Osnabrück, Theater am Domhof, Orest: Kein Gott verantwortet das Gemetzel, IOCO Kritik, 08.03.2016

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd
Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

Orest: Robert Teufel inszeniert Euripides-Tragödie
Kein Gott verantwortet das Gemetzel

Osnabrück / emma-Theater Elektra und Orest im Blutrausch © Uwe Lewandowski
Osnabrück / emma-Theater Elektra und Orest im Blutrausch © Uwe Lewandowski

So einfach kann tolles Theater sein. Eine schnörkellose Bühne wie ein Grab, ein aktueller Stoff über Verantwortung und ein paar Schauspieler, die ihre Figuren glaubhaft machen wie jetzt in Robert Teufels Inszenierung der Tragödie Orest des Euripides.
Im emma-theater Osnabrück blickt das Publikum von allen Seiten auf die düstere Spielfläche hinunter, die Sabine Mäder wie ein ausgeschachtetes Grab mit einer frischen Blutlache in der Mitte gestaltet hat. Nach und nach wird dieses Blut über alle kommen, es gibt kein Halten.
Orest (Martin Aselmann) und seiner Schwester Elektra (Marie Bauer) droht die Todesstrafe durch Steinigung, weil Orest ihre Mutter Klytaimnestra ermordet hat. Der eher schwache, selbstmitleidige Orest schiebt die Verantwortung auf einen Befehl des Gottes Apoll, seinen Vater Agamemnon zu rächen. Der war nach seiner Rückkehr aus dem Trojanischen Krieg von Klytaimnestra getötet worden, die sich so der Strafe für ihren langjährigen Ehebruch entziehen wollte.

Osnabrück / emma-Theater Orest Gott ist nicht verantwortlich © Uwe Lewandowski
Osnabrück / emma-Theater Orest Gott ist nicht verantwortlich © Uwe Lewandowski

 In kalter Euphorie denkt sich Elektra einen Rettungsplan der verbrannten Erde aus und geht im blinden Glauben an das heilige Recht ihres Tuns über Leichen. Sie und Orest versuchen ihren eitlen, feigen Onkel Menelaos (Tim Egloff) und seine oberflächliche, mitgefühlslose Frau Helena (Stephanie Schadeweg) zur Hilfe zu nötigen, indem sie deren Tochter Hermione (Ann Sophie Agarius) kidnappen. Als die Erpressung misslingt, bringt das Geschwisterpaar in wildem, anarchistisch aufflammendem Furor erst die drei und dann sich selber um.  Wenn dann Apollo (Tilman Meyn) mit einem verwunderten „Oh!“ in goldenem Turnerdress und Sandalen auf den Leichenberg blickt, will er für das Blutbad nicht verantwortlich sein. Er lässt so etwas wie ein „Alles zurück auf Anfang, die Geschichte geht gut aus“ verlauten und fordert dazu auf, den Frieden zu ehren. Das ist wohl gut gemeint, aber es ist nicht zu sehen, woher dieser Frieden kommen sollte. Sicher nicht von einem Gott, aber von welchen Menschen?

Osnabrück / emma-Theater Klytaimnestra wird getötet © Uwe Lewandowski
Osnabrück / emma-Theater Klytaimnestra wird getötet © Uwe Lewandowski

Es ist vor allem Marie Bauers intensives Spiel, das ergreift. Ihre Elektra denunziert den Fundamentalismus eines Gesinnungstäters nicht, sondern macht ihn miterlebbar, ohne pathetisch zu überwältigen. Sie macht so auch die Anziehungskraft deutlich, die seit jeher eine flammende Überzeugung auf schwache Charaktere wie Orest ausübt, denen sie erlaubt, die starken, grausamen Impulse loszulassen, die sonst unter ihrer Angst verborgen bleiben.

Leider ist ein markerschütternder elektronischer Krach bei allen Szenenwechseln nicht nur eine schockierende Zumutung, die das tolle Stück Orest nicht braucht. Er zerreißt auch immer wieder den Erlebniszusammenhang, den das beeindruckende Ensemble dann mühsam wieder herstellen muss, wofür es nach anderthalb Stunden pausenlosen Spiels mit anhaltendem Beifall der Besucher des emma-Theaters (das Kleine Haus des Theater Osnabrück) belohnt wird.  IOCO / Hanns Butterhof / 5.3.2016

Orest von Euripides im emma-Theater: Die nächsten Vorstellungstermine,  jeweils 19.30 Uhr:  8.3.2016, 12.3.2016, 16.3.2016,  17.3.2016, 6.4.2016, 9.4.2016, 10.4.2016, 17.4.2016, 30.4.2016

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