Stuttgart, Oper Stuttgart, Orpheus in der Unterwelt – Olympischer Betriebsausflug, IOCO Kritik, 09.12.2016

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Oper Stuttgart

Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG "OPER OHNE GRENZEN" © Martin Sigmund
Opernhaus Stuttgart / SPIELZEITERÖFFNUNG “OPER OHNE GRENZEN” © Martin Sigmund

Orpheus in der Unterwelt von Jacques Offenbach

Olympischer “Betriebsausflug” in neue Welten mit ungeahnten Folgen

Premiere von Orpheus in der Unterwelt am 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

Von  Peter Schlang

Der antike Mythos um Orpheus und Eurydike lieferte quasi den Ur-Stoff für die Entstehung der Gattung Oper, egal ob man Jacopo Peris um 1600 entstandene Euridice (Die erste „Oper“ überhaupt war Peris 1598 erstmals aufgeführte Dafne) oder Claudio Monteverdis 1607 uraufgeführten Orfeo als den Prototyp des Musiktheaters betrachtet. Mit diesem neun Jahre nach dem Gattungserstling vorgestellten Werk hatten sich Monteverdi und die noch junge Form erstmals einer gewissen musikdramatischen Vollkommenheit angenähert.

Grabmal Jacques Offenbach © IOCO
Grabmal Jacques Offenbach © IOCO

Seit diesen Anfängen um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert lieferte der Plot um den thrakischen Sänger und seine bei ihrer Hochzeit völlig unerwartet aus dem Leben gerissene junge Frau noch etliche Male die Vorlage für ein musikdramatisches Werk, sei es Oper, Operette oder Ballett. Auch Jacques Offenbach hat sich in seiner am 21. Oktober 1858 in Paris zur Uraufführung gelangten Opéra bouffé dieses Sujets angenommen und daraus eine seiner wildesten, vergnüglichsten und beliebtesten Operetten geschaffen, was seinerzeit sein in finanzielle Schieflage geratenes Musiktheater Les Bouffes Parisiens vor dem Ruin rettete. Er und seine Librettisten Ludovic Halévy und Hector Crémieux parodierten mit ihrer Fassung des griechischen Stoffes den Lebensstil und die Realitätsferne der gesellschaftlichen und kulturellen Eliten im 2. Kaiserreich und kritisierten deren Überheblichkeit und Bürgerferne im Paris der 1850er Jahre.

 Stuttgart / Oper_Orpheus und Eurydike © Martin Sigmund

Anders als in der antiken Vorlage steht weder Orpheus im Mittelpunkt der Handlung noch beginnt diese mit der Hochzeit der beiden Liebenden und dem jähen Tod der Braut. Vielmehr unterstellt Offenbach den beiden einen glücklichen Beginn ihrer Ehe, die allerdings bald ihre Reize einbüßt und in einen tristen, langweiligen Alltag mündet, in dem sich die beiden Partner überdrüssig werden und mit Seitensprüngen Abwechslung in ihr dröges Eheleben zu bringen versuchen. So überrascht es auch nicht, dass beide ein Ende ihrer Ehe herbeisehnen und die im Urstoff angebotene Möglichkeit der Fortsetzung bzw. des Wiederauflebens der Ehe weder für Eurydike noch für Orpheus eine reale Option darstellt. Eine dramaturgisch wie inhaltlich äußerst wichtige Funktion übernimmt die von Offenbach und seinen Autoren eingefügte Figur der Öffentlichen Meinung, die hier die Funktion des Chors im antiken Theater übernimmt. Sie bringt die Handlung an deren entscheidenden Stellen voran und bietet gewisse Möglichkeiten zur Zeit- und Gesellschaftskritik.

