Schwerin, Mecklenburgisches Staatstheater, Peter Ruzicka – Ludwig van Beethoven, IOCO Kritik, 24.04.2022

Mecklenburgisches Staatstheater / vl Peter Ruzicka und Lini Gong © Patrik Klein
Mecklenburgisches Staatstheater / vl Peter Ruzicka und Lini Gong © Patrik Klein

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Mecklenburgisches Staatstheater

Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler
Mecklenburgisches Staatstheater Schwerin © Silke Winkler

Peter Ruzicka – Ludwig van Beethoven

 Fulminantes Konzert – Kontrastreich klare Kompositionen

von Michael Stange

Peter Ruzicka, Komponist, Dirigent und Manager gastierte am 13.04.2022 bei der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin für drei Konzerte. Auf dem Programm standen Ludwig van Beethovens Ouvertüre zur Schauspielmusik zu König Stephan, seine 4. Symphonie und Peter Ruzickas  Benjamin-Symphonie.

In den aufgeführten Werken Beethovens schlagen sich der Abschied von der musikalischen Textur Haydns und der Aufbruch zu neuen musikalischen Ausdrucksform nieder. Farben Kontraste und dynamische Vielfalt stehen für den Drang nach Licht und Freiheit. Die 4. Sinfonie ist aber auch ein Abbild des Menschenbildes und seiner Darstellung im Schaffen Beethovens.

Die Suche nach Variationen und Brüchen in den Tonarten, Kontraste, ihre Gegenüberstellung und das Hervorkehren musikalischer Differenzen sind auch ein Ausdruck für das Übertreten von Grenzen, den Drang nach Freiheit und für die Sinnsuche Beethovens. Aus eigener Kraft wollte er seine Sehnsucht nach innerem Einklang und den Drang nach der selbstgewählten Bestimmung erreichen. Sowohl Beethoven als auch der Dichter Hölderlin, dem Peter Ruzicka eine Oper widmete, wollten nicht mehr Untertan und Diener in der alten feudalistischen Ordnung des Gottesgnadentums sein, sondern autonom agierende Geschöpfe.

Mit “Klare und gegensätzliche Strukturen” könnte man das Motto des Abends betiteln, weil beide Programmteile packende, tiefgehende und kontrastreiche Musik gegenüber stellten.

Mecklenburgisches Staatstheater / vl Peter Ruzicka und Lini Gong © Patrik Klein
Mecklenburgisches Staatstheater / vl Peter Ruzicka und Lini Gong © Patrik Klein

Die Ouvertüre zu König Stephan scheint vordergründig eine ausladende, gefällige Schauspielmusik mit patriotisch feurigem Finale. Das Werk preist die Treue Ungarns zur Doppelmonarchie Österreich Ungarn und hat nicht Schwere und Dramatik der Coriolan Ouvertüre. Von einer Gelegenheitskomposition mit geringerer Bedeutung ist sie aber weit entfernt. Vielmehr greift sie viele Kontraste der 4. Sinfonie auf und ist in der Anlage wie ein kleinerer Bruder. Beiden Werke werden durch Beethovens große heroische Sinfonien etwas überschattet. Peter Ruzicka hebt durch seine Deutung pointiert und feinsinnige die Vielfalt und Differenziertheit der Orchesterfarben und die tonalen Kontraste hervor. Mit wach präzisem Ansatz, Feinsinn aber auch teilweisem musikdramatischem Überschwang bringt er die Musik in immenser Farbenpracht zur Geltung.

„Ich finde, ein guter Dirigent muss komponieren. Wenn man selbst etwas schreibt, lernt man doch erst, wie man überhaupt so was macht.”, äußerte der Dirigent Otto Klemperer.

