiebt sich auf das Ringen eines Menschen mit sich und seinen ureigensten Gewissheiten, von dem Jasmin noch weit entfernt ist.  Diese Verschiebung aber ist es, die die Oper über einen Tribut an die Stadtgeschichte Münsters hinaus so aktuell und fesseln macht. Sie trifft jetzt in der Person Galens die Seelenlage weiter Teile der Gesellschaft

in einer Zeit der Neubewertung alter Gewissheiten auf den Punkt.

Torsten Schmid-Kapfenburg hat für die Oper eine anspruchsvolle, sowohl charakterisierende wie auch kommentierende Musik komponiert. Sie malt die Zerrissenheit der Zeit mit viel Disharmonien, ordnet den Nationalsozialisten Zwölftontechnisches, der Figur Galens eine Akkordverbindung zu, die sein Gespanntsein und seine Umstrittenheit ausdrücken soll. Selten und kurz, wie in einer der ergreifendsten Szenen mit Galens Mutter (Suzann McLeod), die ihren Sohn an das 5. Gebot mahnt, scheint Spätromantisch-Melodisches als Zeichen der ungebrochenen Sympathie des Komponisten auf.

Nach über drei Stunden lang anhaltender, außerordentlich großer, im Stehen dargebotener Beifall des Premierenpublikums für alle Beteiligten, den von Anton Tremmel gut einstudierten Chor, für Gregor Dalal und Kathrin Filip wie  für die übrigen Solisten, das Sinfonieorchester Münster unter dem engagierten Dirigat von Golo Berg, das Regieteam um Holger Potocki sowie besonders für den anwesenden Komponisten Torsten Schmid-Kapfenburg und seinen Libettisten Stefan Moster.

GALEN, Oper am Theater Münster; die nächsten Termine: 26.5.; 4., 10., 18., 24.6. jeweils um 18.30 Uhr.

—| IOCO Kritik Theater Münster |—

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