Stuttgart, Stuttgarter Ballett, Krabat – Plädoyer für Zivilcourage, IOCO Kritik, 21.1.2017

Stuttgarter Ballett

Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer
Stuttgart Opernhaus © A.T. Schaefer

Stuttgarter Ballett fesselt: Krabat von Demis Volpis

 “Plädoyer für Zivilcourage, Empathie und Achtsamkeit” 

Von Peter Schlang

„Es steht eine Mühle im Schwarzwälder Tal, die klappert so leis vor sich hin…“   ist eines jener Volkslieder, die neben weiteren Liedern und zahlreichen anderen Äußerungen bzw. Darstellungen in allen Kunstformen bis heute das Leben von Müllerin und Müller verklären und vom Leben und von der Arbeit in einer Mühle ein eher romantisches Bild zeichnen.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - Alicia Amatriain als Worschula - Ensemble © Stuttgarter Ballett
Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – Alicia Amatriain als Worschula – Ensemble © Stuttgarter Ballett

Ganz anders stellt der 2013 verstorbene Otfried Preußler den Alltag in einer Mühle in seinem autobiografisch gefärbten Roman Krabat  dar, der Demis Volpi als Vorlage für sein gleichnamiges erstes Handlungsballett diente, das im März 2013 am Stuttgarter Ballett uraufgeführt wurde. Nachdem sich Krabat seinerzeit sehr schnell zum absoluten Publikumsmagneten entwickelt hatte, stand er zwei Jahre nicht mehr auf dem Spielplan des Stuttgarter Balletts, zu dessen Haus-Choreograf Demis Volpi inzwischen aufgestiegen ist. Am vergangenen Wochenende erlebte dieses in Tanz übersetzte Plädoyer für Menschlichkeit und ein mutiges Eingreifen in Missstände im Stuttgarter Opernhaus seine Wiederaufnahme und erwies sich dabei angesichts der neueren gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen als noch be(d)rückender und aktueller, als es das Ballett zum Zeitpunkt seiner Entstehung schon war. Es bedarf keiner großen Prophetengabe, um vorauszusagen, dass die Geschichte um den Müllerburschen Krabat auch dieses Mal die Besucher in Scharen anziehen und vielleicht sogar neue Besucherrekorde aufstellen wird.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Elisa Badenes als Kantorka - David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett
Stuttgarter Ballett / Krabat – Elisa Badenes als Kantorka – David Moore als Krabat © Stuttgarter Ballett

Einen großen Anteil daran kann neben der eigentlichen Ballett-Vorstellung und der dem Erfolg dieses Abends eine weitere Grundlage schenkenden Musik dem von Katharina Schlipf geschaffenen Bühnenbild zugeschriebenen werden. Die in Rottweil geborene Bühnen- und Kostümbildnerin, die schon mehrere Male mit Demis Volpi zusammengearbeitet hat, baute für alle drei Akte den aus mehreren hundert Mehlsäcken bestehenden fensterlosen Innenraum der Mühle nach. Dieser wirkt wie eine dunkle, gewaltige Mauer und wird in Wahrheit für die je zwölf Müllergesellen und ihre Seelen auch zu einem bedrohlichen, unüberwindbaren Gefängnis. Die ungeheure Wirkung dieses lebensfeindlichen, hermetischen Gevierts wird durch die fabelhafte Lichtregie der in Kanada lebenden Licht-Designerin Bonnie Beecher meisterhaft ergänzt und verstärkt. Sie taucht das riesige Sackgebirge in fahle, düstere Schattierungen, die, selten durch hellere Einsprengsel lebenswerter erscheinend, nicht nur das Dunkle und Gefährliche der Mühle betonen, sondern auch den Seelenzustand der dort zur Arbeit gezwungenen jungen Burschen widerspiegeln.