An dieses Zitat erinnerte das Konzert, weil Peter Ruzicka ungeheuer viel zu Beethoven in sich trägt und zu ihm mitzuteilen hat. Agogikreich, mit warmen romantischen satten Tonansatz, erklangen Beethovens Kompositionen. Außergewöhnlich waren die Hörbarkeit der Instrumente und das auslotende Aufspüren und Offenlegen der Melodieführung. Zupackend und dramatisch auftrumpfend wurden die Außensätze geboten. In den Innensätzen dominierte das langsame Ausspüren der Kontraste mit inwendig traditioneller Ton- und Farbgebung, die an die Interpretationen historischer Dirigenten wie Herrmann Abendroth erinnerte. Ein ausgereifter, runder und mitreißender Beethoven in musikalischer Vollendung.

Im zweiten Teil dirigierte Peter Ruzicka seine Benjamin-Symphonie. Einer seiner Kompositionsansätze ist es, Musik zu erfinden, die singend Geschichten erzählt, die betroffen machen. Seine Oper Benjamin zeichnet Stationen des Autor Walter Benjamin vor seinem Freitodnach. Die Symphonie ist ein Extrakt der Oper.

Mecklenburgisches Staatstheater / vl Karin Hübner, Lini Gong und die Mecklenburgische Staatskapelle © Patrik Klein
Mecklenburgisches Staatstheater / vl Karin Hübner, Lini Gong und die Mecklenburgische Staatskapelle © Patrik Klein

Kennzeichnend für Walter Benjamin waren sein scharf analytischer Blick auf Zeitströme, Leid und Vergessen. Seine Themen waren Krieg, Antisemitismus und die Zukunft, die er in einer bilderreichen Sprache veranschaulichte. In der Symphonie konzentriert sich Ruzicka in sieben Szenen auf die Flucht Walter Benjamins vor den Nationalsozialisten und seine Beziehung zur lettischen Schauspielerin und Kommunistin Asja Lacis. Während B” seine Erfahrungen und sein Leid reflektiert preist L” Partei und Kommunismus. Nur in einer Szene in der ein Sopran das Volkslied „Das bucklicht Mänlein“ singt und rezitiert scheinen beide kurz vereint. Das Werk endet damit B” Satzfetzen aus seinen Werken zitiert.

Ruzickas Musik begleitet teilnahmsvoll und tonal diese traurige Geschichte. Die Instrumente erweitert er u. a. um Bongos, Cymbales antiques, und javanische Buckelgongs. Dadurch erhalten die düsteren Verse von “B” und die feurigen Attacken von Asja L. eine faszinierend abgründige und schaurige tonale Farbpalette. Das Werk wirkt melancholisch düster in den Passagen von “B” und gleißend aber zugleich artifiziell übersteigert in den Hymnen der Asja L. an die Partei. Das Volkslied beendet diese Gegensätze und das trüb-traurigen Moll des Finales scheint wie ein Erlösungsversprechen durch den Tod, den B” gezwungenermaßen wählt.

Auch hier waren Ruzicka und das Orchester in ihrem Element und boten mit musikalischem Feuer ein mitreißendes und packendes Klanggemälde.

Lini Gong interpretierte Asja L. mit ihrem dramatischen Koloratursopran zunächst als sprühendes Propagandafeuerwerk. Präzise und akkurat akzentuiert mit schwindelerregender Gesangslinie und immenser rythmischer Präzision pries sie die Partei mit grenzenlos scheinenden Koloraturkaskaden. Leich auf schwebendem Atem fand sie zurück in die Mittellage und führte die Stimme so mit warmen an manchen Stellen mit gleißenden an anderen mit gewinnendem Ton durch die anspruchsvolle Komposition. Dabei blieb sie der Gesangslinie stets treu und bot mit emphatischer klangschöner und warmer Stimme eine immense Meisterleitung.

Thomas Bauer war ein Walter B. von Format und prächtigem Stimmumfang. Feurig aber auch melancholisch trug er die Gedanken von Walter B. mit berückender Rollenidentifikation und Stimmfülle vor. Ein ergreifendes Portrait.  Die Kinderstimme übernahm mit warm beseeltem Sopran das Ensemblemitglied Katrin Hübner.

Peter Ruzicka, dem Orchester und den Solisten gelang ein fulminantes Musikereignis, das begeistert bejubelt wurde. Ein beeindruckendes Konzert in einem der schönsten Theater Norddeutschlands.

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