Osnabrück, Theater Am Domhof, Mord im Orientexpress – Agatha Christie, IOCO Kritik, 23.02.2022

Theater Osnabrück / Mord im Orientexpress hier die Passagiere des Orientexpresses. (Ensemble, links Manuel Zschunke als Hercule Poirot © Birgit Hupfeld
Theater Osnabrück / Mord im Orientexpress hier die Passagiere des Orientexpresses. (Ensemble, links Manuel Zschunke als Hercule Poirot © Birgit Hupfeld

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd
Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Mord im Orientexpress  – Agatha Christie

– Skurrile Suche nach einem Mörder und seiner gerechten Strafe –

von Hanns Butterhof

Beifall noch vor dem Ende eines Stücks ist selten. Im Osnabrücker Theater am Domhof rauschte jetzt der Beifall auf, noch bevor sich das Ensemble am Bühnenrand aufstellte, um zu  Agatha Christie‘s wohl erfolgreichstem Krimi Mord im Orientexpress die Ovationen des Premierenpublikums entgegenzunehmen. Doch blieb unklar, wem oder was dieser Beifall galt in einem Stück, in dem kaum etwas so ist, wie es zu sein scheint.

Teaser – Mord im Orientexpress – im Theater Osnabrück
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Vielleicht hat Regisseurin Katharina Schmidt die Einsicht, dass der Gang der Handlung aus vielen klassisch gewordenen Filmen allgemein bekannt ist, dazu bewogen, mehr Wert auf das Wie des Spiels als auf sein Was zu legen. Vor der schönen Kulisse des erst silberglänzenden Äußeren, dann opulenten Inneren des Orientexpresses (Ausstattung: Yvonne Theodora Sturm) und verschneiten Berglandschaften spielen sich der Mord und seine Aufklärung in Zeichentrick- und Stummfilm-Ästhetik in skurril übertriebenen, gefällig arrangierten Bewegungen ab (Choreographie: Sabrina Stein).

Skurril ist auch die  Mehrzahl der Reisenden, angefangen beim exaltierten Eisenbahndirektor Monsieur Bouk (Anke Stedingk), der ohne Scheu vor körperlicher Nähe und mit großer Geste seine Frackschöße fliegen lässt. Er bittet den weltberühmten, mit deutlich seherischen Fähigkeiten begabten belgischen Detektiv Hercule Poirot (Manuel Zschunke), den nächtlichen Mord an dem zwielichtigen Samuel Ratchett (Pujan Sadri) aufzuklären.

Für den Todeszeitpunkt, der von Gräfin Elena Andrenyi (Sascha Maria Icks) als Ärztin kompetent geschätzt wird, haben alle ein Alibi: Die stämmige mondäne Carolin Hubbart (Janko Kahle) im Nerzmantel, der alkoholbedingt wie in Trance herumgeisternde Hector MacQueen (Thomas Kienast), die autoritätsgebietend alte Exilrussin Prinzessin Dragomirowa (Ronald Funke) sowie das heimliche Pärchen Mary Debenham (Otiti Engelhardt) und Oberst Arbuthnot (Oliver Meskendahl) . Die extrem zartfühlende Missionarin Greta Ohlsson (Lena Vix) scheint sowieso über jeden Verdacht erhaben wie auch der beflissene Schaffner Pierre Michel (Stefan Haschke) mit seinem Motto „Alles wird gut“.

Theater Osnabrück / Mord im Orientexpress hier die Passagiere des Orientexpresses. (Ensemble, links Manuel Zschunke als Hercule Poirot © Birgit Hupfeld
Theater Osnabrück / Mord im Orientexpress hier die Passagiere des Orientexpresses, Ensemble, links Manuel Zschunke als Hercule Poirot © Birgit Hupfeld

Immer ist allerlei los, und es ist nicht immer einfach, den Durchblick zu behalten oder auch nur alles mehrfach von der Musik Per Hagströms Überdeckte zu verstehen. Doch unter den turbulenten Umständen, mit viel Geschrei und mit seinem überirdische Kombinationsvermögen löst der Meisterdetektiv den Fall so glänzend wie überraschend im plötzlich ganz ruhigen Orientexpress.

Allerdings stellt ihn die Lösung auch vor ein unerwartetes Dilemma: Was soll er tun, wenn der Mord gerechtfertigt erscheint, das Opfer den Tod verdient hat? Was bedeutet dann seine Überzeugung, dass, wer das Gesetz bricht, dafür büßen muss? Die Regie stellt diese Frage indirekt auch an das Publikum vor dem Hintergrund, dass schon vor Beginn der Handlung ein Kind ( Maren Sievert) entführt und getötet worden war; es liegt in unschuldig weißem Kleid und blutrotem Mantel im Bühnennebel.

Als Poirot noch sinnend verharrt und der ermordete Samuel Ratchett  blutüberströmt ein Lied ins Mikrofon haucht, brandet der Beifall des Premierenpublikums auf, als die Mörder auf Straffreiheit für ihre Tat plädieren. Der Clou: das Stück ist erst aus, nachdem auf seine Weise das Publikum mitgespielt und diese Lösung aus vollem Herzen beklatscht hat.

Danach hielt der Beifall für das aufopfernd kasperlnde Ensemble wie für das Regieteam noch lange an

Mord im Orientexpress in Theater am Domhof; die nächsten Termine: 26.2., 1.3., 4.3. und 8.3. jeweils um 19,30 Uhr, am 6.3. um 15.00 Uhr, link HIER!

—| IOCO Kritik Theater am Domhof |—

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