In dieser düsteren, an ein Arbeitslager erinnernden Umgebung erzählt der 1985 in Argentinien geborene Choreograf und Tänzer einfühlsam und spannend die Geschichte des Waisenjungen Krabat, der wie andere Jungen seines Alters und in ähnlicher Situation den Verführungskräften des (Müller-)Meisters erliegen und in jene geheimnisvolle Mühle eintreten, in der sie nicht nur das Müllerhandwerk erlernen sollen. Vielmehr werden sie dort auch in der „Kunst der Künste“, der Schwarzen Magie, unterrichtet und ketten sich dafür in Wahrheit unentrinnbar an ihren Lehrmeister. Erst nach und nach erkennen die Müller- und Zauberer-Gesellen, welche Auswirkungen dies für sie hat und dass die sich jährlich wiederholende Opferzeremonie nur den schrecklichsten Teil des Preises darstellt, den sie dafür zahlen müssen, dass sie sich dem Müller und seinen dunklen Machenschaften ausgeliefert haben. Indem sie sich aber als unfähig zeigen, die wahren Hintergründe zu erkennen und erst recht keinen Willen entwickeln, selbst dagegen vorzugehen, werden der Roman Preußlers und das Ballett Volpis zur Parabel von den verhängnisvollen Folgen des Wegsehens und der Weigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen und diese zu verändern. Stattdessen verschließen die so Gebeutelten die Augen vor der unbequemen Realität und richten sich mehr oder weniger bequem im Status Quo ein, in fatalem Irrtum darauf hoffend, dass es für einen selbst schon gut ausgehen wird. Erst Krabat, unterstützt von einigen wenigen Leidensgenossen, durchschaut das schreckliche Spiel und weigert sich, die scheinbar unausweichlichen Grausamkeiten in der Mühle zu ignorieren und damit zu tolerieren. Dabei gibt ihm die Liebe eines Mädchens, der nach ihrer Rolle als Vorsängerin eines Chores genannten Kantorka, die Kraft, den Bann und den menschenverachtenden Rigorismus des Meisters zu besiegen und für sich und die anderen noch lebenden Müllergesellen die Freiheit und Selbstbestimmung zurückzugewinnen.

Damit stellt die Handlung die gerade auch heute sehr aktuelle und anspruchsvolle These auf, dass es zu allen Zeiten mutiger Menschen bedarf, die nicht weg-, sondern genau hinschauen und gemeinsam den Mut aufbringen, erkanntes Unrecht klar zu benennen und die dafür Verantwortlichen mindestens an den Pranger zu stellen, besser noch, ihnen das Handwerk zu legen. Damit wandelt sich die getanzte, in beeindruckende Bilder übersetzte Erzählung zur Hoffnung gebärenden Aufforderung, eine Situation mutig zu verändern und damit die darin verstrickte Gruppe oder Gesellschaft zu befreien.

Zur tänzerischen Umsetzung dieses Appells schuf Demis Volpi eine vielschichtige Choreografie mit modernen, Kraft und Körpereinsatz betonenden Elementen, welche ausgesprochen gut zur dargestellten Arbeitswelt in der Mühle passt und die körperlichen und seelischen Befindlichkeiten der dort geknechteten zwölf Müllergesellen sehr drastisch und äußerst glaubhaft veranschaulicht. Dabei setzt er auf eine für das klassische Ballett nicht selbstverständliche starke und plastische Gestik, die abschnitts- und situationsweise auch typisch pantomimische Elemente einsetzt. Diese verbindet er jedoch gekonnt, ohne Brüche und mit sicherem Instinkt mit alten und bekannten Stilmitteln des klassischen Balletts.

Stuttgarter Ballett / Krabat - Myriam Simon als Herr Gevatter - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett
Stuttgarter Ballett / Krabat – Myriam Simon als Herr Gevatter – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Dass Volpi und dem Stuttgarter Ballett zur Umsetzung seines Konzepts nicht nur die nötigen technischen Mittel, sondern vor allem die dazu unerlässlichen Tänzerinnen und Tänzer von höchster Qualität und damit auf international allerhöchstem Niveau zur Verfügung stehen, dürfte kein großes Geheimnis sein. Allerdings ist es beglückend und faszinierend zu sehen, wie die an diesem Abend zu erlebenden Tänzerinnen und Tänzer dieses hohe Versprechen eines ungetrübten Tanz-Theater-Vergnügens einlösen. Da sind auf der dunklen Seite zunächst Myriam Simon, die in der nicht einfach auszufüllenden Rolle des Herrn Gevatter ein beeindruckendes Rollendebüt gibt, sowie Roman Novitzky als Meister zu nennen, der fast omnipräsent die Fäden in der Hand hält und in einer Mischung aus rigoroser, süffisanter und zynischer Haltung zum Prototyp des Lenkers, Strippenziehers und Ausbeuters wird. Unnachahmlich etwa, wie er zu Beginn der drei Akte den jeweils neu angelockten Jung-Gesellen verführt, für seine Zwecke abrichtet und auf die nur ihm dienenden Verhältnisse in der Mühle vorbereitet, die immer mehr als Ort der Vernichtung entlarvt wird, an dem Menschen und jegliche Menschlichkeit buchstäblich zermahlen werden. Wie schon bei der Premiere vor fast vier Jahren bilden der Krabat David Moores und die Kantorka von Elisa Badenes, beides erste Solisten der Stuttgarter Compagnie, ein helles, das Leben betonende Gegengewicht zur bedrohlichen Figur des Meisters und überzeugen in jeder Szene durch ihre mentale wie körperliche Präsenz und die teilweise atemberaubende Umsetzung von Volpis Konzept. David Moore besticht dabei durch seine jugendliche Kraft, Lebensfreude und Unerschrockenheit, während Elisa Badenes durch ihre zarte, sehr mädchenhafte Darstellung betört, die zwischen wohltuender Naivität und bezwingender Entschlusskraft changiert und glaubhaft macht, warum sie in jeder Hinsicht die ideale Partnerin Krabats ist.

