Stuttgart, Oper Stuttgart, Hänsel und Gretel – Kirill Serebrennikov, IOCO Kritik, 26.10.2017

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Oper Stuttgart

 Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund
Opernhaus Stuttgart © Martin Siegmund

 Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck

Ein  Märchen von Not und Hoffnung – In ungewöhnlicher, fragmentarischer Inszenierung an der Oper Stuttgart

Von Peter Schlang

Völlig anders als ursprünglich und  seit gut zwei Jahren geplant, verlief am Sonntag, 22. Oktober 2017 die erste Premiere der Staatsoper Stuttgart dieser Spielzeit, Engelbert Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel: Statt des geschlossenen Bühnen-vorhangs, hinter dem man eine opulent ausgestattete und passend beleuchtete Bühne mit entsprechend kostümierten Sänger-Darstellern vermuten darf, fanden die Zuschauer beim Betreten des Saals die bis zur Brandmauer geöffnete, kahle und in Schwarz gehaltene Bühne vor, auf deren hinterem Teil das ebenfalls in schwarz gekleidete Staatsorchester Stuttgart beim Stimmen zu sehen und zu hören war; davor einige Bürostühle und ganz  wenig entfernt an Requisiten erinnerndes Material.

Stuttgarts Premiere von Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel gerät zur eindrucksvollen Demonstration gegen die Einschränkung künstlerischer Freiheiten und der Missachtung von Menschenrechten

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin
Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Ensemble, Kinderchor, Staatsorchester, auf dem Bildschirm Kirill Serebrennikov © Thomas Aurin

Dafür, dass diese nüchterne Situation für den allergrößten Teil des Stuttgarter Premierenpublikums  keine Überraschung und auch kein Schock war, hatte nicht nur das auffallend anders als gewohnt gestaltete Programmheft gesorgt, sondern auch die gesamte akribische und umfassende Öffentlichkeitsarbeit der Staatsoper der letzten Wochen einen beachtenswerten Beitrag geleistet. So hielten die Verantwortlichen seit der ersten Verhaftung des nicht erst seit  dieser geplanten Neuproduktion eng mit  der Stuttgarter Oper verbundenen und als Regisseur verpflichteten russischen Film- und Theatermannes Kirill Serebrennikov am  22. August die Öffentlichkeit über dessen Schicksal auf dem Laufenden. Zunächst hegte man die Hoffnung, dass der Achtundvierzigjährige doch noch seine Regiearbeit in Stuttgart würde weiterführen und bis zum Premierenabend abschließen können. Zusammen mit kulturellen und politischen Instanzen versuchte man alles, um doch noch die Freilassung des nicht nur in Deutschland  hoch geschätzten Regisseurs zu erreichen und seine Ausreise zur finalen Umsetzung seines Regiekonzepts zu ermöglichen. Als dann Mitte letzter Woche bekannt wurde, dass der Hausarrest Serebrennikovs bis mindestens Mitte Januar verlängert und so seine Isolation fortgesetzt würde, änderte die Opernleitung ihre Informationsarbeit wie ihre Planung. Innerhalb der ersten vertiefte man seit Donnerstag letzter Woche nicht nur nochmals die so schon intensive Berichterstattung über die Vorgehensweise der russischen Behörden gegen den hoch gelobten Regisseur und verschärfte auch den Ton der Kommentare und Forderungen, sondern setzte auch, und das noch am Tag der sonntäglichen Premiere, auf eine verstärkte Menschenrechtsarbeit, etwa  in Form von Diskussionen und Dokumentationen.

So kam man im Haus am Eckensee  lobens- und dankenswerterweise offenbar nie auf die Idee, die sonntägliche Premiere einfach ausfallen zu lassen und auf irgendeinen, vermutlich nicht selbst zu bestimmenden Tag in einer womöglich fernen Zukunft zu verschieben oder die von Kirill Serebrennikov begonnene Inszenierung von einem anderen Regisseur fortführen zu lassen. Vielmehr entschloss man sich in einem offenen, gleichberechtigt geführten Diskurs, dem beabsichtigten Druck eines autokratischen Regimes, das sich sowohl von der Gewaltenteilung wie vom Respekt vor den Menschenrechten verabschiedet zu haben scheint, nicht stattzugeben, sondern mit den Mitteln des Theaters und der Musik gegen diese Form der Freiheitsberaubung und der Beschneidung der Freiheit der Künste zu protestieren.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[
Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Daniel Kluge als Knusperhexe © Thomas Aurin[

Zentraler Kern dabei ist nicht nur die eingangs geschilderte quasi konzertante Aufführung der Oper, bei der nur wenige und sehr dezent ausgefallene, eher der weiteren Verfremdung dienende szenische Mittel zum Einsatz kommen, sondern ein von Serebrennikov im letzten Jahr gedrehter und im April fertig gewordener Film mit einer zeit- und ortsgemäßen Adaption des Märchen- bzw. Opernstoffes.

In diesem im ostafrikanischen Ruanda mit einheimischen Darstellern produzierten „stummen Spielfilm“, der jedoch auch dokumentarische Elemente aufweist, wird die Handlung in eine Weltregion verlagert, in der die Armut, deren Auswirkungen und Bewältigung ja das zentrale Thema sowohl des Grimm‘schen Märchens als auch von Humperdincks „Märchenoper“ bildet, noch immer als elementar, ja existenzbestimmend und oft genug auch als existenzvernichtend erlebt wird.

Dieser sehr kunst- wie liebevoll und durch den Blick für feine Details gekennzeichnete Streifen läuft nun statt der normalen Opernhandlung bzw. ohne  deren Deutung durch Kirill Serebrennikov auf der Stuttgarter Opernbühne.

