Rostock, Volkstheater Rostock, Zar und Zimmermann von Albert Lortzing, IOCO Kritik, 26.1.2017

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Volkstheater Rostock

Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann - Bürgermeister van Bett © Dorit Gätjen
Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann – Bürgermeister van Bett © Dorit Gätjen

Zar und Zimmermann von Albert Lortzing in Rostock

Ein Wimmelbild für Erwachsene

Von Thomas Kunzmann

So schlicht, ja geradezu bieder kennt man die Oper: Ein Zar als einfacher Zimmermann, angetreten, das Handwerk und die Kultur kennenzulernen und anschließend sein Land zu reformieren. Fröhliche Werftarbeiter und eine zarte Liebesgeschichte. Jede Menge Verwechslungen und vor allem ein aufgeblasener Bürgermeister: wo also, wenn nicht hier in der stolzen Hansestadt Rostock mit langer Schiffbautradition, kann – nein, MUSS – man Lortzings Werk inszenieren?

Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann - Ensemble © Dorit Gätjen
Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann – Ensemble © Dorit Gätjen

Neben dem selbstherrlichen, jedoch völlig ahnungslosen Stadtoberhaupt van Bett, ein Klotz von Trump’scher Eleganz, wird besonders der Zar völlig neu vermessen. Die Regisseurin Anja Nicklich nimmt ihm den Nimbus des oberflächlich Fortschrittlichen. Zurück bleibt eine gespaltene Persönlichkeit, pendelnd zwischen Embryonalstellung und Machtanspruch. Erzogen zu regieren, erarbeitet er sich auch auf der Werft seine Führungsstellung. Durch die selbst erfahrene Gewalt in der eigenen Geschichte sucht er zwar den Schritt in die moderne europäische Gesellschaft, der Weg dahin führt jedoch über Leichen. „Verräterblut soll färben das blanke Henkerbeil, damit sie sühnend sterben, dem Vaterland zum Heil!“

Wie per Zeitstrahl, der die Oper kreuzt, sind Stationen seines Lebens vor und nach der Handlung eingebunden, von der Soldatenkindheit bis zur Bartsteuer und Strelizenvernichtung. Wie banal muss ihm wohl das fragile Liebesglück zwischen Ivanow und Marie dabei vorkommen? Oder beneidet er womöglich den anderen Peter um dessen kleine Sorgen, als Deserteur entdeckt zu werden, alternierend mit seiner Eifersucht? Letztere dargestellt als herrlichstes Kopfkino, wie sich Marie von allen drei Gesandten umgarnen lässt. Die Ablenkung ist ihm allemal willkommen, so kann der echte Peter unbeobachtet mit dem Franzosen paktieren.

Anja Nicklich geht in Rostocks einziger Operninszenierung der Saison detailliert auf alle Figuren ein, lotet ihre Beziehungen zueinander aus und fügt sie in positivem Sinne zu einem Wimmelbild für Erwachsene. Schaut man hier, verpasst man dort. Und so ist es nur fair, dass sie im Vorspiel der Norddeutschen Philharmonie alle Aufmerksamkeit lässt, die ihr gebührt – bei geschlossenem Vorhang.

Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann - Ensemble © Dorit Gätjen
Volkstheater Rostock / Zar und Zimmermann – Ensemble © Dorit Gätjen

StadtWerftTheater werden von der Ausstatterin Antonia Mautner Markhof so einfach wie wirkungsvoll auf das Innere eines Schiffsrumpfs reduziert, in dem sich der Bürgermeister nach vielen Jahren wieder einmal sehen lässt. Weil er muss. Oliver Weidinger, in einer schrillen Wahlkampf-Inszenierung in Bremerhaven bereits rollenerprobt, gibt diesen van Bett als eine Karikatur auf großspurige Politiker, einen Mann von Welt, der natürlich ebenso die Kunst des Dichtens und Dirigierens beherrscht. Alle weiteren Sänger glänzen vortrefflich in ihren Rollendebüts. Neben dem ängstlich-weinerlichen falschen Peter besticht Gast Grzegorz Sobczak als Zar Peter, der stählern kräftig als Machthaber und sensibel weich im Selbstmitleid klingen kann, unterstützt von einer ausgefeilten Lichtregie. Katharina Kühn ist eine zwischen Werftarbeitern groß gewordene sympathisch-freche Göre par excellence, die sich in der männerdominierten Welt auch stimmlich großartig durchsetzt. Lefort in bester KGB-Manier, Chateauneuf als impulsiver Charmeur und Syndham im Kilt, welcher manch Geheimnis birgt, setzen sowohl schauspielerisch als auch gesanglich immer neue Akzente. Die Tanzcompagnie verstärkt wieder Chor und Solisten: als akrobatische Handwerker, Hochzeitsgesellschaft und natürlich als Holzschuhtänzer. Der wegen des permanenten finanziellen Drucks auf das Volkstheater bereits auf ein Minimum ausgehöhlte Chor musste einmal mehr mit Gästen aufgestockt werden, die sich jedoch perfekt einfügten. Eine zusätzliche Herausforderung, denn bei geringfügigen krankheitsbedingten Ausfällen wäre ansonsten dieser ausgewogene Klang nicht mehr erreichbar gewesen. Und da wundert sich am Ende der zurückgelassene Bürgermeister, dass der Zar nebst allen Akteuren mit dem neu erbauten Schiff zu fernen Ufern aufbricht.

Acht Vorstellungen sind in dieser Saison geplant. Eine ausverkaufte Zar und Zimmermann Premiere, wie der ersten und zweiten Vorstellung zeugen vom ungebrochenen Interesse der Stadt am Genre. Das lässt auf den überfälligen Theaterneubau hoffen. Dieser erneute Erfolg nach Falstaff ist zumindest ein weiteres Argument dafür.  Von Thomas Kunzmann

Volkstheater Rostock: Zar und Zimmermann, weitere Vorstellungen 4.3.2017, 12.3.2017

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