Straßburg, Palais des Fêtes, Festival Musica 2022 – Kaija Saariaho – Teil 1, IOCO Aktuell, 21.09.2022

Kaija Saariaho   © Isabelle Englund
Kaija Saariaho   © Isabelle Englund

festival musica strasbourg

Palais des Fêtes, Straßburg © Peter M Peters
Palais des Fêtes, Straßburg © Peter M Peters

KAIJA DANS LE MIROIR – KAIJA IM SPIEGEL DER ZEIT

 Hommage à Kaija Saariaho – 17. September 2022

von Peter M. Peters

Kaija Saariaho (*1952) war Ehrengast dieser 40. Ausgabe des festival musica 2022 in Straßburg. In Partnerschaft mit ARTE wurde ihr ein langes Wochenende im historischen Rahmen des Palais des Fêtes und im Théâtre Maillon gewidmet:

 Kaija Saariaho © Maarit Kytoeharju
Kaija Saariaho   © Maarit Kytoeharju

Das Programm begann am Ende des Nachmittags mit einer Video-Aufführung von Innocence (2021), der letzten Oper von Saariaho, die beim Festival d’art Lyrique in d’Aix-en-Provence 2021, siehe youtube-Video unten, uraufgeführt wurde und von der Kritik sofort als Meisterwerk der Operngeschichte gefeiert wurde. Komponiert nach einem Libretto der Romanautorin Sofi Oksanen (*1977), erzählt das Werk von einem Massenmord, der in einer internationalen Schule verübt wurde. Die Handlung spielt zehn Jahre später während einer Hochzeit, bei der eine Kellnerin arbeitete, deren Tochter eines der zehn Opfer war. Zwischen Erinnerung, Schuld und verlorener Unschuld ist das Drama unsichtbar geworden und wird von den Zurückgebliebenen repräsentiert. Eine kosmopolitische Oper, basierend auf einer fiktiven, aber ach so aktuellen Nachricht, in einer fabelhaften Inszenierung von Simon Stone.

  • KAIJA IM SPIEGEL DER ZEIT…
  • 1981 fotografierte Kaija in einem
  • Fotoautomaten in Freiburg im Breisgau
  • ihr Selbstporträt. 
  • Sie kehrt der Linse den Rücken zu
  • Und hält einen kleinen Taschenspiegel
  • In der Hand, der ihr linkes Auge reflektiert.
  • Ein Bild im Bild, ein Spiel des Abgrunds
  • Zwischen Introspektion und Rückschau.
  • Sie weiß es noch nicht, aber sie hat 
  • Gerade eine Entscheidung getroffen,
  • Die sie auf eine ununterbrochene
  • Bahn bringt. 

Das Konzert am Abend wurde zusammen mit den treuesten kreativen Weggefährten von Saariaho bestritten, um die glanzvolle Karriere der Komponistin zu feiern. Dieses außergewöhnliche Konzert zeichnet den kreativen Werdegang der Künstlerin anhand einiger ihrer herausragenden  Stücke nach. Von Nuits, adieux (1991) bis Light still and moving (2016) nimmt die ganze Bandbreite der visuellen Metaphern derjenigen Gestalt an, die schon als Kind versucht hat, auf einem Blatt diese „gelben und nervösen Klänge“ niederzuschreiben. Klangvoll und imaginär werden die Tonbilder hier  relativiert mit den gefilmten Bildern ihrer Freundin und Regisseurin Anne Grange, die sie in den letzten Jahren ständig begleitet hat. Zwischen geträumten Visionen und aktuellen Zeugnissen wird das Publikum eingeladen, die Intimität des Ateliers der Komponistin zu betreten. Ein Konzert, eine lebendige Dokumentation, eine Hommage an die Kreativität! Im zweiten Teil des Abends finden wir das Trio Tres Coyotes wieder: Die lebenslangen Freunde von Saariaho mit dem Komponisten Magnus Lindberg, dem Cellisten Anssi Karthunen, die sich noch einmal vereinen mit der Legende John Paul Jones, Kontrebassist der Gruppe Led Zeppelin. Ein außergewöhnliches Trio, das aus den gemeinsamen Interessen seiner Mitglieder entstanden ist: Frei zu improvisieren, zuzuhören, zu lernen und zu entdecken, Grenzen verschwinden zu lassen und über gängige Ideen hinauszuwandern. Wie sie selbst sagen: „In dieser Welt, in der wir Mauern bauen, wo wir den Leuten sagen, wo sie hingehen dürfen und wo nicht, verteidigen die Tres Coyotes eine Musik, die gleichbedeutend mit Offenheit und Freiheit ist“.

