Thunau am Kamp, Burg Gars, CARMEN – Georges Bizet, IOCO Kritik, 21.07.2022

Burg Gars © Reinhard Podolsky
Burg Gars © Reinhard Podolsky
Burg Gars © Reinhard Podolsky
Burg Gars © Reinhard Podolsky

Oper Burg Gars

CARMEN  –  George Bizet

Kamptal Festival 2022 – vor der romantischen Burgruine 

von Marcus Haimerl

Im Ort Thunau am Kamp im Bezirk Horn in Niederösterreich steht die Burgruine Gars am Kamp. Die um 1130 erbaute Burg diente den Babenbergern als einer ihrer ältesten Stützpunkte und für lange Zeit auch als Residenz. Diese immer noch beeindruckende Ruine ist alljährlich Schauplatz der sommerlichen Opernfestspiele. 1988 gründeten Kammersänger Heinz Holecek und der Dirigent Rudolf Edlinger das „Kamptal Festival“. Bereits 1989 wurde der Grundstein für eine neue Ära gelegt. Der langjährige Direktor der Staatlichen Oper Prag, Karel Drgác, übernahm die Intendanz und brachte die Oper nach Gars. In den ersten fünf Jahren stiegen die Zuschauerzahlen, die Infrastruktur verbesserte sich und der Höhepunkt der Neuerungen war die Zuschauertribüne. Nach 24 Jahren verabschiedete sich Karel Drgác 2013 mit Rossinis Barbier von Sevilla. 2014 begann mit Carl Maria von Webers Der Freischütz die Ära des Dirigenten Dr. Johannes Wildner als künstlerischer Leiter der Oper Burg Gars.

Georges Bizet, Paris © IOCO
Georges Bizet, Paris © IOCO

Coronabedingt dauerte es zwei Jahre, bis Carmen von Georges Bizet  endlich in der Burgruine Premiere feiern durfte. Der deutsche Regisseur Dominik Wilgenbus setzt die Geschichte um das letal endende Beziehungsdrama des Sergeant Don José und der heißblütigen Carmen in Szene und kürzt die Dialoge stark. Stattdessen lässt er, in Anlehnung an Prosper Mérimées Novelle, eine fiktive Gerichtsverhandlung ohne Urteil stattfinden. Die Protagonisten erzählen dem Publikum, das hier als Richter fungieren soll, wie es zum Mord an Carmen kam. Mit seiner Oper Carmen schuf Georges Bizet eine der meistgespieltesten Opern, die sich auch noch heute größter Beliebtheit erfreut.  Die Uraufführung fand am 3. März 1875 in der Pariser Opéra-Comique statt, wo bereits im Jahr 1905 die 1000. Vorstellung stattfand. Noch im Uraufführungsjahr folgte die Wiener Hofoper in deutscher Sprache in der Übersetzung von Julius Hopp. In einem beispiellosen Welterfolg folgten 1876 Brüssel und Budapest, 1878 St. Petersburg, London, New York und Stockholm, in weiterer Folge von Melbourne bis Mexiko und Rio de Janeiro.

Die eigentliche Kulisse in Gars ist die malerisch-romantische Burgruine selbst, die Dominik Wilgenbus (Bühneninstallation, Bühnenbild: Franz Zlatar, Asim Dzino) für seine starke Personenregie bestens nutzt. Die restliche Ausstattung beschränkt sich auf Stühle und Kisten, die den Gegebenheiten der Handlung rasch angepasst werden können. Auch die historischen Kostüme von Gerlinde Höglhammer tragen zu einem gelungenen Abend bei.

 Burg Gars / CARMEN, hier Claudia Goebl (Frasquita), Thomas Essl (Dancaire), Ljubica Vraneš (Carmen), Ian Spinetti (Remendado) und Tina Drole (Mercédès) © Burg Gars Andreas Anker
Burg Gars / CARMEN, hier Claudia Goebl (Frasquita), Thomas Essl (Dancaire), Ljubica Vraneš (Carmen), Ian Spinetti (Remendado) und Tina Drole (Mercédès) © Burg Gars Andreas Anker

Ljubica Vraneš, seit 2011 Ensemblemitglied am Nationaltheater Belgrad, ist eine optisch und stimmlich sehr verführerische, temperamentvolle Carmen, vokal in der Höhe gut, in der Mittellage eher guttural, in den tiefen Lagen jedoch scheint sich ihre Stimme nicht besonders wohlzufühlen.

Der spanische Tenor Oscar Marín, in Gars bereits als Don Carlo oder Cassio („Otello“) zu hören, überzeugt als Don José mit ein wenig Zurückhaltung und schönem Timbre.

BURG Gars / CARMEN hier Corina Koller als Micaela, Oscar Marín als Don José © Oper Burg Gars Andreas Anker
BURG Gars / CARMEN hier Corina Koller als Micaela, Oscar Marín als Don José © Oper Burg Gars Andreas Anker

Die Entdeckung des Abends und zweifellos herausragend ist in jedem Fall die Micaëla der jungen steirischen Sopranistin Corina Koller, aktuell Mitglied des Opernstudios der Oper Graz und 2019 Stipendiatin der Richard-Wagner-Stipendienstiftung. Mit ihrem wohlklingenden, höhensicheren Sopran und der perfekten Intonation ist sie die Idealbesetzung der Micaëla. Bei ihrer großen Arie im dritten Akt (Je dis que ne rien ne m‘épouvante) läuft sie zur Hochform auf. Mit natürlicher Bühnenpräsenz gelingt ihr auch eine glaubwürdige Darstellung der Wandlung vom jungen, schüchternen Bauernmädchen zur starken Frau, die furchtlos die Schmuggler in den Bergen aufsucht.

Als überaus selbstbewusster Stierkämpfer Escamillo mit profundem Bassbariton überzeugt Neven Crnic, der sich bereits im Opernstudio wichtige Rollen erarbeitete und seit der Saison 2019/20 zum festen Ensemble der Oper Graz gehört.

Großartig ist auch Wolfgang Resch in der Partie des Moralès, der nicht nur mit seinem durchschlagskräftigen Bariton, sondern auch in der Darstellung keinerlei Wünsche offenlässt. Dies zeigt sich vor allem in der Szene mit den der Wachablöse vorauslaufenden Gassenjungen (hier vier Kinder als Statisten), die sich vor ihm verstecken, schließlich aber spielerisch kommandieren lassen.

Mit hervorragenden Leistungen glänzen auch die beiden Schmuggler Thomas Essl (Dancaïro) und Ian Spinetti (Remendado) mit viel Spielfreude auf stimmlich höchstem Niveau.

Aber auch die restlichen Partien sind ausgezeichnet besetzt: Tina Drole als Mercédès, Claudia Goebl als Frasquita, Krzystof Borysiewicz als Leutnant Zuniga und Franz Eichelmann als Lillas Pastia.

Das jung besetzte Orchester der Oper Burg Gars unter der Leitung des Intendanten Johannes Wildner gibt sich in Bestform, ebenso wie der Chor der Oper Burg Gars (Choreinstudierung David Ricardo Salazar).

Mit wohlverdientem Applaus und Bravo-Rufen dankte das anwesende Publikum den Künstlern für einen wahrhaft schönen Abend, bei dem auch das Wetter mitgespielt hat. Es bleibt zu hoffen, dass die Oper Burg Gars auch 2023 wieder ohne Einschränkungen spielen darf.

—| IOCO Kritik Kamptal Festival |—

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