 Christoph Willibald Gluck © IOCO
Christoph Willibald Gluck © IOCO

Der als Regisseur für die Stuttgarter Neuproduktion gewonnene Intendant des nur einen Steinwurf entfernt liegenden Stuttgarter Schauspielhauses, Armin Petras, nimmt den skizzierten Handlungsfaden ohne Abstriche auf und zeigt von Anfang an sehr anschaulich, wie überdrüssig, ja lästig sich die beiden einstmals Liebenden geworden sind. Allerdings interessiert sich Petras weniger für die private Dimension dieses Ehedramas, sondern untersucht vielmehr dessen gesellschaftliche Aspekte. Konkret rückt bei ihm Eurydike in das Zentrum der Handlung und deren Entwicklung, wozu er Offenbachs Originalhandlung eine Art Prolog voranstellt, den  er in einem sehr gekonnt gemachten Schwarz-    Weiß-Film zu Beginn auf den Bühnenvorhang projizieren lässt. Zu den aus dem Orchestergraben erklingenden bekannten Zitaten aus Christoph Willibald Glucks Orpheus und Eurydike erfahren die Zuschauerinnen und Zuschauer, wie Eurydike zu Zeiten der Pariser Kommune um 1871 als Arbeiterin in einer Textilfabrik werkeln muss, sich dann aber in einem Akt der Emanzipation daran macht, dem Proletariat zu entkommen und gesellschaftlich aufzusteigen. Dabei ist ihr der Musikprofessor und Komponist Orpheus ein willkommener Unterstützer und Förderer, womit die Handlung wieder in die der Originalfassung von Offenbach / Halévy / Crémieux mündet.

Diese wird von Armin Petras und seinem Dramaturgen Malte Ubenauf als Versuch einiger in der erwähnten Pariser Kommune aktiven Frauen gedeutet, nicht nur ihr privates Glück zu finden, sondern auch die bisherige, in ihren Augen ungerechte Gesellschaft zu verändern und eine neue, sozialistisch geprägte zu schaffen. Damit war aber auch das Schicksal der bisher Herrschenden um Napoleon III. besiegelt, die ja laut zeitgenössischen Quellen Offenbach als Vorlage für sein 13 Jahre zuvor aus der Taufe gehobenes Werk, genauer für die dort dargestellte gelangweilte Götterkaste und ihren Anführer Jupiter, gedient hatten.

Dieser Regieansatz mag zunächst etwas befremden, entwickelt aber im Verlauf der gut zweistündigen Handlung eine ziemliche Stringenz. Überhaupt kann man ja, wenn man das Libretto von Orpheus in der Unterwelt genauer liest, darin eine ganze Palette von durchaus schlüssigen Denkansätzen und Deutungsmöglichkeiten entdecken, von denen die jetzt von Armin Petras für seine erste Stuttgarter Musiktheater- und erste Operettenregie überhaupt gewählte nicht die abwegigste ist. Die Konsequenz, mit der er sein Konzept durchzieht und die dadurch gewonnenen und dem Publikum vermittelten Erkenntnisse geben ihm in seiner Wahl Recht und trösten auch über ein gewisses Verlustempfinden hinweg, das den einen oder anderen Zuschauer am Premierenabend und in den folgenden Repertoire-Vorstellungen vielleicht befallen mag. Aber im aktuellen Regietheater gibt es ganz gewiss krampfhaftere und abgehobenere Konzepte, und Petras‘ Idee, das Schicksal Eurydikes vom Ende her zu denken und als die Emanzipationsgeschichte einer nach oben strebenden Arbeiterin zu lesen, entfaltet durchaus Charme und Überzeugungskraft. Außerdem dürfte sie, nicht zuletzt in ihrer Umsetzung, ganz auf der Linie Offenbachs und seiner humorvollen Parodiekunst liegen.

Die für die Stuttgarter Neu-Inszenierung Verantwortlichen hatten sich für die deutsche Textfassung von Ludwig Kalisch (1858) und Frank Harders-Wuthenow (Einlagen von 1874) entschieden. Dies ist dem musikalischen Fluss der Lieder und Arien vielleicht nicht immer so dienlich wie die französische Originalsprache, hat aber für das Publikum deutliche Vorteile, die auch bei dessen spontaner Reaktion auf manche Textstellen hörbar werden. Außerdem bietet diese Entscheidung dem Regisseur die Möglichkeit, die gesprochenen Dialoge in seinem Sinn tagesaktuell zu bearbeiten. Das schafft manch interessanten Gegenwartsbezug, so etwa im Schlussmonolog der Öffentlichen Meinung, und viele zum Schmunzeln anregende Anspielungen, auch wenn es hin und wieder etwas kalauern mag.

Grabmal Fromental Halevy © IOCO

Einen wichtigen Anteil an der Wirkung der Aufführung im Großen Haus am Stuttgarter Eckensee haben die Bühnenbildnerin Susanne Schuboth und ihre für die Kostüme zuständige Kollegin Dinah Ehm. Erstere hat eine funktional wie optisch überzeugende Lösung gefunden und für die irdische Umgebung des ersten Bildes wie für die Vorhölle des 3. Bildes in das vordere Bühnendrittel eine mehrfach gegliederte und mit Öffnungen versehene Wand gestellt. In deren rechter Hälfte deutet während des ersten Bildes ein Häuschen mit Satteldach die bürgerliche Szene an. Die von den Göttern beherrschten Szenen zwei und vier, also Himmel/ Olymp und Unterwelt/Hölle, spielen in einer vertieft angebrachten, kreisförmigen Arena, die, drehbar, der Götterversammlung vielfältige Aktionsmöglichkeiten bietet.