Stuttgarter Ballett / Krabat - David Moore als Krabat - Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett
Stuttgarter Ballett / Krabat – David Moore als Krabat – Roman Novitzky als Der Meister © Stuttgarter Ballett

Auch Marti Fernadenz Paixa, der erstmals Krabats Freund Tonda verkörpert, und die bereits als dessen Geliebte Worschula erfahrene Alicia Amatrian begeistern durch ihre starke Präsenz und Vielseitigkeit ihrer tänzerischen Ausdrucksmöglichkeiten und drücken so über weite Strecken dem ersten Akt ihren Stempel auf. Einen äußerst starken Auftritt darf man auch Ami Morita als Pumphutt bescheinigen, die/der sich im 2. Akt einen spektakulären und alle fesselnden Kampf mit dem Meister liefert.
Mit die stärksten und wirkungsvollsten Momente des Abends dürften jedoch die Arbeitsszenen in der Mühle sein, bei denen elf männliche Mitglieder des Corps de Ballett bzw. Eleven nach allen Regeln der Tanzkunst deutlich machen, welche Mühe, ja Drangsal der Arbeitsalltag unter dem Meister für die jungen Männer bereithält.

Zur Vervollkommnung dieses Ballettereignisses und zur Komplettierung seiner Beschreibung fehlt nun noch als wesentliche Komponente die Musik. Diese kommt, wie in allen Stuttgarter Ballettproduktionen, live aus dem Orchestergraben, wo der langjährige Musikdirektor des Stuttgarter Balletts, James Tuggle, das Staatsorchester nicht nur als meisterhaften Begleiter der Tänzerinnen und Tänzer sicher durch den Abend führt. Er entlockt dem Orchester vielmehr auch eine hohe musikalische Gestaltungskraft, welche die eigenständige Wirkung der ausgewählten Musikstücke eindrucksvoll hervorhebt. Die für den Krabat getroffene Musikauswahl, allesamt Werke des 20. und 21. Jahrhunderts, erweist sich dabei erneut als packend wie stimmig, egal, ob es sich um die kammermusikalischen Werke des lettischen Komponisten Peteris Vasks, die sinfonischen Sentenzen Krzysztof Pendereckis oder die drei Auszüge aus Instrumentalkonzerten des amerikanischen Minimalisten Philip Glass handelt. Ihre ganz eigene Wirkung entfaltet zu den Arbeitsszenen in der Mühle die in einer echten und noch aktiven Mühle in der Nähe Stuttgarts aufgenommene „Mühlenmusik“. Dieses „Mühlenklappern“, das Klackern des Mahlwerks und andere typische Arbeitsgeräusche einer Mühle illustrieren in beklemmender Weise die Perversion der Arbeit, der sich die Müllergesellen ausgesetzt sehen.

Zusammenfassend darf man den Krabat des Stuttgarter Balletts getrost als begeisterndes Gesamtkunstwerk preisen, welches auf eindrucksvolle Weise und äußerst aktuell den hohen Wert der Freiheit und Selbstbestimmung des Menschen, aber auch deren leichte Verletzlichkeit demonstriert. Von Peter Schlang, 20.1.2017

Karbat an der Staatsoper Stuttgart: Weitere Vorstellungen 16. und 19. Februar sowie am 11., 17., 18., 27. und 29. März 2017

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