Das Konzert-Programm:

Changing Light für Sopran und Violine (2002)

Die Aussicht für Sopran und Streichquartett (2019)

NoaNoa für Flöte und Elektronik (1992)

Light still and moving für Flöte und Kantele (2016)

Sept papillons für Cello (2000)

Nuits, adieux für Vokalquartett und Elektronik (1991)

 

  • Faustine de Monès, Sopran, Camilla Hoitenga, Flöte, Eija Kankaanranta, Kantele, Allisa Neige Barrière, Violine
  • Quatuor Ardeo  –  Carole Petitdemange, Mi-Sa Yang, Violinen,  Matthijs Broersma, Cello
  • Orfeo Català – Mireia Tarrago, Sopran, Mariona Llobera, Mezzo-Sopran, Matthew Thomson, Tenor, Joan Miquel Munoz, Bariton
  • Tres Coyotes  –  Magnus Lindberg, Klavier, Anssi Karttunen, Cello, John Paul Jones, Kontrabass

Das Bild im Spiegel…

Kaija Saariaho studierte Bildende Kunst an der University of Industrial Arts in Helsinki. Ab 1976 widmete sie sich der Komposition mit Paavo Heininen (1938-2022) an der Sibelius-Akademie. Sie studierte von 1981 bis 1983 bei Klaus Huber (1924-2017) und Brian Ferneyhough (*1943) an der Musikhochschule in Freiburg/Breisgau und begann sich im Laufe des Jahres 1982 im Ircam Paris für Computer-Musik zu interessieren. Ihre Karriere wurde mit zahlreichen Preisen unterstrichen, darunter: Kranichsteiner für Lichtbogen (1986), Ars Electronica und Italia für Stilleben (1988), Grand Prix des Compositeurs des Lycéens in 2013 für Leino Songs. Die 1980er Jahre markierten die Bestätigung ihres Stils, der auf fortschreitenden Transformationen von Klangmaterial basierte und im Diptychon für Orchester Du cristal… à la fumée (1990) gipfelte. Zitieren wir auch noch drei Stücke geschrieben in der gleichen Richtung: NoaNoa, Amers und Prés et Solar in den Jahren 1992 und 1993. Die Komposition von L’Amour de loin (2001), Oper nach einem Libretto von Amin Maalouf (*1949) in der Regie von Peter Sellars markiert eine neue Phase, in der die Prinzipien, die sich aus der völlig absorbierten Spektraltechnik ergeben und dazu mit einem neuen Lyrismus verbunden werden. Nach dieser Oper, deren Einspielung von Kent Nagano 2011 einen Grammy Award erhielt, komponierte Saariaho die Oper Adriana Mater (2006), das Oratorium La Passion de Simone (2006) und Émilie, ein Monodrama nach einem Libretto von Maalof nach Émilie du Châtelet, kreiert von Karita Mattila an der Opéra de Lyon im Jahre 2010. Im Jahre 2012 komponierte Saariaho Circle Map für Orchester und Elektronik, darunter sechs auf Persisch gelesene Gedichte von Djalâl ad-Dîn Rûmî (1207-1273), die als Material für die Realisierung des elektronischen Teils und als Inspiration für den Orchestersatz dienten. Ihre kompositorische Arbeit entstand stets im Verbund mit anderen Künstlern, darunter dem Musikwissenschaftler Risto Nieminen, dem Dirigenten und Kompositeur Esa-Pekka-Salonen, dem Cellisten Anssi Karttunen (alle finnische Künstler aus dem in den 1970er Jahren in Helsinki gegründeten Kollektiv Korvat Auki (Öffne deine Ohren!) und in dem  Saariaho mitgearbeitet hatte), ebenso wie die Flötisten Camilla Hoitenga, die Soprane Dawn Upshaw und Mattila oder sogar der Pianist Emanuel Ax. Die Musik von Saariaho wird in  Exklusivität  von Chester Music und Edition Wilhelm Hansen veröffentlicht.

