Osnabrück, Theater am Domhof, Owen Wingrave von Benjamin Britten, IOCO Kritik, 27.02.2016

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Theater Osnabrück

Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd
Osnabrück / Theater am Domhof © Marius Maasewerd

 

Männlichkeitsprobe mit tödlichem Ausgang
Benjamin Brittens selten gespielter Owen Wingrave fesselt

Tot liegt Owen Wingrave in den Armen seiner Verlobten Kate. Sie hatte ihm Feigheit vorgeworfen. Die Probe auf seine Tapferkeit hat er bestanden, aber nicht überlebt.

Osnabrück / Owen Wingrave © Joerg Landsberg
Osnabrück / Owen Wingrave © Joerg Landsberg

Benjamin Brittens (1913 – 1970) Oper Owen Wingrave von 1971 nach einer Kurzgeschichte von Henry James gilt als pazifistisches Bekenntniswerk des Komponisten. Die Oper spielt zum Ende des 19. Jahrhunderts in einer geschlossenen militärischen Welt, für die Gary McCann im Theater am Domhof passend einen fensterlosen Einheitsraum mit kaum sichtbaren Türen geschaffen hat, aus dem ein Heraustreten kaum möglich ist.
Dort wirft Owen Wingrave (Jan Friedrich Eggers), der letzte Spross einer alten Generaldynastie, eine vielversprechende Karriere als Offizier hin. Er hat Krieg als unmenschlich und militärischen Gehorsam als dumm erkannt. Seinen pazifistischen Standpunkt hält er mit kräftigem Bariton tapfer bis zum bitteren Ende durch, obwohl ihn seine Familie verstößt und ihn sein handgreiflicher Großvater, Sir Philip (Mark Hamman) enterbt. Kate (Almerija Delic) wendet sich seinem einfältigen Kameraden Lechmere (Daniel Wagner) zu, bevor sie ihn zu dem tödlichen Männlichkeitsbeweis nötigt, eine Nacht im Spukzimmer des väterlichen Herrenhauses zu verbringen.

Osnabrück / Owen Wingrave © Joerg Landsberg
Osnabrück / Owen Wingrave © Joerg Landsberg

Sind die ideologischen Auseinandersetzungen der Männer nahe am Sprechgesang, kommt mit den Frauen viel chorische Farbe und Dynamik ins Spiel. In ihren düsteren viktorianischen Kleidern drängen sie Owen im väterlichen Gut förmlich an die mit leeren Bilderrahmen voll behängte Wand des Herrenzimmers. Doch er hält dem zermürbenden Chor von Kate, ihrer Mutter (Alexandra Schoeny) und seiner Tante (Francis van Broekhuizen) stand, die sich fast nur im Grad der Dramatik ihres Soprans unterscheiden.
Die einzigen Sympathieträger in diesem Familienkrieg sind Mr. und Mrs. Coyle. Wenn sie Owen auch nicht verstehen, so respektieren sie ihn doch als Person. Mit profundem Bass versucht Coyle (Rhys Jenkins) vergeblich, zwischen den Parteien zu vermitteln, seine Frau (Elizabeth Magnor) weist mit gewinnendem Sopran menschlich ergreifend auf eine mütterlich liebevollere Welt voraus.

Osnabrück / Owen Wingrave_Ensemble © Joerg Landsberg
Osnabrück / Owen Wingrave_Ensemble © Joerg Landsberg

Floris Vissers Regie macht die allseits herrschende erstickende Enge deutlich fühlbar. Sehr musikalisch lässt er die Personen sich zu den rhythmischen Vorgaben der Musik bewegen. Mitunter gespenstern sie im stimmungsvoll wechselnden Licht von Axel Brock durch den Raum oder ballen sich, wie etwa die Frauen, zu einem Trio düsterer Un-Grazien zusammen.
Daniel Inbal am Pult des Osnabrücker Symphonieorchesters arbeitet intensiv die Zerrissenheit der gemäßigt modernen Musik Brittens heraus. Sie gibt, anfangs etwas anstrengend, dann aber zunehmend fesselnd die aufgewühlten inneren Vorgänge der Figuren und Spannungen zwischen ihnen wieder. Sie ergreift weder für Owens harfegestützten Pazifismus entschieden Partei noch gegen den von Blechbläsern getragenen Hurra-Patriotismus seiner Familie, sondern nimmt berührend für Owen Wingraves einsamen Kampf um Selbstbestimmung ein. IOCO / Hanns Butterhof / 27.02.2016

Owen Wingrave im Theater am Domhof, Osnabrück: 12.03.2016, 03.04.2016, 07.04.2014, 14.04.2014

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