Die von Dinah Ehm entworfenen opulenten Gewänder im Stil unterschiedlicher Epochen bestechen durch ihre Farbigkeit wie durch ihren jeweiligen präzisen Charakterisierungsbeitrag. Beispielhaft sei hier das wunderbare Fliegenkostüm Jupiters erwähnt, in dem der in jeder Hinsicht überzeugend und mit samtig-klar geführter Bassstimme agierende Michael Ebbecke die von Josefin Feiler ebenso souverän verkörperte und in dieser Szene völlig überrumpelte Eurydike summend und tanzend umschwirrt.
Damit seien die musikalische Seite und deren Leitung gewürdigt. Diese lag am Premierenabend wie in den noch folgenden fünf Aufführungen im Dezember in den bewährten Händen des Stuttgarter Generalmusikdirektors Sylvain Cambreling. Dieser in der neuen wie in der älteren französischen Musik sehr kompetente und erfahrende Dirigent leitet das gut disponierte Staatsorchester und den wie immer äußerst präzise singenden und schauspielerisch alle Situationen und Lagen überzeugend bewältigenden Stuttgarter Opernchor sehr umsichtig und sängerdienlich. Basis dafür ist ein sehr schlanker, durchhörbarer, federnder und luzider Orchesterklang, in dem die einzelnen Stimmen und Klangfärbungen situations- bzw. stimmungsbezogen bestens wahrnehmbar sind. Statt großer, effektheischender dynamischer Sprünge setzt Cambreling auf eine feine Balance der Orchesterstimmen und Stimmungen und findet so für den Abend einen eher kammermusikalischen, sanglichen Duktus.

Neben den bereits erwähnten Darstellern der Eurydike und des Jupiter, die schauspielerisch wie stimmlich etwas aus dem Ensemble herausragen, überzeugen auch die anderen Akteure, allesamt hauseigene Kräfte. So kam an Stelle der aus familiären Gründen bei der Premiere verhinderten Iris Vermillion die ursprünglich erst für die Vorstellungen ab 17. Dezember als Öffentliche Meinung vorgesehene Stine Marie Fischer genauso zu ihrem stimmlich wie schauspielerisch absolut souverän gemeisterten Rollendebüt wie der junge, aus dem Knabenchor der Calwer Aurelius Sängerknaben hervorgegangene Daniel Kluge, der mit seiner hellen, aber niemals scharf klingenden Tenorstimme für sich einzunehmen wusste. Dies galt auch für den überaus präsenten Bariton André Morsch als Pluto, der in den beiden Eckbildern seine großen Auftritte hat, wie auch für den quicklebendigen und höchst komödiantischen Merkur des erneut sehr stark und sicher auftretenden Stuttgarter Kammersängers Heinz Göhrig. Auch die in der Rolle der Juno agierende Maria Theresa Ullrich, Catriona Smith als treffsichere Jagdgöttin Diana und die ungeheuer quirlige und stimmsichere Yuko Kakuta als (vergeblich) Liebe stiftender Cupido sowie die aus dem Stuttgarter Opernstudio kommende junge Sopranistin Esther Dierkes als Venus überzeugten das Premierenpublikum. Dies gilt auch für die beiden zum Stuttgarter Opernensemble gehörenden Schauspieler, von denen der hünenhafte Max Simonischek sowohl die Rolle des Mars als auch jene des zum intensiven Drogenkonsum neigenden Bacchus souverän und sehr komödiantisch ausfüllte. Den größten Applaus des Premierenpublikums aber erhielt sein Kollege André Jung als Höllen- und Hausmeister Hans Styx, was nicht nur an seinem mit viel Schmelz und Lässigkeit vorgetragenen Titel „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ lag. Von Peter Schlang

Oper Stuttgart – Orpheus in der Unterwelt:  Premiere 4.12.2016, weitere Vorstellungen 09., 15.12., 17.12., 21.12, 29.12.2016; 02.01, 07.01., 20.01., 23.01. und 31.01 2017

 

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