Kaija Saariaho   © Isabelle Englund
Kaija Saariaho   © Isabelle Englund

Palais des fêtes – Konzert – 17. September 2022

Die überraschenden Seitensprünge des festival musica strasbourg: Enttäuschend in seiner Hommage à Kaija Saariaho, traf doch das ehrwürdige traditionsreiche 40jährige Festival für die Musik unserer Zeit eher mit oft originellen uns manchmal sehr ungewöhnlichen experimentellen Konzerten voll ins Schwarze.

Eindeutig ist das Festival ein großer Meister der Kunst des Gegenteils geworden! Trotz unserer Zweifel hatten wir uns fast an die disruptive Programmierung von Stéphane Roth gewöhnt, beschlossen die Codes zu brechen und den Begriff „zeitgenössische Musik“ als obsolet und altmodisch zu machen. Wir hatten uns schließlich an das Flüchtige gewöhnt, das wissenschaftliche Musik von Konservatorien an den Rand drängt.

INNOCENCE – Oper von Kaila Saariaho
youtube AixFestival
[ Mit erweitertem Datenschutz eingebettet ]

Und hier ist der Ehrengast von 2022 Kaija Saariaho! Sicherlich eine große Musikerin, die sich aber seit langem in den sehr klassischen  Genres Oper und Symphonie entwickelt hat, wo sie verehrt wird von der MET bis zu den Berliner Philharmonikern und dem Festival d’Aix-en-Provence: Inkarnation eines kulturellen Hauptstrom!  Oder musikalischer Rückschlag? In einer Weise zu zeigen, dass man nicht dogmatisch ist? Frage der Affinitäten? Ein Signal jedenfalls das schwer zu entziffern ist! Die beiden Veranstaltungen, die der finnischen Komponistin, die ihren 70. Geburtstag feiert, gewidmet waren, kamen uns in der Programmierung sehr langweilig und altmodisch vor. Sehr streng und eintönig wirkte der Tribute-Abend wie ein Wiedersehen mit sehr alten Veteranen und Wegbegleiter:

Less is more…! 

Und trotz allem ist es ein bewegender Abend, der der Komponistin gewidmet ist, er profitiert von einer sympathischen Artikulation zwischen den vier dokumentarischen Sequenzen (unveröffentlichte Ausschnitte betitelt: Entre deux points, 2018… Mon bureau, 2019… Huit instants, 2020-21… Nocturne, 2019… aus einem Film der französischen Filmregisseuren Anne Grange in Produktion) und der hinreissenden Musik von Kaija Saariaho. Eine außergewöhnliche innovative Lichtszenografie von dem französischen Lichtdesigner Etienne Exbrayat vermeidet jeden unangenehmen Szenenwechsel und zeichnet einen Weg ohne Unebenheiten zwischen mehreren Kammermusikstücken aus den Jahren 1990er und 2000er Jahren nach.

Alles in harmonischen Voluten, die Sept papillons für Cello schweben unter dem immateriellen Bogen des finnischen Musikers Anssi Karttunen in der Luft, während die Stimme der jungen französischen Sopranistin Faustine de Monès mit der Violine der französisch-finnischen Geigerin und Dirigentin Aliisa Neige Barrière in Changing Light wechselseitig schillern. Die Flöte von der amerikanischen Musikerin Camilla Hoitenga spiegelt sich bis ins Unendliche in NoaNoa wieder, wo die von dem französischen Komponisten Jean-Baptiste Barrière produzierte Elektronik bereits mehr auf den Raum als auf die Klangfarbe einwirkt. Und…, und…, und… Wie schon gesagt: Less is more! Es war ein viel zu langer und reicher Abend! Zweieinhalb Stunden ohne Pause schlecht gesessen in dem neu renovierten Palais des fêtes, dann endlich um 23.00 Uhr Beginn des langerwarteten Konzert der Tres Coyotes. Eine persönliche Hommage der drei langjährigen Freunde an  Kaija

Beachten Sie bitte auch den folgenden Bericht zum festival musica vom 18. September 2022 

Das festival musica strasbourg hat sich seit 40 Jahren dauerhaft in der Elsässer Hauptstadt behauptet und ist ein beliebter jährlicher Treffpunkt für alle Liebhaber der Musik unserer Zeit. Das diesjährige Festival ist vom 15. September bis einschließlich 2. Oktober.

Nähere Auskünfte und Kartenbestellung – link HIER!: 

billetterie.festivalmusica.fr

—| IOCO Aktuell Festival Musica Strasbourg |—

Leave a comment