Er wird sehr einfühlsam wie energiegeladen begleitet und kommentiert von Humperdincks Musik. Diese wurde  vom Staatsorchester Stuttgart unter der souveränen Leitung des Kieler Generalmusikdirektors Georg Fritsch kräftig zupackend wie romantisch-expressiv interpretiert.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel - hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin
Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel – hier Esther Dierkes als Gretel, Georg Fritsch im Hintergrund © Thomas Aurin

Die sechs Gesangssolisten Michael Ebbecke als Vater, Irmgard Vilsmeier als „sein Weib“ Gertrud, Diana Haller als Hänsel, Esther Dierkes als Gretel,  Daniel Kluge als Knusperhexe sowie  Aoife Gibney als Sand- und Taumännchen  holen aus der konzertanten, im weiteren Verlauf  sich ins „Leicht-Szenische“ entwickelnden Aufführung und angesichts der höchst  emotionalen Situation das gesanglich Mögliche  heraus und liefern einen ambitionierten Beitrag zu einer den Verhältnissen angemessenen, würdigen musikalischen Deutung.

Allerdings führten nicht nur die fehlende „normale Opernatmosphäre“ dazu, dass  nicht nur für den Rezensenten, sondern offenbar auch für den großen Teil des Publikums  die theatralische und musikalische Dimension dieses besonderen Premierenabends stark in den Hintergrund traten,  ja zur Nebensache wurde, deren qualitative Beurteilung sich einer seriösen Berichterstattung entziehen sollte.

Zu offensichtlich stand das jederzeit präsente Thema der Würde und Freiheit des Menschen im Vordergrund, nicht nur durch die vielen Hinweise des Filmes auf die Beschränkungen des Lebens durch Armut, sondern auch durch die zahlreichen Konnotationen zum Völkermord in Ruanda, der dort vor 23 Jahren  für eine schon apokalyptische Dimension an Verstößen gegen die Menschenwürde und Menschenrechte gesorgt hatte.

Auch die kollektive Regie des Abends durch alle Mitwirkenden, die im Programmheft durch einen Verzicht auf die Benennung des Regisseurs ihren beredten Ausdruck fand, setzte frappierende wie einfache Mittel ein, um stillen wie expliziten Protest gegen die Verhinderung von Kunstausübung und gegen die Beschränkung der Freiheit auszudrücken. So drehten die Sängerdarsteller etwa über weite Passagen des Films dem Publikum den Rücken zu und präsentierten sich so ebenfalls als Zuschauer oder schlüpften an zwei entscheidenden Stellen der Handlung in die verfremdende Rolle von Märchenerzählern, indem sie auf die durch die Verhaftung des Regisseurs notwendig gewordenen Veränderungen und Einschnitte sowie sichtbaren historischen Parallelen hinwiesen. Auch die von einzelnen Mitwirkenden und weiteren Mitgliedern des Hauses getragenen T-Shirts mit dem Bild des weggesperrten Regisseurs und der Unterschrift „Free Kirill“ bezogen eine eindeutige politische Position, die glaubwürdiger und konsequenter Theaterarbeit unbestritten zusteht, ja zu deren wesentlichen Aufgaben gehört.

So wurde an diesem denkwürdigen Stuttgarter Opernabend weniger das Märchen von Hänsel und Gretel erzählt, sondern eher ganz neu interpretiert, vor allem aber die Geschichte einer verhinderten, zumindest aber stark behinderten Opernproduktion illustriert. Damit erfuhr zum einen der Widerstand gegen Unterdrückung und Freiheitsbeschränkung eine bisher zumindest in einer Demokratie eher weniger bekannte oder selten gezeigte Dimension, zum anderen gewann der von ihrem vorgesehenen Regisseur Kirill Serebrennikov seiner  Stuttgarter Produktion mitgegebene Titel „Ein Märchen von Hoffnung und Not“ eine  zusätzliche Bedeutung, frei nach Hölderlins Hoffnung und Erkenntnis: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“.

Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin
Oper Stuttgart / Hänsel und Gretel_ hier Standbild Film_ in diesem Film mit Ariane Gatesi als Gretel und David Niyomugabo als Hänsel © Thomas Aurin

Nach der aufmerksamen Beobachtung des  Berichtenden brachte die überwiegende Mehrheit der Zuschauerinnen und Zuschauer  für den von der Stuttgarter Oper eingeschlagenen Weg größtes Verständnis auf, so subtil wie entschieden gegen eine solche Bevormundung und Einschränkung menschlicher wie künstlerischer Freiheiten zu protestieren. Dafür gebührt der Opernleitung und allen Mitentscheidern wie Mitwirkenden höchster Respekt,  große Anerkennung und aufrichtiger Dank.

Zum Schluss bleibt die, wenn auch angesichts der politischen Verhältnisse in Russland vage Hoffnung, dass die im Depot der Stuttgarter Oper gelagerten Bühnenbilder und Kostüme zur neuen Hänsel und Gretel -Produktion, welche vom  für deren Gestaltung zuständigen Regisseur bereits fertiggestellt wurden, nicht allzu lange werden dort lagern müssen. Nicht nur im Interesse des aufmerksamen und empathisch mitgehenden Premierenpublikums wäre es wünschenswert und aufschlussreich, wenn Kirill Serebrennikov seine Regierarbeit bald würde beenden können und so seine beeindruckende  filmische Arbeit mit dem szenischen Geschehen auf der Stuttgarter Opernbühne zusammenkäme.

Hänsel und Gretel an der Oper Stuttgart: Weitere Vorstellungen am 26. 10., 04.11., 02.12., 13.12., 16.12., 26.12.2017,  07.01. und 14.01.2018

 

 

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